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Dreamcatcher

Phantastische Erzählung

von Mahina 

 

Sie stand inmitten der angeregt miteinander diskutierenden Menschenmenge und  konnte den Blick nicht von seiner imposanten  Gestalt nehmen.  Er war umringt von Presseleuten und Agenten und saß mit unbeweglicher Miene an einem Tisch dieser ausladenden Hotelterrasse, keine drei Meter von ihr entfernt. Die Fragen verloren sich in einem Gemisch von akzentreichem Englisch und Französisch. Er schien keine davon zu beantworten. Ja, er schien nicht einmal zuzuhören. Sein naturblondes, kurzes Haar umrahmte den wohlgeformten Kopf und kleine Strähnchen davon fielen widerspenstig in die hohe Stirn, die er leicht kräuselte.  Ungebändigt wie er selbst. Ungebändigt wie sein Blick aus diesen grünen, klaren Augen, die sich plötzlich auf sie richteten.
Sie spürte, wie sich ihr Herzschlag verdoppelte und hielt dem fast unverschämten, interessierten Blick stand, der von ihrem Gesicht über ihren Körper glitt, um sich dann wieder in ihren Augen zu verlieren. War es ein angedeutetes Lächeln, das sie registriert hatte? Oder war es nur eine seiner ihm eigenen, ihr aus vielen Filmen so vertraute Mimik, diese Andeutung, sich nachdenklich kurz mit der Zunge über die Lippen zu streichen, die sie wahrgenommen hatte?  Flüchtig, für andere wahrscheinlich nicht einmal wahrnehmbar! Immer dann, wenn er besonders konzentriert wirkte.

Sie kannte ihn, sie hatte ihn studiert, sie betrachtete stundenlang seine Photos und forschte seit ein paar Jahren nach jeder Information und Neuigkeit über ihn, sein Leben, seine Vergangenheit, seine Zukunftspläne. Man könnte es Besessenheit nennen. Und das war es höchstwahrscheinlich auch!  Er blieb die unerfüllte Liebe ihres Lebens, der lebendige Schatten, der ihre Tage und Nächte durchzog, der blasse Traum einer quälenden Illusion, die stets allgegenwärtig war.
Sie hatte es längst aufgegeben, sich schuldig zu fühlen, wenn sie sich in den Armen ihres Mannes sein Gesicht vorstellte, seine Augen, seine bogenförmig geschwungenen Lippen, die diesem männlichen Gesicht einen Anflug von Verletzlichkeit und Sensibilität verliehen, oder seine kräftige, gerade Nase. Den starken Hals und die glatte Haut, die seine durchtrainierten Schultern und Oberarme so verlockend zur Geltung brachte.
Sie liebte all das an ihm, das andere vielleicht als weniger attraktiv bezeichneten: seine mittelgroße Figur, die mancher vielleicht als grobschlächtig bezeichnen würde. Doch er war muskulös und seine Stärke sprang jeden, der ihn ansah, direkt an. Er war nicht einer jener androgynen Modemänner mit Flachbauch und angedeuteten, künstlich geformten  Muskeln. Er wirkte wie ein Holzfäller, ein Prärieläufer oder Jäger, was auch immer es sein mochte, das er jagte....  Und er war nicht einer dieser Newcomer mit rasierter Brust und Beinen. Er war echt. Zum Anfassen nah und doch so unerreichbar wie der Stern eines anderen Universums. Er war bei weitem kein Produkt der Filmfabrik Hollywood. Er wirkte eher ein wenig animalisch durch sein sicheres Auftreten und der trotzigen Ausstrahlung eines nicht allzu gesellschaftsfähigen Weltstars. Sein Zynismus Reportern gegenüber war gefürchtet, und sein melancholischer Blick konnte zu einer stählernen Waffe werden, die so manchen allzu neugierigen Fragesteller oder Photographen zu durchbohren schien. 

Er war in ihr und sie fühlte ihn mit jeder Faser ihres Körpers, ihres Geistes. Jedes Mal, wenn sie ihn in einem neuen Film bewunderte, dann ahnte sie bereits Zehntelsekunden vor jeder Szene, welchen Blick er aufsetzen würde, welche Handlung er nun ausführte, welchen Gefühlsausbruch, sei es Zorn, Leidenschaft oder Zynismus er gleich spielen würde, denn sie hatte ihn in ihrem Blut! Ihr Herz pumpte ihn durch ihre Venen, ihr Gehirn und jede Zelle ihres Körpers. Alles war Sehnsucht nach ihm und gleichzeitig auch die hoffnungslose Antwort auf tausend ungestellte und doch vorhandene Fragen. Er war die Verwirklichung all ihrer Vorstellungen, ihres Traums von Männlichkeit, gepaart mit Sanftmut, Intelligenz und Gefühl. Seine gefährliche physische Ausstrahlung, sein Aufruhr, der unter einer Maske von lächelnder Gleichgültigkeit kochte, seine Charakterstärke, die gerne als Arroganz oder Eigensinn verkannt wurde, bedeuteten für sie zu Fleisch gewordene Idealvorstellungen von Kaiserreichen, Ritterspielen, großartigen Herrschern und heldenhaften Anführern ruhmreicher Völker. Sein Lächeln konnte ganze Gletscher auftauen lassen und ebenso das Blut seiner Gegner in deren Adern zum Gefrieren bringen. Und sie floss über von diesen Gefühlen, die sie verwirrten, beglückten und ebenso traurig stimmten wie seine sanfte, weiche Stimme mit dem dunklen Nachklang, der sie anrührte .

Und nun war sie hier auf diesem Filmfestival, eigentlich nur deshalb, um ihrer Freundin keinen Korb zu geben. Dass er kommen sollte, davon wusste sie natürlich, aber sie glaubte nicht daran. Er liebte nicht allzu viel Publicity um seine Person, er schätzte selten Fankontakt und hasste photowütigen Anbeterinnen. Er mied Menschenansammlungen und wollte nur Schauspieler sein, um zu spielen und nicht um im Scheinwerferlicht der Presse zu stehen. Die offiziellen Ankündigungen seiner Agenten waren oft verworren, führten in die Irre oder wurden erst gar nicht gemacht. Er war einer jener seltenen Künstler, die einfach alles beherrschten, Gesang, Tanz, Musik, Dramatik und Komik. Und jetzt stand sie da, versuchte erst gar nicht den Fotoapparat aus der Tasche zu holen und starrte einfach hinüber zu ihm. Sie hatte den Wagen geparkt und war der Freundin erst später nachgekommen, die ihn in diesem Hotel vermutet hatte. Dass diese so richtig liegen würde mit ihrer Annahme, daran hätte sie im Traum nicht gedacht. Ihr Blick schweifte erst durch den belebten Saal und als sie ihn inmitten der Menge ausmachte, machte ihr Herz einen schmerzhaften Satz und sie konnte Realität nicht mehr von Illusion unterscheiden. Er saß da wie ein einfacher, ganz normaler Mensch und sah zu ihr herüber. Er schien zwar gelassen, ja gelangweilt zu sein, und strahlte dennoch allumfassende Macht aus. Königsgleich thronte er inmitten der um seine Aufmerksamkeit heischenden Menge, und eine gewisse Genugtuung, die sich in dem angedeuteten Lächeln zeigte, das sich nun auf seine Lippen stahl, strafte die zur Schau gestellte Gelassenheit Lügen.

Ihr Gott! Ihr Geliebter! Ihr Traum seit Jahren. Sie dachte flüchtig an die vielen Liebesbriefe, die sie ihm heimlich abgeschickt hatte, an die spöttische Nachsicht, mit der ihr Mann ihre Schwärmerei behandelte. Er hatte nichts dagegen, dass die Wand neben ihrem gemeinsamen  Ehebett  von seinen Fotos geziert war. Er belustigte sich daran. Ach, wenn er wüsste! Er war sich seiner Einzigartigkeit so sicher! Zu sicher!
Es gab Tage, da fühlte sie sich krank vor Sehnsucht nach ihm und dann sah sie den ganzen lieben Tag lang seine Filme an, wiederholte gewisse Szenen und Grossaufnahmen, bis sie durch und durch von seinem Bild durchdrungen war und nur mehr sein Gesicht vor sich sah.

Sie konnte sich nicht rühren, oder kehrt machen, einfach davongehen. Die breit gebauten Leibwächter, die den Tisch flankierten, sahen drohend in die Menge, die ohnehin nur aus Presseleuten und Filmleuten bestand. Fans liess man nicht in die Hotels. Nur durch einen Trick waren sie soweit in dieses Heiligtum überlasteter Hotelpracht eingedrungen. Sie wusste bis jetzt noch nicht, wie das überhaupt möglich gewesen war.
Sie atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Sie hatte ihn wenigstens einmal in Fleisch und Blut vor sich gesehen.
„Wir sollten gehen!“ hörte sie die Freundin sagen. „Er wird nicht mit uns sprechen! Er ist zu sehr beschäftigt!“
Unwillig wehrte sie ab. „Ich bleibe!“ verkündete sie entschlossen und ihre Freundin entfernte sich ein wenig beleidigt. Sie registrierte, wie sich einer der Bodyguards ergeben zu ihm hinunter neigte. Ihr Traum sprach einige knappe Worte zu dem stumm nickenden Mann, ohne dabei den Blick von ihr zu wenden. Sie musste sich das alles einbilden, warum sollte er andauernd sie ansehen, bei den vielen attraktiven Mädchen, die sich auf der Luxusterrasse befanden. Doch dieses Blitzen  aus geliebten Augen täuschte nicht. Es war ein Funken, der von ihr zu ihm übergesprungen war, oder auch umgekehrt, was machte es schon aus? Das Einverständnis seines Blickes, eine Verheißung, eine Frage und gleichzeitig die Antwort darauf, die doch tiefstes Geheimnis zwischen ihnen blieb.

Endlich wandte er sich wieder den Leuten an seinem Tisch zu, bemühte sich um Aufmerksamkeit und versuchte Interesse für die an ihn gestellten Fragen zu zeigen. Der  Begleiter an seiner Seite entfernte sich von seinem Platz und bewegte sich geradewegs auf sie zu. Sollte er sie hinauswerfen lassen wollen? Hatte sie ihn zu unverschämt angestarrt? Fühlte er sich vielleicht gar bedroht von ihr? Man hörte ja genug Geschichten von zudringlichen, ja, wahnsinnigen Verehrern mancher Stars! Sie wollte ihn ja nur betrachten, dieser Augenblick und sein Bild sollten sich in ihre Seele, ihren Geist für immer einprägen!
Der riesenhafte Mann hatte sie erreicht und radebrechte in schlechtem Englisch, sie solle sich an einen der Tische setzen und kurz gedulden. Erst glaubte sie, sich verhört zu haben und ihr Blick suchte den Blick ihres Geliebten, der mit ihr einem kaum wahrnehmbaren Augenzwinkern eine Art Bestätigung signalisierte. Jetzt erst fiel ihr auf, dass seine Wangen, sein Kinn mit dem aufregenden Grübchen vollkommen glatt rasiert waren. Üblicherweise scherte er sich nicht viel um seine Bartzier und wirkte dadurch meistens ein wenig wild rustikal durch den mehrtägigen Stoppelbart. Sie stellte fest, dass seine glatten Wangen ihn jünger machten als er war und ihm einen Anflug von nostalgischer Romantik und auch Verletzlichkeit gaben. Die Realität schmeichelte ihm mehr als jedem anderen Schauspieler und strafte manches Photo, auf welchem er nicht immer so gut getroffen war, Lügen!
Sie nickte wortlos und mechanisch dem Überbringer der Nachricht zu und setzte sich an einen soeben freigewordenen Tisch, bestellte Orangensaft bei dem sofort herbeieilenden Kellner und nippte lustlos und nervös an ihrem Glas.
Nach etwa zehn Minuten  erkannte sie, dass der Star sich erhoben hatte. Zum ersten Mal sah sie, dass er nicht so  groß war wie angenommen, nicht der Hüne, den man vermutete, vielleicht an die 1, 80 m. Bestimmt nicht mehr. Einige der umstehenden Männer des Sicherheitsdienstes überragten ihn ein wenig. Im Vorbeigehen streifte sie sein rätselhafter Blick und sie sah ihm nach, wie er die Terrasse verließ, umringt von den Menschen, die ihn weiter befragten und bedrängten. Ihre Augen folgten ihm und hafteten sich an seinem Nacken fest, am hellblauen Hemdkragen, der seine Halsmuskel umschloss, und wanderten sinnend über seine ausladenden Schultern in dem dunklen Sakko, das er nur widerwillig zu tragen schien. Privat bevorzugte er karierte Flanellhemden, Arbeitsklamotten, und war deswegen nicht selten das beliebte Ziel von Spötteleien der Gossip-Presse.  

‚Das war es dann wohl gewesen’, dachte sie ernüchtert und fasste sich unwillkürlich an die Kehle. Und sie hatte nicht ein einziges Photo von ihm gemacht, um ihn nicht zu verärgern! Was hätte das jetzt schon ausgemacht! Verdammt! Aber was hatte sie denn erwartet? Dass er sie einladen würde? Dass er eine Unterhaltung mit ihr anzettelte, so in der Art:
„Sie sind mir aufgefallen, Mam. Es war so ein Knistern zwischen uns, finden Sie nicht auch?“
Sie wusste es nicht und verzog, sich ihrer Naivität voll bewusst, das Gesicht. Sie kam sich frustriert und klein vor, völlig unbedeutend.  Das war sie auch. Das war sie und ihre kleine, nichts sagende Existenz. Eine Frau, die einmal große Träume hatte, die sie nirgendwohin im Laufe der letzten Jahre führten. Bis sie zermürbt aufgab, schwach wurde, alles mit sich geschehen ließ und schließlich ihrem Geschick gegenüber gleichgültig wurde. Nur seit es ihn für sie gab, fühlte sie sich wieder ein klein wenig lebendig. Ein klein wenig.....

Sie wusste, sie sah ganz gut aus für ihre dreiunddreißig. Ihr Körper war wohlgeformt und sie hatte ein ausdrucksstarkes Gesicht, schöne Augen und sehr volles, langes, rotbraunes Haar. Sie wusste, die Männer drehten sich nach ihr um, doch es hatte ihr nie viel bedeutet. Sie war mit einem Mann verheiratet, ihn den sie einmal sehr verliebt gewesen war und der sie heute nur mehr nervte mit seinen Eigenheiten und seiner Engstirnigkeit. Sie hatte oft daran gedacht ihn zu verlassen, wenn er sie wieder einmal betrogen hatte oder ihr zum Vorwurf machte, dass er allein die Last der Familie trüge. Sie hatte damals ihre Heimat verlassen und war ihm gefolgt in sein Land, dessen Sprache sie erst mühsam erlernen musste. Sie hatte ihre Familie verlassen, ihre gut bezahlte Tätigkeit bei einem Juristen und sich damit begnügt, ihn zu lieben und seine Kinder zu gebären, die sie über alles liebte und um die er sich je kaum gekümmert hat. Er war zu nervös, zu vielbeschäftigt. Die Jagd, Sportschiessen, japanischer Kampfsport! Wo blieb da noch Zeit für Kinder oder Ehefrau? Er bestand auf seine Vergnügungen, er bräuchte diese Entspannung nach einer harten Woche Arbeit, lautete die alte Parole.

Und sie? Sie flüchtete sich in Träume, in Illusionen und vor ein paar Jahren verliebte sie sich in diesen Star, einfach wie ein verrückter Teenager. Sie erinnerte sich, wie sie den ersten Film mit ihm sah, wie sie vom ersten Augenblick an von seiner Persönlichkeit fasziniert war, seinen Augen, seinem Gesicht, seinem Ausdruck. Sie spürte so etwas wie Vertrautheit, Erkennen und war zutiefst verwirrt.
Wenn die Kinder in der Schule und im Kindergarten waren, eilte sie ins nächste Kino, saß oft mutterseelenallein in der Nachmittagsvorstellung und  wünschte, der Film würde nie zu Ende gehen. Doch er ging jedes Mal zu Ende und sie eilte heim zu ihren Kindern und verrichtete ihre Pflichten. Aber innerlich war sie wie tot, wie ausgebrannt, wenn sie ihn „verließ“. Sie konnte ihren Zustand nicht begreifen und versuchte nicht an ihn zu denken, vermied es über ihn zu lesen, und dennoch, es war wie eine Sucht, der sie verfallen war, sie trank sein Bild, sie schmachtete nach Informationen über ihn und entdeckte ihn als Mensch, kleinweis und sorgsam genau, so gut es eben ging, durch Presse und Film.

Ihre Freundin zeigte Verständnis, doch sie spürte, dass sie ihr dieses nur vorgaukelte. Sie wollte sie nicht verletzten, aber sie lebte nicht in Träumen, sondern in der Wirklichkeit, wie ihre zahlreichen Liebschaften immer wieder bewiesen. Ihr Mann sah diese Freundschaft nicht gerne. Fürchtete er den schlechten Einfluss? Fürchtete er, sie könnte ebenfalls aufwachen und aus dem schattengleichen Dasein hervortreten wollen? Fürchtete er, dass aus dem ergebenen Muttertier eine Frau werden könnte, der es nach mehr gelüstete als nur seine Ehefrau zu sein? Doch diesbezüglich hatte sie sich von Anfang an durchgesetzt und ihm ihren Standpunkt klar gemacht. Somit nahm er diese Beziehung gelassen, wenn auch nicht enthusiastisch hin.

Sie erfuhr von der Kindheit ihrer heimlichen Liebe, dem unsteten Leben einer Familie, die mit ihren Kindern durch den australischen Kontinent zog und bei diversen Filmproduktionen ein Catering Service unterhielt. Er war sozusagen hineingeboren worden in das Milieu des Films. Doch seine Jugend war rebellisch verlaufen, und nicht so leicht, wie man annehmen mochte. Er schlug sich als Gelegenheitsarbeiter durch, als Musiker und verfolgte seinen großen Traum von Erfolg und Anerkennung. Sein Traum wurde Wirklichkeit. Er war intelligent und sensibel, aufbrausend und genial. Schließlich konnte er den weltweiten Erfolg, der sich ganz plötzlich und unerwartet eingestellt hatte, mit gutem Gewissen und in vollen Zügen genießen. Er hatte den Sprung ins ganz große Geschäft alleine geschafft, ohne fremde Hilfe. Die populärsten Stars bezeichneten in als genialsten Schauspieler aller Zeiten. Sicher war er das auch. Sie war nicht uneingenommen und stellte sich diese Frage nicht.  

Sie fühlte sich ihm so nahe und hätte ihm so liebend gerne gestanden, was sie von ihm hielt und wie viel er ihr bedeutete und wie er ihr Leben bereicherte, das scheinbar vorgezeichnet war, doch wer war sie schon? Eine Unbekannte von vielen, die ihm heute ganz zufällig und sicher zum ersten und letzten Mal gegenüberstand.
Eines der weiblichen Wesen, das er mit einem Blick aus seinen unwiderstehlichen Augen bedachte hatte,  um dann aus dessen Leben zu entschwinden, für immer.

Sie würde diese eine Nacht noch in dem gemieteten Hotelzimmer am Rande des mondänen Badeortes verbringen und am nächsten Tag die zweihundert Kilometer mit dem alten, unzuverlässigen Wagen zurückfahren.
Sie würde ihre Kinder in den Arm schließen und wenn ihr Mann Zeit für sie hatte, würde sie sich von ihm lieben lassen und dabei an ihren Liebsten  denken, an seine grünen Augen, seinen betörenden Blick, der auf ihr geruht hatte. Vielleicht brachte sie es eines Tages fertig, ihn zu vergessen, sein Bild zu verdrängen und somit zur Ruhe zu kommen. Andererseits aber erhellte der Gedanke an ihn ihren Alltag, und sie empfand den bittersüßen Liebesschmerz einer Halbwüchsigen, die nach der ersten Liebeserfahrung schmachtete. Träume waren doch erlaubt! Wer wollte sie ihr schon verbieten! Es war alles was sie hatte!

Als sie den Saal verließ und durch die große Empfangshalle dem Haupteingang zustrebte, gewahrte sie an ihrer Seite den Leibwächter, der ihr vorhin bedeutete zu warten.  Er entschuldigte sich, sie nochmals zu belästigen und überreichte ihr ein schmales, weißes Kuvert. Verwundert vergaß sie sich zu bedanken, doch der Mann war bereits verschwunden, als sie sich dessen bewusst wurde. Mit leicht bebenden Fingern öffnete sie den Umschlag und entnahm ihm die Einladungskarte für den heutigen Abend zu dem Clubfest eines bekannten Fernsehsenders.
Ihr Kopf begann zu hämmern und ihr erster Gedanke war: ‚Unmöglich! Ich kann dort nicht hingehen!’
Doch wer hatte ihr die Einladung zukommen lassen? Er? Sie zweifelte daran. Er war bekannt dafür, sich auf Partys und Empfängen mit Filmkolleginnen zu amüsieren und danach meist auch mit einer davon heimlich zu verschwinden...
Aber wer sonst? Ein dummer Scherz? Nein, immerhin wurde ihr diese Karte von dem Sicherheitsmann des Hotels übergeben. Sie kannte niemanden hier und ihre Freundin war sicher beleidigt weiter gezogen, auf ihrer Jagd nach anderen prominenten Stars. Sie teilte ihre Begeisterung für diesen Schauspieler  nicht sehr und bevorzugte Männer wie Tom Cruise oder Brad Pitt, die beide aber ganz bestimmt nicht erscheinen würden, zum diesjährigen Filmfestival! Pech für sie!

Doch nun hatte sie bereits Feuer gefangen und überlegte fieberhaft, woher sie die entsprechende Garderobe nehmen sollte! Am Vorabend bereits hatte sie beobachtet, dass die weiblichen Festivalteilnehmerinnen vornehmlich in schwarz  gekleidet waren. Kurze Kleider, lange Kleider, eng oder in Falten gelegt, egal, sie waren schwarz gewandet und standen vor den Festsälen, den Kinoeingängen und auf den Terrassen der hell erleuchteten Hotels, wo sie sich im Abglanz der strahlenden Stars sonnten. In den Auslagen der relativ teuren Boutiquen hatte sie während ihres gestrigen Spazierganges durch das Zentrum des kleinen, aber bekannten Badeortes mehrere einfache, schwarze Kleider dieser Art erspäht.
Sie war es eigentlich nicht gewohnt, in Boutiquen einzukaufen, da ihr Haushaltsbudget derartige Späße nicht zuließ. Sie überlegte rasch, wann sie sich das letzte Mal ein besseres Kleidungsstück geleistet hatte und konnte sich nicht mehr daran erinnern. Sie gab sich damit zufrieden, die Kinder, die immer anspruchsvoller wurden, einzukleiden und war zufrieden damit gewesen. Doch heute wollte sie aus der Rolle tanzen! Was riskierte sie schon? Sie konnte immer noch rasch und unauffällig verschwinden, sollte sich das Fest als Flaute erweisen, oder die Einladung eigentlich jemanden anderem zugestanden haben und alles nur auf einem Irrtum beruhen.
Sie hatte den ganzen Nachmittag vor sich und während sie noch auf den Ausgang des Hotels starrte, das Kuvert in der Hand hin- und her wendend, war ihr Entschluss gefasst. Sie würde die Einladung annehmen, egal was ihre Freundin davon halten mochte!

Sie war viel zu aufgeregt, um an ein Mittagessen in einem der zahlreichen, überfüllten Bistros zu denken und schlenderte die Strassen der verwinkelten  Altstadt entlang, den Blick auf die vielen, verlockenden Auslagen gerichtet, die modische Kleider und Accessoires anboten, mit denen die überschlanken  Schaufensterpuppen bekleidet waren. Nach reiflicher Überlegung entschied sie sich für ein einfachen, langes, aber anliegendes, fließendes Kleid. Schwarz natürlich, mit tiefem Rückenausschnitt. Sie würde mit ihrer Kreditkarte bezahlen und diese Lücke, die der Kauf des Kleides in ihr Budget schlagen würde, irgendwie und anderswo stopfen. Sie probierte das Kleid an, nachdem sie zögernd das Geschäft betreten hatte und man sie freundlich nach ihren Wünschen erkundigte. Das Kleid saß gut und die Verkäuferin bestätigte, wie vorteilhaft sie darin aussah. Sie jedoch,  betrachtete sich kritisch im großen Spiegel der Boutique und befand, dass es über ihren üppigen Busen ein wenig spannte. Immer das gleiche Problem. Doch man versicherte ihr, dass es dadurch nur noch sinnlicher wirkte und sie ließ sich nur allzu gerne überreden. Es stimmte, das Kleid machte schlank, ließ sie größer wirken, weil die dunkle Farbe und  der enge Schnitt ihr schmeichelten. Sie verließ das Modegeschäft mit einem Anflug von Hochgefühl und machte sich schließlich auf den Weg zu ihrem Hotel. Ihre Freundin war noch nicht zurückgekommen und sie war froh darüber. Sie wollte sich Erklärungen ersparen und sich entspannen und pflegen, ihr Haar waschen und sich psychisch für ihren großen Auftritt vorbereiten.

Als sie dann endlich ihren Wagen wieder ins Zentrum zurücklenkte, wurde es bereits dämmerig und sie hatte eine schriftliche Nachricht für die Freundin im Hotel hinterlassen. Vielleicht hatte diese ohnehin bereits interessantere Freunde kennen gelernt, als sie es war und amüsierte sich so, wie sie es sich erhofft hatte. Sie fuhr den Wagen ins Parkhaus und machte sich auf den kurzen Weg zu dem Palais an der Corniche, der Küstenstrasse, wo das Fest stattfinden sollte. Eine schaulustige Menschenmenge hatte sich bereits davor eingefunden, in der Hoffnung, die Creme de la Creme der Stars bewundern zu können, die größten Teils in Luxuslimousinen vorgefahren kam. Die meisten waren flankiert von Bodyguards und sie erkannte einige namhafte Fernsehleute und Modells, wie auch einen bekannten Modedesigner unter ihnen. Sie kam sich fast ein wenig vor, wie Aschenputtel auf dem Ball der Reichen, doch energisch schüttelte sie alle Zweifel von sich. Schließlich waren ihr derartige Empfänge nicht ganz fremd, hatte sie doch vor ihrer Eheschließung für den Botschafter ihres Landes oft genug repräsentiert. Das Leben hatte sie zwar in den Schatten der Unbedeutenden gedrängt, aber sie besaß immer noch die Würde und Anmut, die man bei wichtigeren Anlässen wie diesen von ihr erwartet hatte!

Also reichte sie dem Verantwortlichen am Eingang ihre Einladung. Er nickte geschäftig, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte  und fixierte sie kurz. Anscheinend versuchte er sie einzuordnen. Ob er sie wohl schon im Fernsehen gesehen hatte? Zu den Presseleuten gehörte sie offenbar nicht, denn diese trugen ausnahmslos Kärtchen am Ausschnitt oder an der Jacke und als Modell war sie sicher nicht mager und nicht groß genug. Sie belustigte sich insgeheim an dem nachdenklichen Gesicht des Mannes und war auch schon an ihm vorbeigerauscht. Sie durchschritt eine große, prächtige Halle und das Gelächter und Stimmengewirr der geladenen, unübersehbaren, eleganten Menge flutete über sie hinweg. Wieder kam sie sich falsch am Platze vor, aber die bewundernden Blicke einiger Männer stärkten ihr Selbstbewusstsein und sie schritt so gerade und gelassen wie möglich durch die Halle, während ihr Blick in die Runde schweifte, so als suche sie nach jemanden. Tat sie das nicht? Es half, ihre momentane Unsicherheit zu überbrücken. Dankbar nahm sie ein Glas Champagner an, das man ihr anbot und nippte daran, in der Hoffnung, ein wenig Mut durch das prickelnde, erfrischende Getränk zu erlangen.  Sie hatte wirklich zu lange das Mauerblümchen gespielt!

Bald fühlte sie sich besser und stellte fest, dass sich diese Prominenz in nichts vom gewöhnlichen Volk  unterschied! Es gab viele ältere Frauen, die mit Sorgsamkeit ihr Make up aufgetragen hatten und ihre Frisuren stylen ließen um jünger zu wirken. Die noch jungen Frauen waren meist hübsch, aber das war wohl ein Vorrang der Jugend, oder aber auch des aufwendigen Schmucks, den sie trugen  und weniger ein persönlicher Verdienst. Eher der von Schönheitschirurgen und anderen Ärztekünstlern.  Auch die schicke Garderobe, manchmal recht auffällig oder extravagant, trug dazu bei, die Gestalten so divers und bunt wie möglich erscheinen zu lassen. Und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie eine der wenigen war, die in einfaches Schwarz gekleidet waren. Der Durchschnitt aller weiblicher Gäste hatte sich für durchsichtige oder schreiend bunte Stoffmaterialien entschieden...
Gutaussehende Männer unterhielten sich mit älteren, kugelbäuchigen Mäzen oder einflussreichen, gesetzt wirkenden Filmleuten. Im Grossen und Ganzen war jede Art von Spezies vertreten, und allmählich entspannte sie sich und erwiderte hier ein Lächeln, dort einen Gruß. Moderne Unterhaltungsmusik untermalte das Bild des Glanzes und des Luxus, sowie der  aktuellen Promi-Welt von Film und Fernsehen, und sie begann den Abend zu genießen und beobachtete die Leute ringsum. Ein junger Mann mit Mikrofon ging auf sie zu und sie stellte mit Schrecken fest, dass er vorhatte, sie zu befragen.

Auf der Kamera des ihn begleitenden Kameramannes konnte sie das Zeichen des bekannten TV Sender erkennen. Sie schluckte und setzte ihr sicherstes Lächeln auf. Für Flucht blieb keine Zeit mehr.
„Darf ich fragen, Madame, wie sie diese Party finden?“ Ein offener Blick heftete sich auf ihr Gesicht und sie suchte nach einer passenden Antwort.
So selbstsicher wie möglich erwiderte sie: „Ich bin eben erst gekommen und kann bisher nicht viel sagen, aber befragen sie mich in einer Stunde wieder, dann kann ich Ihnen sicher meinen Eindruck anschaulicher schildern“.
Einige Umstehende lachten über die schlagfertige Antwort und der Reporter wurde bereits abgelenkt durch die Ankunft einer weiteren Gruppe von Leuten, die die Halle betraten.
Er war nicht zu übersehen, denn er befand sich mitten unter ihnen - ihr Star!
Wie vom Donner gerührt, erstarrte sie wie schon heute morgen und verlor jeden Sinn für Zeit und Raum. Sogar die Musik ertönte in ihren Ohren leiern und eintönig und sie blickte auf sein vertrautes Gesicht, das sich ein Lächeln abrang, als man von mehreren Seiten seinen Namen rief und Photoblitze aufflammten. Er hob grüssend die Rechte und nickte in alle Richtungen, jedoch verhalten, ohne den Ruhm, den man ihm angedeihen ließ, richtig zu genießen. Er blickte sich suchend um. Doch nicht etwa ihretwegen?
Endlich konnte sie sich wieder bewegen, die Starre, die von ihr Besitz ergriffen hatte, wich nach und nach, und sie tat einen Schritt nach rückwärts, versuchte dabei, sich hinter eine kleine Gruppe heftig miteinander diskutierender Menschen zu begeben, um nicht seinem Blick ausgesetzt zu sein. Sie spürte, wie aller Mut sie zu verlassen drohte und ihre Knie ziemlich weich wurden.
Unmöglich! Er konnte ihr die Einladung nicht zukommen haben lassen! Aber wer sonst? Und wenn doch, weshalb? Er konnte die schönsten Frauen und Mädchen haben, die es hier im Umkreis gab. Jung, sexy, mondän oder wie immer er sie bevorzugte. Warum sollte er darauf erpicht sein, sie wieder zu sehen? Vielleicht hatte er die Anbetung in ihren Augen wahrgenommen und es amüsierte den übersättigten Star, sie leiden zu sehen, sich in ihrem schmachtenden Blick zu sonnen?

Nein, so schätzte sie ihn nicht ein! Das war nicht seine Art von Spielchen! Aber was wusste sie denn schon wirklich von ihm? Das, was man sie wissen ließ durch Presse und Film. Das was er gewillt war von sich preiszugeben und das, was man ihm andichtete. Nur zu gern bezeichnete man ihn als „bad Boy“ und sie hatte nie richtig begriffen, woher diese Anmaßung kam, ihn so zu betiteln. War es eine zynische Anspielung auf seine einfache Herkunft, der Vorzug, den er seinem Leben auf der australischen Ranch gab?  Wer kannte schon den Menschen, der sich hinter der Fassade des lächelnden Stars verbarg?
Sie hoffte, dass er sie nicht bemerkt hatte. Sie würde seinem Blick kein zweites Mal standhalten können, davon war sie überzeugt! Sie bemerkte die weit offen stehenden Flügeltüren, die auf die große, freie Terrasse führten und den Blick auf das Meer preisgeben, dessen Küste von tausend Lichtern geziert war, die sich auf der glatten, dunklen Wasseroberfläche widerspiegelten.
Rasch verließ sie den überfüllten Saal und zog begierig die berauschende, linde Nachtluft ein, während ihr Blick auf die erleuchteten, weiß schimmernden Yachten, die im nahen Hafen vor Anker lagen, fiel. Sachte bewegten sich die Fächer der Palmen auf der Uferpromenade im leichten Wind und sie spürte, wie ihr rasendes Herz ruhiger wurde. Auch hier standen  kleine Gruppen von Menschen lachend und sich unterhaltend beisammen und sie flüchtete sich in das Dämmerlicht dieser ihr fremden Welt. Sie sollte gehen, unauffällig und vielleicht heute noch zurückfahren zu ihrer Familie. Es war nicht ihre Welt, es war nicht ihr Fest! Alles war ein Irrtum. Möglicherweise sah sie einer Person ähnlich, der die Einladung zugedacht war und diese saß womöglich aufgebracht in ihrer Hotelsuite und sann auf Rache, weil man sie nicht eingeladen hatte! Diese Vorstellung entlockte ihr unversehens ein Lächeln und sie beugte sich über die steinerne Brüstung der Terrasse, um nach einem direkten Ausgang oder einer rettenden Stiege Ausschau zu halten.

„Vorsicht!“ ertönte plötzlich eine mahnende, englisch sprechende Stimme hinter ihr. Eine ihr so vertraute Stimme, die ihr Blut in Wallung brachte und es gleichzeitig gefrieren ließ!
„Sie sollten sich nicht so weit vorbeugen, wie schnell könnte etwas passieren!“
Langsam, wie in Trance, drehte sie sich um und blickte in diese unverschämt blitzend grünen Augen, die keinen Meter von ihr entfernt geradewegs in die ihren blickten. Der Anflug eines ironischen Lächelns umspielte diese betörenden, wohlgeformten Lippen und sie fühlte, wie heiß ihr Gesicht wurde und betete darum, dass die Dunkelheit die brennende  Röte verbergen möge.
„Wie ich sehe, haben sie die Einladung erhalten!“ bestätigte sich der Mann selbstzufrieden, ohne seinen Blick von ihr zu wenden.
„Und Sie sind ihr nachgekommen, das freut mich!“ Ein Hauch von Tabak umgab seine eindrucksvolle Erscheinung. Er kramte auch schon nach seinen unvermeidlichen Zigaretten und zündete eine davon an. Dabei ließ er sie nicht aus den Augen und betrachtete se abwartend durch den bläulich  hellen Rauch, der sich himmelwärts kräuselte, während er ein paar kräftige Giftzüge tat. Sie hatte zur Begrüßung leicht genickt, was sollte sie schon sagen?
„Ja“, erwiderte sie leise, „hier bin ich. Doch ich weiß nicht...“ Er unterbrach ihren Einwand und sie verstummte.

Der Bodyguard hielt sich im Hintergrund und sie standen einander gegenüber, ohne direkte Zeugen oder Leute um sie herum. Andere Gäste standen abseits und unterhielten sich, ohne auf das Paar zu achten. Im Unterbewusstsein registrierte sie, dass er um einen guten Kopf größer  war als sie und die vitale Ausstrahlung, die von ihm ausging und sie in einen Taumel der Gefühle stürzte,  war fast greifbar und spürbar knisternd. Sie suchte nach Worten, musste sie doch durch ihr Schweigen unhöflich erscheinen oder er gar annehmen, sie beherrsche seine Sprache nicht.
Leise fuhr sie fort: „Ich danke für die Einladung!“
Ruhig entgegnete er, nachdem er an seinem Glas genippt hatte, das er auf der Balustrade abgestellt hatte: „Ich habe mich zu bedanken, dass Sie ihr Folge geleistet haben!“ 
Als wüsste er um ihre Fragen nach dem Warum und Wieso, fuhr er fort: „Ich dachte, dieser Abend wäre mit einer Frau wie Sie leichter zu überstehen! Interessant, geheimnisvoll, unbekannt....!“
Sie suchte nach einem spöttischen Unterton in seiner Stimme, doch sie konnte nichts in dieser Art aus seinen Worten heraushören. Nein, seine angenehme Tonalität, die betont lässige Aussprache  wie man sie nur in Down Under gebrauchte, wie vertraut ihr das alles war! Wenn er wüsste...!

„Würden Sie mich später begleiten?“ fragte er gerade heraus und war ihr ein Stück näher gekommen. Sie konnte ihn riechen, fühlen, so, als hätte er sie mit seinen Händen berührt, diesen großen, starken Händen.... 
Er drehte sein Champagnerglas in der Hand, betrachtete aufmerksam die helle Flüssigkeit und wartete auf ihre Antwort. Was konnte sie schon sagen, als zu nicken und ein „Ja“ zu hauchen! Fast hatte sie das Gefühl, sich in einem seiner Filme zu befinden und eine Rolle zu spielen, die man ihr ganz plötzlich und unerwarteter Weise zugedacht hatte.
„Gut“, antwortete er sichtlich befriedigt und betrachtete sie weiter, während sein Blick unverhohlen ihre Figur umfing, um schließlich wieder auf ihrem angespannten Gesicht zu ruhen.
„Ich bleibe diese Pflichtstunde noch hier und lasse Sie dann abholen! Aber sehen Sie bitte nicht mehr wie ein verschrecktes Kaninchen drein!“  Sein Lächeln wurde breiter und sie erwiderte es offen und unterdrückte ihr Seufzen. Der Mann hatte gut reden. Wie könnte er sich auch in ihre Lage versetzen?
„Schon besser!“ konstatierte er grinsend und murmelte bevor er sich abwandte. „Bis dann, also!“
Als er sich so lautlos entfernt hatte wie er gekommen war, fühlte sie, wie schwach ihre Knie plötzlich wurden und sie lehnte ihren Rücken an das kühle Steingeländer der Balustrade, während sich ihre Blicke auf seine Gestalt in dem hellen, maßgeschneiderten Sommeranzug hefteten, und er allmählich in der Menge der  übrigen Gästen unterging, von denen sich einige sofort wieder an seine Fersen geheftet hatten.

Plötzlich von seiner Gegenwart befreit zu sein, stürzte sie in einen Abgrund von Schwindel und Einsamkeit. Doch sie hatte nicht geträumt. Der unerreichbare Traum schlafloser Nächte hatte sie zu einem Rendez-vous überredet und sie hatte bedenkenlos eingewilligt. Zuhause warteten Mann und Kinder, dass sie sich ihrer Hausfrauen- und Mutterpflichten entsann und wieder herabschwebte, von ihrer rosaroten Wolke...
Mit zitternden Händen trank sie ihr Glas leer und schloss sekundenlang die Augen, während sie fühlte, wie der Schwindel allmählich nach ließ. Sie rang um Fassung und wandte sich um, ließ ihren verschleierten Blick weit über das Meer schweifen.  Er verlor sich irgendwo zwischen dem Horizont und dem dunklen, Sternen übersäten Himmel. Die Grenze beider wundersamer Naturgegebenheiten war kaum auszumachen... Sie verschmolzen zu einer geheimnisvollen Einheit, die Vereinigung göttlicher und doch ganz natürlicher Wunderwerke.

Ein tiefer Seufzer entrang sich unvermittelt ihrer Brust, die sich erregt hob und senkte, und sie konnte fühlen, dass ihre Wangen immer noch glühten.
‚Was geschieht mit mir?’ dachte sie verstört und versuchte eine Antwort darauf zu finden. ‚Ich bin doch nicht verrückt, ich träume doch nicht! Ich stehe wahrhaftig hier inmitten dieses Empfangs, der nur für besonders geladene Gäste gegeben wurde, und ich habe ein date mit dem Mann meiner schlaflosen Nächte! Er kennt mich nicht, weiß nichts von mir, nicht woher ich komme, wer ich bin, keinen Namen, nichts, und doch, er will, dass, ich ihn begleite! Wohin? In sein Hotel? Sollte ich diese Gelegenheit ergreifen? Sollte ich alles tun, was er will um davon ewig zehren zu können?’

Im gleichen Moment wusste sie, dass sie sich seelisch kaputt machen würde, wenn sie so handelte. Sie konnte es sich auch nicht wirklich vorstellen! Aber hatte nicht das Schicksal ihrer beiden Wege kreuzen lassen? Gab es das, das Schicksal? War nicht alles Menschengeschehen seit jeher auf einfachen Zufall aufgebaut? Aber war Zufall etwa auch Schicksal?
Etwas in ihr schrie, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, und sie war nur allzu gerne bereit, auf diese innere Stimme zu hören.
Sie verwarf ihre wirren Gedanken. Vielleicht hatte er einfach Appetit auf etwas einfacheres als die Mädchen und Frauen, die ihn bis jetzt umgaben: berühmt, faszinierend, jung vor allem und bereit zu allem, um seine Aufmerksamkeit zu erringen! Aber er kam aus normal bürgerlichen Verhältnissen, er wusste wie man so lebte, liebte und was sollte ihn schon an ihr interessieren? Sie wusste keine Antwort und stand ratlos in der lauen Luft des Mittelmeeres und starrte aufs dunkle Meer, dessen sachtes Rauschen sie nicht wahrnahm, während um sie herum die zahlreichen Gäste sich amüsierten und lockeren Small Talk führten, und sie mancher fragende Blick streifte.
Sie war bereits so weit gegangen, sie würde jetzt nicht umkehren. Sollte sie an Bestimmung glauben? Sie wollte abwarten und sehen. Sich einfach nicht den Kopf zerbrechen. Die Fakten zählten, er, und dass er ihr nahe war, vielleicht noch näher kam, als zuvor....
Vielleicht konnte sie mit ihm sprechen, und..... Und was? Sie wusste selbst nicht, was sie eigentlich wollte. Sie wollte ihn und wusste doch, dass er nur ein Traumgespinst war, eine Illusion.... Eine von vielen, die ihre Gefühle für ihn betrafen!

Sie wusste nicht, wie lange sie so dagestanden hatte. Zwei junge Frauen gesellten sich zu ihr und stellten ihr Fragen über die gestrige Filmpremiere. Sie war natürlich nicht dabei gewesen, doch sie tat ganz so, als wüsste sie Bescheid und erwiderte höflich lächelnd ihre Fragen, gab ihre erfundene Meinung dazu ab und amüsierte sich köstlich dabei. Sie wunderte sich selbst, dies war so ganz und gar nicht ihre Art von Spiel. Doch heute war alles möglich, in dieser verrückten, verzauberten Nacht, und als die beiden sie fragten, ob sie gut bekannt sei mit dem Star, mit dem sie zuvor geplaudert hatte, blickte sie aufrichtig lächelnd den Damen ins Gesicht und bestätigte es. Das war ja nicht einmal gelogen! Sie kannte ihn seit Jahren, gut sogar und nun auch persönlich. Er war ihr Bekannter! Unvermittelt lachte sie auf bei dieser Vorstellung und die beiden Frauen lachten mit, ohne eigentlich den Grund dafür zu kennen. Man nannte das wohl „faire la conversation“ und sie lernte schnell dazu!

Manchmal konnte sie binnen der nächsten Stunde einen Blick auf ihn erhaschen und einmal trafen sich auch ihrer beider  Blicke, um sich kurz ineinander zu versenken und gleich wieder auseinander zu gleiten und sich los zu lassen. Ihr Puls begann dann jedes Mal von neuem zu rasen.
Sie gönnte sich ein zweites Glas Champagner und genoss die Komplimente eines älteren Herrn, der sie anscheinend mit einem Fotomodell verwechselte. Möglicherweise war das auch nur plumpe Anmache, und sie schüttelte ihre rotbraune Mähne und machte gute Miene zu seinen Annäherungsversuchen, ohne darauf einzugehen.

Als sie nach schier einer Ewigkeit schließlich den massigen Bodyguard auf sich zukommen sah, klopfte ihr Herz abermals  rascher als zuvor, und als sich dieser vertraulich ihrem Ohr näherte und sie bat, mitzukommen, schwebte sie hinter ihm her, gleich einem Kinde, das folgsam hinter seinem großen Bruder her trippelte. Sie nahmen nicht den Haupteingang, um das Gebäude zu verlassen,  sondern der Mann geleitete sie durch eine weitere Halle und mehrere Nebenräume und Gänge durch den anscheinend weitläufigen Bau über eine geschwungene Treppe zu einer schmalen Tür, die sie als Lieferanteneingang vermutete. Sie begegneten keiner Maus und keiner Seele.
Er hielt die Tür für sie auf und sie trat an ihm vorbei in die Nacht hinaus. Sie fand sich in einer schmalen, einsamen Strasse wieder, wahrscheinlich an der Rückfront des Gebäudes. Nur wenige Schritte trennten sie von der Kaimauer und sie nahm im Unterbewusstsein das Plätschern der anschlagenden Wellen wahr. Etwa zehn Meter vor sich, sah sie die Umrisse eines wartenden Wagens mit laufendem Motor.

Mechanisch ging sie darauf zu, als ihr Begleiter auch schon den Wagenschlag des Beifahrersitzes öffnete und darauf wartete, dass sie einstieg. Mutig tat sie desgleichen und fand sich an der Seite ihres Geliebten wieder, der am Steuer saß und sie mit einem schwachen Lächeln von der Seite her ansah.
„Tut mir leid, aber es hat ein bisschen länger gedauert, als ich vermutet hatte“, entschuldigte er sich und sie nickte stumm.
Er hatte seine Jacke lässig auf dem Rücksitz verstaut und die Ärmel seines hellblauen Hemdes bis zu den Ellbogen hoch gerollt. Sofort stand sie wieder unter dem Bann seiner faszinierenden Aura, die ihn umgab und versank in einer Aufwallung von gemischten Gefühlen, eines gefährlicher wie das andere.

Sie atmete tief durch und er bedankte sich bei dem wartenden Bodyguard und gab ihm zu verstehen, dass er ihn für heute nicht mehr benötigte. Der Mann zögerte kurz, doch der entschlossene Blick seines Dienstgebers rang ihm schließlich ein zustimmendes Nicken ab. Die Wagentür schnappte zu, und das Fahrzeug setzte sich langsam in Bewegung.
Sie versuchte ihre zitternden Hände im Schoss zu verbergen und sah geradeaus durch die Scheibe des eleganten Wagens, während dieser unauffällig die schmale Strasse entlang rollte. Der Lenker hüllte sich in Schweigen und sie brachte kein Wort über die Lippen. Sie war außerdem unfähig einen klaren Gedanken zu fassen und dankte ihm insgeheim für die nicht gesagten Worte! Der Rest der Welt war in weite Ferne gerückt. Ihr Haus, ihr Mann, die Kinder, die den Sinn ihres Lebens darstellten. Den einzigen! Leider!
Sie bogen zur die belebten Uferpromenade ab. Nach einigen Minuten, die ihr wie eine wunderbare Ewigkeit erschienen, fragte er sie mit seiner sonoren Stimme: „Beunruhigt?“
Sie schüttelte den Kopf und versuchte mit fester Stimme zu erwidern: „Kein bisschen!“
Aus den Augenwinkeln sah sie, dass sein Mund sich ein wenig verzog und ein Lächeln andeutete, ein schiefes. Er wollte ihren Namen wissen und sie nannte  ihn, obwohl er nichts zur Sache tat. Überrascht zog er eine Augenbraue in die Höhe, während sie im Halbdunkel des Wagenfonds das Glänzen seiner hellen Augen wahrnehmen konnte.
Er kannte ihren Namen, oder versuchte, sich an ihn zu erinnern, anscheinend war er ihm nicht unbekannt. Aber er konnte sie nicht kennen! Wie sollte er auch?
„Sind Sie etwa die eifrige Briefschreiberin, von der mein Agent mir mehrmals berichtet hat?“
Sie spürte, wie abermals Hitze in ihr Gesicht stieg und suchte nach einer Erklärung. Es stimmte, ihr Name war etwas außergewöhnlich, altmodisch vielleicht, aber er konnte sich wohl kaum an jeden einzelnen Schreiber erinnern, zumal sie davon überzeugt war, dass er keine Fanpost las!
Ihre Vermutung erwies sich als richtig, denn er fuhr fort: „Ich selbst habe Ihre Briefe nicht gelesen, denn meine Zeit ist leider knapp bemessen, aber ich lasse mir, sofern ich zuhause  bin, was äußerst selten geschieht, eine Postliste von meinem dortigen Agenten zusammenstellen. Das diene einer Art Beliebtheitsstudie, meint er!“ Er schnitt eine Lausbubengrimasse, als er fort fuhr: „Er besteht darauf!“
Dann  lachte er herzhaft über diesen Ausdruck und fügte hinzu: „Ich komme mir oft genug wie ein gut vermarktetes Waschmittel vor“, und sie stimmte in sein Lachen mit ein.
Ja, das war ganz er. Er konnte auch über sich selbst lachen...
Sie war erleichtert, dass er anscheinend nichts von dem wusste, was sie in den heißen Briefen an ihn geschrieben hatte, oft wie unter einem Zwang, in Trance, verrückt vor Liebe zu ihm. Es war für sie eine Möglichkeit, ihm nahe zu sein, es zumindest so zu empfinden.
„Ich weiß, dass Sie sehr oft schreiben, ungewöhnlich oft, und auch sehr offen und leidenschaftlich!“
Damit machte er ihre Hoffnungen zunichte. Er war sehr wohl über den Inhalt ihrer Post an ihn informiert. Sie sollte sich darüber freuen, doch jetzt kam sie sich nur ziemlich dumm und entblößt vor. Eine heiße Welle der Scham durchflutete sie!
„Sie haben sich nicht davon abbringen lassen, zumal sie kaum je eine Antwort bekommen haben, oder irre ich mich da?“ Er wendete kurz seinen Blick auf ihr Profil und wartete auf ihre Antwort.
„Nein“, entgegnete sie ruhig und sah dabei geradeaus auf die Strasse. „Keine Antwort, aber ein signiertes Photo!“
Er nickte dazu: „Die übliche Vorgangsweise! Aber ich beginne mich für ihre Briefe zu interessieren und werde sie mir sicher demnächst vorlegen lassen! Ich bin neugierig geworden!“
Sein Tonfall klang entschlossen und sie war plötzlich sicher, dass er es tun würde. Mein Gott, wie unreif kam sie sich jetzt vor, wie ein schmachtender Teenager! Was mochte er beim Lesen dieser intimen Geständnisse von ihr denken? Allein der Gedanke, dass sich das Agenturbüro daran belustigt haben könnte, ließ ihr den kalten Schweiß aufsteigen!
Er schmunzelte, als könne er ihre geheimen Gedanken erraten.
„Man hat mir ein verschwiegenes, einsames Manoir empfohlen“, erklärte er. „Diskretion garantiert. Man soll von dort oben einen herrlichen Blick aufs Meer haben und bei Tag sogar bis nach Korsika schauen können, an sehr klaren Tagen natürlich nur. Wir können uns dort ein wenig unterhalten! Zwei Tage Trubel und Lärm reichen mir vorerst!“
Sie hatte gewusst, dass er Menschenaufläufe und Empfänge hasste und unmerklich lächelte sie.
„Ihr Lächeln zeigt, dass Sie kaum überrascht sind!“ stellte er fest.
„Ja!“ erwiderte sie und sah ihm das erste Mal, seit sie bei ihm im Wagen saß, voll in die Augen. „Ich habe es geahnt!“
„Sind Sie eine der Hexen, die den sechsten Sinn besitzen?“ Seine Bestürzung war gespielt und sie sah ohne Überraschung wie seine Zunge über die Unterlippe strich.
„Ich glaube nicht!“ entgegnete sie ruhig und gefasst. „Ich kenne Sie nur seit geraumer Zeit und beschäftige mich mit Ihnen, deshalb sind ihre Reaktionen und Handlungen nicht immer unvorhersehbar  für mich!“
Sie fragte sich, woher sie den Mut nahm ihm weismachen zu wollen, dass sie ihn gut kannte! Schließlich war er Schauspieler! Einer jener wandelbaren Menschen, die auch die Rolle ihres eigenen Lebens spielten.

Er zeigte sich sichtlich amüsiert und neigte anerkennend den Kopf. Der Wagen hatte die Stadtgrenze erreicht und er schlug eine schmale Nebenstrasse ein, die ziemlich steil, in Serpentinen ansteigend, durch einen Wald führte. Er fuhr den Wagen sicher und schnell. Leise Musik ertönte aus den versteckten Lautsprechern und sie entspannte sie zunehmend. Sie versuchte sich schwer in ihren Sitz zu drücken, um in den Kurven nicht gefährlich nahe an seine Schulter zu rutschen. Alleine diese Vorstellung ließ ihr Herz erneut und wie wild hämmern.
Doch sie stellte fest, dass ihr diese abnorme Situation, neben dem Mann ihrer Träume zu sitzen, seiner Einladung gefolgt zu sein und sich von ihm, weiß Gott wohin chauffieren zu lassen, ohne Fragen zu stellen, nicht mehr so unwahrscheinlich erschien. Sie war dabei, diese unglaubliche Geschichte als Realität anzusehen. Gab es wirklich ein Schicksal, dann war es dieses, ihres, das eben heute, diese Nacht, eine kurze Erfüllung finden würde, durch die Nähe dieses Mannes, der ihr soviel bedeutete. Sie dachte kurz an seine kürzlich geplatzte Verlobung mit einer bekannten amerikanischen Schauspielerin. Diese war sogar älter als sie selbst gewesen und dieses Ereignis hatte sie mit tiefer Befriedigung erfüllt! Fast hämisch hatte sie sich gefreut! Schadenfroh! Erleichtert!
Sie war sich nun ihrer ganz sicher! Diese Nacht würde sie so erleben, wie sie es sich immer erträumt hatte, egal wie und wo sie enden würde. Und danach würde sie die Kraft nehmen, ohne ihn weiterzuleben, einzig mit dieser Erinnerung, die jedes ereignislose Leben aufwog! Das war ihre Bestimmung, und sie war bereit, diese Herausforderung anzunehmen!

Als er vor dem alten, aus rohen Steinen erbauten Manoir hielt und ihr die Tür aufhielt, streckte er seine Hand der ihren entgegen, um ihr das Aussteigen zu erleichtern. Sie ergriff diese männliche, warme Hand, die sich fest um ihre eigene schloss und spürte das Prickeln, das diese erste Berührung mit ihm auslöste, wie es sich durch ihre Fingerspitzen durch den Körper fortpflanzte, bis zu ihren Zehenspitzen. Eine heiße Welle von Emotionen drohte sie zu übermannen, und er musste diese Reaktion gespürt haben, denn als sie einander gegenüberstanden, so nah wie noch nie zuvor,  sah er sie wortlos an, sein Mund suchte nach Erklärungen, er setzte zum Sprechen an  und schwieg dennoch. Es sah ihm nicht ähnlich, die Sprache verloren zu haben. Er war für gewöhnlich schlagfertig, und sein Wortschatz reichte von charmanten Äußerungen bis hin zu bissigen oder anmaßenden Spitzen.

Der Zauber wurde von einem herbeieilenden, livrierten Bediensteten unterbrochen, der höflich, mit verschlossener Miene eine Verbeugung andeutete. Er grinste leicht und nickte dem Mann aufmunternd zu.
Dann raunte er in ihr Ohr: „Sind alle Europäer so steif und irgendwie ...“ er suchte nach dem richtigen Ausdruck: „.....verschlafen?“
Sie lachte leise und konnte sich gut vorstellen, wie fremd ihm das Auftreten gut geschulten Hotelpersonals in Europa erscheinen musste. Schließlich kam er aus der Wildnis, oder fast....
Der kleine Mann führte sie über verschwiegene, von duftenden Sträuchern gesäumte Pfade und Stiegen zu einer, anscheinend für sie reservierten, verschwiegenen  Laube. Ein gedeckter, kleiner Tisch mit einem kleinen Strauss Jasmin in der Mitte und einer schwach brennenden Windkerze unter einem schützenden Glasbehälter wartete bereits auf sie. Die beiden weich gepolsterten Sitzgelegenheiten aus geflochtenem Bambus standen einander im halbschrägen Winkel gegenüber, und luden zum Austausch von Vertraulichkeiten und geflüsterten Worten ein.
„Champagner?“ fragte der sich um sie beide bemühende Garçon, und der Gastgeber nickte, nachdem er auf ihr zustimmendes Nicken gewartet hatte.
„Vom Besten, mate!“ bestimmte der Schauspieler.
Weit unter ihnen glänzte das dunkle Meer und die entfernten bunten Lichter des Küstenortes zeugten vom angeregten, bunten Nachtleben des diesjährigen Festivals.
Sie saßen nah beisammen  und ihre Gesichter waren einander zugewandt. Er nahm eine Zigarette aus der Packung und zündete sie langsam und bedächtig an, nachdem sie sein Angebot, ebenfalls zu rauchen, dankend abgelehnt hatte. Tief inhalierte er den Rauch und sah den Rauchwölkchen nach, wie sie weiß in den dunklen Nachthimmel aufstiegen und sich dann auflösten. Ihre  Hände hätten einander berühren können, ohne Anstrengung, und als er ihre linke Hand an seine Lippen zog, und sie nur das Glänzen seiner Augen ausmachen konnte in diesem dunklen Hain der Versuchung, öffnete sich  für sie ein Vorhang, gewebt aus langen Jahren des Wartens und Hoffens, des Bangens und unerfüllter Sehnsucht!

Seine Lippen waren warm und kosend, und sie streiften verlockend über ihre Haut, riefen in ihr das Verlangen hervor, diesen Mund auf dem ihren zu spüren, so wie sie es sich hunderte Male in ihrer Phantasie vorgestellt hatte! Doch er hatte ihre Hand schon losgelassen und beobachtete den Kellner, der mit dem Eiskübel und der bestellten Flasche zurückgekommen war. Er stellte sich an,  diese zu öffnen und die beiden bereitstehenden Kristallgläser mit der prickelnden, stimulierenden Flüssigkeit zu füllen. Er zog sich danach sofort lautlos  zurück, und sie waren abermals allein in der sie umgebenden, samtigen Dunkelheit. Unter den sich sacht im leichten Wind wiegenden Zweigen von blühenden Oleandersträuchern und Jasminbüschen, gefangen in der berauschenden Atmosphäre ihrer beider Nähe.
Er hob ihr sein Glas entgegen und sie tranken einander zu, wortlos, versunken in den Augen des anderen, in Erwartung des gegenseitigen Entdeckens, Erkennens....

„Ich habe das Gefühl, dich schon seit langem zu kennen und weiß doch gar nichts von dir!“ Er ging zum vertrauten Du über, ohne sich dessen vielleicht bewusst gewesen zu sein, oder hatte er die Aufforderung dazu in ihren dunklen Augen gelesen?
„Das ist nicht wichtig“, murmelte sie.
Er lächelte schief und setzte zum Sprechen an, doch sie legte ihm rasch ihren Zeigefinger vor die Lippen und fügte hinzu: „Es gibt nichts zu verstehen!“ murmelte sie mit belegter Stimme weiter. „Frage nicht, zerstöre nichts! Heute ist heute und morgen ist weit!“

Die knisternde Spannung, die sich zwischen ihnen beiden fast ins Unerträgliche gesteigert hatte, entlud sich in seiner Umarmung. Er hatte den linken Arm ausgestreckt, umfasste ihren Nacken  und zog ihren Kopf zärtlich zu sich hin. Seine  Rechte umfassten dabei ihr Kinn und seine Finger strichen sanft über ihre Haut. Sie vermeinte,  in dem Meer seiner nilgrünen Augen ertrinken zu müssen. Er verschloss ihre Lippen mit seinem verheißungsvollen, lockenden  Mund und seine inzwischen stoppelig raue Wange berührte  die ihre. Seine Zunge zwang ihre willigen Lippen auseinander und sein Kuss war von solch betörender Gier, dass sie meinte, zu vergehen, und die Erregung, die ganz plötzlich von ihr Besitz ergriffen hatte, durchzuckte siedend heiß  ihren Körper, verlangte nach mehr. Ihre Hände umspannten seine breiten Schultern. Sie  klammerte sich an ihn wie eine Ertrinkende, während sie sich dem endlos scheinenden Kuss hingab mit jeder Faser ihres Seins. Sie hatte das Gefühl zu fallen, endlos tief und tiefer, bis in alle Ewigkeit.

Benommen holte sie Luft, als er sie plötzlich freigab. Wie hatte sie seine Partnerinnen in den vielen Filmen und den darin vorkommenden Liebesszenen beneidet! Aber dies war kein Film! Dies war keine einstudierte Szene! Es war die Wirklichkeit, die sie erlebte, hier und jetzt, mit ihm, bei ihm, durch ihn!
Er schenkte ihr von dem Champagner nach und sie nippte an dem Glas, kühlte ihre heißen, bebenden Lippen in dem prickelnden Nass des Getränks, während ihre dunklen Augen noch dunkler erschienen, und sich ihre Brust erregt hob und senkte. Sie wollte ihn! Jetzt! Und hätte er sie auf der Stelle genommen, sie hätte ihm alles gegeben! Nichts  anderes war mehr wichtig! Diese Begegnung war ein Deut des Himmels oder der Hölle, wie auch immer! Sie würde der Weisung bis zum Ende folgen, egal, wohin diese wahnsinnige Talfahrt sie auch bringen würde!

Mit einem Male wurde ihr die ganze Bedeutung, der seit antiken Zeiten besungenen, unwiderstehlichen Versuchung bewusst, das Ausmaß ihrer verheerenden Wirkung und die Süße dieser teuflischen Begierde, die man Liebe nannte!
Sie strich ihr vom Wind leicht zerzaustes  Haar zurück, und er trank ebenfalls und lehnte sich in dem tiefen, weichen Sitz zurück, während seine Augen die ihren suchten und weiter über ihren bebenden Körper wanderten, gedankenverloren, seiner Eroberung sicher.

Er war es gewohnt, nicht abgewiesen zu werden. Aber es war etwas anderes, das ihm bei dieser Frau und der ersten Begegnung mit ihr, in seinem Hotel, heute morgen, aufgefallen war: da war eine Ahnung, sie gekannt zu haben, irgendwann, in irgendwelchen Zeiten oder Jahrhunderten, in irgendeiner anderen Welt! Eine greifbare Vertrautheit war zwischen ihnen, die er sich nicht erklären konnte, und die ihn, den selbstsicheren, gefeierten Star, unsicher werden liess. Als sein Blick sich mit dem ihren zum ersten Mal kreuzte, traf ihn die Erkenntnis wie ein Donnerschlag, und er suchte in seinen Erinnerungen den Platz, der ihr zustand. Umsonst! Wie unter einem Zwang hatte er beschlossen, mehr über sie zu erfahren und fast ironisch dachte er bei sich, dass diese Situation jedes seichte Filmszenario bei weitem übertraf. Aber das Leben war unvorhersehbar, einmal mehr! Die Trennung von seiner letzten Geliebten, mit der er sogar in Erwägung gezogen hatte, ein Stück des Lebens zu gehen, war zerreißend und schmerzend gewesen und er wusste, dass er die Hauptschuld am Fehlschlagen ihrer Beziehung trug. Aber er war wie er war und keine konnte es lange mit ihm aushalten! Er hatte eine heimliche Entziehungskur erfolgreich hinter sich gebracht und dieser Champagner war schon wieder viel zu gefährlich für ihn, wenn er ihn auch kaum spürte. Früher hatte er nur den härtesten Getränken zugesprochen, und das in großen Mengen....

Schweigend hatten sie einander betrachtet, fast lauernd wie der andere nach diesem Gefühlsausbruch ihrer Sinne reagieren könnte.
„Erzähl mir von Dir!“ forderte er sie auf. Sie hatte eigentlich keine Lust über sich zu sprechen, sie wollte, dass er sie erneut in die Arme schloss und alles vergessen ließ, was das Leben an Enttäuschungen und Frustrationen an sie bereits ausgeteilt hat. Doch er saß da und sah sie gespannt an und er würde keine Ausflüchte gelten lassen. Nach einem weiteren Schluck aus ihrem Glas, begann sie sich zu entspannen und sie erzählte in einfachen Worten von ihren Kindern, ihrem Mann, mit dem sie seit langem nichts mehr verband, ohne dabei versucht zu sein, ihre Unschuld an der fehlgeschlagenen Beziehung beteuern zu wollen, dem eintönigen Leben, dem nur er eine Note von prickelnder Frische verlieh, er und seine Kunst, der Gedanke an ihn, die Träume, die sie ihn betreffend hatte. Sie endete mit unverhüllten Worten, indem sie ihm von seiner Faszination, die er auf sie vom ersten Moment an ausübte, als sie ihn durch den einen, den ersten großen  Film kennen gelernt hatte, berichtete, von diesem unbestimmbaren Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Der Vertrautheit, die sie fühlte für alles was ihn betraf, des Suchens nach einer Erklärung dafür, die sie nirgends finden konnte und dem damit verbundenen Interesse an seinem Leben, seinen Filmen, seinem Schicksal, welches mit dem ihren auf so unerklärlicherweise verbunden zu sein schien.
Ihre Worte tropften in sein Bewusstsein und seine eigenen Gedanken, und er nickte nur, als würde er gut verstehen was sie meinte. Dann fuhr er sich mit der Hand über die Augen, so als wolle er nach einer Erkenntnis haschen, die sich hastig vor ihm zurückgezogen hatte.
„Es geht mir ebenso!“ entgegnete er rau, als sie geendet hatte.
„Ich weiß nicht, was mit mir geschieht, aber es übersteigt mein Begriffsvermögen!  Ich bin dir nah und suche nach einer Erklärung. Dein Blick traf mich wie ein Donnerschlag heute Morgen und seither versuche ich mich zu entsinnen, woher du mir so vertraut bist!“
Er stellte demonstrativ sein Glas auf dem kleinen Tisch ab und fuhr auf: „Ach zum Teufel mit all den Geheimnissen und der Grübelei! Bleib bei mir, heute Nacht! Vielleicht folgt darauf die Erkenntnis!“
Sie suchte nach Spott in seiner Stimme, in seinem Blick, aber da war nur Verlangen, das sie mit ihm teilte.
Diese Bitte, diese Aufforderung war pure Verheißung und sie legte abermals ihre Finger auf seinen Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen. Gleichzeitig las er die Antwort in ihren Augen, die für sie vom ersten Moment an fest stand, lange noch, bevor ihr das bewusst wurde!
Wie von Zauberhand herbei gewinkt, stand der livrierte junge Mann plötzlich vor ihnen, ein freundliches, angedeutetes und unverfängliches Lächeln auf dem Gesicht. Er wartete, dass das Paar ihm folgen würde. Sie ließ sich von ihrem geheimnisvollen und doch vertrauten  Traummann hochziehen und genoss erneut die Berührung seiner Finger auf ihren nackten Armen. Sie folgten dem sich lautlos bewegenden Bediensteten durch die wild verwachsene Anlage zum schlossartigen Gebäude und  er ließ dabei ihren Arm nicht los. Seine Berührung rief erneut wohlige Schauer in ihr hervor. Sie betraten die spärlich erhellte, kleine, rustikal möblierte  Halle. Nur am Rande nahm sie wahr, dass der Bedienstete einen Zimmerschlüssel an der Rezeption verlangte und ihnen dann mit einer einladenden Geste zu verstehen gab, dass sie ihm folgen mögen. Über eine Wendeltreppe gelangten sie in einen Korridor und am Ende desselben wurde eine schwere, alte Eichentür geöffnet und sie traten ein und lauschten aufatmend dem dumpfen Klicken der Tür, als diese mit einem ächzenden Laut ins Schloss fiel, sie waren allein!

Sie versuchte, sich dem Bann seines Blickes zu entziehen und ließ ihre Augen interessiert umher schweifen. Der große Raum glich einem ritterlichen Schlafgemach aus dem Mittelalter. Ein bisschen kitschig vielleicht, aber die Wandteppiche, die alten Kupferstiche an den Wänden, und die am Boden liegenden Felle schienen authentisch zu sein, ebenso, wie das breite, grob gezimmerte Bett, das sich hinter gerafften, samtenen Vorhängen verbarg.
Sie beachtete den bereitstehenden Champagner kaum, und auch nicht den mit allerlei Köstlichkeiten gedeckten Tisch. Sie hatte nur Augen für ihn und es schien ihm ebenso zu ergehen, wie ihr selbst.
Unwirklich erschien das alles, aber es war dennoch Realität und sie fand jetzt und hier statt!
Sie ließ zu, dass er hinter sie trat und sie umarmte, sehnte herbei, dass er sie festhielt und ihre Nähe suchte, wie sie die seine.  Sie erschauerte wohlig, als sie seine Erregung spüren konnte, und während  seine Lippen die empfindlichsten Stellen ihres Halses liebkosten, ihre Ohrläppchen und ihre Schläfen, ganz so, als wüsste er um die sensitive Empfindlichkeit dieser Stellen, entrang sich ein leises Stöhnen ihrer Brust. Sie bog ihren  Arm nach rückwärts und ihre Hand glitt durch sein weiches, leicht zerrauftes Haar, streifte seine heißen Wangen, und genoss diese Berührung rückhaltlos. Sein Arm glitt von ihrer Schulter über ihre Brüste und ertastete die weiche Wölbung ihres Körpers, um dann weiter abwärts zu wandern, ihren Schenkel unter dem hauchdünnen Stoff des engen Kleides zu liebkosen, immer fordernder, immer sicherer, bis seine Hand den hinderlichen Stoff hoch schob und er seine Hand zwischen ihre Beine gleiten ließ. Sie stöhnte auf und spürte ihrerseits, wie auch seine Erregung wuchs.

Langsam drehte sie sich zu ihm um und wölbte ihm ihren zitternden Leib entgegen. Sie blickte in seine Augen und es war ihr, als hätte sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan, als sich in diesen Augen zu verlieren, hundertmal, tausendmal, seit aller Ewigkeit. Sie wollte darin ertrinken, und sie hätte ihre Seele für diesen einzigen Moment ihres Lebens verkauft! Alles was davor gewesen war und danach noch kommen sollte, war unwichtig, ausgelöscht. Es war ihr nun Gewissheit, dass ihr bisheriges Leben nur auf diesen einen Tag, den sie jetzt erlebte, ausgerichtet gewesen war. Dass er den einzigen Sinn ihres Daseins darstellte und sie für diesen Moment all die Jahre gelebt hatte...

Er schob das Kleid von ihren Schultern und ließ es zu Boden gleiten. Seine Hände liebkosten ihren Brüste, und seine  spürbar ungehemmte Leidenschaft steigerte ihr Lustgefühl bis ins Unermessliche. Sie schob die leichte Jacke von seinen Schultern und ließ ihre Hände unter sein Hemd gleiten. Seine heiße, glatte Haut über den angespannten Brustmuskeln fühlte sich unter ihrer Berührung wie elektrisch aufgeladen an, prickelnd, lebendig, und sie konnte  seinen raschen Herzschlag spüren. Er befreite sich von dem Seidenhemd, es fiel auf ihr Kleid am Boden. Ihr Mund liebkoste seine Halsbeuge, sein Grübchen am Kinn,  während sich ihre Hände an seinem Gürtel zu schaffen machten. Sie handelte wie unter einem Zwang, unter dem Befehl ihres Geistes, der ihren Körper beherrschte und ihn aufforderte, endlich ihren Wunschtraum wahr zu machen, ihn zu spüren, zu lieben...
Er legte schwer atmend seine Hände auf ihre ungeduldigen, und half ihr, ihn vollends zu entkleiden.  Als sie einander nackt und sich gegenseitig begehrend gegenüberstanden, verloren sie sich in einer spontanen, heftigen Umarmung, als wäre es ein Wieder finden und das Ende einer maßlos langen Wartezeit.

Er stöhnte, überrascht von seinen innersten Gefühlen, die seiner Leidenschaft in keiner Weise nachstanden, und während seine Zunge in ihren bebendem Mund glitt und sie die Süße seines Kusses empfing,  zog er sie, fest im Arm haltend,  auf das breite, weiche Bett. Sie lag auf ihm, und ihrer beider Hände streichelten und erforschten einander. Ihr Verlangen nach ihm wuchs ins Unermessliche.
„Liebe mich“, flüstert er belegt und seine Augen wurden eine Spur dunkler.
Sie küsste seine Augenlider und öffnete bereitwillig ihre Schenkel,  gab dem auffordernden Druck seiner Hände nach, und zwang ihn in ihr weiches, heißes Fleisch. Während ihre Lippen erneut die seinen suchten, begannen ihre beiden miteinander verschmolzenen Körper,  erst zögernd und dann heftiger, angeregt, durch ihr wachsendes Lustgefühl, rhythmisch zueinander zu bewegen.  Dann gab es nichts mehr für die beiden Liebenden, als ihr leises lustvolles Keuchen, geflüsterte Liebesbezeugungen, die aus ihren Seelen quollen, und diese Wonne, die sich bis zur Ekstase hin steigerte.  Ihre zuckenden Körper verschmolzen mit dem Geist des anderen zu einer schwingenden, phantastischen  Einheit, glitten durch Raum und Zeit, verloren sich in der Endlosigkeit ungeschriebener Naturgesetze.

Als  eine Explosion der Wollust ihre beiden Körper fast gleichzeitig zum Erbeben brachte, öffnete sie ihre Augen und blickte in die seinen, während sie auf den Wellen ihres gemeinsamen Höhepunktes dahin rasten, um schließlich erschöpft und schweißnass aufeinander zu ruhen, und ermattet dem Herzschlag des anderen zu lauschen. Sie hatte nie geahnt, dass sie zu solcher Leidenschaft fähig war! Ihr Erstaunen mischte sich mit dem Gefühl der Liebe, die sie immer schon für ihn empfunden hatte, denn das war es, was sie so verändert hatte....
‚Sterben’, dachte sie erschöpft.
‚Die Zeit anhalten! Jetzt! In diesem Moment! In seinen Armen! Für immer!’
Sie schloss die Augen und unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Eine tiefe, bittere Traurigkeit hatte von ihr Besitz ergriffen. Wie sollte sie jemals in ihre scheinbar heile Welt zurückkehren können, nach dieser Nacht? Wie sollte sie jemals die Umarmung ihres Mannes ertragen können, seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren, und seine Nähe hinnehmen?
Seine Hand strich sachte über ihren Rücken und mit der freien tastete er nach seinen Zigaretten. Immer noch lauschte sie seinem Herzschlag, der sich nun verlangsamte. Sein rasendes Trommeln wurde zum bedächtig regelmäßigen Klopfen, das von Leben und Stärke zeugte...
Durch das weit geöffnete Fenster drang der Gesang einer Nachtigall, deren Lied von wundersamen Klang und gleichzeitig so unendlich traurig war....
So schlief sie ein, an ihm geschmiegt,  und glitt in einen Traum, der wirklicher war als jeder Traum den sie bisher hatte.....So wirklich wie das Leben selbst....

Der englische Soldat stößt die Tür des halb ausgebrannten Hauses auf, und ruft mit rauer und gleichzeitig müder Stimme: „Ist hier jemand?“
Keine Antwort dringt aus den dunklen, verwüsteten Ecken des Hauses. Es scheint verlassen, tot, wie der Rest dieser kleinen Ortschaft in diesem Grenzgebiet, das von den Amerikanern ebenso ausgebombt worden war, wie auch die gesamte Umgebung, der Wald und die vernichteten Felder, die hier einstmals gediehen. Tonnen von Bomben waren wahllos abgeworfen worden.
Wie eine gespenstische Kraterlandschaft wirkt das Land. Die überlebenden Einheimischen waren geflohen, ins Landesinnere, wo sie jedoch bald vom unerbittlichen  Krieg und seinen vorrückenden feindlichen Heerscharen eingeholt wurden.
Er denkt an seine Familie, seine Eltern und Schwestern zuhause. Ihre Stadt war ausgebrannt und zerstört, sie jedoch wohnten weit draußen und waren weitgehend verschont geblieben von Tod und Zerstörung. Die kleine, elterliche Farm lag versteckt zwischen den Hügeln, einigermaßen sicher.
Sie waren zügig vorgerückt, gefolgt von den amerikanischen Truppen und hatten vor wenigen Stunden die Grenze zum feindlichen Nachbarland übertreten. Die diktatorische Schreckensherrschaft war zu Ende, der Feind zog sich zurück, war geschlagen. Genugtuung verschafft ihm das dennoch nicht. All die prosaischen Reden der Anführer, um die Männer zum Kampfesgeist anzuspornen, hatten ihn zermürbt und keine davon scheint ihm mehr glaubhaft genug, um weiter zu machen...

Schon will er diesen Ort der Verheerung verlassen und sich den Kameraden anschließen, Meldung erstatten, als ihn das Gefühl beschleicht, beobachtet zu werden. Er gewahrt einen Schatten der sich in seinem rechten Blickwinkel neben der Tür des Korridors zu bewegen scheint. Doch nun war nichts mehr zu sehen, kein Laut zu hören, es war alles vielleicht eine optische Täuschung gewesen. Er brauchte endlich etwas Ruhe, eine Mütze voll Schlaf, sonst würde langsam aber sicher der Wahnsinn von ihm Besitz ergreifen.

Der Klang von Metall, das auf die Steinfliesen des unebenen Bodens fällt, lässt ihn für den Bruchteil einer Sekunde zusammenzucken. Schon presst er seinen muskulösen Körper an die Wand des Flurs und schleicht seitwärts und lautlos in die Richtung des vernommenen Geräusches. Mit gezogener Waffe springt er in den Raum, der halbverdeckt von einer angelehnten Tür im Verborgenen liegt. Ein Zimmer, - ebenso verwüstet wie der Rest des Hauses. Trostlosigkeit, menschliche Bestürzung. Sein Blick umfasst umgestürzte Möbel, herausgezogene Schubladen, anscheinend hastig durchsuchte Schränke. Vielleicht hatten Plünderer nach verbliebenen Habseligkeiten gesucht. Er kann die Angst in diesen Wänden förmlich riechen und fühlen, sie kriecht diese Mauern entlang. Er spürt, wie sich seine Haare im Nacken aufstellen. Er hat diesen „sechsten Sinn“ wie seine Mutter behauptet, kann Unheil vorausspüren und saugt abgeladene Energie von längst vergangenen Ereignissen und Menschen auf. Er hatte es sich nicht ausgesucht so zu sein.  Als er noch ein Kind war, dachte er, dass jeder um ihn herum so fühlte, bis seine Großmutter ernsthaft mit ihm sprach und ihm erklärte, dass dem nicht so sei. ‚Gottesgabe’, nannte sie es, doch er betrachtete es eher als Bürde.

Er war damals zwölf gewesen oder noch jünger, aber er hatte die Ernsthaftigkeit der Sache gefühlt und sich damit abgefunden, von den übrigen Familienmitgliedern manchmal ängstlich betrachtet zu werden oder ihren Hänseleien ausgesetzt zu sein, vor allem jenen seiner jüngeren Schwestern. Heute dachte er nicht einmal mehr darüber nach, aber immer wenn er dieses Prickeln im Nacken fühlte und seine Haare sich aufrichteten, dann wurde er daran erinnert, und eben in diesem Augenblick passierte es wieder! Eine innere Alarmglocke schlägt an und rät ihm, das Haus fluchtartig zu verlassen. Doch er ist Soldat und er wird nicht feige wegrennen vor irgendwelchen Schatten oder Geräuschen.
Er ignoriert bewusst die unangenehmen, physischen Anzeichen seiner Beunruhigung und schleicht weiter, während seine Augen sich an das Dämmerlicht des Raumes zu gewöhnen suchen. Die hölzernen Jalousien waren herabgelassen worden und lassen nur spärliches Licht hindurch. Nur dort, wo sie teilweise zerbrochen sind, können sich Sonnenstrahlen weiter ausbreiten und zeichnen helle, weiße Streifen in das Dunkel des Raumes und seine Unordnung.

Er sieht in allerletzter Sekunde die Bewegung im Dunkel des gespenstischen Raumes und das Aufblitzen der Waffe, mit der man ihn zu rammen versucht! Instinktiv fängt der die Hand des Angreifers ab, was ihm erstaunlicherweise nicht schwer fällt. Das Messer entgleitet der fremden Hand und ein Schmerzensschrei zerreißt die Stille der vorangegangenen Minuten. Erstaunt über den femininen Ton dieses Lautes lässt er lockerer, und wie eine Furie stürzt die junge Frau auf ihn los und versucht mit gekrümmten Fingern sein Gesicht zu attackieren. Doch er ist vorgewarnt, und mit einer raschen Armdrehung kann er sie wehrlos machen und festhalten. Sie ist jung, jünger als er selbst, fast ein Mädchen noch. Blondes, unordentliches Haar ringelt sich um ihren Kopf und lässt sich anscheinend nur schwer bändigen. Erschreckte, dunkle Augen blicken in die seinen, hellen, und ihre Gestalt ist verhüllt von viel zu großen Kleidern, die sie mit einem Bindegürtel um ihre Mitte herum festhält. Eine alte, graue Weste schlottert um ihre Schultern und sie wehrt sich wie eine Wildkatze gegen seinen festen Griff.
Er spricht sie in seiner Muttersprache an und versucht sie zu beruhigen, was ihm aber kaum gelingt, denn das Mädchen ist von panischer Angst erfüllt. Er lässt es los und wirft seine Pistole weit von sich, hebt die Hände hoch über den Kopf, um ihm klarzumachen, dass er nicht ihr Feind ist. Sie hält ihre ungezielten Angriffsversuche zurück und schlingt die weite Weste enger um sich, schutzsuchend und beunruhigt. Sie blickt ihn finster an, doch ihr Gesichtsausdruck täuscht. Ihre Augen sind groß vor Angst.
„Ich bin ein Freund“, versucht er es wieder und sie blickt ängstlich zur Tür, wo sich ein weiterer Soldat eingefunden hat. Er pfeift anerkennend durch die Zähne und gratuliert dem Kameraden zu der Kriegsbeute.
Doch der erste Soldat sieht, wie das Mädchen wieder heftiger zu zittern beginnt und erwidert ungehalten:„Wir sind keine Russen! Wir lassen sie in Ruhe, anscheinend ist sie die einzige, die in dem Kaff hier noch lebt oder nicht auf und davon gelaufen ist!“
Er dreht sich um und will die ungastliche Stätte verlassen, doch plötzlich klammert sich die Frau an seinen Arm und hält ihn zurück. Ihr Englisch ist einfach, doch verständlich, und er sieht sie erstaunt an, als sie ihn anspricht:
„Bitte! Lassen Sie mich mitgehen! Ich habe Angst!“
Er schüttelt mitleidig den Kopf: „Das ist unmöglich! Ich muss zurück zu meiner Einheit! Aber du hast nichts mehr zu befürchten! Der Krieg ist so gut wie zu Ende! Wir haben gesiegt!“
Im gleichen Moment wird ihm klar, wie unsinnig dieser Ausspruch sich anhören muss für dieses Mädchen, die Besiegte. Er hat von seiner Sicht aus gesprochen. Vielleicht waren ihre Brüder, ihr Vater oder gar ihr Mann unter den feindlichen Soldaten, wer konnte das schon wissen?
Unangenehm berührt sieht er die Tränen, die stumm über ihre Wangen rollen und tätschelt ihre Schulter.
„Weine nicht! Ich werde zusehen, was ich tun kann! Ich rede mit dem Kommandanten!“
Sie folgt ihm wie ein verschrecktes Hündchen und zieht die Weste noch enger um ihren Körper, so als könne ihr das alte, ausgeleierte Ding Schutz bieten vor den neugierigen Blicken der Soldaten, die sich nun überall zwischen den Häusern und Ruinen bewegen.
Als der Soldat seinen Befehlshaber erblickt, erstattet er ihm vorschriftsmäßig Bericht, und mit der ihm angeborenen, englischen Höflichkeit bittet dieser das verschreckte Ding sich zu gedulden und lässt sich Namen und Geburtsdaten geben. Sie heißt Lisa, wahrscheinlich eine Kurzform von Elisabeth und ist neunzehn Jahre alt. Nein, verheiratet war sie nicht und ihre Mutter und Schwester waren zu Besuch bei den Grosseltern in einer nahen Kreisstadt, als die amerikanischen Bomben fielen. Ihr Vater fiel bereits vor einigen Jahren an der Front, ganz zu Beginn des Grossen Krieges.  Sie habe das Elend gesehen, die Schreie gehört, als die Bomben nieder gingen, und dann war da nur mehr Stille um sie herum gewesen. Sie hatte sich tagelang nicht aus dem Zimmer gewagt, aus Angst, das beschädigte Haus könne bei der geringsten Bewegung in sich selbst zusammen stürzen und sie unter sich begraben. Ihre Stimme klingt hell und rein und der harte Akzent ihrer Aussprache unterstreicht die Tragik des Durchlebten und ihres Kriegsalltags.
Der Soldat wendet sich ein letztes Mal zu ihr um und stößt dann zurück zu seinen Männern. Hilflos steht die junge Frau inmitten des Männerhaufens und harrt ihres Schicksals. Es war nicht mehr seine Sache, man würde sich um sie kümmern, vielleicht ihre Familie ausfindig machen, sie mit anderen Flüchtlingen zusammenführen.
Seit sie dieses Land betreten hatten, machte der anfängliche Zorn auf dieses Volk der Konsternation angesichts des Leides und der angstvollen Bevölkerung Platz und er fühlte sich nicht mehr als Sieger, als Befreier Europas, sondern als Eindringling und Angreifer. Was hatte dieser Krieg mit den Menschen gemacht? Mit den Ländern und ihren weiten Feldern, ihren einstmals fruchtbaren Weiden und ansehnlichen Häusern? Nur Tod und Zerstörung, ausgebrannte Dörfer und seit Jahren unbestellte, brach liegende Felder hatten sie durchquert. All das für den Wahnsinn eines einzelnen Mannes und seiner Helfershelfer! Er war es müde über Sinn und Unsinn dieses Krieges zu philosophieren und sehnte sich nach dem Lager, sei es auch noch so unbequem, das sie hier in der Nähe aufschlagen würden.

Noch im Morgendämmern wird er mit zwei weiteren Kameraden beauftragt, das Mädchen und ein altes Ehepaar, das man ebenfalls aufgegriffen hatte, in die Kreisstadt zu bringen, zur hiesigen Kommandantur. Alles Weitere würde diese dann unternehmen.
Das angespannte Gesicht des jungen, deutschen Mädchens wirkt gelöst, als sie ihn erblickt, und es ringt sich sogar ein Lächeln ab, das er freundlich erwidert. Er erkundigt sich nach ihrem Befinden, nachdem er den beiden Alten in den Lastwagen geholfen hat, und sie dankt ihm dafür. Doch die Sorge um ihre Verwandten steht ihr ins Gesicht geschrieben und er hofft, dass man sie lebend finden würde. Die Fahrt dauert etwa eine halbe Stunde und er hat Zeit, das Gesicht der jungen Frau genauer zu betrachten. Ihm wird bewusst, wie hübsch sie eigentlich ist. Dunkle Augen in einem kleinen, dreieckigen Gesicht, das von gelocktem, weizenblondem Haar umrahmt wird. Er vergleicht sie mit einer klassischen Engelstatue und schallt sich selbst ob seiner unangebrachten Romantik.

Als erneut die Bomber der Alliierten über sie hinweg dröhnen, zuckt sie zusammen und er fasst beruhigend nach ihrer Hand. Sie zittert in der seinen und er gibt ihr durch einen schwachen Druck zu verstehen, dass sie nichts mehr zu befürchten hatte.
Als sie etwa eine Stunde später den Stadtrand der Kreisstadt erreichen und der Tumult um sie herum, der Lärm der marschierenden Truppen und die Rufe der Befehlshaber lauter werden, wissen beide, dass sie einander nie wieder sehen würden und als hätten sie das Gleiche gedacht, treffen sich ihre Blicke und ein wenig Bedauern spricht aus diesen. Sie senkt die langen Wimpern über ihre großen Augen und versucht sich das Bild des fremden Soldaten für immer einzuprägen: warme, blaugrüne Augen und blondes, kurzes Haar, ein unrasiertes, offenes Gesicht. Auch seine Stimme würde sie nicht mehr vergessen, nie mehr.....

Als Lisa erfährt, dass beide, Schwester und Mutter nie in der ausgebombten Stadt angekommen sind, ist er längst mit seinen beiden Begleitern zurückgefahren und sollte sie vergessen. Doch er schafft es nicht, ihr Gesicht aus seinem Bewusstsein zu verdrängen. Ihre verschreckten Augen, der vertrauensvolle Händedruck, den sie erwidert hatte....
Nach mehreren Tagen rückt die Einheit weiter vor, muss auch die Kreisstadt passieren, um weiter gegen Norden zu ziehen, wo sie mit den amerikanischen Truppen zusammentreffen wollten.
Als sie die Häuserzeilen passieren, blickt er angestrengt aus dem Wagenfenster des Jeeps, doch er kann sie nirgends erblicken. Er seufzt und hofft, dass sie ihre Familie heil angetroffen hat.

Wochen später unterzeichnet der Feind die Niederlagserklärung, der Krieg ist vorbei, das Land wird unter den Siegermächten aufgeteilt, er bekommt Order mit der Einheit seiner Kameraden nachhause zurückzukehren. Ein Teil des besiegten Landes  würde nun von Engländer besetzt werden, andere Teile von Amerikanern, Franzosen und Russen. Er hatte seinen Teil geleistet, seine Vaterlandspflicht erfüllt, und brannte darauf, die Familie wieder zu sehen.
Sie würden per Bahn zur Küste fahren und sich dort in Richtung Heimat einschiffen. Die wahnwitzige Idee entsteht lange vor dem Abzug. Er will sich auf dem Rückweg nach dem Verbleib Lisas erkundigen. Die Kommandantur würde Bescheid wissen, so hoffte er jedenfalls.

Als er dort nachfragt, ist man zwar verwundert über sein Interesse an dem Mädchen, macht sich aber dennoch die Mühe in den Registern zu blättern und findet auch die besagte Eintragung.
Lisa befindet sich in einem Flüchtlingslager, einem Barackenlager, unweit der Stadt. Sie hatte ihre Familienangehörigen als einzige überlebt, weitere Verwandte waren als vermisst gemeldet und waren höchstwahrscheinlich bei einem Luftangriff ums Leben gekommen.
Er hatte einige Stunden Zeit vor sich und macht sich sofort auf den Weg. Ein Versorgungsfahrzeug nimmt ihn unterwegs mit und er hofft, Lisa noch in dem Lager anzutreffen. Er sorgt sich um das Gelingen seines Vorhabens, als hinge sein Seelenheil davon ab, sie zu sehen und gut versorgt zu wissen. Er würde ihr Lebewohl sagen....

Als man ihm die Barackennummer nennt, in welcher Lisa mit zwei weiteren, jüngeren Vollwaisen untergebracht ist, sucht er sich klopfenden Herzens seinen Weg zwischen den eng aneinander gebauten Holzhütten.
Als hätte sie auf ihn gewartet, sitzt sie auf den Stufen der Baracke. Auf ihrem Schoss hält sie ein großes Gefäß und liest Erbsen aus. Ihr Haar leuchtet aus der Ferne und die warme Junisonne verleiht ihrer Erscheinung Glanz und Farbe. Die unförmigen Kleider und die weite Jacke hat sie gegen ein verwaschenes, helles Baumwollkleid eingetauscht, und er betrachtet entzückt ihre schmale Figur, die weißen, nackten Arme, die schmalen Hände, die sich mit den Erbsenschoten beschäftigen. Unweit entfernt spielt ein halbwüchsiges Mädchen mit einer getigerten Katze, die sich träge in der Sonne räkelt. Es blickt neugierig zu dem Soldaten hin und dann zu Lisa, die den Topf bedächtig zur Seite stellt und sich erhebt. Verlegen streicht sie das Kleid glatt und ihre Augen blicken ihm in unverhohlener Freude entgegen. Das freudige Aufblitzen kann sie kaum verbergen und ein schüchternes Lächeln stiehlt sich um ihren Mund.
Er grüsst sie und die Freude, sie wohlbehalten und gesund wieder zu sehen, steht ihm ins Gesicht geschrieben. So stehen sie einander  gegenüber und sie blickt zu ihm hoch. Die Erleichterung darüber, sie wohlbehalten wieder zu sehen, lässt ihn fast ein wenig erzittern.
Sie reicht ihm schüchtern ihre Hand und erwidert seinen Gruß. Dann stellt sie sich auf die Zehenspitzen und küsst hastig und schnell seine rechte Wange.

Über diese freundschaftliche Geste ist er überrascht und erfreut zugleich. Er setzt sich zu ihr und erfährt von dem tragischen Schicksal der Ihren. Er findet keine Worte des Trostes und ihre vor Tränen blinden Augen sehen durch ihn hindurch. Fast fühlt er sich mitschuldig an ihrem Dilemma. Aber es war immer das Gleiche! Jeder Krieg brachte Leid und Tod. Die Zivilisten waren am meisten von der Not und all den schrecklichen Dingen, die dieser mit sich brachte betroffen. Anscheinend hatte die Menschheit seit Jahrtausenden nichts dazu gelernt....
Sie bemüht sich, die vertrockneten Schoten zu öffnen und er hilft ihr dabei. Er erzählt, dass er noch heute weiter muss und in wenigen Tagen eingeschifft wurde, um endlich nach hause zu gelangen. Ihm entgeht nicht, dass ein Schatten auf ihr Gesicht fällt und er wünscht, er könnte ihr irgend etwas Positives für ihre Zukunft versprechen...
Doch da gibt es nichts. Abgedroschene Phrasen wie ‚die Zeit heilt alle Wunden’, waren ihm schon immer zuwider gewesen und er glaubte auch nicht daran!
Er weiß, sie hat weder Familie noch Bekannte und befindet sich allein in dieser kargen und entbehrungsvollen Nachkriegswelt. Eine Wahnsinnsidee durchzuckt seinen Geist! Er würde sie mitnehmen! Er würde sie nach England mitnehmen und für sie sorgen. Auf keinen Fall wollte er sie allein hier zurücklassen. Was sollte aus ihr werden? Sie konnte nicht ewig in diesem Lager bleiben! Sie brauchte eine Bleibe, ein Heim, Arbeit, jemanden der sie abends in den Arm nahm und ihre bösen Träume vertrieb!

Als er mit seiner Idee heraus platzt, sieht sie ihn entgeistert an. Sie sucht nach Einwänden, doch er redet und redet und zerstreut ihre Zweifel. Er würde schon die nötigen Papiere für sie bekommen und notfalls noch länger bleiben, jedenfalls, so lange wie nötig, um die Sache zu regeln.
Plötzlich hat er es nicht mehr eilig von hier weg zu kommen. Wo sie war, da schien die Sonne, auch wenn die Felder ringsum noch brach lagen, lange würde das nicht mehr andauern!
Zweifelnd willigt sie schließlich ein, sie hat ja niemanden mehr hier und ihr Vertrauen in den englischen Soldaten ist tief und fest.
Er küsst sie auf die Stirn und macht sich auf den Weg, nachdem er ihr versprochen hat, sich um sie zu kümmern und sich zu melden, sobald er Neuigkeiten hätte.

 
Fast drei Wochen dauert die Wartezeit an, und er verdankt es seiner Redegewandtheit und seinen militärischen Verdiensten, dass man seiner Bitte nachkommt. Fast täglich findet er sich bei Lisa ein und sie kommen einander so nahe, wie es bei Verliebten eben der Fall ist. Ihre Liebe wächst wie eine zarte Blüte, bereit sich zu öffnen, zu gedeihen  und zu reifen. Nach langen Spaziergängen durch die Felder, die zwar ohne Saatgut wild austreiben und daher von einem Meer roten Klatschmohns und dem Blau der Kornblumen, die der Leuchtkraft des Sommerhimmels um nichts nachstehen, übersät sind, kommt es zu den ersten zärtlichen Küssen, die immer leidenschaftlicher werden. Ihre Umarmungen steigern sich ungeduldig und bringen ihre Körper zum Erbeben.

Als der Tag der Abreise naht und sie dann endlich und erleichtert die Ausreisegenehmigung in Händen halten, wandern sie ein letztes Mal durch die weiten Felder, die das Lager umgeben, und ihre Zukunft steht klar und deutlich, ja viel versprechend  vor ihren Augen, wie das Lied der Nachtigall, das süß und traurig zugleich für sie erschallt. Sie halten einander an den Händen, und er schließt sie erneut in die Arme, atmet den frischen Duft ihres Haares ein und dankt Gott für die glückliche Wendung ihrer beiden Geschicke. So stehen sie da, in ihre Umarmung vertieft, als die Kugel des verborgenen, wahnwitzigen, von Hass auf diese Uniform durchdrungenen  Heckenschützen ihre beiden Körper durchbohrt...

Auf den ersten Schuss folgen zwei weitere, und als sie, sich aneinander klammernd, tödlich getroffen zu Boden stürzen und sie ihre verwunderten Augen in die seinen senkt, ist ihr Schicksal so eng miteinander verknüpft wie nie zuvor.
Ihr junges Blut mischt sich mit dem seinen, färbt die Erde um sie herum rot.
Am Boden liegend stammelt er ein letztes Mal sterbend ihren Namen, während ihre Augen bereits brechen und sie ihr Leben aushaucht, wobei  sich ihre Hände Hilfe suchend um seine Schultern geklammert haben.
Als man sie so am nächsten Morgen findet, erweist es sich als äußerst schwierig, die beiden erstarrten Körper voneinander zu lösen. Man bestattet sie gemeinsam auf dem Soldatenfriedhof und die Menschen aus dem Barackenlager bringen Sträuße von rotem Mohn und blauen Kornblumen an ihr Grab. Es wird zu einem Symbol für diesen Krieg, dieses Grab, für Menschlichkeit und die Hoffnung auf Leben und einen möglichen Neubeginn. Nie wieder sollte die Unsinnigkeit des Tötens und des Hasses stärker zum Ausdruck kommen als angesichts des weißen Mahnmales, nahe der Grenzstadt, im Herzen Europas....

Als sie schweißgebadet erwachte und seinen warmen Körper an den ihren geschmiegt spürte, schlug ihr Herz wie rasend  vor Erleichterung. Der immerwährende Gesang der Nachtigall hatte ihren leichten Schlaf beendet, und sie spürte die nassen Spuren ihrer Tränen auf dem Kissen unter sich.  Sie versuchte sich zu Recht zu finden, und das Ausmaß des Traumes verwirrte sie zutiefst. Der Wunsch ihres Lebens hatte sich erfüllt, ein schier unglaubliches Schicksal hatte sie mit dem Mann zusammengeführt, der ihr mehr bedeutete als alles andere je zuvor!  Sie hatte geträumt, und doch, es war wie eine Erinnerung, die sich nun offenbarte, und nur in den Tiefen ihres Unterbewusstseins versteckt geruht hatte.  
Hier, neben ihm, an seiner Seite, nachdem er sie mit seinen Zärtlichkeiten überhäuft hatte, brach etwas in ihr auf, und sie ahnte nun, was er, den sie seit ewigen Zeiten zu kennen vermeinte, für sie war.

Er war ihr Retter, ihr Held, ihre Liebe.
War es möglich? War es nur ein Traumgespinst? Ihre Schicksale waren untrennbar miteinander verbunden. Sie blickte in sein Gesicht. Seine Augen waren fest geschlossen, doch seine Lider mit den langen, geschwungenen Wimpern zuckten unruhig, und sein Gesichtsausdruck hatte etwas Verletzliches an sich, etwas fast dramatisches.
Noch während sie ihn betrachtete, erwachte er, scheinbar ebenso verwirrt und beunruhigt wie sie selbst. In seinen Augen stand tiefe Traurigkeit, Entsetzen fast, und als sich ihre Blicke trafen, war das gegenseitige Verstehen  und Begreifen vollkommen. Es traf sie wie ein plötzlicher Schlag! Sie wussten, ohne ein Wort zu wechseln, woher sie sich kannten,  warum sie voneinander gegenseitig angezogen wurden. Er hielt sie fest im Arm, küsste ihre Stirn, und sie legte ihren Kopf auf seine Brust.
„Wir haben viel nachzuholen!“ flüsterte er.
„All die Jahre....“
Ja, sie hatten viel nachzuholen, aber sie hatten die Ewigkeit besiegt. Sie waren im Tod vereint gewesen und würden es im Leben sein.
Vielleicht für immer, wenn es ihr Schicksal war. Irgendwann würde der Tod sie erneut einholen, aber bis dahin...

...Und es gab immer ein Danach...

 

ENDE

 
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