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Eine reiche Lady
(Übersetzung von Barbara Müller)
Kapitel 1
Ich verpasste beinahe das erste Mal, daß der Spanier in der Arena kämpfte. Ich verbringe meine Zeit selten bei Massenkämpfen --solch eine Verschwendung von hervorragendem Fleisch. Aber an diesem Tag war ich dazu in der Stimmung. Ein verschütteter Becher Wein, ein zerrissener Saum, ein zerbrochenes Stück Nippes - triviale Dinge, zugegeben, aber ausreichend, um mich aus den vier Wänden meines Anwesens zu vertreiben und in die Arena zu locken für etwas Sport, bevor ich einen der Bediensteten erwürgte.
Zuerst Gewalt, dachte ich, und dann vielleicht das Andere. Wie es sich herausstellte, hatte ich Glück; der Germane war bei Proximos Gruppe von Amateuren dabei, ich nehme an, um deren Chancen etwas zu verbessern. Nach dem Kampf würde er in einem schönen Zustand sein; er würde voller Energie sein. Nach einem Nachmittag des Blutvergießens war er das immer.
Zu dieser Zeit vergnügte ich mich oft mit ihm; er war einer meiner Lieblinge. Auch wenn er sich nicht das geringste aus mir machte, lächelte er immer, wenn er sah, daß ich es war, die in dieser Zelle auf ihn wartete, die etwas besser möbliert war als der Rest der Baracken. Nicht, weil ich einfach zufrieden zu stellen bin (das bin ich nicht), nicht einmal, denke ich, wegen der Münzen, die ich für ihn da ließ, obwohl er die durchaus mochte. Ich denke, es war, weil wir einander verstanden. Ich verlangte kein Katzbuckeln oder falsche Bewunderung. Er war freimütig, taktlos, völlig ehrlich. Ich mochte das. Und mein Aussehen hatte bei ihm kein Zögern ausgelöst, nicht einmal beim ersten Mal. Auch das wußte ich zu schätzen.
Er war außerdem von Mutter Natur großzügig ausgestattet worden, von wirklich guter Qualität. Und sein natürlicher Enthusiasmus verlieh unseren Geschäften miteinander einen ganz eigenen Charme. Alles in allem ein sehr befriedigender Mann.
Vielleicht analysiere ich zuviel; aber das ist mein Hobby.
Ich bin in Rom aufgewachsen, und die unglaubliche Langeweile, die mich im jämmerlichen Zucchabar plagte, wäre einfach zu viel gewesen, wenn es nicht einen Ausgleich gäbe. Es ist mir nicht möglich, viele der Aktivitäten auszuführen, mit denen andere Frauen sich beschäftigen, und viele von denen, die mir möglich sind, finde ich geschmacklos. Und so beschloß ich, meinem Interesse an den Gladiatoren von Proximo und den anderen zu frönen.
Ich bemerkte ihre Stile, ihre Fähigkeiten, ihre bevorzugten Waffen. Ich wußte, wie viele sie getötet hatten; ich konnte jedem sagen, wer vor einem Kampf nervös sein würde, und wer betont selbstsicher. Ich konnte die Plazierungen der Narben auf ihren Körpern aufzählen und welche Waffen sie verursacht hatten. Ich konnte für jeden ihre Leistungen inner- und außerhalb der Arena analysieren.
Es ist wahr, daß nur wenige andere in Zucchabar diesem Hobby nachgehen. Ich nehme an, ich betreibe es eingehender und öfter als der Rest.
Aber dann wiederum kann ich es mir leisten - ich bin eine reiche Lady.
Zumindest für diese sandige Ecke der Hölle; ganz bestimmt reich genug, um die Dienste eines jeden Gladiators hier zu kaufen, wann immer und so oft ich es wünschte.
Proximo suchte mich auf, nachdem seine Kämpfer fertig waren. Es fiel ihm nicht schwer, mich zu finden; ich trage absichtlich leuchtende Farben und extravagante Schnitte. Ich bin pervers, ich weiß. Wer mir auf der Straße begegnet, wendet seinen Blick ab, also trage ich rot - "Versuch, das mal zu ignorieren, du Schwein," - obwohl angestarrt werden nun wirklich das Letzte ist, was ich will. Ich verschwende nicht länger meine Zeit damit, zu verstehen zu versuchen, warum ich tue, was ich tue.
"Ich grüße Euch, Lady," sagte Proximo, "seid Ihr jetzt schon interessiert an unseren kleinen Vorrunden-Kämpfen?"
Ich konnte nicht sagen, ob er mich verspottete oder nicht. Wahrscheinlich nicht - er ist ein zu kluger Geschäftsmann, als daß er es riskieren würde, eine seiner besten Kundinnen zu verärgern. Ich bemerkte, daß er darauf achtete, sich auf meine rechte Seite zu setzen. Es amüsierte mich; ich hatte ihn nicht für zimperlich gehalten.
"Nicht der aufregendste Kampf, den ich je gesehen habe."
Er neigte den Kopf. "Ich fürchte, heute gibt es nicht viel, das Eurem Geschmack entspricht."
"Ihr meint, von den wenigen, die noch übrig sind? Warum verschwendet Ihr sie so?"
Er ignorierte das als die rhetorische Frage, die es war; für Proximo war die Antwort auf jede Frage, die mit "Warum?" begann, Geld, und wir wußten das beide.
"Außer vielleicht der Schwarze. Habt Ihr ihn bemerkt? Er mag noch nicht ganz domestiziert sein, aber bisher hat er keine Probleme verursacht. Oder der Germane ist natürlich verfügbar. Ich kann mich erinnern, Ihr hättet gesagt, daß er immer zufriedenstellend sei."
"Was ist mit dem Anderen? Dem Partner des Schwarzen?"
"Der Spanier?" Er macht eine wegwerfende Geste. "Ich war nicht mal sicher, daß er kämpfen würde. Er ist einer von denen, die Schwierigkeiten damit haben sich einzugewöhnen; er könnte ein Problem sein. Er ist stur."
"Euch ist aber schon aufgefallen, daß er sogar ohne Waffe seinen ersten Mann schneller getötet hat als der Schwarze, der ein Schwert hatte?"
Er zog eine Augenbraue hoch. "Könnte Glück gewesen sein."
"Das könnte es gewesen sein," stimmte ich zu. "Ihr sagtet, er sei schwierig - dann war er nicht immer ein Sklave. Was war er früher?"
Er rutschte unbehaglich in seinem Stuhl herum. Ich fragte mich warum. "Er hatte das Zeichen der Legionen auf seinem Arm, als ich ihn gekauft habe."
"Aha...also ein Soldat. Und Ihr wart nicht sicher, daß er kämpfen würde?" Ich lachte. "Proximo, Ihr seid ein Dieb. Versucht Ihr, mein Interesse zu zerstreuen, oder es anzuregen? Versucht Ihr, den Preis in die Höhe zu treiben? Wie plant Ihr, mich auszunehmen? Oder gibt es einen anderen Interessenten für den Spanier?"
"Ihr verletzt mich, Lady," sagte er, und legte seine Hand über sein Herz. "Mir geht es nur um Euren Komfort und Euer Vergnügen."
"Vergeßt nicht meine Geldbörse."
"Auch das. Im Ernst, Lady, wenn ich sicher wäre, daß er keinen Ärger machen wird, würde ich nicht zögern. Ihr wißt, daß ich mir ungern ein gutes Geschäft entgehen lasse. Aber wenn Ihr nicht mehr glücklich wärt mit den Dienstleistungen, die ich anbiete........." Er ließ den Satz unvollendet und zuckte mit den Schultern. „Bestenfalls denke ich , daß er.......wenig unterhaltsam sein würde."
"Also gut, Proximo, der Germane tut es auch," sagte ich, als ich aufstand. "Und den Schwarzen oder seinen Partner zu einem anderen Zeitpunkt."
"Vielleicht den Schwarzen. Der Spanier ist wirklich nicht die Art von Amusement, die Ihr bevorzugt."
Natürlich war es diese Bemerkung, die mich entschlossen machte, ihn zu haben.
"Wirklich," sagte ich, und das Lächeln verschwand von meinen Lippen. "Wir müssen uns viel näher stehen, als ich dachte, wenn Ihr mich gut genug kennt, um sagen zu können, was ich bevorzuge."
Das alte Wiesel schürzte die Lippen und entschied, daß es sicherer war, nicht darauf zu antworten. "Ich werde den Germanen schicken."
"Sorgt diesmal dafür, daß er gebadet hat."
Proximo neigte wieder den Kopf, wedelte mit seinem Eselsschwanz nach den Fliegen , und ich verließ ihn.
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Eine andere Sache, die ich an dem Germanen mochte, war, daß er so vorhersehbar war. Seine Routine änderte sich nie. Es gab keine Überraschungen.
Er würde die Zelle betreten, lächeln, "Ihr seid es" sagen, mit diesem absurden Akzent, den er hatte. Er würde mich nach meinen Wünschen fragen, ich würde sie ihm sagen, und er würde es für mich tun. Machmal würden wir auch tun, was er wünschte.
Und in dieser Nacht war es nicht anders. Ich war es, die anders war, vielleicht weniger würdigend. Ich war abgelenkt. Der Blick auf dem Gesicht des Spaniers, als der letzte Mann tot war und die Menge ihren Applaus heraus brüllte, überfiel mich in den seltsamsten Momenten. Ich wußte ihn nicht zu charakterisieren, und das störte mich. Manche Männer sind phlegmatisch und zeigen wenig Emotionen, nachdem sie getötet haben. Manche Männer scheinen sprachlos zu sein, DASS sie getötet haben. Manche Männer sind einfach nur überglücklich, am Leben zu sein. Manche Männer, wie der Germane, genießen den Applaus und spielen damit. Keine dieser Reaktionen hatte ich im Gesicht des Spaniers gesehen. Es war merkwürdig; er hatte die Reaktion der Menge nicht erwartet. Der Schwarze war auch verwirrt, aber ich denke, das war vielleicht kulturell bedingt. Es war ein kleines Rätsel, aber es würde mich so lange beschäftigen, bis ich es mir erklären konnte. Oder bis er getötet würde.
"Gibt es noch etwas, das Ihr wolltet?" fragte der Germane.
"Nein," sagte ich. "Doch - erzähl mir was."
"Erzählen? Worüber?"
"Erzähl mir was über...die anderen beiden Männer, die mit Dir zusammen den Kampf heute Nachmittag überlebt haben. Ich habe sie noch nie gesehen."
Er erzählte mir, was er wußte. Er lachte, als von dem schwarzen Mann, Juba, sprach; er sagte, in ihm würde ein Feuer brennen. Er würde einen guten Gladiator abgeben. Er grinste mich an, als er das sagte, und ich mußte zurück lächeln.
"Der Spanier?" Er schüttelte den Kopf. "Er ist schwierig. Er will nicht trainieren. Er steckte Schläge ein, wollte aber nicht zurück schlagen. Er spricht kaum, und wenn er es tut, dann meistens mit Juba. Vielleicht denkt er, daß er kein Sklave sein sollte. Ich habe Männer gesehen, die es nicht akzeptieren können. Für gewöhnlich sterben sie."
"Er hat heute gut gekämpft."
"Ja, ich war überrascht. Ich schätze, er wollte wohl doch nicht sterben."
"Ich danke Dir." Ich tätschelte seine wundervoll große Brust und liebkoste sie einen Moment, einfach nur, weil sie so großartig ist, und legte die Münzen in seine Hand. Ich benutzte meine rechte Hand; wenn er mich geärgert hätte, hätte ich meine linke benutzt. Aber natürlich hatte er das nicht, und die Narben und mißgestalteten Finger hätten den Germanen sowieso nicht gestört.
"Wollt Ihr, daß ich bleibe?"
"Nein, ich werde zu meinem Haus zurück gehen, aber danke."
Wenn er zuerst ging, sagte er immer "Ihr werdet wieder nach mir schicken" und lächelte mich an, bevor er durch die Tür ging. Dieses Mal kam er zu mir zurück und küßte mich einmal, bevor er ging.
Manchmal empfinde ich eine gewisse Zuneigung für ihn. Vielleicht bin ich einfach zufrieden zu stellen.
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Nach drei Tagen kämpfte der Spanier wieder. Diesmal bekam er ein Schwert und einen Schild, einen Helm und Lederkleidung; und einen angemessenen Gegner. Alle, die wir die Kämpfe verfolgen, waren interessiert zu sehen, was er konnte. Ich wählte einen Sitz so dicht am Ring, wie es nur ging. Man betrachtet mich als exzentrisch, weil ich nicht mit den anderen Damen meines Standes zusammensitze; aber von da aus kann man wirklich nicht mehr als die derben Stöße und Hiebe sehen. Wozu also? Ich will SEHEN.
Was ich sah, war völlig unerwartet.
Das erste, was er tat, nachdem er den Ring betreten hatte, war, seinen Helm auf die Seite zu werfen. Echt tollkühn, dachte ich enttäuscht. Er stand einen Moment lang still, und ich realisierte, daß er beobachtete, wie sein Gegner sich bewegte. Ich kannte den anderen Mann im Ring - er war aus der Gegend und tänzelte viel, wenn er kämpfte, wurde selten verletzt und hatte immensen Spaß am Töten. Der Spanier begann langsam, sich zur Seite zu bewegen, am äußeren Rand des Rings entlang, während Rufo ihn verhöhnte und ihm bedeutete, zu ihm zu kommen, zu kämpfen. Er führte Rufo mehrere Meter, beobachtete ihn, beobachtete ihn, und Rufo folgte, wippte auf seinen Fußballen vor und zurück, bis er schließlich frustriert war und angriff.
Es ging so schnell - der Spanier duckte sich unter Rufos Hieb weg, steckte sein Schwert in einem Winkel zwischen die Knöchel des Mannes, drehte sich und zog ihm mit seinem Schild einen über den Hinterkopf - alles in einer fließenden Bewegung. Rufo wirbelte herum, fiel auf den Rücken, und bevor er sich wieder bewegen konnte, war er tot.
Die Menge war ruhig - wir waren alle überrascht. Rufo hatte 37 Gegner getötet. Der Spanier zog sein Schwert aus der Leiche und ging ruhig über den kaum in Unordnung gebrachten Sand hinüber zum Tor. Er atmete nicht einmal schwer. Das Geschrei brach erst los, als er schon hindurch gegangen war.
Kapitel 2
Proximo verweigerte mir den Spanier. Ich konnte ihn nicht zwingen; es war sein gutes Recht. Er hatte mir zuvor noch nie jemanden verweigert; mit Geld konnte man bei Proximo für gewöhnlich alles erreichen, und wenn ich auch sonst nichts von Wert besaß, so hatte ich doch wenigstens eine Menge Geld. Es war rätselhaft.
Und dann verweigerte er mir auch Juba, den Schwarzen.
Es juckte mich in der rechten Hand, ihm eine runter zu hauen. Er sah es; ihm entgeht wenig. Er seufzte.
"Es geht um zu viel beim nächsten Kampf." Er sah mich wieder mit hochgezogener Augenbraue an. Er konnte einen wirklich verärgern. "Das hatten wir doch schon mal, Ihr und ich, falls Ihr Euch erinnert. Ein neuer, vielversprechender Kämpfer, den Ihr einfach haben mußtet. Und ich habe die Hälfte meines Wetteinsatzes eingebüßt." Er schenkte zwei Becher Wein ein und gab mir einen, aber er guckte nicht zu, wie ich trank. Ich mußte lächeln.
"Habe ich Euch nicht das Geld erstattet, das Ihr verloren habt?"
"Ja. Ja, das habt Ihr getan. Aber was ist mit dem Geld, das er vielleicht in folgenden Kämpfen für mich gewonnen hätte? Werdet Ihr mir das auch erstatten?" Er ging zum Fenster. "Ein Mann muß seine Investitionen schützen."
"Ihr alter Schwindler, für den Spanier habt Ihr wahrscheinlich weniger bezahlt, als für die scheußliche Hyäne dort."
Er trank mir mit seinem Becher Wein zu und lächelte. "So wird's nun mal gemacht, meine Liebe."
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Der Gegner im zweiten wirklichen Kampf des Spaniers war ein großer Ägypter, goldbraun gebrannt und mit einem sauber rasierten Schädel. Sein Brustpanzer und seine Beinschienen waren farbig bemalt und glitzerten in der Sonne. Er trug eine Art von halbem Helm, den man hier selten sah. Ich hatte ihn nur einmal zuvor kämpfen sehen, vor einem Jahr oder so, denn unsere kleine Stadt lag am Rand des Gebietes, das die Ägypter bereisten. Ich konnte mich nicht an viel über ihn erinnern, aber die Quoten auf ihn waren hoch, bis zu 7:1 zu einem Zeitpunkt, und so nahm ich an, daß er geschickt war.
Der Spanier sah dieses Mal nicht mehr so sehr wie ein zerlumpter Farmer aus - sein Bart war ordentlich gestutzt, die Haare im römischen Stil kurz geschnitten und geölt. Er schien kein gewöhnlicher Fußsoldat gewesen zu sein, oder? Wie es voraus zu sehen gewesen war, trug er keinen Helm. Er machte eine gute Figur im Ring, obwohl er nur Leder trug, und der Ägypter Eisen. Ich war ziemlich beeindruckt von seiner Haltung, als er den Käfig der Kämpfer durch das Tor verließ. So beeindruckt, daß ich dieses Bild von ihm einfach nicht wieder aus meinem Kopf kriegen konnte, auch als der Kampf schon vorbei war. Es verweilte, beschleunigte meinen Atem, heizte mein Blut auf.
Dieser Kampf dauerte etwas länger als der vorangegangene. Aber nicht viel.
Der Spanier marschierte in die Mitte des Rings. Er steckte sein Schwert in den Sand, rieb etwas davon zwischen seinen Handflächen, wischte sie an seiner Tunika ab. Die beiden Männer betrachteten einander; der Spanier rückte sein Schild zurecht, ergriff sein Schwert und grüßte den Ägypter damit. Der Ägypter nickte und grinste.
Sie holten im gleichen Moment aus. Die ersten Schläge waren probehalber; man konnte beinahe sehen, wie sie den Stil des anderen analysierten, als die Schwerter gegen die Schilde klirrten. Dann hieben und parierten sie ernsthaft. Die Menge war laut - ich blendete sie aus und sah zu.
Manchmal habe ich direkt vorm Einschlafen eine Fantasie. Darin bin ich alleine auf den Rängen, der einzige Zuschauer. Die Gladiatoren kämpfen direkt vor mir, ich kann jeden Grunzer, jedes Sirren der Klingen durch die Luft hören, wie der Sand unter ihren Füßen knirscht. Ich kann jeden Ausdruck auf ihren Gesichtern sehen; ich weiß, was sie denken. Mir entgeht nichts. Und wenn der Kampf vorüber ist, steht der Sieger vor mir, seine Brust hebt und senkt sich, das Blut tropft von der Klinge. Sein Kampf, seine Anstrengung, sein Körper, vielleicht sogar seine Seele, gehören nur mir. Ich fahre dann wie im Fieber hoch, den Geruch von den verschwitzten Körpern der eingebildeten Kämpfer immer noch in meiner Nase, kann nicht wieder schlafen. Am nächsten Tag bin ich unweigerlich eine Zicke, und die Diener verstecken sich, wenn sie mich durch die Korridore meines Hauses humpeln sehen.
Natürlich gibt es da auch diesen anderen Traum - den, den ich während des Schlafens habe. In diesem Traum bin ich einer der Gladiatoren, aber nicht der Sieger; und ich fühle, wie das Schwert durch mein Fleisch schneidet, bevor ich mit einem Ruck aufwache. An den sauer-schmerzvollen Tagen, die mich von Zeit zu Zeit plagen, bin ich nicht sicher, welchen Traum ich bevorzuge.
Der Ägypter hatte einen großen, raumgreifenden Stil - riesen Schwünge, Schläge mit dem ganzen Arm, große Schritte. Mit der Zeit fing ich an zu sehen, was der Spanier tat. Für den beiläufigen Zuschauer mochte es so scheinen, als wären sie einander ebenbürtig, aber tatsächlich führte der Spanier seinen Gegner wieder, nur auf andere Art. Konterte die aggressiven Bewegungen nur. Wich zurück, wenn er bedrängt wurde. Ließ den anderen Mann eine unverdiente Sicherheit fühlen. Die Hiebe des Ägypters wurden weniger vorsichtig, er lächelte sogar wieder.
Und dann, wieder so schnell, daß es eine Überraschung war, war es vorüber.
Ein Vorwärts-Strich unter den gehobenen Arm, und einen mit der Rückhand, um den Schwertarm außer Gefecht zu setzen; ein Dreher und einen Stoß unter den anderen Arm, schräg nach vorne hinter den Brustpanzer in die Lunge - der Ägypter fiel auf seine Knie, Blut blubberte aus seinem Mund. Er sah hoch; die beiden Männer starrten einander einen Augenblick lang an.
Der Lärm von der Menge schwoll an, als der Spanier sein Schwert für den Gnadenstoß durchs Genick hob, und ergoß sich wild über seinen gebeugten Kopf und seine bebenden Schultern, als der Ägypter hinsank und sein Blut den Sand tränkte.
Der Spanier hatte nur auf den richtigen Moment gewartet, von dem er wußte, daß er kommen würde.
Wäre ich Proximo, würde ich diese Investition auch mit aller Macht schützen wollen. Ich war aber nicht Proximo, und ich wollte den Spanier, jetzt mehr als zuvor.
Da war kein Triumph im Gesicht des Spaniers, als er zur Menge hochsah. Auch keine Verwirrung; er sah erschöpft aus. Er kam schon wieder zu Atem, es war also nicht körperliche Erschöpfung. Erschöpfung der Seele vielleicht. Ich habe diesen Blick schon zuvor gesehen, aber noch nie bei einem so neuen Kämpfer. Es ist eine Krankheit derer, die eine lange Karriere in der Arena gehabt haben. Die meisten überleben nicht lange genug, um da hin zu kommen.
Es gab einmal einen Kämpfer, einen älteren Mann, den Proximo von einer fahrenden Truppe gekauft hatte, der meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er war ein unglaublicher Schwertkämpfer; es gab Gerüchte, er hätte über 1200 Gegner getötet, aber darüber spottete ich- keiner überlebte so lange in der Arena. 1200 getötete Gegner würden mindestens 10, wahrscheinlich sogar eher 15 Jahre bedeuten, ohne eine Niederlage. Er wäre eine Legende gewesen; und er wäre woanders gewesen, als auf diesem Pickel am Hintern Roms. Proximo, der gierige Scheißkerl, setzte ihn ständig ein, ohne Pause. Er gewann immer geschickt.
Nach einem besonders langen und brutalen Kampf, sah ich genau diese Erschöpfung in seinem zerschlagenen und vernarbten Gesicht. Ich merkte es mir - das ist mein Hobby, erinnert Euch - und legte Wert darauf, bei seinem nächsten Kampf dabei zu sein. Er kämpfte nur halbherzig. An einem Punkt trat er zurück, ließ absichtlich seine Deckung fallen und das Schild komplett von seinem Arm rutschen, legte den Kopf zurück, um in den blauen, wolkenlosen Himmel zu blicken - und dann war er natürlich tot.
Proximo schien das nicht sonderlich zu treffen. Er ist klug, ich nehme an, daß sowohl er, als auch der Vorbesitzer des Mannes, es kommen sahen.
Juba gewann seinen Kampf auch, allerdings nicht so schnell und nicht, ohne verwundet zu werden; er war zuverlässig, und meine Wetteinnahme war genug, um mich zufrieden zu stellen.
Ich fand das alte Wiesel draußen an einem Tisch, vor ihm eine Schale Obst. Ich fragte ihn, ob ihm aufgefallen war, wie müde der Spanier war.
"Der Kampf dauerte nicht mehr als eine Minute." Er wedelte mit seinem Eselsschwanz nach mir. "Die Antwort ist immer noch nein. Geht weg; oder sucht Euch einen anderen Mann für Euer Vergnügen aus."
"Er hat das Kämpfen satt, Proximo. Vielleicht hat er das Leben satt. Seht Ihr das nicht?"
"Was ich sehe, ist eine Frau, die vorhat, mich zu verfolgen, bis ich ihr gebe, was sie will." Er nahm einen Apfel aus der Schale und begann, ihn in Stücke zu schneiden. "Ihr habt mir nie erzählt, was mit dem anderen jungen Mann passiert ist, der nicht von seiner, äh.......Verabredung.... mit Euch zurückgekehrt ist."
"Ich sagte es Euch. Er griff mich an."
"Ja, das habt Ihr gesagt. Aber warum? Es ist wirklich verwunderlich. Er schien so fügsam, als würde er überhaupt keine Schwierigkeiten machen. Was habt Ihr von ihm verlangt, das er tun sollte, das so.....schockierend war?"
Er wartete darauf, daß ich antwortete. Schließlich sagte ich, "Ist das der Preis für den Spanier?"
Jetzt war es an ihm zu schweigen.
"Also gut." Er nickte. "Zumindest ein Teil des Preises. Ich werde trotzdem noch die übliche Gebühr brauchen." Er zerkleinerte den Rest des Apfels und gab mir ein Stück.
Ich nahm einen tiefen Atemzug. "Ich kam nie dazu, etwas von ihm zu verlangen. Ich zog meinen Umhang aus, und er war entsetzt. Ich nehme nicht an, daß Euch aufgefallen ist, daß ich nie wieder nach einem so jungen gefragt habe."
Proximo grunzte.
"Er sagte, daß Missgeburten nicht das Recht zum Leben haben sollten. Das war alles. Er sagte, er würde mir helfen zu sterben, was ich von vorn herein hätte tun sollen. Ihm war natürlich nicht klar, daß ich so nicht geboren wurde."
Proximo hörte auf zu kauen und sah die Straße hinunter in die Ferne.
"So schlimm ist es nicht, wißt Ihr," sagte er leise. "Wie Ihr ausseht."
"Ich nehme an, wenn man mich erstmal kennt, läßt einen meine angenehme Persönlichkeit die krummen Knochen und Narben vergessen."
Er drehte sich auf der Bank um, schnaubte wie er es immer tat, und sagte, " Also morgen Nacht dann." Und dann stand er auf und ging in Richtung seines Hauses.
Ich wollte ihn mit etwas bewerfen dafür, daß er es gewagt hatte, mich zu bemitleiden - dafür, daß er mich dazu gebracht hatte, meinen Stolz zu opfern für die Sekunden, die es gebraucht hatte, ihm die Wahrheit zu sagen - etwas Schweres und Großes. Ich wollte das Wissen aus seinem Kopf raus knüppeln. Ich stand von meinem Platz auf und mein Diener wich bis auf außerhalb meiner Reichweite zurück. Ich glättete mein böses Gesicht und grinste ihn gemein und verächtlich an. "Geh mir lieber aus dem Weg."
Er nickte. "Ja, Lady, das werde ich."
Idiot.
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Mir wurde mal erzählt, ich sei als Kind sehr süß und willfährig gewesen. Ich frage mich, ob das wahr ist. Ich kann mich an nichts erinnern, das stattfand, bevor ich unter die Hufe des Pferdes geriet. Die Person, die ich jetzt bin, wurde mit niemals endenden Schmerzen geboren. Daran kann ich mich erinnern.
Mir wurde außerdem erzählt, daß ich hätte sterben sollen; jeder erwartete, daß ich sterben würde. Sie waren alle ziemlich überrascht, als ich das nicht tat. Die Schuld dafür gebe ich meiner Krankenschwester. Sie wußte, sollte ich sterben, gäbe es für sie keinen Platz mehr im Haus; sie hätten sie wieder auf die Felder zurück geschickt, von denen sie sie gepflückt hatten. Also rettete sie mich. Sie starb selber, bevor ich die Chance hatte, sie dafür zu bestrafen.
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Ich verbrachte den nächsten Tag damit, über den Spanier nachzudenken. Ich versuchte, Dinge zu finden, die ich an ihm nicht mochte.
Er war nicht groß. Neben dem Germanen war er ganz schön klein. Juba war größer als er. In der Arena sah er groß genug aus...aber tatsächlich war er wohl klein. Genau.
Dann fiel mir nichts mehr ein. Ich hatte ihn noch nicht aus der Nähe gesehen; er schien noch alle seine Zähne zu haben; keine sichtbaren Krankheiten. Er sollte lieber keine Pilzinfektionen oder Insekten haben, oder ich würde Proximo wirklich niederknüppeln.
Ich hatte noch nie Männer mit Bärten leiden können, aber an ihm sah er gut aus. Der Haarschnitt im römischen Stil paßte auch zu ihm. Seine Beine waren schön und stark, nicht knochig oder kurz.
Ich sah das Mädchen böse an, das mein Mittagessen brachte; sie setzte das Tablett mit einem Plumps ab und huschte davon. Ich erkannte sie nicht; sie mußte wohl ein Küchenmädchen sein, das den kurzen Strohhalm gezogen hatte.
Ich dachte, wenn ich ihn sehe, wird da sicher etwas sein, das ich nicht mag. Vielleicht hat er einen Sprachfehler; vielleicht riecht er schlecht. Irgendwas wird da schon sein.
Ich hatte recht. Es gab etwas. Und es war nicht die Tatsache, daß er klein war.
Ich saß, als die Wächter ihn rein brachten. Ich bedeutete ihnen zu gehen, und meine Diener stellten sich zu beiden Seiten des Spaniers auf. Er warf beiden einen Blick zu und sah dann mich an. Sein Gesichtsausdruck war neugierig, nicht mehr. Da fragte ich mich, was Proximo ihm gesagt hatte, falls er ihm überhaupt etwas gesagt hatte. Lieber auf Nummer sicher gehen. Ich nickte den Dienern zu. Sie hielten seine Handgelenke vor ihn und fesselten sie. Jetzt war er mehr als nur ein wenig neugierig. Ich stand auf und zog meinen Umhang aus. Ah, ja, ich wußte, es würde etwas geben, das ich nicht mochte, und es war da in seinen Augen.
Mitleid.
Ich trat auf ihn zu und ohrfeigte ihn so hart, wie ich konnte. Immer noch mitleidig? Als er seine Augen öffnete und sein Gesicht wieder mir zuwandte, war das Mitleid weg.
"Hat Proximo Dir gesagt, weshalb Du her gebracht wurdest?"
Ein kleines Kopfschütteln, und dann ein tiefer Atemzug, als ich ihn auslachte. Er verlagerte sein Gewicht und wartete.
"Er hat Dich mir für die Nacht überlassen. Für einen stolzen Preis, natürlich."
Er hatte das ausdrucksvollste Gesicht, das ich jemals gesehen habe. Ich konnte den Moment sehen, als er verstand. Er biß die Zähne zusammen, blähte die Nasenflügel, aber es war mehr als das. Es war etwas in seinen Augen, das mich beinahe zurückschrecken ließ. Ich, zurückschrecken. Ich denke, ich hätte die Hitze seiner Reaktion noch mit geschlossenen Augen spüren können. Sie strich in Wellen über mich hinweg. Meine Haut prickelte.
Er machte einen Schritt zurück, versuchte, meine Männer abzuschütteln. Ich hatte gehofft, wir würden ihn nicht körperlich überwältigen müssen; ich hatte Proximo versprochen, ihn nicht zu beschädigen.
Dann wurde er ruhig; meine Männer ergriffen ihn fester. Er starrte in meine Augen, sah mich direkt an - keiner tut das - und sagte sehr ruhig, sehr nachdrücklich, "Nein." Und dann lauter, ich nehme an für den Fall, daß ich beim ersten Mal nicht verstanden hatte, "Nein!"
Es war ein Kampf, ihn zu beherrschen und aus seinen Kleidern zu kriegen. Ich bin sicher, er wußte, daß er keine Wahl hatte, daß es keinen Weg gab, wie er mir entgehen konnte, außer er wäre tot; aber ich konnte sehen, daß er nicht einfach gehorchen, nicht einfach einwilligen konnte. Er mußte kämpfen. Ich verübelte es ihm nicht. Jetzt, da ich ihn aus der Nähe gesehen hatte, wußte ich, daß Unterwerfung nicht Teil seiner Natur war. Kein Wunder, daß Proximo gesagt hatte, er könne sich nicht mit diesem Leben arrangieren. Das würde er wahrscheinlich nie können.
Und er war es nicht gewohnt, seinen Körper zu teilen, solange es nicht seine Wahl war, das zu tun. Das konnte ich auch sehen. Aber über die Jahre hat es hin und wieder schon mal solche Männer gegeben; für gewöhnlich entspannen sie sich, wenn ich ihnen zeige, wie viel Vergnügen ich ihnen geben kann, während ich mir selber mein Vergnügen nehme. Ich erwartete, daß ich ihn irgendwann während der Nacht würde befreien können, und er würde mir helfen. Dieser Augenblick kam nie.
Als sein Körper auf mein Streicheln und meine Küsse reagierte, schien ihn das noch mehr in Wut zu versetzen. Sein Gesicht war zu einem höhnischen Grinsen völliger Verachtung verzogen, und das blieb es auch. Mein eigenes Vergnügen überkam mich schnell. Sein Hass erhitze mich, wie es süßes Lächeln und verlogene Komplimente niemals vermocht hätten. Er hätte mich genauso gehasst, wäre ich jung und schön gewesen wäre. Ich glaubte damals, und das tue ich noch, daß, was immer er für mich empfand, meine verdrehten Gliedmaßen und mein vernarbtes Gesicht nichts damit zu tun hatten.
Nachdem ich mich auf meine unbeholfene Art und Weise auf ihm niedergelassen hatte (wegen meinem krummen Bein kann ich nicht rittlings sitzen), fixierte er seinen verächtlichen Blick auf mein Gesicht und sah nicht einmal weg bis zum Ende, nachdem ich wieder mein Vergnügen gehabt hatte und entschlossen war, ihm das seine zu geben, ob er es haben wollte oder nicht. Und dann, in diesem Moment, schloß er seine Augen, drehte sein Gesicht weg. Das Stöhnen, das ich erwartete, war ein Knurren. Er verweigerte mir, was er konnte. Er keuchte, und ich strich mit meiner Hand über seine Brust, seinen Hals und von da aus auf seine Wange. Nach einem weiteren Moment drehte er sich wieder mir zu und öffnete seine Augen. Sie schwammen in Flüssigkeit; er blinzelte die Feuchtigkeit weg und schluckte. Unter dieser unermesslichen Verachtung für mich, das sah ich deutlich in diesem Gesicht, war Verachtung für ihn selbst, weil er seinen Körper nicht kontrollieren und sich mir komplett verweigern konnte....
Und unaussprechliches Elend.
Ich brauchte eine Minute, um das zu verarbeiten. Da war keine Gerissenheit in seiner Reaktion, keine Täuschung; ich wußte, daß ich die Wahrheit in seinem Gesicht sah, so deutlich, daß es erschreckend war. Hatte ich die Macht, diese Reaktion hervorzurufen? War Intimität mit mir so abstoßend? Konnte er keine Unterwerfung akzeptieren? Ich konnte die Wahrheit sehen, aber nicht den Grund.
Ich muß zugeben, daß es mich berührte. Ich fühlte....etwas. Ich lehnte mich näher heran, um in seine Augen sehen zu können, um verstehen zu können...........
Er spuckte mir ins Gesicht.
Kapitel 3
Ich lachte beinahe, als ich mein Gesicht mit meinem Hemd abwischte. Keine Unterwerfung von diesem Mann. Er konnte unmöglich wissen, was diese ehrliche Reaktion für mich für eine Bedeutung hatte. Wieder hätte ich irgendwer sein können, und er hätte das selbe getan. Ich wollte ihn küssen. Aber wenn ich das versucht hätte, hätte er natürlich sehr wahrscheinlich versucht, mich zu beißen.
Und dann traf es mich. Das ist es, was ICH an seiner Stelle getan hätte. Haargenau. In seiner Position, in seiner Situation, hätte ich mir auch ins Gesicht gespuckt. Ich fühlte mich ihm dadurch verbunden, fest zugehörig zu jemandem, der, so bin ich sicher, mit Freude mein Genick gebrochen hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.
Ohne, daß ich mir dessen bewußt war, strich ich in Kreisen über seinen Bauch; wickelte die gelblich braunen Locken um meinen Finger, bis er zitterte. Ich legte meine Hand dort flach hin. Ich konnte seinen Puls unter meiner Handfläche pumpen spüren. Ich legte meinen Kopf auf seine Brust, schloß meine Augen und versuchte, Ordnung in meine Gedanken zu bringen.
Ich denke, ich habe vielleicht geschlafen. Als ich meine Augen öffnete, hatte er den Kopf zurück gelegt; offensichtlich starrte er die Wand hinter seinem Kopf an.
Ich griff nach der Decke und zog sie bis zu seiner Taille hoch. Die Beschaffenheit seiner Haut faszinierte mich immer noch, und ich mußte ihn einfach berühren.
"Was soll ich Dir geben im Ausgleich für das Vergnügen, das Du mir gibst? Münzen?"
Als meine Liebkosungen seinen Körper hinauf auf sein Gesicht zu strichen, zog er heftig an den Fesseln, die ihn bewegungsunfähig machten. "Laßt mich gehen."
Ah, endlich Wörter. "Schschsch, Du weißt, das kann ich nicht. Es wäre unklug von mir. Wäre es das nicht?"
Auf diese Frage hin kräuselten sich seine Lippen, beinahe ein Lachen, und er nickte mit dem Kopf. Dann schluckte er nochmals hart und starrte wieder die Wand hinter seinem Kopf an.
"Ich liebe Männer, weißt Du. Ich liebe es, wie sich die Haut eines Mannes anfühlt." Ich berührte die Stellen, über die ich sprach. "Ich liebe ihre Glätte hier, und dann die Locken dort. Ich liebe diese Muskeln, liebe es, sie zu betrachten wenn sie sich bewegen, und anspannen, und sich hervor wölben, man kann sie so deutlich unter der Haut eines Mannes sehen - ah, und sie dann zu fühlen - ich liebe es, meine Hände die Flanken eines Mannes hinunter gleiten zu lassen, während er sich über mir bewegt." Er lag still, aber er konnte mich nicht täuschen. Er atmete tiefer, seine Brust hob und senkte sich, seine Finger waren eingedreht. Er hörte zu. "Ich liebe es, wie ein Mann riecht." Ich versenkte meine Nase in den Locken unter seinem Arm und lächelte bei dem Gedanken an andere Locken. "Und wie er schmeckt." Obwohl ich wußte, daß es möglich war, daß er mich zu beißen versuchen würde, rutschte ich hoch und legte meine Lippen gegen seinen Hals, schnalzte mit der Zunge gegen seine salzige Haut.
"Nicht."
In mein Haar gesprochen, so ruhig. Er lag so still. Er schmeckte so gut. Ich rutschte hoch bis zu der Stelle direkt hinter seinem Ohr.
"Nicht."
Verzweiflung in seiner Stimme? Ich rieb mein Gesicht gegen seinen kurzen Bart und stellte mir vor, von seinen Bartstoppeln wund gerieben zu sein. Bewegte mich runter zu seinem Schlüsselbein, knabberte und glättete dann mit meiner Zunge.
Er fluchte und begann wieder, an seinen Fesseln zu ziehen.
Ich richtete mich auf, um in sein Gesicht zu sehen. Da war kein Vergnügen. Sein Körper gehörte mir; der Rest von ihm nicht. In seinen Augen konnte ich sehen, daß ich ihm irgendwie weh getan hatte, oder ihn beschädigt hatte, wo man es nicht sehen konnte, oder vielleicht.....ihm etwas gestohlen hatte.
Ich setzte mich auf und zog seine Decke höher. Er schloß seine Augen, um es vor mir zu verbergen, aber natürlich war es dafür zu spät.
"Habe ich Dir etwas weg genommen, Spanier?" Er ignorierte mich. "Das war nicht meine Absicht." Ich streichelte die Seite seines Halses.
"Soll ich Dir etwas geben als Gegenleistung für was auch immer es ist, das ich genommen habe? Was sollte das sein? Außer Geld, das Dich, so denke ich mir, in diesem Moment beleidigen würde, habe ich nichts."
Keine Antwort. Er versuchte immer noch, mich zu ignorieren, seinen Geist vor mir zu verschließen.
"Ich werde Dir etwas von mir selbst geben. Behalte es oder wirf es weg..." Ich glättete die Decke über seiner Brust.
"Das ist der einzige Weg für mich."
Versuchte er, mich zu ignorieren, oder brachte er sich selbst unter Kontrolle? "Sieh mich an. Sieh her." Er öffnete seine Augen.
"Ich liebe Männer. Sehr. Aber die Männer lieben mich nicht; sie lieben das nicht." Ich streckte meinen linken Arm aus, so weit ich es konnte; ich drehte die linke Seite meines Gesichts in sein Blickfeld. "Das ist der einzige Weg für mich. Siehst Du?"
Er hörte zu. "Mein Ehemann heiratete mich, weil mein Vater ihn dafür bezahlte. Mein Vater ist tot; mein Ehemann muß nicht länger Hingabe vortäuschen. Er ist weg," ich winkte in Richtung der Wand, meinte einen weit entfernten Platz, "und amüsiert sich. Ich habe es aufgegeben, mich nach einem anderen Leben zu sehnen, ich wünsche mir nicht länger, eine andere Person zu sein, es ist witzlos, sich gegen das Schicksal aufzulehnen. Das ist es, was ich bin; und das ist es, was ich tun muß, um zu kriegen, was ich will. Also tue ich es. Verstehst Du?"
Er nickte einmal. Ich glaube, daß er es wirklich verstand.
"Den Germanen brauche ich nicht zu fesseln." Ich lächelte. "Er gibt mir, was ich will im Tausch für die Münzen, die ich ihm gebe. Für uns beide ist es ein guter Handel. Aber ich glaube nicht, daß Du an einem solchen Handel interessiert bist. Glaubst Du, Du kannst Dich jemals dazu bringen, mit mir Handel zu treiben?"
"Nein."
"Dachte ich mir. Also laß uns ehrlich miteinander sein. Ich habe vor, Proximo wieder nach Dir zu fragen. Der Germane wäre einfacher, aber Du interessierst mich. Ich weiß, Du willst mich nicht; ich weiß, Du wirst Dich wehren. Wir alle tun, was wir tun müssen."
Ich stand auf und sammelte meine Kleidung zusammen. "Es tut mir dennoch leid, wenn meine.....Aufmerksamkeit.........Dir irgendwelche Schmerzen bereitet hat......"
"Es ist nicht wegen Euren Narben." Es war eine leiseBemerkung, die ich nicht erwartete, aber dennoch zu würdigen wußte.
"Ich weiß das." Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihn zu reizen; ich schob meine Hand unter die Decke und rieb die Innenseite seines Oberschenkels. Er versteifte sich und sah wieder aggressiv aus, wie ich ihn mochte. "Wir wissen nun beide etwas über den anderen, denke ich."
Als ich angezogen war, ließ ich ihn wissen, daß die Wächter kommen und ihn los machen würden, nachdem ich weg war. "Versuch, ihnen nicht weh zu tun; sie tun nur, was man ihnen sagt." Und ich ging.
Ich fragte mich beiläufig, ob er den Germanen mit anderen Augen betrachten würde, wenn er ihn sah.
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Ich brachte mich selber dazu, eine Woche zu warten, bevor ich wieder nach ihm fragte. Ich dachte ständig an ihn. In Natura war er noch viel beeindruckender, als wenn man ihn von den Rängen der Arena aus sah.
Er hatte einen Kampf in der Zwischenzeit, mit einem großen Nordmann mit einem roten Bart und roten Zöpfen. Natürlich ging ich hin, um ihn zu sehen.
Der Besitzer mußte dem Nordmann irgendeinen Trank gegeben haben, um ihn so wild zu machen. Es gab überhaupt keine Finesse in diesem Kampf; der Spanier brachte viel Zeit damit zu, sich zu ducken, beiseite zu rollen und weg zu tanzen, um der Axt zu entgehen. Er schnellte vor zum Schlag, wann und wo immer er konnte. Die Menge liebte sowas und schrie, was die gemeinsamen Lungen hergaben. Das Sonnenlicht war so hell, daß ich es kaum ertragen konnte. Mein Kopf begann zu schmerzen.
Der Nordmann war voller kleiner und weniger kleiner Schnitte und blutete stark, bevor das Ende kam. Irgendwann hörte er auf zu kämpfen; hörte einfach auf, den Spanier zu jagen, drehte sich um und rannte in die andere Richtung, auf die Ränge zu - auf mich zu.
Nun, ich trug an diesem Tag leuchtendes Grün, besetzt mit goldfarbener Stickerei; ich nehme an, daß das dem großen Mann ins Auge fiel. Wie auch immer, er rannte auf mich zu, brüllte etwas in seiner eigenen Sprache. Ich dachte nicht, daß er die seitliche Begrenzung des Rings würde erklimmen können. Aber wie sich herausstellte dachte er das, und so fing er damit an.
Die Leute um mich herum stieben auseinander. Hätte ich mich etwas eher bewegt, hätte ich Zeit gehabt, ein wenig Distanz zwischen ihn und mich zu bringen, bevor er oben auf der Absperrung ankam. Aber das hatte ich nicht, und ich bin langsam. Und ich sitze immer ganz vorne.
Der Spanier rannte auf den Nordmann zu, mit einem wortlosen Kriegsschrei und hoch erhobenem Schwert.
Er hackte wieder und wieder auf den Rücken und die Beine des Nordmannes ein, während dieser zu klettern versuchte, bis das Blut in den Sand hinunter floß. Schließlich fiel der Mann. Ich frage mich, ob er nicht schon tot war, bevor er los ließ.
Der Sieger stand schwer keuchend an die Wand direkt unter mir gelehnt. Ich lehnte mich über den Rand, um ihn zu sehen. Er legte seinen Kopf zurück, blicke für lange Sekunden zu mir hoch, und ich konnte nicht weg sehen. Warum sollte er mich retten?
Die Menge war wild. Sie begannen „Spanier, Spanier, Spanier“ zu singen. Sie sangen immer noch, als ich es für den kurzen Weg nach Hause von den Rängen in meine Sänfte geschafft hatte.
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Über Nacht wurde er ein Held, plötzlich groß und gut aussehend und unbesiegbar. Er hatte die arme verkrüppelte Frau vor dem wilden Wikinger gerettet. Ich schnaubte, als ich davon hörte. Hätte er den Verrückten früher getötet, hätte er mich nicht retten müssen.
Aber es warf ein Problem auf. Nach dieser Sache würden die anderen Damen, die wie ich die Geschicke der Gladiatoren verfolgten, Proximo bestimmt nach ihm fragen.
Ich wollte mir nicht vorstellen, daß Octavia ihn in ihren nachlässigen, lieblosen Händen haben würde.
Idiot, sagte ich zu mir selber, er ist in deinen lieblosen Händen gewesen und hat es auch überstanden. Trotzdem...
Ich wußte, zu wem ich gehen und was ich sagen musste...nicht lange und jede, die nach dem Spanier fragte, würde wissen, daß sie eine Schlange in ihrem Bett finden würde. Ich glaube, in den nächsten Wochen vergrößerte der Germane seinen kleinen Haufen Münzen beträchtlich. Wenn ich ihn das nächste Mal sähe, würde ich ihn daran erinnern, mir zu danken. Und den Spanier auch.
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Als sie ihn das nächste Mal zu mir brachten, war ich entsetzt. Seine Hände waren hinter seinem Rücken zusammen gebunden, und sie führten ihn an einem Lederriemen um seinem Hals, an dem eine Stange befestigt war; sowohl er als auch die beiden Wächter bluteten. Proximo würde mir bei lebendigem Leib die Haut abziehen.
Die Wächter protestierten, als ich befahl, ihn los zu machen, aber nicht lange. Ich ließ sie wissen, was ich sowohl von ihrer Abstammung, als auch von ihrer Intelligenz hielt. Als er losgebunden war, gab ihm einer der Wächter einen Schubs. Er konterte mit einer Faust in der Magengrube des Mannes. Der andere Wächter kam dazu; noch ein weiterer kam den Flur rauf gerannt. Ich wartete mit in die Hand gestüztem Kinn, bis sie mit ihrer Rangelei fertig waren. Die Wächter schlugen die Türen zu und blickten mich dann fragend an. Ich winkte sie fort, und der Spanier stand auf.
„Bist Du fertig?“
Er stand neben der Tür, gegen die Wand gelehnt, schnappte nach Luft und hielt sich die Rippen.
„Irgendwas gebrochen?“
Er schüttelte den Kopf, warf mir unter seinen Wimpern hervor einen schnellen Blick zu.
„Du hättest Dir die ganzen Schwierigkeiten sparen können.“ Ich zog eine Grimasse und rutschte unbehaglich auf meinem Stuhl herum. „Du hast heute Nacht nichts von mir zu befürchten. Ich kann kaum gehen, geschweige denn über Dich herfallen.“
Er bemerkte meine verkrampfte Haltung auf dem Stuhl, starrte mich mit diesen klaren, klaren Augen an. Dann, zu meiner Verwunderung, fing er an zu lachen. Nicht lange, aber lang genug, daß ich sehen konnte, wie es sein Gesicht veränderte. Die Verachtung und Bitterkeit wirkten anziehend auf mich, ließen mich erschauern und nach Luft ringen, aber das...das war Magie. Er strahlte. Mittlerweile denke ich, daß das vielleicht der Moment war, in dem es wirklich um mich geschehen war, ob ich es damals nun wußte oder nicht. Ich fühlte, daß ich wollte, daß er immer lachte, realisierte aber nicht, was das bedeutete.
Er rutschte an der Wand runter und setzte sich auf den Boden. „Also hätte ich mir...all das sparen können.“ Er wischte an dem Blut, das aus seiner Nase lief, und gestekulierte nach mir mit der blutigen Hand, bevor er sie an seiner Tunika abwischte. „Was ist los?“ fragte er.
„Blöd, wirklich - ich bin hingefallen, als ich die erbärmliche Treppe hoch gekommen bin zu diesem...“ Ich blickte um mich, auf die gelben Lehmwände, den gelben Lehmboden, die gelbe Decke. „...Liebesnest.“
Er lächelte mich schief an. „Irgendwas gebrochen?“
„Wie soll man das wissen? Jedenfalls könnte es eine Verbesserung sein gegenüber dem, was schon da ist.“ Dann seufzte ich. „Nein, nein, ich weiß, wie sich gebrochene Knochen anfühlen, und da sind keine.“
„Ich werde Eure Leute holen, damit sie Euch nach Hause bringen.,“ sagte er und fing an aufzustehen.
„Nein, das wirst Du nicht,“ sagte ich gereizt. „Wofür soll ich nach Hause gehen? Da wird es genauso weh tun wie hier. Und Proximo wird mir nie mein Geld zurückzahlen.“
Er setzte sich wieder hin, lehnte den Kopf gegen die Wand. Seine Augen schlossen sich. Ich schenkte mir selber einen Becher von dem Wein ein, den ich mitgebracht hatte.
„Also was dann?“ sagte er leise.
Ich überlegte einen Moment. „Weißt Du, wenn er Germane hier wäre, würde er erstmal über mich glucken, wie eine brütende Henne.“ Bei der Vorstellung mußte ich lächeln. „Dann hätte er vermutlich irgendein lächerliches germanisches Heilmittel für die blauen Flecken, welches ich höflich ablehnen müsste - das Blut einer Kröte, das man bei Mitternacht trinken muß, oder so was ähnliches. Dann, nehme ich an, würde er mich hochheben...“ Ich mußte aufhören zu sprechen und mich wieder anders hinsetzen, leise fluchend, „...mich hochheben - er ist sehr stark, weißt Du - mich zum Bett tragen und mir dabei helfen, für eine Weile zu vergessen, wie sehr es weh tut.“
„Wollt Ihr, daß ich nach ihm schicke?“
„Ich denke, wenn ich den Germanen gewollt hätte, hätte ich selber nach ihm schicken können. Genauso, wie ich schon längst zurück zu meinem Haus hätte gehen können, wenn ich das wollte.“
„Ihr benutzt nie seinen Namen.“
„Welchen, von dem Germanen? Ich wollte ihn nie wissen. Das macht es mir einfacher...ich rufe Dich auch nicht bei Deinem Namen.“
Er seufzte und öffnete seine Augen. „Vielleicht habe ich nicht länger mehr einen Namen. Vielleicht ist mein Name nur...Gladiator.“
Ich nahm mir vor, Proximo nach seinem Namen zu fragen. Ein weiteres Zeichen, das ich nicht erkannte, weil ich zu schwer von Begriff war. Dabei hätte ich vielleicht noch die Möglichkeit gehabt, mich zu retten.
„Tja, im Moment bist Du der gut aussehende, mutige spanische Held, von dem alle reden, weil er die bemitleidenswerte verkrüppelte Frau gerettet hat. Dafür hat Proximo Dir nicht gedankt, oder? Wird er auch nicht. Das wird die Wettquoten deutlich verändern. Es wird Mode werden, Dich zu ehren; alle werden darauf wetten, daß Du siegst.“
Er sah zu mir rüber. Da war kein Lächeln auf seinen Lippen, aber vielleicht in seinen Augen...ich schüttelte mich innerlich.
„Wie Du bemerkt haben wirst, habe ich Dir auch nicht gedankt. Ich bedanke mich nicht bei Leuten, die mein Leben retten. Komm her und trinke etwas Wein. Ich habe ihn mitgebracht, also können wir ihn auch genauso gut trinken.“ Er rührte sich nicht. „Es sei denn, Du denkst, daß Deine Tugend in meiner Nähe in Gefahr ist.“
Er erhob sich, zuckte dabei zusammen, und humpelte zum Tisch rüber.
„Wie auch immer, DU solltest vielleicht MIR danken,“ fuhr ich fort. Er nahm einen Becher, füllte ihn, und setzte sich mit dem Rücken gegen die Wand auf das Bett. „Es wird nicht nur für die Spieler Mode werden, auf Deinen Gewinn zu setzen, auch für die Damen wird es wünschenswert werden, damit prahlen zu können, daß sie Dich in ihren Betten hatten.“
„Und was habt Ihr getan, wofür ich Euch dankbar sein soll?“ Der Hohn war wieder zurück in seiner Stimme. „Habt Ihr geprahlt?“
„Ich brauche nicht PRAHLEN, oder?“ Er nahm eine langen Schluck von seinem Wein. Dann tat es mir leid, daß ich das gesagt hatte. Aber nur für einen Moment. Dieser Blick war wieder in seinem Gesicht, der eine Saite tief in mir anschlug und durch meinen ganzen Körper vibrierte. Die Verachtung für mich, für sich, für die ganze Welt, die mich als erstes gefesselt hatte. Ich sah weg.
„Ich ließ die Damen wissen, daß ich unglücklich wäre, sollten sie Interesse an Dir zeigen.“
„Seid Ihr also so Angst einflößend?“
„Ich schätze, daß muß ich wohl sein; oder mußtest Du eine andere außer mir unterhalten?“
„Und fühlt Ihr Euch unterhalten?“
„Nicht im Moment.“ Ich drehte mich und griff nach dem Weinkrug, um meinen Becher wieder zu füllen. Der Schmerz wurde für einen Moment lang intensiv. Eine Reihe von Schimpfwörtern entglitten mir, bevor ich meine Zähne zusammen biß und die Armlehnen von meinem Stuhl packte. Dann ein tiefer Atemzug, als es vorbeiging.
„Welches Bein ist es?“
Er kniete sich vor mich hin und legte beide Hände auf meinen Knöchel. Er fühlte nach Brüchen, sehr gründlich - als er eine Stelle erreichte, wo das Bein schlecht verheilt war, pausierte er und fuhr erst fort, nachdem er entschieden hatte, daß es ein alter Bruch war. Ich zog die Luft durch die Zähne, als er die Stelle über dem Knie erreichte, an der die blauen Flecken anfingen.
„Tut das weh?“ Und er tat es nochmal.
Ich gab ihm einen Stoß. „Wenn Du das nochmal tust, hau ich Dir den Krug auf den Kopf.“
Er lächelte und fuhr mit seiner Untersuchung fort. Er war so konzentriert auf die Knochen, ich denke nicht, daß er gleich realisierte, wo genau seine Hände hin geraten waren. Ich hielt ganz still, beobachtete ihn; ich sah genau den Augenblick, als es ihm klar wurde. Er wurde auch ganz still. Dann ließ er seine Hände an meinem Bein runter zu meinem Knie zurück gleiten und zog mein Kleid wieder runter.
Ich ergriff die Gelegenheit und legte die Handfläche an sein Gesicht, streichelte seine Wange mit meinem Daumen. Er legte seine eigene Hand über meine, und ich dachte, naja, eigentlich war es mehr unbegründete Hoffnung als alles andere...aber dann zog er meine Hand von seinem Gesicht und legte sie bedächtig in meinen Schoß. Er stand auf.
„Könnt Ihr gehen?“
Ich beschloß, ihm nicht zu antworten.
„Es könnte Euch jemand zu Eurer Sänfte tragen, wenn Ihr nicht gehen könnt.“
„Ich nehme an, JEMAND könnte das, wenn ich es von JEMANDEM wollte.“ Mir war danach, meinen Becher quer durch die Zelle zu werfen, aber ich tat es nicht. „Nur weil ich momentan nicht in der Lage bin, meinen Neigungen zu folgen, brauchst Du nicht denken, daß ich meine Meinung über Dich geändert habe. Oder daß mein Temperament besänftigt wurde.“
„Dies ist also nur ein vorübergehender Waffenstillstand.“
„Ja. Mach Dich nützlich. Schenk mir noch einen Becher Wein ein.“
„Ich lebe, um zu dienen, Herrin.“ Er beugte den Kopf und führte meinen Befehl aus, aber der sarkastische Zug um seinen Mund war nicht zu übersehen.
Ich schnaubte. „Das solltest Du. Proximo gehorchst Du gerne.“
„Proximo verlangt von mir nur, daß ich am Leben bleibe, eine relativ einfache Sache. Ihr verlangt viel mehr.“
Ich trank viel zuviel Wein. Ich denke, daß der Spanier vielleicht auch zu viel Wein trank. Jedenfalls war am Morgen keiner mehr übrig. Ich erinnere mich vage, daß ich süße Lieder sang, an die ich mich von meiner Kindheit erinnern konnte. Und mir ist so, als hätte ich irgendwann tatsächlich meinen Becher nach ihm geworfen, denn ich habe eine nebelhafte Vorstellung in meinem Kopf, wie er mich auslacht und sich duckt.
Sang er mit mir zusammen? Haben wir geredet? Über was haben wir geredet? Ich habe keine Ahnung.
Ich glaube, ich fühlte mich glücklich. Ich kann mich wirklich nicht erinnern.
Kapitel 4
Proximo setzte drei Kämpfe in drei Tagen für den Spanier an. Ich dankte meinen Sternen, daß ich gut genug erholt war, um hingehen zu können - ich wollte keinen seiner Kämpfe verpassen. Ein weiters Gefahrenzeichen, das ich nicht erkannte...oder ignorierte.
Sein erster Gegner war nur ein mittelmäßiger Kämpfer namens Narcissus. Er war kompent, wenn auch uninspiriert, kam aber nicht an den Spanier heran. Es war eine seltsame Paarung, wenn man bedenkt, wie sich der Ruhm des Spaniers in der Gegend verbreitete. Subtile Erkundigungen bei meinen Bekannten hatten ergeben, daß Narcissus - oder Der Schöne, wie er von den Damen genannt wurde - erst kürzlich von einer Frau gekauft worden war, die gerade erst zu Reichtum gekommen war. Ich beobachtete, wie sie vor anderen von ihm sprach. Es war klar, daß sie von ihm und seinen mittelmäßigen Fähigkeiten berauscht war und in ihrer Vernarrtheit einen Gegner für ihn arrangiert hatte, für den sein Talent nicht ausreichte. Ich wußte, genau wie die meisten anderen, mit denen ich sprach, daß sie ihn damit getötet hatte. Einen Moment lang spürte ich Mitleid für die beiden; dann verbannte ich das Gefühl und machte mich daran herauszufinden, ob die Quoten gut genug standen, so daß sich das Wetten lohnte. Ich konnte sehen, daß Octavia direkt mit der Besitzerin des Schönen wettete. Ohne Zweifel der profitablere Weg, aber nicht einmal ich war so gefühllos.
Der Schöne kam als erster in den Ring. Er war wirklich schön; jung, ein edles Gesicht, immer ein Lächeln für die Damen übrig, Haar, das bis über seine Schultern hinaus wellte; seine Besitzerin hatte ihn ausgestattet, um mit seiner schönen Figur anzugeben. Er schien nervös zu sein - er lief hin und her, wedelte mit seinem Schwert, und seine Haut war mit einem Schweißfilm bedeckt. Der Spanier kam rein und ging direkt zu ihm rüber. Die Menge sang „Spanier, Spanier, Spanier.“ Der Spanier sprach mit dem Schönen, und der junge Mann schüttelte zuerst seinen Kopf. Nachdem der Spanier nochmal mit ihm gesprochen hatte, nickte er und schien sich zu beruhigen. Der Gesang der Menge stockte, aber als die beiden Gladiatoren ihre Schwerter hoben und zuschlugen, feuerte die Menge sie an. Drei, vielleicht vier Hiebe von jedem, und dann lag der Schöne blutend im Staub. Der Spanier stieß wieder zu, und er war tot.
Wie beim ersten Kampf, war die Menge vor Überrraschung verstummt. Der Spanier ging zum Tor und hinaus, ohne irgendjemanden auf den Rängen anzusehen. Und dann schrie die Frau.
Die anderen Kämpfe des Tages interessierten mich nicht mehr. Ich ging an der Besitzerin des Schönen vorbei, die jeden um sie herum mit ihrem öffentlichen Weinen verlegen machte, und humpelte runter in den Hof zum Käfig der Kämpfer.Der Spanier saß mit dem Rücken zu mir, als ich näherkam, die Hände ruhig in seinem Schoß, das blutige Schwert gegen sein Knie gelehnt. Ich stand direkt hinter ihm, an dieselben Stangen gelehnt wie er, bis ich genug zu Atem gekommen war, um sprechen zu können - für eine Frau, die ein verkrüppeltes Bein hinter sich herziehen muß, ist es ein langer Weg.
„Was hast Du zu ihm gesagt?“ Ich untersuchte meine Motivation zu fragen nicht genauer.
Juba sah von der anderen Seite des Käfigs zu mir rüber; er schien sehr ernst. Ich wartete - als ich schließlich gar nicht mehr glaubte, noch eine Antwort zu kriegen, sagte der Spanier, „Ich bot ihm an, ihn leben zu lassen.“ Ich verstand - er hatte ihm angeboten, ihn so zu verstümmeln, daß er den Kampf unmöglich fortsetzen konnte, aber eine Chance auf Genesung hatte; der junge Mann hatte abgelehnt.
„Und dann?“
Der Spanier atmete tief ein und aus. „Ich sagte ihm, daß ich schnell machen würde.“
Ich schob die Hand durch die Gitterstäbe und streichelte die Biegung seines Halses mit meinen ganzen Fingern. Er wich nicht zurück, wie ich es erwartet hatte. Er ließ es zu. Vielleicht ist es egal, woher der Trost kommt, wenn man ihn braucht.
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Der nächste Tag war etwas interessanter. Die Gegner des Spaniers waren nämlich Zwillinge aus Athen. Sie waren schlank, absolut identisch, und abgesehen von den Löwenfellen um ihre Schultern, kämpften sie nackt.
Von gewissen Teilen des Publikums gab es Anfeuerungsrufe, von anderen Gelächter. Die Zwillinge schienen von den Reaktionen überhaupt nicht aus der Ruhe gebracht zu werden; ich nehme an, sie waren daran gewöhnt.
Gestern hatte der Spanier offensichtlich gewußt, wer sein Gegner sein würde; heute wußte er es genauso offensichtlich nicht. Er stoppte am Tor und starrte. Dann blickte er zurück, und ich konnte den Germanen durch die Gitterstäbe spähen sehen. Der Spanier sagte etwas zu ihm, und die Leute, die direkt beim Tor saßen, lachten. Der Germane faßte sich in den Schritt, sagte etwas, und der Spanier lachte. Und dann mußte er sich umdrehen und verteidigen, denn die Zwillinge waren hinter ihm angerannt gekommen. Ich fragte mich, wie viele ihrer Siege sie in genau diesem Augenblick errungen hatten.
Erst als der Spanier einen von ihnen getötet hatte, wurde mir klar, daß ich die Luft angehalten hatte, und ich stieß sie erleichtert aus. Der zweite Zwilling gab praktisch auf, nachdem der erste tot war. Der Besitzer schrie Proximo in seiner eigenen Sprache an, die ich nicht verstand. Ich konnte nicht sagen, ob Proximo sie verstand.
Der dritte Kampftag war einer der seltenen Regentage. Sowas verzerrt immer die Wetten, denn auch der beste Kämpfer kann ausrutschen und in den Matsch fallen. Ich war besorgt; als mir klar wurde, daß ich besorgt war, machte mich das noch viel mehr besorgt. Es machte mir zu sehr was aus, ob er lebte oder starb.
Wie es sich herausstellte, wurde der Kämpfer, der gegen meinen Spanier antreten sollte, von seinem Besitzer zurück gezogen, der keine Lust hatte, nur wegen Matsch eine gute Investition zu verlieren. Ich konnte sehen, wie Proximo mit dem Spanier sprach; ich nehme an, daß er ihn fragte, ob er schon mal im Matsch gekämpft habe. Der Spanier nickte, und Proximo schien zufrieden zu sein. Dann fragte der alte Dieb nach Freiwilligen; jeder, der glaubte, er könne gegen den Spanier bestehen, könne gegen ihn kämpfen. Wie Ihr Euch vorstellen könnt, gab es nicht gerade einen Massenandrang.
Wegen des Regens war die Menge auch nicht so zahlreich, aber zu guter Letzt gab es Unruhe in einer Ecke, die zu Anfeuerungsrufen wurde, als eine Gruppe von, ich kann sie nur Jungen nennen, zum Tor auf der anderen Seite lief. Sie waren zu fünft und in diesem großspurigen Alter, so um die 16, wenn man denkt, man kann alles. Wenigstens einer von ihnen war außerdem betrunken. Er fiel hin und schien nicht wieder aufstehen zu können. Die anderen vier lachten höhnisch über ihn. Nachdem sie sich mit Proximo über die Bedingungen einig geworden waren, zogen sie ihre Mäntel aus und warteten in ihren Leggins dastehend, daß sich die Tore öffneten. Sie betraten die Arena, wo der Spanier wartete. Nachdem er sah, wer da reinkam, sah er sich suchend nach der Menge um.
„Proximo!“ schnauzte er. „Was soll das?“
Der alte Mann knurrte, „Jetzt mach schon!“
„Du willst, daß ich diese...Kinder töte?“ Er war außer sich vor Wut. Er stapfte in der Arena herum und beachtete die „Kinder“ nicht mal, die unsicher waren, was sie als nächstes tun sollten.
„Los, kämpfe!“ rief eine Frau von den Rängen. Der Rest der Menge stimmte mit ein.
„Proximo!“
Der alte Mann bedeutete ihm mit einer ungeduldigen Geste, er solle beginnen, und drehte sich um.
Einer der jungen Männer stieß einen Schrei aus, und stürmte auf den Spanier zu. Der drehte sein Schwert um und haute den Knauf wie einen Knüppel gegen den Kopf des jungen Kerls, der wie ein Stein hinfiel. Der nächste junge Mann war vorsichtiger. Er bewegte sich auf den älteren Mann zu und ließ sein Schwert kreisen, als wüßte er tatsächlich, was er tat. Der Spanier machte ohne Zögern einen großen Schritt in die Reichweite seines Schwertes und haute es ihm aus der Hand, dann zog er auch ihm den Schwertknauf über den Schädel.
Die beiden anderen waren etwas älter, vielleicht auch etwas erfahrener. Sie trennten sich und begannen, den Spanier zu umkreisen. Er näherte sich dem kleineren von den beiden und fing an, ihm mit seinem Schild auf die Arme zu schlagen, besonders auf den Schwertarm. Irgendwann konnte er nah an den Jungen herantreten, und er rammte ihm den Knauf seines Schwertes drei Mal in den Bauch. Darauf hin fiel der auf die Knie und übergab sich auf den Sand.
Der letzte junge Mann kam von hinten auf den Spanier zu und schlug nach ihm. Der Spanier duckte sich und schlug dem Jungen mit der flachen Seites seines Schwertes ins Gesicht. Wutentbrannt begann der Junge sofort, den Spanier mit heftigen Schwerthieben zu bedrängen. Der Spanier wehrte ihn mit dem Schild ab, aber es begann so auszusehen, als müßte er tatsächlich sein Schwert benutzen. Er hielt es immer noch verkehrt herum, griff nicht an, verteidigte sich nur.
Der zweite Junge, der hingefallen war, stand schwankend auf, griff sein Schwert und lief zu den beiden hin. Während er immer noch die Attacken des vierten Jungen abwehrte, drehte sich der Spanier zu dem zweiten um - sein Schwert, das er immer noch mit der Spitze hinter sich hielt, schwang herum – in dem Moment sprang der vierte Junge in den toten Winkel des Spaniers hinter ihm - und spießte sich selber auf der Klinge auf. Der Spanier schlug den anderen Jungen mit seinem Schild und drehte sich um. Der verwundete Junge blickte erstaunt drein, als er hinfiel. Der zweite Junge stand immer noch, hielt sich die blutende Nase und starrte den Gladiator mit großen Augen an. Der drehte sich zu ihm um und schlug ihn diesmal zu Boden. Dann schmiß er Schwert und Schild hin. Der Spanier warf einen Blick auf den Jungen, der im Matsch verblutete. Dann einen langen Blick hinauf zu den Rängen. Der Regen tropfte ihm aus den Haaren. Dann verließ er die Arena zum Geschrei der Menge.
Wir konnten hören, wie er im Käfig nach Proximo brüllte, dann eine Rauferei. Proximo hielt sich natürlich fern.
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Ich hatte für diese Nacht schon nach ihm gefragt; aber jetzt schickte ich Proximo eine Nachricht, daß ich es mir anders überlegt hatte. Es machte mir viel zu viel aus, was mit ihm geschah. Ich freute mich viel zu sehr auf unsere Nacht zusammen. Und nicht so sehr wegen der Bettgymnastik. Ich wollte mit ihm reden. Ich wollte ihn trösten. Ich wollte sein Gesicht sehen, seinen Atem spüren, seine Finger auf mein Herz pressen. So hatte ich nicht mehr gefühlt, seit ich ein Mädchen war, bevor ich mich damit abgefunden hatte, wer und was ich war, und wer und was ich nicht war.
Was ich nicht war, war eine Frau, die Männer wollen. Es war reine Torheit von mir, einen Mann so sehr zu wollen. In unserer Hochzeitsnacht hatte mein Ehemann sich nicht mal die Mühe gemacht, meine Jungfräulichkeit zu nehmen. Die verlor ich an einen Steinmetz, der gekommen war, um eine Mauer um den Garten zu reparieren. Ich schätze, daß ich damals schon eine Vorliebe für Männer entwickelte, die weniger...gebildet sind. Jedenfalls wurde mir damals klar, um wie vieles einfacher sie zu haben sind. Und um wie viel weniger Verbindlichkeiten von nöten sind.
Ich mußte mit den Fantasien aufhören; mußte die Sehnsucht unterdrücken. Das führte zu nichts. Es war Torheit. Es war beängstigend.
Und so kam es, daß ich ihn beinahe drei Monate lang nicht sah. Ich schickte nicht nach ihm. Ich ging zu keinem seiner Kämpfe. Ich gab mir so große, so große Mühe, nicht an ihn zu denken.
Ich schickte einen Diener, um sich die Spiele anzugucken; ich konnte nicht anders. Ich mußte wissen, ob er am Leben blieb. Der Diener berichtete jedesmal, daß der Spanier lebte. Und dann, am Ende des zweiten Monats, hatte er mehr zu sagen.
„Herrin, es freut Euch vielleicht zu hören...“
„Sag schon.“
„Die Menge ruft nach ihm. Er kämpft wie ein Dämon. Er tötet jeden Gegner so schnell wie möglich. Heute kämpfte er gegen sechs Männer und tötete sie alle, so schnell, wie Ihr es Euch nicht vorstellen könnt. Dann, nach jedem Kampf, steht er in der Arena und blickt auf die Ränge...“
„Ja?“
„Herrin, ich glaube, er sucht nach Euch.“
Wie kann ich Euch sagen, was mir das bedeutete? Ich wagte es nicht zu glauben.
Er suchte mach mir und ich war nicht da.
Nein, der Diener mußte sich irren.
Er mußte denken, daß er mir nichts mehr bedeutete.
Idiot, er dachte sowieso nie, daß er mir was bedeutet.
Eines Abends legte ich mich in das Brunnenbecken im Garten in dem Versuch, die fiebrigen Gedanken zu stoppen, die einander in meinem Kopf jagten. Die Diener schickten nach dem Doktor, bevor ich sie stoppen konnte. Er diagnostizierte natürlich eine Frauenkrankheit und verschrieb einen Trank und Kinder. Blödmann. Dachte er, ich hätte nicht schon längst Kinder, wenn ich welche haben könnte?
Und dann kam mir ein Gerücht zu Ohren, das ich wirklich nicht zu ignorieren wagte. Proximo hatte Octavia erlaubt, die Dienste meines Spaniers zu erwerben.
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„Habt Ihr den Verstand verloren?“ Ich schrie Proximo an; sicherlich dachte er, ich sei diejenige, die den Verstand verloren hat.
Er knallte seinen Becher auf den Tisch. „Ihr habt gesagt, Ihr wollt ihn nicht. Ihr habt nur zweimal nach ihm gefragt. Wird von mir erwartet, daß ich ihn einfach nur rumsitzen lasse, wenn sich hervorragende Gelegenheiten zum Geldverdienen ergeben? Wenn Ihr ihn nicht wollt, was kümmert es Euch dann, wer ihn will?“
„Aber Octavia! Ihr kennt sie - sie wird ihn zerstören!“
„Oh, ich weiß nicht...er scheint jetzt wilder zu kämpfen als zuvor. Meine einzige Beschwerde ist, daß er so schnell tötet - wir brauchen etwas mehr Unterhaltung als das, um die Menge zum Wiederkommen zu bewegen.“
Ich versuchte, mich zu beruhigen und nachzudenken. „Wie viel wird es mich kosten, wenn Ihr ihn nur mir vorbehaltet?“
„Weit mehr, als Ihr bereit sein werdet zu zahlen.“
Ich nannte eine Summe. Er blinzelte. Ein Muskel neben seinem Auge zuckte. „Äh...das könnte reichen. Also gut, er gehört nur Euch...für eine Weile. Dann unterhalten wir uns wieder.“
Von da an erkannte ich mich selbst kaum wieder. Ich entführte tatsächlich einen von Octavias Dienern. Mit ein wenig Überredungskunst bekam ich heraus, was ich wissen wollte.
Octavia ist grausam. Sie duldet keinen Widerstand in irgendeiner Form von Dienern oder Sklaven. Ihr Diener erzählte uns, der Spanier - mein Spanier - habe sich ihr widersetzt. (Es überraschte mich nicht, das zu hören.) Und so bestrafte sie ihn.
Ich werde hier nicht die Details wiedergeben, die wir erfuhren - was sie tat, wie sie es tat. Ich wünschte, ich könnte sie vergessen. Ich werde nur so viel sagen: sie wußte, daß sie es nicht wagen durfte, ihn körperlich zu verletzen. Dazu hatte sie nicht das Recht. Sie arbeitete mit Erniedrigungen und kleinen Verletzungen, die man nicht würde sehen können. Er war ein stolzer Mann, Sklave oder nicht. Und als er sich ihrem Willen nicht beugen wollte, versuchte sie, ihn zu brechen. Ob sie damit Erfolg hatte, war eine Frage, die der Diener nicht beantworten konnte.
Beim letzten Kampf hatte er sein Schwert zwischen die Bürger in der Loge geworfen. Er mochte wütend sein, er mochte Schmerzen oder Kummer haben; aber er war noch nicht gebrochen, dachte ich.
Ich wußte, es war meine Schuld. Ich hatte mein Interesse bekundet; hatte ihm versprochen, er müsse sich nicht mit anderen abgeben; und hatte ihn dann vergessen. (Natürlich hatte ich ihn nicht vergessen, ich konnte an niemand anderen denken, aber in meinem melodramatischen Zustand hatte ich das Gefühl, ihn im Stich gelassen zu haben. Und das zumindest war wohl richtig.)
Um Octavia mußte ich mich zuerst kümmern. Und dann um meinen Spanier.
Kapitel 5
Er betrat vor den Wächtern die Zelle. Keiner blutete. Das gab mir Mut. Dann hob er den Kopf, um mich anzusehen, und in seinem Gesicht war mehr Haß, als ich jemals im Gesicht eines Menschen gesehen hatte, sogar in seinem, und mein Mut verließ mich wieder.
Bevor ich fragen konnte, sprach einer der Wächter. „Wir hielten es für das Beste, ihn zu fesseln, Lady.“
„Hat er sich gesträubt?“
„Nein, aber...er sagte, er würde Euch töten, wenn wir es nicht täten.“
Er riss sich von ihnen los und kam mit großen Schritten zu mir rüber, die Hände hinter seinem Rücken gefesselt. „Hier bin ich, Herrin.“ Er spuckte mir die Worte entgegen. „Dein Sklave für die Nacht. Dein Spielzeug.“ Er ging immer weiter; ich wich zurück. Seine Verachtung, seine Abscheu, waren eine greifbare, physische Kraft. „Sag mir, was ich für Dich tun soll.“ Er berührte mich mit seinem Körper und schob mich vor sich her, bis ich stolperte und hinfiel. Er ließ sich über mir auf die Knie fallen und lehnte sich runter, so daß sein Gesicht nur noch Zentimeter von meinem entfernt war. „Ich bin zu Deinem Vergnügen hier, oder etwa nicht? Ist das nicht der Sinn in meinem Leben? Dich zu amüsieren?“ Die Wächter zogen ihn runter, und dann half mir der Große beim Aufstehen.
Der Spanier keuchte, atmete Feuer, sandte mir seinen Haß. „Was soll ich für Dich tun? Deine Freundin hat mich gut ausgebildet, ich bin extrem unterhaltsam...Warum zögerst Du? Kannst Du Dich nicht entscheiden, was ich als Erstes für Dich tun soll?“
Ich senkte meinen Kopf und ließ die Wut wie eine ätzende Welle über mich hinweg schwappen.
Beim Sprechen hatte er die Stimme gehoben, jetzt senkte er sie wieder zu kaum mehr als einem Flüstern. „Nimm mich jetzt. Du wirst nicht einmal die Fesseln brauchen.“ Sein Gesicht war verzerrt, brutal und grimmig, die Zähne entblößt. „Du hast die beiden, um mich festzuhalten.Tu, was immer Du willst. Ich bin Dein Sklave.“ Und dann knurrte er, als er versuchte, die Wächter abzuschütteln.
Ich öffnete den Krug Wein, den ich mitgebracht hatte, und füllte zwei Becher. Fand das Messer in der Tasche mit dem Obst, und gestekulierte damit in ihre Richtung. „Bringt ihn her.“
Der Spanier blickte auf das Messer, dann hoch zu mir. Er grinste verächtlich, als die Wächter ihn zum Tisch stießen. „Ist das für meine Kleidung oder meinen Körper? Wo wirst Du mich schneiden, Herrin? Und denkst Du nicht, daß Proximo es merken wird?“
Ich befahl den Wächtern zu gehen. Sie zögerten. „Es ist in Ordnung. Wenn ich Hilfe brauche, rufe ich nach Euch.“
„Aber er ist beinahe verrückt vor Wut, Lady, ich glaube...“
Ich verlor die Geduld. „Geht, jetzt, oder ich schneide vielleicht Euch die Eingeweide raus!“ Und ich wedelte mit dem Messer nach ihnen.
Sie gingen.
Der Spanier drehte sich zu mir um. „Proximo bevorzugt Dich.“ Er ging auf mich zu, stieß mich wieder mit seinem Körper, knurrte mir seine Worte ins Ohr. „Wird er Dir erlauben, ein Stück von mir zu behalten?“
„Du Idiot, dreh Dich um, ich versuche Deine...“
„Welches Stück hat Dir am besten gefallen?“ Man konnte nicht vernünftig mit ihm reden. Er stieß mich so lange, bis ich die Wand im Rücken hatte. Ich schob meine Arme um seine Taille und sägte an der Schnur um seine Handgelenke.
Sie löste sich schnell. Er trat einen Schritt zurück und beobachtete mich, während er hastig den Rest runter wickelte.
„Das war ein Fehler.“ Er packte meine Hand, die immer noch das Messer hielt, und drückte zu, bis ich es fallen ließ; seine andere Hand umfaßte meinen Hals und zog mich nah an ihn heran. „Ich könnte Dich töten.“
Ich schloß meine Augen und sagte nichts. Nach einem Moment stieß er mich weg.
Es war seltsam; ich hasste seine Wut und liebte sie. Mein Herz brannte für ihn und seinen Schmerz; aber auch ein anderer Teil meines Körpers brannte nach ihm. Dieser Teil von mir wollte seinen Zorn, wollte die Kraft und Stärke darin, wollte im Strudel seiner Emotionen stranden. Ich wollte, daß seine Hände mich leidenschaftlich berührten, welche Form auch immer diese Leidenschaft annehmen würde. Mein Herz wollte ihn beschwichtigen.
Ich humpelte zum Stuhl und setzte mich. Er sah die Becher mit dem Wein und fegte sie vom Tisch.
„Sie wird Dich nicht wieder belästigen,“ sagte ich leise.
Ich brauchte sein höhnisches Grinsen nicht zu sehen, um zu wissen, daß es da war. „Glaubst Du, das macht für mich einen Unterschied? Ihr Schlampen seid alle gleich. Glaubst Du, ich werde mich dieses Mal für Dich hinlegen, nur weil Du es bist, und nicht sie?“
„Es gibt einen Unterschied zwischen Octavia und mir.“
„Und der wäre?“
„Solange Du mich nicht umbringst, werde ich diejenige sein, die diese Nacht überlebt.“
Er schwieg für eine lange Zeit.
„Du hast sie getötet?“
„Nicht persönlich; und es ist möglich, daß sie noch nicht tot ist; aber ich habe es arrangiert, ja. Ich sagte ihr, daß ich es tun würde, sollte sie mir in dieser Sache in die Quere kommen. Also muß ich es jetzt auch durchziehen. Ich habe einen Ruf zu verlieren.“
„Und wenn ich Dich töte?“
„Dann werden sie und ich beide tot sein, und ich kann sie in der Hölle noch ein bißchen mehr bestrafen.“
Es wäre eine Übertreibung zu sagen, daß die Neuigkeiten ihn beruhigten. Er lief weiter auf und ab, die Muskeln in seinem Gesicht arbeiteten, und er ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Seine Blicke in meine Richtung waren ärgerlich, aber auch fragend.
„Du hast sie getötet,“ sagte er nochmal.
Ich seufzte. „Nein, sie stirbt, während wir miteinander sprechen, und ich bin hier bei Dir.“
„Warum?“
„Weil mir keine Möglichkeit einfiel, wie ich sie in die Arena kriegen konnte, so daß Du es tun konntest. Das war die nächstbeste Möglichkeit.“
„Erwartest Du von mir, daß ich Dir danke?“
„Nein, ehrlich gesagt würde es mich nicht überraschen, wenn Du mich doch noch umbringst.“
„Das tue ich vielleicht auch noch.“
„Ich weiß.“
Er stellte sich vor mich. „Warum hast Du mir dann die Fesseln abgenommen, warum hast Du die Wächter weg geschickt?“
Ich sah hoch in sein Gesicht. „Was macht es für einen Unterschied?“
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Es gab wirklich nichts mehr zu sagen. Was ich getan hatte, was Octavia getan hatte, war geschehen, und man konnt es nicht mehr ändern.
Nach einer Zeitlang hob er die Becher wieder auf und füllte sie. Er hob seinen zum Mund.
„Warte,“ sagte ich und seufzte. „Trink es nicht.“ Ich rieb meine Stirn - wie sollte ich ihm das erklären? „Ich wußte nicht, in welchem Zustand Du sein würdest. Ich wußte nicht genau, wie schlimm...wie schlimm Octavia...ich wußte nicht, ob Du...“ Ich gab die Erklärungsversuche auf. „In dem Wein ist was drin.“
„Gift?“
„Sei nicht so ein Idiot. Warum sollte ich all diese Schwierigkeiten auf mich nehmen, nur um Dich dann zu vergiften? Es ist nur ein Schlafmittel.“
„Warum läßt Du es mich nicht trinken?“
Es hatte was damit zu tun, daß ich ihm nicht schon wieder die Macht der Entscheidung wegnehmen wollte. Ich verstand es selber nicht genug, um es ihm erklären zu können. Ich zuckte mit den Achseln.
„Also warum bin ich hier?“
Ich hatte befürchtet, daß er das fragen würde. Ich kannte die Antwort, so töricht sie auch war. Es war mein selbstsüchtiges Verlangen danach, ihn zu sehen, mich zu versichern, daß er unverletzt war, ihn zu trösten, wenn er mich ließ, ihm alles zu erklären (das war wahrscheinlich unmöglich, aber das Verlangen danach war trotzdem da), seine Stimme zu hören, ihn vielleicht zu berühren...Aber ich konnte unmöglich sagen, was in meinem Herzen war. Wenn ich das wagte, konnte es nur schwere Erniedrigung für mich bedeuten; ich war zu sehr Realist, um etwas anderes zu denken.
Und ich dachte an die Besitzerin des Schönen, wie sie auf den Rängen gestanden und geheult hatte, nachdem sie zugelassen hatte, daß ihr Verlangen sie beherrschen konnte, daß ihre Vernarrtheit sie beide ins Verderben stürzen konnte.
Und dann erinnerte ich mich, wie sie vor dem Kampf ausgesehen hatte, so glückselig, so überglücklich. Ich glaube, ich habe mich nie so gefühlt, wie sie aussah.
Ihre Dummheit hatte ihren Geliebten getötet...aber ich war nicht dumm.
„Ich könnte Dich von Proximo kaufen.“
Ja, ich war es doch - dumm. Wo war das denn hergekommen?? Wie konnte ich so was gesagt haben? Ich wartete darauf, daß er lachte. Das war sicherlich die Reaktion, die ich verdiente.
Er lachte nicht. „Warum?“
„Nun, zum einen bräuchte ich dann nicht wieder hierher kommen. Mein Haus ist etwas komfortabler als diese...“
Er unterbrach mich. „Und meine Pflichten?“
Ich ignorierte das. „Du würdest mir Dein Wort geben, daß Du nicht gehen wirst, und dann könntest Du Dich frei im Haus und auf dem Grundstück...“
Er unterbrach mich erneut. „Ich würde gehen.“
Ich hörte auf mit dem Plappern.
„Ich würde von Dir weggehen, wenn ich könnte. Ich könnte nicht bleiben. Du weißt das.“ Seine Stimme war beinahe zärtlich.
„Du könntest bleiben,“ sagte ich stur.
„Das würde ich nicht.“
Ich brauchte ihn nicht nach dem warum zu fragen. Aber mich selber, mich selber fragte ich nach dem warum. Warum, warum, warum hatte ich davon angefangen? Ich sollte es besser wissen. Ich hatte mir die Hoffnung vor Jahren abgewöhnt; warum ließ ich jetzt zu, daß sie sich wieder einschlich? Sie brachte immer nur Kummer. Es war ein schneller, flüchtiger, aber offensichtlich mächtiger Traum gewesen, und die Trauer über seinen Tod drohte mich zu überwältigen.
Ich ergriff den nächsten Becher und warf den Inhalt nach ihm. Dann den Becher. Der Inhalt verfehlte sein Gesicht, aber der Becher traf ihn genau unterm Auge; er versuchte nicht, ihn abzuwehren. Ich sah mich nach etwas anderem um. Das Messer lag auf dem Tisch, also warf ich es auch. Es streifte seinen Arm, als er es von seinem Gesicht abwehrte. Der Krug war zu schwer für mich.
"Die Wächter werden mich zurück in meine Zelle bringen." Wieder in dieser tiefen und sanften Stimme.
"Nein," sagte ich durch zusammen gebissene Zähne. "Ich will, daß Du bleibst." Die Tasche mit dem Obst machte sich nicht gut als Waffe, aber ich warf sie trotzdem. Er fing sie und legte sie auf den Boden. Ich stand auf und blickte mich wild um, aber es gab nichts mehr zum Werfen. Irgendetwas, irgendetwas, um nicht von diesem furchtbaren Kummer überschwemmt zu werden - ich ging die paar Schritte zu ihm hinüber und schlug ihn, so fest ich konnte. Er stand nur da, und so schlug ich ihn nochmal. Beim dritten Mal packte er mein Handgelenk, bevor ich ihn traf, und zog mich näher.
Ich wußte, ich würde es nicht ertragen können, wenn er mich jetzt berührte, ich würde zerbrechen. Ich zerrte an meinem Arm, die einzige nützliche Gliedmaße, die ich hatte. Ich konnte ihn nicht mit links schlagen. Wenn ich mein Gewicht mit meinem linken Bein hätte tragen können, hätte ich ihn mit dem rechten treten können, aber das war unmöglich.
"Verdammt, ich wünschte, ich könnte Dich treten."
"Hör auf...schsch..." Er legte seine große Hand auf meinen Hinterkopf und hielt mich still.
"Laß mich los!" Es war zu spät, ich war verloren. Während ich die Worte noch durch zusammen gebissene Zähne sagte, verwandelten sie sich schon in Schluchzen. Ich bin sicher, er hätte mich gehalten und getröstet; ich wollte ihn lassen. Ich wollte in seinen Armen gehalten werden, und wenn es nur dieses eine Mal war. Aber, oh meine Vorfahren, ich hatte mich selber mehr erniedrigt, als es zu ertragen war. Niemand hatte mich mehr mit Tränen im Gesicht gesehen, seit ich das letzte Mal das Richten meiner Knochen hatte ertragen müssen. Ich versuchte, mich zu befreien.
Er hob mein Gesicht an, um in meine Augen blicken zu können. "Halt still," sagte er. "Beruhige Dich." Ich schniefte und wischte meine Nase mit der linken Hand ab. Er legte den Arm um meine Taille, die andere Handfläche auf meine Wange. Und nach einer kleinen Weile hatte ich mich beruhigt.
"Du kannst mich loslassen." Meine Stimme klang kleiner, als ich es gemocht hätte. Vielleicht, weil ich gar nicht wollte, daß er mich losließ.
Er starrte immer noch in meine Augen. “Habe ich Dir jetzt etwas weggenommen?" Er strich eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. "Wie habe ich das gemacht?"
"...ich weiß nicht."
Alles, was ich in diesem Moment wußte, war, daß das nie wieder passieren würde - so beieinander stehen, und er hatte aus freien Stücken den Arm um mich gelegt - niemals wieder. Und ich folgte einem anderen Impuls, ähnlich dem, der mich in diese Situation gebracht hatte.
"Gib mir etwas dafür zurück."
Ich brauchte ihm nicht zu sagen, was ich wollte. Er konnte es wahrscheinlich in meinem Gesicht sehen. Er legte den Kopf auf die Seite und überlegte; er wischte etwas mit seinem Daumen von meinen Lippen. Und dann gab er mir, was ich wollte.
Wieder wußte ich, daß das nur dieses eine Mal passieren würde; dies würde der einzige sein. Ich legte meinen gesunden Arm um seinen Hals und verlängerte den Kuß, so lang es ging. Es war mir egal, daß es nur aus Mitleid geschah; es war mir egal, daß ich zu begierig erschien. Selbst, als ich bemerkte, daß ich seltsame kleine Laute in seinen Mund machte, war mir das egal. Jede Sekunde war wichtig, jede Einzelheit mußte sich meinem Gedächtnis einprägen, das wußte ich; aber ich schaffte es nicht. Ich verlor mich in dem Gefühl seiner Lippen, dem Kitzeln seiner kurzen Bartstoppeln auf meinem Gesicht, seinem Geschmack...
Als er den Kuß beendete, strich er mein Haar zurück und gab mir noch einen Kuß auf die Stirn. Ich legte meinen Kopf aus seine Schulter, vergrub meine Nase in seinem Hals, sog seinen Geruch ein.
Ich sah, wie Proximo auf der anderen Seite der verschlossenen Tür stand und uns beobachtete. Auch das war mir egal. Er drehte sich zu dem Wächter neben sich um, gab ihm einen Stoß und ging.
Kapitel 6
"Wir gehen nach Rom."
Zuerst verstand ich nicht, was er meinte. Gerade noch hatte er gesagt, er wünschte, ich hätte etwas Wein mitgebracht, den man ohne Gefahr trinken könnte. Ich hatte den Wächter gerufen und ihm aufgetragen, uns welchen zu bringen. Der Wächter guckte mich böse an - er war schon in Schwierigkeiten, weil er Proximo aus seinem Haus hierher gezerrt hatte, obwohl wir offensichtlich gar nicht versuchten, uns gegenseitig umzubringen - aber er ging. Und jetzt das, leise gesagt, während er sich im Stuhl zurücklehnte und seinen Wangenknochen rieb, wo der Becher ihn erwischt hatte. Es war verwirrend.
"Wer?"
"Wegen der Spiele. Der junge Imperator," wieder dieses höhnische Grinsen, "will viel Frischfleisch für die Spiele. Proximo bringt uns alle nach Rom."
"Das hat er mir nicht gesagt." Ich war wie betäubt. Mir war schlecht. Ich würde Proximo umbringen. Mal sehen, ob er irgend jemanden nach Rom bringen konnte, nachdem ich mit ihm fertig war.
"Das dachte ich mir." Er sah weg, und ich wußte, er hatte meine Gefühle in meinem Gesicht gesehen.
Der Wächter kam zurück. Die Tür wurde aufgeschlossen, der Wein reingebracht, auf den Tisch gestellt, und die Tür wurde wieder verschlossen.
"Ich nehme an, daß wir auf dem Weg Kämpfe haben werden, um Geld einzunehmen, und damit wir in Übung bleiben."
Er klang, als würde er Pläne dafür machen. Ich hielt ihm meinen Becher hin, und er füllte ihn. "Ich bin noch nie in Rom gewesen," fuhr er fort. "Was seltsam ist, nehme ich an, nach all meinen Jahren in der Armee und mit Marcus---" Er hörte plötzlich auf zu sprechen. Nahm einen Schluck Wein und machte eine Grimasse; "Wo hat er denn den her? Das letzte Mal hatte ich so schlechten Wein, als..." wieder zögerte er, "...vor langer Zeit."
"Ich wäre vielleicht in der Lage, etwas zu unternehmen...so daß Proximo nicht geht..."
"Ich gehe nach Rom." Er sagte es mit fester Stimme, mit Autorität, und warf mir dabei einen scharfen, direkten Blick zu, um sicher zu gehen, daß ich verstand. "Es gibt dort etwas, das ich tun muß."
Und das war's. Er sagte mir nicht warum, und ich fragte ihn nicht. Er sagte nochmal, daß er zu seiner Zelle zurück gehen könnte, und ich schüttelte den Kopf. Er wollte von mir dafür auch keine Erklärung. Wir tranken den sauren Wein und sprachen wenig, waren beide mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt.
Nach einer Weile schlief er ein; sein Kopf nickte runter, und seine Atmung änderte sich. Ich war immer noch wie betäubt von den Emotionen, die durch mich hindurch gerast waren (und wahrscheinlich von dem Wein, den ich getrunken hatte), aber ich war nicht müde.
Ich ging zu ihm hin und schüttelte ihn ein wenig. "Spanier -"
Seine Hand war in meiner Kleidung verkrallt und er hatte mich an sich ran gezogen, noch bevor er seine Augen geöffnet hatte. Er brauchte einen Augenblick, um mich zu erkennen. Er atmete aus und legte das Messer wieder auf den Tisch.
"Leg Dich hin. Du kannst hier schlafen."
Ein vorsichtiger Ausdruck glitt über seine Gesichtszüge. "Ja, Du solltest lieber vorsichtig sein," sagte ich sarkastisch, "ich könnte Dich überwältigen."
Darüber mußte er lächeln. Er schlief beinahe sofort ein, nachdem er sich hingelegt hatte. Ich betrachtete ihn für eine lange Zeit.
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Ich erwachte mit einem Brummschädel, der Steine zum Weinen hätte bringen können. Ich versuchte, mich nicht mehr zu bewegen, als ich mußte. Auch wenn ich groggy war, verwundert es mich immer noch, daß ich nicht gleich bemerkte, was dieses warme, feste Ding war, das sich an meinen Rücken drückte.
Später in der Nacht hatte ich mich auch aufs Bett gelegt, aber mit Abstand zu dem Spanier, obwohl ich das furchtbare Verlangen hatte, mit meinem Kopf auf seiner Brust zu schlafen. Aber ich tat es nicht, weil ich es satt hatte, mich wie ein verzweifelter Teenager zu benehmen. Es war desorientierend, mit seinem Atem in meinem Haar und seinem Arm um mich herum aufzuwachen.
Ich bin nicht sicher, wie lange ich mich nicht bewegte. Meine Kopfschmerzen wurden etwas besser, und ich ignorierte die Krämpfe in meinem angewinkelten Bein. Ich hielt meine Augen geschlossen und genoss jeden Moment. Ich wünschte mir, daß er niemals aufwacht, erwartete es aber jeden Augenblick.
Als er sich schließlich doch unruhig hinter mir bewegte, was es nicht, was ich erwartet hatte. Nach seiner Atmung zu schließen, schlief er immer noch. Und es war offensichtlich, was er träumte.
Hoffnung ist eine brutale Sache. Ich sagte mir selber, es bestünde die Möglichkeit, daß er von mir träumte. Als er seine Hand auf meine Brust legte, redete ich mir ein, daß er mir vielleicht nur aus Mitleid einen Gefallen tun wollte, so wie er es mit dem Kuß getan hatte. Seine Atmung war langsamer, schwerer, und ein Brummen tief aus seiner Brust ließ meine Knochen vibrieren. Ich überlegte, mich zu ihm umzudrehen. Sein Gesicht war in meinem Haar, meinem Nacken, und dann hauchte er einen Namen in mein Ohr, der nicht der meine war.
Danach brauchte ich nicht mehr lange zu warten, bis er aufwachte. Ich wußte es sofort; er war plötzlich ganz still. Ich konnte beinahe spüren, wie er in dem schummrigen Licht blinzelte. Um uns beiden den peinlichen Moment zu ersparen, hielt ich meine Atmung gleichmäßig und meine Augen geschlossen und gab vor zu schlafen.
Langsam, so als wollte er mich nicht wecken, zog er seine Hand zurück, von wo sie hingeraten war. Er bewegte sich vorsichtig von mir weg. Ich spürte, wie er sich auf seinen Rücken drehte; hörte, wie er tief ein und aus atmete. Hörte ihn schwer schlucken, und dann ein einziges, leises Schimpfwort.
Er setzte sich auf und schwang seine Beine über die Bettkante. Er saß dort für eine lange Zeit. Seine Atmung war ungleichmäßig; manchmal schien sie zu stocken. Dann flüsterte er einen weiteren Fluch und räusperte sich.
Ich hörte die nächsten, geflüsterten Worte beinahe nicht.
"Du fehlst mir. Du fehlst mir."
Manchmal tröstet es mich zu wissen, daß es jemand anderen gab, den er liebte, daß es nicht nur daran lag, daß ich so unliebsam war; manchmal hilft es überhaupt nicht.
Er räusperte sich wieder und zog die Nase hoch, bevor er aufstand. Ich gab mir große Mühe so auszusehen, als würde ich schlafen. Er zog die Decke wieder über mich und kämmte mit seinen Fingern die Haare aus meinem Gesicht zurück. "Es tut mir leid," sagte er.
Er stand an der Tür, bis der Wächter auf seinen Ruf hin kam. Er sah mich nicht nochmal an, aber ich beobachtete ihn durch meine Wimpern, bis er weg war.
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Ich sah ihn nicht nochmal vor seiner Abreise. Ich dachte darüber nach, Proximo einen Besuch abzustatten, aber ich befürchtete, ich würde ihm wehtun, wenn ich das tat. Und der Spanier würde mir nicht danken, wenn ich verhinderte, daß sie nach Rom gingen. Am Ende schickte ich Proximo eine kurze Nachricht. Ich ließ ihn wissen, daß er nicht mal daran denken sollte, zurück zu kommen, ohne den Spanier heil und gesund dabei zu haben. Und ich teilte ihm mit, daß ich mein Geld wiederhaben wollte. Ich kann mir vorstellen, daß er lachte, als er das las.
Es dauerte etwa eine Woche ab ihrer Abreise, bis ich vor mir selber zugab, daß ich die Warterei und Untätigkeit hier nicht länger würde aushalten können. Es dauerte vier weitere Tage, bis ich alles arrangiert und meine Karawane auf den Weg nach Rom gebracht hatte. Wir hatten die üblichen Probleme und Verspätungen auf dem Weg, ein lahmendes Pferd, ein gebrochenes Rad, diese Art von Dingen. Es gab Tage, da hatte ich solche Schmerzen von dem Gerüttel auf den schlechten Straßen, daß wir eine Pause machen mußten, bis ich mich wieder etwas erholt hatte. Und so kam es, daß sie natürlich alle weg waren, als ich in Rom ankam. Jeder, der mir auch nur irgend etwas bedeutete, war weg.
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Ich brauche Euch nichts darüber erzählen. Er ist mittlerweile eine Legende. Jeder kennt die Geschichte von Maximus, dem Retter Roms. Ich hatte eine entfernte Cousine in Rom, die mich bei sich aufnahm und sich um mich kümmerte, bis ich nicht mehr so sehr...in Scherben lag. Sie hatte jeden Kampf gesehen, erzählte mir alle Einzelheiten, und hielt mich fest, wenn ich weinte. Ich muß ihr dafür dankbar sein. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit ich Rom verlassen habe und nach Hause zurückgekehrt bin; ich glaube nicht, daß ich das ertragen könnte.
Es ist zwei Jahre her, daß der Spanier in Zucchabar war. Man spricht von ihm immer noch als dem Helden der Spiele. Aber seine beeindruckende Präsenz hier in der Arena wurde nie in Verbindung gebracht mit dem Henker von Commodus, einem Skandal, der monatelang das Hauptgesprächsthema war.
In dem Versuch, mich zu trösten, sagte mir meine Cousine, ich solle mich an die Stunden erinnern, in denen er mir gehörte, aber er gehörte niemals mir. Es war eine Fiktion, in der ich da lebte, geboren aus einem Elend, dessen ich mir nicht mal selber bewußt war. Sein Verlust ist für mich mehr als alle andere ein Verlust der Hoffnung. Er war nur für kurze Zeit hier, aber er war die edelste Sache in meiner kleinen Welt. Und wie jeder, der ihn jemals kannte, angefangen bei Marcus Aurelius, fixierte ich ohne einen zweiten Gedanken meine Hoffnungen und Sehnsüchte auf ihn. Er war der Mann, den ich mir schneller und stärker zu lieben erlaubte, als irgend jemanden vor oder nach ihm. Jetzt, da er weg ist, weiß ich nicht mehr weiter. Ich nehme an, mein Leben jetzt ist nicht leerer als zuvor, aber jetzt erkenne ich es.
Meine grimmige Unabhängigkeit und Aggressivität, zuvor immer so wichtig für mich, waren eine Fassade, ein dünner Schutzschild; mein wahres Selbst blieb so gut verborgen, daß nicht mal ich selber es sehen konnte. Das ist es, was er mir vor so langer Zeit wegnahm, und wofür er mit einem Kuß bezahlte, und seitdem konnte ich mir selbst nie mehr etwas vormachen.
Ich kann ihn nicht vergessen; ich will ihn nicht vergessen, und dennoch...
Ich stehe morgens auf, ich esse, ich spreche; ich tue alle diese Dinge, die notwendig sind, aber sie hinterlassen einen schalen Geschmack in meinem Mund. Ich fühle, als ob seit dem Moment, da die Flamme seines Daseins von der Welt genommen wurde, auch mein Feuer langsam niederbrennt...und ich verblasse.
Wir werden sehen müssen, ob die Zeit heilt...
ENDE zurück