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Es war einer dieser
Tage, an denen ich sofort wusste, dass etwas in der Luft lag. Ich hatte
dieses schlechte Gefühl schon, als ich aufstand und mich anzog. Lynn war die
ganze Woche weg zu einer Modenschau in Phoenix, so dass ich mich um mich
selbst kümmern musste. Und das war garantiert nicht eines meiner Talente.
Also fiel das Frühstück wie immer aus, wenn ich alleine war, eine Tasse
Kaffee und eine Zigarette. Später, auf dem Weg zur Arbeit, würde ich Donuts
holen. Zwar müsste ich die dann noch mit meinem Partner teilen, und der
schien wirklich davon zu leben, aber egal.
Mein Partner war ok. Stens war jahrelang mein Partner in L.A. gewesen, und
irgendwie konnte man ihn schon mit Trevor vergleichen, obwohl Trevor längst
nicht so viel trank wie Stens, und das war besser so.
Arizona war ganz schön ruhig gegenüber L.A. Die ersten paar Monate dachte
ich, es wäre zu ruhig, aber bald schon gewöhnte ich mich daran, und heute
habe ich es schon fast vergessen. Ich hielt immer noch lockeren Kontakt zu
Ed, vielleicht könnten wir sogar irgendwann mal Freunde werden, aber L.A.
bleibt immer noch L.A., und deswegen ist es gut, dass da so viel Distanz
zwischen L.A. und Bisbee liegt. Denn ich brauche Abstand. Ich führe hier ein
komplett neues Leben, ein besseres Leben, und ich kann sogar wieder ein paar
Morde aufklären, so als richtiger Polizist und bin nicht einfach nur der
Prügelcop vom Dienst. Alles in allem muss ich doch wohl clever genug sein,
wie Lynn es mir irgendwann mal gesagt hatte.
Aber ich musste nicht nur Morde aufklären, dafür war Bisbee nicht groß
genug. Hier taten wir alles, von Verkehrsdelikten bis zum Banküberfall.
Natürlich musste ich viel lernen, als ich endlich wieder fit war, um in den
Beruf zurückzukehren. Die Uhren tickten hier ein wenig anders, aber nach
einer Weile fand ich heraus, dass es hier noch richtige Polizeiarbeit gab,
die Art von Arbeit, die ich schon immer machen wollte, seit ich bei der
Polizei angefangen war, und wo ich dachte, ich hätte sie über die Jahre beim
Revier in Hollywood verloren. Ich kam zu meinen Wurzeln zurück, und mit
Lynns Hilfe war ich nicht mehr der aggressive Polizist, der ich einmal war.
Und da war ich nun, betrat die Wache mit einer Tüte Donuts in der Hand, und
irgend etwas sagte mir, ich hätte besser zu Hause bleiben sollen. Aber es
war zu spät, mein Chef hatte mich schon entdeckt.
„In mein Büro, White!“
Ich traute mich nicht zu widersprechen. Prowler war ganz ok. Er bellte oft,
aber er biss nicht. Ich war an solch eine Art Chef gewöhnt, und es störte
mich nicht. Ich konnte damit ganz gut umgehen, trotzdem wusste ich, wann man
besser auf seinen Chef hören sollte.
„Guten Morgen, Chef“, begrüßte ich ihn, als ich das Büro betrat. Prowler
lebte buchstäblich in seinem Büro, oder zumindest sah es so aus, weil sich
so viele persönliche Gegenstände hier befanden. Man konnte wirklich glauben,
dass nichts mehr bei ihm zu Hause übrig war. Aber auf der anderen Seite
hatte Prowler auch gar kein richtiges Zuhause mehr. Ihm gehörte nur das Haus
mit wenig Mobiliar. Als seine Frau ihn vor ein paar Jahren verließ, hatte
sie fast alles mitgenommen. Gerüchten zufolge besaß Prowler seitdem nur ein
Bett, einen Tisch und Stuhl, bzw. das, was sich in seinem Büro befand.
Aber ich scherte mich nicht um sein Privatleben. Er war ein guter Chef, und
ich kam ganz gut mit ihm aus. Er hatte keine Vorurteile bezüglich meiner
Vergangenheit in L.A. Er gab mir die Möglichkeit, komplett von vorne
anfangen zu können. Und deshalb wollte ich mich auch nicht in sein
Privatleben einmischen.
„Wendell, setzen Sie sich“, bat er mich nun. Er hatte Sorgenfalten auf
seiner Stirn, deshalb setzte ich mich auch unverzüglich hin. Nicht nur, dass
etwas Unangenehmes in der Luft lag, sondern auch noch, dass es etwas war,
das wohl mit mir zu tun hatte. Ich sah ihn fragend an und versuchte ihn so
dazu zu bringen, sich zu beeilen, endlich zu sagen, was er mir mitteilen
wollte.
„Ok“, fuhr er endlich fort. „Das ist jetzt nicht gerade leicht für mich. Ich
weiß, dass Sie die Akte L.A. abgeschlossen haben. Und Sie leben hier jetzt
recht gut, aber ich weiß auch, dass sie noch nicht alle Seile gekappt haben,
dass Sie noch Kontakt zu Lt. Comm. Exley halten.“
„Ja, das stimmt.“ Mir war immer noch nicht klar, was Prowler zu sagen hatte,
aber als er Eds Namen erwähnte, war es, als ob mich meine Vergangenheit
einholte, und dass sie mich wahrlich aus den Schuhen hauen würde.
Meine Gesundung hatte länger als erhofft gedauert. Andauernd musste ich ins
Krankenhaus zurück, um noch eine Operation über mich ergehen zu lassen. Ich
wollte mit meinem Leben weiterkommen, aber das war nicht gerade leicht, wenn
man noch nicht wieder voll auf den Beinen war. Weil ich nicht viel alleine
machen durfte, saß ich die meiste Zeit im Sessel im Wohnzimmer oder draußen
auf der Veranda. Ich hatte alle Zeit der Welt, um nachzudenken, und das tat
ich dann auch. Nachdenken über mein vergangenes Leben, was ich falsch, was
richtig gemacht hatte, meistens jedoch über das Falsche. Die jüngsten
Ereignisse, welche mich in diesen Zustand versetzt hatten, aber vor allem
die Vor- und Nachteile, die sich daraus ergaben. Letztendlich beschloss ich,
dass alles, was mir in meinem Leben bislang passiert war, vom Schicksal so
vorbestimmt war und irgendeinen Sinn haben musste. Nicht, dass ich in der
Lage war, dies zu erklären, aber es war eben so passiert. Jetzt war ich hier
in Arizona, noch nicht wieder ganz gesund, aber wissend, wenn ich wieder
vollkommen ok war, dass mich hier ein Job erwartete. Ein Job und ein neues
Leben, eine zweite Chance, um endlich in der Lage zu sein, das Leben zu
führen, welches ich die vergangenen Jahre über verzweifelt hatte leben
wollen.
Prowler hatte recht, ich hatte die Akte abgeschlossen. Ich musste es tun, um
mein neues Leben hier in Bisbee führen zu können. Und er hatte recht, dass
ich immer noch den Kontakt zu Ed aufrecht erhielt. Ich hatte ihn früher
nicht besonders gemocht, einen Streber und Emporkömmling, damals, bevor
alles außer Kontrolle geraten war. Aber letztendlich hatten die Ereignisse
uns zusammengeschweißt, das Band war noch recht dünn, aber wir beide
arbeiteten daran, es zu kräftigen.
„Wendell?“, hörte ich auf einmal meinen Chef rufen.
„Ja?“, antwortete ich ihm leicht verwirrt. Ich hatte nicht bemerkt, dass
mich meine Gedanken so weit weg getragen hatten.
„Sorry“, entschuldigte ich mich.
„Macht nichts“, entgegnete Prowler aufmunternd. „Wie ich schon sagte, das
hier ist für mich nicht einfach, aber ich habe gerade einen Anruf aus L.A.
erhalten. Letzte Nacht hat man Exleys Leiche vor dem Revier in Hollywood
gefunden. Der Erkennungsdienst meint, dass er dort nicht starb, und dass es
kein natürlicher Tod war ...“
Jemand zog die Vorhänge vor mir zu. Alles schien zu verschwimmen und
schließlich in einem glänzenden weißen Nichts zu verschwinden. Ed war tot,
er war tot ... das ergab überhaupt keinen Sinn.
Dann lichteten sich die Schatten wieder und ich befand mich wieder in
Prowlers Büro.
„Sie sagen mir, dass Ed tot ist?“, fragte ich etwas dümmlich, aber ich hatte
mich recht schnell wieder unter Kontrolle und konnte dann wieder
intelligentere Fragen stellen. Prowler konnte nicht viel über Eds Tod sagen,
außer dass es wohl kein natürlicher war. Er war sich nicht sicher, ob die
Kollegen aus Hollywood einfach nicht mehr wussten, oder ob sie nicht mehr
sagen wollten. Aber trotzdem war ich fest entschlossen, dass ich mehr über
seinen Tod herausfinden musste. Das ungute Gefühl vom Morgen kehrte
schlagartig wieder und diesmal traf es mich äußerst hart. Sein Tod war
definitiv unnatürlich gewesen, und wenn ich nicht persönlich gesehen hätte,
wie Smith draußen vor dem Victory Motel gestorben war, ich hätte schwören
können, dass er hinter der ganzen Sache steckte.
„Ich muss dahin, Chef“, fing ich an. Ich erwartete fast, dass Prowler
irgendwelche Gründe erfinden würde, warum ich nicht nach L.A. zurück gehen
sollte, aber was als nächstes kam, hatte ich überhaupt nicht erwartet.
„Das habe ich bereits arrangiert, wenn es Ihnen nichts ausmacht“, erwiederte
er. „Ich kenne die Details über den Vorfall, der Sie letztendlich auf mein
Revier gebracht hat, und Exleys Tod stinkt zum Himmel. Aber ich habe so das
Gefühl, als ob die Kollegen aus Hollywood nicht so gründlich ermitteln
würden wie Sie. Also habe ich es mit Captain Wallaby so abgesprochen, Sie
für die Dauer der Ermittlungen dorthin abzuordnen. Ich weiß, dass sie von
einigen Kollegen dort wieder herzlich aufgenommen werden, und Wallaby und
ich sind uns ziemlich sicher, dass sie alle mit Ihnen perfekt
zusammenarbeiten werden, wenn Sie die Ermittlungen leiten.“
„Ich?“
Ich konnte nicht glauben, was Prowler mir da gerade angeboten hatte. Nicht
nur, dass er bereits für meine Abordnung gesorgt hatte, aber er hatte es
auch erreicht, dass ich mich mehr oder weniger frei bewegen konnte, um das
Rätsel von Eds Tod zu lösen. Wenn ich erfolgreich war, würde garantiert eine
Beförderung für mich drinsitzen. Dennoch fühlte ich mich bei dem Gedanken
zurückzukehren, nicht gerade wohl in meiner Haut, denn ich hatte ja gerade
erst meine Dämonen besiegt. Aber Prowler hatte recht, ich war derjenige mit
dem besten Hintergrundwissen.
Mein Chef sah mich aufmunternd an.
„Ja! Warum fragen Sie? Irgend etwas damit nicht in Ordnung ?“
„Nein, nein. Ist schon ok. Ich war nur erstaunt, dass Sie das alles schon
arrangiert haben. Wann kann ich gehen?“
„Wallaby erwartet Sie morgen früh zum Termin mit dem Staatsanwalt.“
Das gab mir nicht gerade viel Zeit, besonders weil ich Lynn nicht mehr sehen
würde, bevor sie aus Phoenix zurückkehrte. Aber das konnte ich jetzt nicht
ändern. Sie würde es verstehen. Ich würde ihr alles heute Abend am Telefon
erklären. Ich hatte sie bislang jeden Abend seit sie gefahren war angerufen.
Sie würde es bestimmt verstehen, ansonsten würde ich es ihr so lange
erklären, dass sie es einfach verstehen musste, worum es ging.
Nachdem ich bei Prowler entlassen war, ging ich zu meinem Schreibtisch. Da
lagen noch einige unbearbeitete Vorgänge. Es war so vereinbart, dass Trevor
sie weiterbearbeiten sollte. Natürlich war er nicht sehr glücklich darüber,
aber nachdem er den Beutel mit Donuts näher unter die Lupe genommen und die
Hälfte des Inhalts in weniger als fünf Minuten aufgegessen hatte, schien er
schon etwas zufriedener gestimmt.
„Hab von dem toten Kollegen gehört“, sagte er mit vollem Mund. „Kanntest du
ihn?“
„Hm“, murmelte ich, während ich meine Akten sortierte. Ich gab vor, dass ich
seiner Frage keine Beachtung schenken würde, aber in Wahrheit wollte ich ihm
keine Antwort geben. Mein Verstand arbeitete wie wild, als ich versuchte,
mir all die Namen ins Gedächtnis zurückzurufen, die damals beteiligt gewesen
waren. Ich arbeitete an einem Plan, wie ich die Ermittlungen am besten
leiten würde. Abgesehen davon hatte ich Trevor bislang nicht sehr viel über
die Vorfälle in L.A. gesagt. Niemand in Bisbee wusste davon, nur Lynn und
ich, und so war es besser.
„Prowler muss eine hohe Meinung von dir haben, dass er dich dort hin
schickt, nach all dem, was passiert ist.“
„Hm“, antwortete ich wieder, und um Trevor abzulenken, ging ich zu seinem
Schreibtisch und legte dort meine Akten ab. Ich wollte gerade anfangen, ihm
einiges dazu zu erklären, als Trevor aufstand und mich ansah.
„Du musst mir sagen, wenn ich aufhören soll, Bud, aber ich bin dein Partner,
weißt du. Partner vertrauen sich eigentlich. Ich weiß nicht viel über deine
Vergangenheit in L.A., aber ich weiß, dass ziemlich viel dort passiert ist.
Und es muss ziemlich wichtig sein, dass du dorthin zurückgehst, aber vor
allem dass Prowler dich dorthin schickt, denn normalerweise ist er nicht so.
Er versucht, Bisbee sauber zu halten. Aber das geht mich nichts an. Er wird
besser bezahlt als ich, also kann er sich auch den Kopf darüber zerbrechen.
Aber du bist mein Partner, und ich kann nur mit einem Partner
zusammenarbeiten, der fit für die Arbeit ist. Wenn es da also irgend etwas
gibt, was du mir zu sagen hast, du weißt, wo du mich finden kannst.“
Mit diesen Worten stand Trevor auf und verließ das Revier. Ich hatte solch
einen Ausbruch von ihm nicht erwartet. Ich hatte ihn immer eher für den
ruhigen Typ gehalten, aber irgendwie hatte er schon recht. Partner mussten
sich vertrauen können oder sie waren keine richtigen Partner. Ich hatte
diesen Teil des Polizeialltags vergessen, weil Stens letztendlich nicht
zuverlässig gewesen war. Nur dass ich all das erst herausgefunden hatte,
nachdem alles schon zu spät gewesen war, und Stens erschossen in der Night
Owl Bar gelegen hatte. Natürlich war es danach für mich schwierig gewesen,
wieder jemandem aus der Truppe so zu vertrauen wie damals Stens, aber
vielleicht, wenn dies wirklich ein neuer Abschnitt in meinem Leben war,
vielleicht konnte ich jetzt wieder jemandem vertrauen.
Ich lief Trevor hinterher. Er stand draußen vor dem Revier, lehnte sich an
einen Baum in der Nähe des Parkplatzes für Dienstfahrzeuge und war am
Rauchen. Ich ging zu ihm herüber und nahm ebenfalls meine Zigaretten heraus.
So standen wir für eine Weile, jeder sah in eine andere Richtung. Ich konnte
nicht sagen, was in seinem Kopf vorging, aber die Tatsache, dass er stehen
blieb und nicht von mir wegging, sagte mir, dass er von mir erwartete zu
erzählen.
Es war nicht leicht für mich, weil ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte.
Aber nachdem ich meine Zigarette fast zu Ende geraucht hatte, entschied ich
mich, einfach ganz von vorne zu beginnen.
Trevor unterließ es, mich während meines Vortrags anzusehen, aber seine
Gesichtszüge verrieten mir, dass er sich auf meine Worte konzentrierte, sie
in sich aufnahm und darauf wartete, dass ich zu Ende erzählt hatte, um
seinen Kommentar abzugeben.
Als ich dann letztendlich fertig war, trat er vom Baum weg und drehte sich
zu mir um.
„Also denkst du, dass der Tod von diesem Kollegen ... wie war noch mal sein
Name?“
„Exley, Ed Exley“, antwortete ich ihm hastig.
„Also denkst du, dass Exleys Tod irgendwie mit der ganzen Sache
zusammenhängt?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Ich dachte, alle Beteiligten
wären tot. Aber ich habe dieses komische Gefühl schon, seit ich heute
aufgestanden bin, und es hat seinen Höhepunkt erreicht, als Prowler mir vom
Tod Exleys berichtete. Dass es kein natürlicher Tod sei, dass sie nicht an
einen bloßen Unfall glaubten. Ich habe absolut keine Ahnung, wo ich anfangen
soll. Aber wenn sein Tod wirklich mit Dudley Smith zusammenhängt, dann sind
Lynn und ich auch in Gefahr. Ich meine, ich kann mehr oder weniger gut auf
mich selber aufpassen, besonders jetzt, wo ich von Exleys Tod weiß. Aber ich
kann nicht nach L.A. gehen und gleichzeitig Lynn hier beschützen.“
„Ich kümmere mich darum“, antwortete Trevor spontan. „Du hast doch gesagt,
dass sie derzeit in Phoenix ist.“
„Ja, sie ist dort bei einer Modenschau. Sie wollte am Samstag zurückkommen.“
„Hör zu Bud, du siehst zu, dass du alles in L.A. geregelt bekommst. Ich rufe
gleich die Kollegen in Phoenix an. Ich mache die Sache unheimlich dringend,
dass die sich gleich darum kümmern und Lynn ausfindig machen. Sie sollen so
lange bei ihr bleiben, bis ich selber da bin. Sie kann dann bei Mandy und
mir wohnen, und ich werde Thompson und Matthews mit einspannen.“
Ich musste seufzen. Letztendlich war es doch gut gewesen, mich Trevor
anzuvertrauen. Alles schien auf einmal etwas einfacher zu sein.
„Danke“, sagte ich zu Trevor und streckte ihm meine Hand entgegen. Er nahm
sie und schüttelte sie heftig.
„Keine Sorge“, entgegnete er. „Dafür sind wir ja schließlich Partner.“
Dann gingen wir wieder zurück ins Revier. Ich tätigte ein paar Anrufe und
bekam endlich Lynn ans Telefon.
„Hallo Schatz, vermisst du mich jetzt schon so sehr, dass du mich bis
hierher auf die Modenschau verfolgst?“, erklang ihre sanfte Stimme am
anderen Ende.
„Klar vermisse ich dich total. Aber das ist nicht der Grund, warum ich dich
anrufe. Warte mal 'ne Sekunde.“ Dann legte ich meine Hand über die
Sprechmuschel und berichtete Trevor über ihren jetzigen Aufenthaltsort. Er
gab mir das OK-Zeichen und setzte sich sofort ans Telefon, um bei den
Kollegen in Phoenix anzurufen.
„So, da bin ich wieder. Lynn, du musst mir jetzt gut zuhören, und bitte tu,
was ich sage. Hast du mich verstanden?“
Da war eine kurze Pause, bevor sie antwortete.
„Ja, ich verstehe. Bud, was ist los?“
Ich konnte hören, dass ich jetzt ihre komplette Aufmerksamkeit hatte. Das
war gut so. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit, so dass ich zu ihr fahren
konnte, um es ihr persönlich zu sagen und nicht über das Telefon. Aber der
Wunsch war unerfüllbar.
„Ed ist tot“, kam ich gleich zum Thema und ließ den Satz eine Weile in der
Luft hängen. Ich hörte, wie Lynn die Luft anhielt, so wie ich es vermutet
hatte, dann fuhr ich fort.
„Aus Hollywood wissen wir, dass er vor dem Revier gefunden wurde und dass es
wie ein Unfall aussah. Aber keiner glaubt das so richtig, und ich sowieso
nicht. Der neue Captain dort, Wallaby, hat mich gebeten, die Ermittlungen zu
führen, und ich habe zugesagt. Aber ich befürchte, da ist noch mehr.“
Wieder hielt sie die Luft an. Offensichtlich konnte sie meinen Gedanken
folgen. Wenn ich ihr das doch alles ersparen könnte! Wir hatten geglaubt,
dass alles hinter uns wäre, dass wir in Bisbee sicher wären. Wie sehr konnte
man sich doch irren!
„Ich glaube, dass es da eine Verbindung zu Smith gibt. Ich habe absolut
keine Ahnung, wer hinter Eds Tod stecken könnte, aber solange ich das nicht
herausgefunden habe, sind wir beide in Gefahr Es sieht so aus, als ob jemand
versucht, lose Enden abzutrennen, Rache zu nehmen. Ich kann ganz gut auf
mich selbst aufpassen, aber ich mache mir Sorgen um dich, Süße. Trevor wird
dich abholen. Er spricht gerade mit den Kollegen in Phoenix. Bleib, wo du
bist, sie werden dich zum nächsten Polizeirevier bringen, und Trevor wird
von dort übernehmen. Bitte, es ist unheimlich wichtig, dass du tust, was ich
sage. Ich will dich nicht verlieren!“
Ich flehte sie buchstäblich an, aber ich hatte wirklich Angst um sie. Alles
war in weiter Ferne, fast vergessen gewesen. Jetzt war alles schlagartig
wieder vor meine Nase gerückt und drohte, mich aus der Bahn zu werfen. Und
wenn ich es schon nicht schaffte, mein Gleichgewicht zu halten, so sollte
doch wenigstens Lynn unbeschadet bleiben.
„Du machst mir Angst“, sagte sie mit einem hörbaren Zittern in der Stimme.
„Ich weiß Süße, und ich wünschte, es wäre nicht so. Aber ich tue alles, was
in meiner Macht steht, um dieses Arschloch zu fassen und ihn der
Gerechtigkeit auszuliefern.“
„Ok, Schatz, aber bitte sei vorsichtig“, bat sie. Ich antwortete nicht. Ich
wusste, dass ich so vorsichtig wie möglich sein wurde, aber manchmal konnte
sich das Schicksal auch gegen einen wenden. Ich sagte ihr, dass ich sie
liebte, dann beendete ich das Gespräch. Es gab hunderte von Dingen, die ich
noch zu erledigen hatte, bevor ich mich auf den Weg machen konnte. Ich
wollte nicht erst spät am Abend fahren. Irgendwie wollte ich die Dunkelheit
der einsamen Straßen vermeiden, wo Attentäter die Chance hätten, mich in
einem günstigen Moment zu erwischen.
Am frühen Nachmittag konnte es dann losgehen. Trevor war schon kurz nach
seinem Telefongespräch losgefahren und war wahrscheinlich schon wieder mit
Lynn auf dem Rückweg. Ich war versucht, auf die beiden zu warten, Lynn in
meine Arme zu nehmen und sie zu küssen, aber das wäre vergeudete Zeit, Zeit
die ich besser mit meinen Ermittlungen verbringen sollte. Ich wusste, dass
sie mit Trevor sicher war. Mein Plan war, mich mit einigen meiner früheren
Kollegen zu treffen, die mir jetzt unterstellt waren und mit ihnen die alten
Akten durchzuwälzen, Namen zu notieren und Fakten zu überprüfen, die wir
beim letzten Mal vielleicht übersehen hatten. Mein Kopf explodierte auf
einmal geradezu mit Ideen, wo nachzusehen und wo nachzuforschen, aber die
wichtigste Frage blieb unbeantwortet: Wer hatte Exley getötet?
Zu Hause packte ich schnell ein paar Sachen zusammen. Ich wollte mit
leichtem Gepäck reisen, denn ich hatte vor, diese Sache so schnell wie
möglich hinter mich zu bringen. Der Gedanke, lange in der korrupten
Unterwelt von L.A. zu verweilen, behagte mir überhaupt nicht. Die Gefahr,
von ihr aufgesogen und wieder rückfällig zu werden, war groß, hatte ich doch
schon viel zu viel Zeit in diesem Sumpf verbracht.
Ein Anfall von Sentimentalität ließ meine Augen durch unser Haus wandern.
Das Haus hatte deutlich Lynns Touch. Sie hatte es eingerichtet, sie hatte
alles mit ihrer einmaligen Gabe für Stil dekoriert. Ich hatte mich damals
nicht viel darum gekümmert. Erstens war ich nicht gerade der Typ, der Sinn
für Stil hatte. Dachte ich an meine Behausung damals in L.A. zurück, so
genügte mir das Nötigste. Und zweitens ging es mir zu dem Zeitpunkt auch
noch gar nicht so gut, dass ich mich wirklich darum hätte kümmern können.
Ich war froh zu leben! Natürlich half ich Lynn, wo es nur ging, aber
letztendlich war sie diejenige, die alles aussuchte, ich war nur der Esel,
der alles schleppen musste.
Das klingt jetzt ziemlich sarkastisch, ist es aber nicht. Ich bin froh, dass
ich Lynn habe, und ich bin auch mit dem, was sie hier für uns geschaffen
hat, mehr als nur zufrieden. Ich wünsche mir halt nur manchmal, dass ich
mehr zu unserem Heim beitragen könnte. Lynn sieht das natürlich anders, aber
sie liebt mich auch einfach so wie ich bin, und sie will gar nicht, dass ich
mich verändere.
Schluss mit diesen Gedanken, ich musste mich jetzt wirklich auf den Weg
machen.
Natürlich ließen mich meine Gedanken während der Fahrt nicht in Ruhe. Ich
rekapitulierte die Namen derer, die damals an der Sache beteiligt gewesen
waren. Smith, Meeks, sie waren alle tot. Selbst die Mafiaangehörigen aus der
Unterwelt waren zum größten Teil auf die eine oder andere Weise ums Leben
gekommen. Der Einzige, der mir jetzt noch einfiel, war der damalige DA Loew,
obwohl der natürlich vorsichtshalber den Hut gezogen hatte. Es hatte einfach
viel zu viel Rummel gegeben, das hatte auf Dauer gesehen seinem Amt und
seinen Karrierevorstellungen geschadet, also hatte er gekündigt. Ich hatte
damals eigentlich nie an eine Beteiligung seinerseits an der ganzen
Geschichte geglaubt. Er hatte sicherlich keine weiße Weste, welcher
Politiker war schon clean? Aber gemeinsame Sache mit Smith, das schien mir
zu weit hergeholt.
Aber trotzdem war dies eine Idee, der ich nachgehen musste, ein
Ermittlungsansatz, auch wenn er wahrscheinlich ins Leere verlaufen würde.
Ich fühlte mich auf einmal ein wenig besser, ich war mir plötzlich ziemlich
sicher, dass ich diesen Fall lösen würde.
Dann wanderten meine Gedanken wieder unwillkürlich zu Lynn. Sie fehlte mir
so sehr. Vor ihr hatte ich mich nie emotional so stark an eine Person
gebunden. Ich hatte immer gedacht, dass ich erst meine Vergangenheit
bewältigen musste, um überhaupt so empfinden zu können. Während meiner
Arbeitszeit und manchmal auch danach suchte ich immer wieder Situationen, in
denen ich den Frauen helfen konnte, sozusagen um mein Gewissen zu beruhigen.
Aber wenn ich jetzt dahin zurückblicke, muss ich feststellen, dass ich mir
immer nur etwas vorgemacht hatte. Natürlich tat es meiner Seele gut, wenn
ich mal wieder eine Frau gerettet hatte. Dieser dankbare Blick, der mir
jedes Mal zugeworfen wurde, war wie ein Balsam auf meine Wunden. Doch sie
wurden nie wirklich geheilt.
Erst jetzt mit Lynn merke ich auf einmal, dass es mir innerlich wieder
besser geht. Ich kann meine Vergangenheit loslassen, die Dämonen habe ich so
gut wie besiegt. Ja, Lynn war schon eine wahnsinnig tolle Frau. Dass es so
jemanden wie sie geben konnte, hatte ich früher nie geglaubt. Ich musste ihr
erst über den Weg laufen, um zu sehen, dass das Schicksal es auch mal gut
mit mir meinen konnte.
Als ich schließlich die Außenbezirke von L.A. erreichte, beschlich mich
wieder mein ungutes Gefühl. Es machte sich unangenehm in meiner Magengegend
breit und ließ mich auch nicht mehr los, als ich endlich mit meinem Wagen in
Hollywood vor dem Revier vorfuhr.
Ich stieg nicht sofort aus. Ich wollte erst den Anblick meiner früheren
Wirkungsstätte auf mich einwirken lassen. Zusammen mit meinem unguten
Gefühl, war es nicht gerade ein schönes Erlebnis, aber ich schob diesen
Gedanken recht schnell wieder beiseite, denn er würde mich nur unnütz an
meinen Ermittlungen hindern, und das konnte ich mir nicht leisten. Ich
musste sauber arbeiten und durfte keine Fehler machen.
Letztendlich stieg ich mit einem Seufzen aus und ging ins Dienstgebäude.
Innen hatte sich nichts verändert. Irgendwie fühlte ich mich, als ob ich
nach Hause zurückkehren würde, nur dass es kein schönes Zuhause gewesen war.
Ich ging auf den Wachhabenden zu, dessen Gesicht mir nicht bekannt war. Aber
es war auch sehr viel Zeit inzwischen vergangen, und natürlich musste es in
der Zeit auch einige Neuzugänge gegeben haben. Ich stellte mich kurz vor und
verlangte dann, Captain Wallaby zu sprechen. Der Wachhabende musterte mich
kurz unschlüssig, als ich ihm aber dann noch meine Dienstmarke vorzeigte,
schien er überzeugt zu sein und telefonierte sofort.
„Sie sollen hochkommen“, sagte er zu mir schließlich mit einem leicht
ungläubigen Gesichtsausdruck. „Anscheinend würden Sie den Weg kennen.“
„Danke“, antwortete ich ihm ebenso unpersönlich und drehte mich zum Gehen
um. „Ich kenne den Laden hier viel zu gut.“ Dann ließ ich den erstaunten
Kollegen stehen und machte mich auf den Weg zu Wallabys Büro.
Die Gänge und Büros waren mir tatsächlich immer noch zu gut bekannt. Aber
ich hatte kein gutes Gefühl, als ich hier entlang ging. Es gibt Orte, an
denen man verweilen möchte, wenn man schon lange nicht mehr dort gewesen
war. Dieses Revier gehörte definitiv nicht dazu.
Es dauerte nicht lange, bis ich endlich vor Wallabys Büro stand. Die Tür war
nur angelehnt, und ich konnte hören, dass er sich angeregt mit jemandem
unterhielt. Da ich aber nur Wallabys Stimme hören konnte, nahm ich an, dass
er am Telefonieren war. Ich wollte nicht stören, wer weiß, was er gerade zu
besprechen hatte. Auf der anderen Seite wollte ich aber auch nicht völlig
teilnahmslos auf dem Gang stehen bleiben. Es war ruhig an diesem Nachmittag,
aber das musste nicht gleichzeitig bedeuten, dass mir niemand auf dem Flur
begegnen würde, wenn ich hier wartete. Ich wusste, dass eine Konfrontation
mit meinen alten Kollegen unvermeidlich war, wenn ich doch mit ihnen
zusammenarbeiten sollte, aber ich wollte diese Konfrontation so lange wie
möglich heraus zögern. Sozusagen erstmal das Feld sondieren, die Lage und
die Stimmung einschätzen, bevor ich mich der Herausforderung, denn solch
eine war dieser Auftrag für mich, stellte.
Ich klopfte also kurz an die Tür und drückte sie weiter auf. Wallaby sah
mich sofort und bedeutete mir, Platz zu nehmen. Währenddessen führte er sein
Gespräch weiter, ohne inne zu halten. Ich setzte mich auf einen der beiden
Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen und schaute mich um.
Es hatte sich viel verändert, seitdem Smith einst in diesem Büro tätig
gewesen war. Wallaby hatte scheinbar sämtliche Möbel entfernen lassen und
sich komplett neu eingerichtet. Das gefiel mir. So war die Erinnerung an
Smith und seine Machenschaften nicht so intensiv. Mein Kopf musste sich
nicht damit auseinandersetzen und war frei für die wirkliche Arbeit.
Ich wusste nicht viel über Wallaby. Zu meiner Zeit gehörte er nicht zu
Hollywood, ich wusste aber, dass er aus L.A. kam. Er war ein Mann in den
späten 40ern, kräftig und untersetzt, vielleicht einen oder zwei Köpfe
kleiner als ich. Trotzdem strahlte er eine immense Autorität aus, aber im
positiven Sinne. Er kam mir vor wie ein Mann, der wusste, was er wollte, und
der seinen Leuten es so klarmachen konnte, dass sie es verstehen würde und
ihm gerne folgten. Er hatte Kreuz, er konnte seine eigenen Entscheidungen
vertreten und auch durchsetzen, aber nicht ohne Rücksicht auf Verluste. So
jedenfalls schätzte ich ihn durch mein bloßes Beobachten ein. Ob sich meine
Meinung über ihn auch bestätigen würde, war abzuwarten.
Inzwischen hatte Wallaby sein Gespräch beendet und sich mir zugewandt. So
wie ich ihn und sein Büro gerade gemustert hatte, schaute er mich nun
unverhohlen an. Aber auch hier hatte ich wieder ein sehr positives Gefühl,
also machte es mir nichts aus. Wallaby kannte offensichtlich meine
Vergangenheit hier in Hollywood, denn wie jeder Chef hatte er sich
garantiert meine Personalakte kommen lassen. Aber er hatte auch mit Prowler
gesprochen, und wie ich den inzwischen kannte, hatte er ihm bestimmt
erzählt, wie ich mich seit meinem Dienstbeginn nach meiner Krankheit gemacht
hatte.
„Bud White“, begrüßte er mich nun. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört.
Herzlich Willkommen zurück in Hollywood.“ Mit diesen Worten stand er auf und
kam mit ausgestreckter Hand um seinen Schreibtisch herum auf mich zu.
Ich stand ebenfalls auf und schüttelte seine Hand.
„Ich hoffe, nur Gutes, Captain.“
Wallaby sah mir direkt in die Augen. Man konnte sie schon fast charismatisch
nennen, auf jeden Fall konnte ich erkennen, dass er jemand war, der meinte,
was er sagte.
„Sagen wir es so, in Ihrer Vergangenheit hatten sie nicht immer mit den
richtigen Leuten zu tun. Und dabei belassen wir es. Die Vergangenheit ist
Vergangenheit. Wir leben in der Gegenwart, und die benötigt unsere gesamte
Aufmerksamkeit, warum sich also mit Vergangenem auseinandersetzen, was
eigentlich niemanden mehr so richtig interessiert? Setzten wir uns.“
Ich war erstaunt über seinen Ausspruch, ich hatte immer das Gefühl gehabt,
dass einen seine schlechte Vergangenheit auf immer und ewig verfolgen würde,
gerade in meinem Beruf. Aber um so besser, wenn Wallaby für sich beschlossen
hatte, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ich würde hier also einen ebenso
guten Start haben wie bei Prowler.
Wallaby setzte sich wieder in seinen Bürosessel, und auch ich nahm wieder
auf meinem Stuhl Platz.
„Gut“, fuhr er jetzt fort. „Oder auch nicht gut. Reden wir über Exley. Wie
gut war ihr Kontakt zu ihm gewesen, seit sie L.A. verlassen haben?“
Ich überlegte eine Weile. Anfangs hatte ich es vermieden, zu oft mit Ed zu
reden. Irgendwie passte er nicht in mein Schema. Aber er war hartnäckig, er
meldete sich regelmäßig, und nach einer Weile erkannte ich, dass er es
ehrlich meinte. Vielleicht war er der einzige richtige Freund in meinem
Leben gewesen.
„Wir haben telefoniert. Vielleicht einmal pro Woche. Warum fragen Sie?“
„Das kann ich Ihnen sagen, White. Ich möchte nämlich wissen, ob Ihnen in der
letzten Zeit irgend etwas an ihm aufgefallen ist, was auf Umstände deuten
könnte, die zu seinem Tod führten.“
Und da war es wieder. Klar war mir etwas aufgefallen. Sonst konnte man schon
fast seine Uhr danach stellen, wann Ed anrief. Er hatte sich immer Sonntag
nachmittags bei mir gemeldet, wenn er wusste, dass Lynn und ich zu Hause
waren. Doch in den letzten vier Wochen kamen die Anrufe unregelmäßig. Ich
konnte mich daran erinnern, dass er ein Wochenende gar nicht anrief. Ich maß
dem nicht allzu viel Bedeutung zu, schließlich war er ein Polizist, und
Polizisten mussten auch mal an einem Wochenende arbeiten. Das war vorher
auch schon das eine oder andere Mal vorgekommen. Aber die Woche darauf
meldete er sich wieder nicht, und da dachte ich mir schon, dass etwas nicht
stimmen könnte. Ich rief in seinem Haus an, aber auch dort konnte ich ihn
nicht erreichen. Auf dem Revier wollte ich mich nicht melden. Ich kannte die
Nummer von seinem Büro nicht, und mich verbinden zu lassen, war nicht gerade
das, was ich gerne tat.
Dann auf einmal meldete er sich fast jeden Tag, erzählte mir von einer
Sache, an der er dran war. Er hielt sich ziemlich mit Informationen zurück,
was ich sehr ungewöhnlich fand, denn Ed war doch der sorgfältige und
korrekte Typ. Aber sicherlich hatte er nicht genügend Zeit, um mit mir am
Telefon ins Detail gehen zu können. Sicherlich würde er hinterher, wenn sein
Fall abgeschlossen war, Zeit haben, mir alles zu erklären.
Das ging eine gute Woche so, dann war wieder Funkstille. Auch hier dachte
ich mir wieder nichts, denn ich kannte große Ermittlungen, irgendwann gab es
immer wieder eine so genannte „heiße Phase“, in der man praktisch gar nicht
mehr von seinem Job weg kam, alles Private wurde in den Hintergrund
gestellt. Deswegen hatte Ed wohlmöglich keine Zeit, um sich bei mir zu
melden.
Und dann kam der heutige Tag. Und irgendwie fügten sich die Puzzleteile
zusammen. Ob Ed tatsächlich an einem Fall gearbeitet hatte, stand jetzt in
Frage. Definitiv wusste ich aber, dass sein Tod in direktem Zusammenhang mit
seinem Verhalten der letzten vier Wochen stand. Jetzt hieß es nur noch
herauszufinden, an was er dran gewesen war. Das würde mich bestimmt zu
seinem Mörder führen.
Ich teilte meine Gedanken nun mit Wallaby, der am Ende meiner Ausführungen
zu dem selben Ergebnis kam.
„Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein Team zusammen zu stellen. Da ich Ihre
Vergangenheit kenne, habe ich nur zwei Kollegen in das Team gestellt, mit
denen Sie früher hier zusammen gearbeitet und mit denen Sie sich auch ganz
gut verstanden haben. Der Rest sind alles neue Kollegen. Sie müssen
verstehen, Ihre Sache damals hat viel Wind aufgewirbelt. Ich musste hier
einige Säuberungen vornehmen, damit die Arbeit in unserem Revier wieder
glaubwürdig wurde. Es hat einige personelle Veränderungen gegeben. Und davon
können Sie jetzt profitieren. Ich bin nämlich der Meinung, dass Sie
sozusagen „frisches Blut“ brauchen, unvoreingenommene Kollegen, die
vielleicht nur von den damaligen Vorfällen am Rande gehört haben. Aber
letztendlich überlasse ich es Ihnen, wie Sie Ihre Ermittlungen führen. Ich
vertraue Ihnen, klären Sie den Tod auf. Bringen Sie den Mörder zur
Gerechtigkeit!“„Ich werde mein Bestes geben. Wo kann ich arbeiten?“
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dachte ich daran, Ihnen Exleys Büro zu
überlassen. Immerhin könnten Sie da ja nach etwaigen Hinweisen suchen.“
Ich musste schlucken. Zwar hatte Wallaby recht, ich musste Eds Büro näher
unter die Lupe nehmen, aber der Gedanke verursachte auch ein gewisses
Unbehagen. Ich würde im Büro eines Toten arbeiten, aber nicht irgendein
Toter, sondern jemand, den ich recht gut kannte. Ich glaube, dass jeder, der
halbwegs seine Sinne beisammen hatte, dabei kein gutes Gefühl haben konnte.
Aber auf der anderen Seite wollte ich auch nicht unbedingt mit den anderen
im Großraumbüro zusammenarbeiten. Das hätte nur die alten Gefühle wieder
herauf beschworen und darauf konnte ich gut und gerne verzichten. Ich würde
zwar mit den Kollegen eng zusammenarbeiten, aber mit einem eigenen Büro
konnte ich dennoch einen gewissen Abstand halten.
„Einverstanden“, antwortete ich schließlich. Wallaby stand auf und führte
mich zu Eds Büro. Zu meiner Zeit hatte er noch einen Schreibtisch im
Großraumbüro gehabt. Von seinem neuen Posten und seinem eigenen Büro hatte
er nicht viel gehabt.
„Ich lasse Sie jetzt alleine“, sagte Wallaby als wir den Raum erreichten.
„Morgen früh haben wir um 9 einen Termin beim Staatsanwalt. Es wäre schön,
wenn Sie dann schon etwas präsentieren könnten.“
Ich musste etwas erschrocken drein geschaut haben, denn Wallaby fügte noch
etwas hinzu.
„Keine Angst, der Staatsanwalt kann ja noch nicht von Ihnen erwarten, den
Mörder von Ihnen präsentiert zu bekommen. Aber Sie haben gewiss schon die
eine oder andere Theorie. Ich konnte vorhin buchstäblich die Rauchschwaden
aus Ihrem Kopf aufsteigen sehen. Packen Sie das in Worte, schreiben einen
Bericht, dann ist der Staatsanwalt zufrieden.“
Ich nickte ihm nur zu, dann verließ Wallaby den Raum. Natürlich hatte ich
meine Theorien, aber ich hatte keinerlei Beweise, die das untermauern
konnten. Alles stand auf wackeligen Beinen. Auf mich würde also eine Unmenge
an Arbeit warten.
Doch bevor ich anfangen konnte, wollte ich sehen, ob Lynn inzwischen gut in
Bisbee angekommen war. Trevor konnte ich nicht im Revier erreichen, also
versuchte ich es bei ihm zu Hause. Ich erreichte Mandy, die mir mitteilte,
dass die beiden gerade zur Tür hereinkommen würden. Sie gab mir Lynn.
„Hi Honey, alles in Ordnung?“
„Sagen wir mal, den Umständen entsprechend. Einer deiner Kollegen fährt
gerade zu unserem Haus, um meine Sachen zu holen. Ich wollte mitfahren, aber
das durfte ich nicht. Es behagt mir überhaupt nicht, dass jemand in meinen
Sachen herum wühlt. Muss das wirklich sein?“
Ich konnte sie verstehen, aber leider konnte ich ihr das alles nicht
ersparen.
„Tut mir leid, Schatz. Aber es geht nicht anders. Ich möchte dich nicht
unnötig irgendwelcher Gefahr aussetzen. Ich habe hier gerade erst
angefangen, also müssen wir zur Zeit mit allem rechnen. Aber ich versichere
dir, wenn wir den Kerl schnappen, bist du die Erste, die davon erfährt,
damit du schnell wieder nach Hause kannst.“
„Sei vorsichtig“, flüsterte sie fast in den Hörer. Ich antwortete darauf
nicht. Natürlich würde ich versuchen, so vorsichtig wie möglich zu sein,
aber garantieren konnte ich ihr nichts. Das brachte der Beruf nun mal so mit
sich.
Wir sprachen noch eine Weile weiter, aber ich hatte das Gefühl, je länger
das Gespräch dauerte, um so trauriger wurde sie. Also beendete ich unser
Telefonat unter dem Vorwand, dringend mit meinen Ermittlungen beginnen zu
müssen. Natürlich wartete viel Arbeit auf mich, aber der wahre Grund war,
dass ich es nicht länger ertragen konnte, mit ihr zu sprechen. Ich war hin
und her gerissen. Einerseits sehnte ich mich stark nach ihr, aber
andererseits konnte ich es überhaupt nicht haben, sie so zu hören. Ich
spürte einen Hauch von Verzweiflung in mir aufsteigen, den ich nur bekämpfen
konnte, indem ich das Gespräch beendete. Lynn klang enttäuscht, dass ich so
abrupt aufhören wollte, aber es war notwendig.
Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, konnte ich nicht ruhig sitzen
bleiben. Die Verzweiflung und die Wut, die sich in diesem kurzen Zeitraum in
mir aufgestaut hatte, musste ich wieder raus lassen. Leider fehlten mir hier
die Möglichkeiten. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so gefühlt, genauer
gesagt, seit ich L.A. verlassen hatte. Ich schlug mit der geballten Faust
auf den Schreibtisch, so dass einige der Akten, die am Rande gelegen hatten,
herunter fielen. Ich fluchte, aber bevor jemand davon etwas mitbekommen
konnte, sammelte ich sie schnell wieder ein. Mir ging es dadurch zwar immer
noch nicht besser, aber ich sah ein, dass mein Wutausbruch keine Lösung war.
Stattdessen setzte ich mich wieder an den Schreibtisch und begann
systematisch alles auf irgendwelche Hinweise zu untersuchen.
Eds Schreibtisch war sehr ordentlich, nicht wie bei mir in Bisbee, wo sich
die Akten stapelten und nur ich in der Lage war, mich zurechtzufinden. Es
machte mir nichts aus, da ich ja wusste, wo alles war. Aber jetzt war ich
Eds Sinn für Ordnung und Sauberkeit dankbar, denn es war so um einiges
leichter, mich zurecht zu finden.
Bei dem Aktenstapel, welcher auf dem Schreibtisch lag, und den ich
versehentlich umgeworfen hatte, handelte es sich um aktuelle Fälle, die Ed
gerade bearbeitete. Ich durchflog jede einzelne Akte kurz, konnte aber
nichts finden, das in Verbindung mit dem Mord stehen konnte. Nachdem ich
damit fertig war, fing ich mit den Schreibtischschubladen an. Aber auch hier
schien ich nichts außergewöhnliches zu finden, außer Schreibmaterial, leeren
Notizblöcken und anderem Büromaterial. Aber dann öffnete ich die unterste
Schublade. Erst dachte ich, sie wäre leer, aber irgendwie passte es nicht
ins Bild. Ich erinnerte mich, dass einige Kollegen die Angewohnheit hatten,
in der untersten Schublade einen doppelten Boden einzuziehen, um Dinge zu
verstecken, die nicht sofort erkannt werden sollten. Also zog ich jetzt die
Schublade so weit es ging heraus, und versuchte mit einem Brieföffner, den
ich auf dem Schreibtisch fand, irgendwo unter den Boden der Schublade zu
kommen, um ihn anheben zu kommen. Immer wieder rutschte ich mit dem
Brieföffner ab und fluchte, aber dann schien sich doch etwas zu bewegen.
Langsam hob ich den Boden an und konnte ihn schließlich ganz aus der
Schublade herausziehen. Darunter kam ein einzelner Schlüssel zum Vorschein,
sonst nichts.
Als ob es sich hier um ein großes Geheimnis halten würde, steckte ich den
Schlüssel schnell in meine Jackentasche, nicht ohne mich vorher einmal
umgesehen zu haben. Zwar hatte ich die Tür zum Büro geschlossen, nachdem
Wallaby gegangen war, aber es war eine Tür mit einem Glaseinsatz, und jeder,
der daran vorbeiging, konnte hinein sehen.
Eigentlich hatte ich nichts zu verbergen, schließlich war ich der
Ermittlungsführer in diesem Fall. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass
der Schlüssel mich genau dahin führen würde, wo ich hin wollte. Und diesen
Schritt wollte ich gerne zunächst alleine machen. Erst wenn ich das Feld
gründlich sondiert hatte und feststellen konnte, dass an der Spur
tatsächlich etwas dran war, dann wollte ich erst die anderen Kollegen und
auch Wallaby verständigen.
Mir war vollkommen klar, dass ich mich mit solch einer Aktion in Gefahr
bringen würde, aber ich war bereit, dieses Risiko einzugehen. Schließlich
wollte ich hier glänzen und keinem den Anlass geben, dass man sich über mich
lustig machen konnte, weil ich Spuren nachging, die nirgendwo hinführten.
Nachdem ich also den Schlüssel eingesteckt hatte, legte ich den doppelten
Boden in die Schublade zurück. Dann sah ich mich weiter im Büro um. Eds Büro
war spärlich eingerichtet. Es stand im krassen Gegensatz zu Prowlers Büro,
welches überladen wirkte. Aber Eds Lebensmittelpunkt lag ja auch nicht hier,
er hatte sicherlich ein geregeltes Privatleben. Wir hatte nie richtig über
sein Leben nach dem Dienst gesprochen. Ich wusste nicht, ob es da eine feste
Beziehung gab. Frauen war nie ein Thema zwischen uns gewesen, bis auf das
eine Mal, wo Ed auf Patchetts Machenschaften hereingefallen und in Lynns
Armen gelandet war. Ich hätte ihn damals beinahe umgebracht, so wütend war
ich auf ihn gewesen, und auch Lynn hatte ein blaues Auge davon getragen. Es
war das erste Mal gewesen, dass ich die Hand gegenüber einer Frau erhoben
hatte, und ich hasse mich immer noch dafür. Aber wir haben uns alle
ausgesprochen, die Sache war erledigt.
Im Raum konnte ich sonst nichts weiter finden, dass mich auf die richtige
Fährte hätte bringen können. An der Wand standen zwar zwei Kleiderschränke,
und sie waren auch nicht abgeschlossen, aber sie waren nur mit seinen
Uniformen gefüllt und enthielten keine abschließbaren Fächer und auch sonst
keine weiteren Hinweise. Bis auf den Schlüssel aus dem Geheimfach hatte ich
also bisher nicht viel herausgefunden.
Ich beschloss, hier für heute aufzuhören und stattdessen mir ein Zimmer zu
suchen. Morgen früh würden wir mit dem DA zusammentreffen, danach war eine
Besprechung mit den Kollegen anberaumt, die mir unterstellt waren. Ich hatte
eigentlich gehofft, ihnen etwas präsentieren zu können, womit wir beginnen
konnten. Aber der Gedanken war wahrscheinlich zu weit hergeholt. Ich hatte
immer noch kein gutes Gefühl, wieder auf diesem Revier zu sein, und das
rührte nicht nur daher, dass die letzten Ereignisse nicht sehr erfreulich
gewesen waren. Vielmehr hatte ich ein ungutes Gefühl, meinen ehemaligen
Kollegen gegenüber zu treten. Ich wusste, dass es da einige gab, die mir
nicht sehr gut gesonnen waren, und ich hoffte inständig, dass Wallaby nicht
gerade sie ausgesucht hatte. Aber ich musste dadurch. Schließlich war ich
der Ermittlungsführer, ich konnte hier keine Schwächen zeigen, durfte keine
Schwächen zeigen.
Ich erinnerte mich aus meinen früheren Zeiten an eine kleine Pension, die in
der Nähe des Reviers lag. Wir hatten Opfer von innerfamiliärer Gewalt des
öfteren dort untergebracht, wenn sie keine Familie oder Freunde hatten, wo
sie hätten unterkommen könnten. Ich hatte mich damals mit der Inhaberin
recht gut verstanden, also hoffte ich jetzt, dass sie mir ein Zimmer für die
Dauer der Ermittlungen zur Verfügung stellen würde. Wenn ich das erledigt
und mich ein wenig frisch gemacht hatte, wollte ich herausfinden, wozu
dieser Schlüssel gehörte. Der Schlüssel steckte immer noch in meiner Tasche
und ich würde ihn garantiert erst dann wieder herausholen, wenn ich das
Revier verlassen hatte.
Ich verließ Eds Büro und begab mich in Richtung Treppe, als ich auf einmal
eine vertraute Stimme hinter mir hörte.
„Ich glaub, ich seh nicht richtig, Bud! Bud White!“
Die Stimme gehörte zu Rowland Faulkner, einem Kollegen, mit dem ich damals
recht gut zurecht gekommen war. Als Ed und ich gerade dabei waren, die ganze
Geschichte aufzudecken, war er jedoch nicht im Revier gewesen. Er war bei
einem Verkehrsunfall recht schwer verletzt worden und lag zu dem Zeitpunkt
im Krankenhaus. Er hatte mich ein paar Mal in Bisbee angerufen, aber der
Kontakt war mit der Zeit eingeschlafen.
„Ich hatte schon gehört, du würdest wieder hier auftauchen, aber ich konnte
es wirklich erst glauben, als ich dich eben hier auf dem Flur gesehen habe.
Wie geht’s dir, Mann?“
Ich ging herüber zu Rowland und schüttelte die dargebotene Hand. Doch
Rowland musste sich wirklich darüber freuen, mich hier zu sehen, denn er
schüttelte mir nicht nur die Hand, sondern er zog mich zu sich, drückte mich
und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. Und diese Begrüßung
schien es mir auf einmal viel leichter zu machen, hier in Hollywood wieder
zu arbeiten. Eine Person, die sich freute, mich zu sehen, und die mir ein
herzliches Willkommen bereitete. Wenn es noch zwei oder drei weitere
Kollegen dieser Art geben würde, wäre mein Aufenthalt hier fast ein
Kinderspiel.
„Alles bestens“, antwortete ich ihm schließlich. „Schön, dass es hier
wenigstens einen gibt, der sich freut, mich zu sehen“, fuhr ich mit einem
sarkastischen Unterton fort.
„Hey, das ist jetzt unfair. Ich freue mich wirklich, dass du hier bist. Es
gibt hier tatsächlich noch ein paar Jungs, die dich mögen!“
„Tut mir leid, das sollte nicht so hart klingen. Aber ehrlich gesagt, bin
ich hier mit äußerst gemischten Gefühlen hingekommen. Es ist gut zu wissen,
dass ich hier nicht gänzlich unwillkommen bin.“
„Ach, Schwamm drüber. Sag, was hast du vor? Habe gehört, du sollst die
Ermittlungen in Eds Fall leiten. Ganz schön schwammige Geschichte, findest
du nicht?“
„Ja, kommt mir äußerst merkwürdig vor. Hör zu, ich will mir erstmal `ne
Bleibe suchen, dann wollte ich mir die Akte holen. Ich muss erstmal genau
wissen, was bislang bekannt ist. Ich habe noch keinen konkreten Plan. Aber
ich kann dir versichern, ich werde alles daran setzen, diesen Mord
aufzuklären. Das bin ich Ed schuldig.“
„Hey, da kann ich dir helfen. Die Akte liegt gerade bei uns auf dem Tisch,
weil ein Kollege, ein neuer, den du nicht kennst, gerade damit beschäftigt
ist, das Spurenmaterial auszuwerten. Komm mit, ich stell euch einander vor.
Er wird übrigens zu deinem Team gehören. Mich haben die leider nicht
gefragt, aber ich hab da auch `ne etwas größere Geschichte auf dem Tisch. Da
konnten die mich schlecht abziehen.“
Rowland führte mich ein Stück weiter den Gang hinunter zu seinem Büro. Es
lag direkt neben dem Großraumbüro.
„So, da sind wir“, sagte Rowland nun und bedeutete mir, einzutreten. An
einem der beiden Schreibtische saß ein junger Mann, vielleicht Mitte 20,
wahrscheinlich frisch von der Akademie. Bei unserem Eintreten hob er nur
kurz den Kopf, begrüßte mich und studierte dann weiter das Material, welches
vor ihm lag. Ich konnte erkennen, dass es sich um Spurenkarten handelte. Ich
mutmaßte, dass rundum den Tatort auf Fingerspuren untersucht worden war, und
dass es sich bei diesen Spurenkarten um Material vom Tatort handelte. Dabei
kam mir eine Idee.
„War eigentlich einer von euch schon in Eds Haus und hat sich da mal
gründlich umgesehen?“
Der junge Kollege sah jetzt wieder von seiner Arbeit auf und schaute mich
mit einem fragenden Blick an. Um seiner ihm buchstäblich ins Gesicht
geschriebenen Frage zuvor zu kommen, ging ich zu ihm hinüber und streckte
ihm meine Hand entgegen.
„Bud White. Ich werde hier die Ermittlungen leiten.“
Der junge Kollege schaute immer noch etwas verwirrt aus. Aber dann stand er
hastig aus, wischte sich seine Hände an seinen Hosenbeinen ab, und
schüttelte mir die Hand.
„Simmings. Kevin Simmings, Sir. Ich bin bei der Spurensicherung. Ich werde
wohl Ihrem Team angehören.“
Sein nervöser Ausdruck, das Abwischen der feuchten Hände an der Hose kamen
mir nur allzu gut bekannt vor. Als ich seinerzeit mit dem Polizeidienst
begonnen hatte, war es mir ähnlich ergangen, sobald ein Vorgesetzter mich
ansprach. Meine Nervosität hatte sich mit der Zeit schnell gelegt und war
manchmal sogar auch ins Gegenteil umgeschlagen, denn ich war derjenige von
Polizist, der seine Meinung äußerte, besonders wenn er sich benachteiligt
oder sogar ungerecht behandelt fühlte. Das hatte mir natürlich auch des
öfteren Ärger bereitet, und vielleicht war es auch der Grund gewesen, warum
man mich nie richtig ernst genommen hatte und ich stattdessen zum Prügler
vom Dienst geworden war. Denn so war man sich sicher, dass ich keine Fehler
machen konnte und es auch garantiert nichts für mich zum meckern gab.
„Ich habe mich noch nicht um die Liste gekümmert, aber wenn sie es sagen,
kann ich ja wohl annehmen, dass es so ist. Sind das Spurenträger vom
Tatort?“
Kevin setzte sich ebenso hastig wieder hin, wie er aufgestanden war. Dann
rückte er einige der Karten zurecht, so dass ich einen Blick darauf werfen
konnte. Es handelte sich um insgesamt vier Karten, auf denen Fragmente von
Fingerspuren zu erkennen waren. Ich drehte die Karten um und las, woher die
Fingerspuren stammten. Sie waren allesamt vom Tatort.
„Verwertbar?“, fragte ich Simmings.
„Das wollte ich gerade überprüfen, sehen zumindest recht vielversprechend
aus. Übrigens, auf Ihre Frage von vorhin zurückzukommen. Es war angedacht,
sein Haus zu durchsuchen, aber Wallaby meinte, wir sollten erst auf Ihr
Eintreffen warten, da Sie das wahrscheinlich selbst in die Hand nehmen
wollten.“
Das konnte ich nicht verstehen. Eds Haus war ein wichtiger Anhaltspunkt. Ich
konnte mir vorstellen, dass Kollegen schon in seinem Büro nachgeschaut
hatten. Und ich glaubte nicht, dass sie mehr als ich gefunden hatten. Daher
war sein Haus das Naheliegendste. Auch wenn ich gleich am selben Tag noch
nach L.A. gefahren war, konnte man immer noch vermuten, dass der oder die
Täter vielleicht Spuren oder Hinweise aus dem Haus entfernen wollten, denn
in das Polizeigebäude konnten sie schließlich schlecht gelangen. Man hatte
somit wertvolle Zeit verstreichen lassen.
„Kevin, Rowland, wir fahren zu seinem Haus. Wer weiß, ob nicht noch jemand
diese Idee hat, oder vielleicht sogar schon gehabt hatte.“
Damit drehte ich mich um und verließ das Büro. Kevin ließ alles stehen und
liegen, sprang auf und schnappte sich seine Jacke. Rowland wollte
protestieren, dass er ja gar nicht zu meinem Team gehörte, aber als ich ihm
dann schnell klar machte, dass dies eine Angelegenheit war, die nicht länger
aufgeschoben werden durfte, lenkte er schnell ein und kam mit uns mit.
Wir ließen meinen Wagen vor dem Revier stehen und nahmen einen Zivilwagen.
Ed lebte etwas außerhalb von L.A., nicht weit vom Meer entfernt. Wir
brauchten eine gute Dreiviertelstunde, um dorthin zu gelangen. Für mich wäre
das nicht der ideale Wohnort gewesen. Nicht dass die Lage nicht ansprechend
gewesen wäre, im Gegenteil, die Häuser hier waren ausgesprochen schön, eine
ruhige Wohngegend, kein Abschaum, der nachts hier herumlungerte. Aber die
Entfernung zum Revier war einfach zu groß. Eine halbe Stunde, und dabei den
Berufsverkehr eingerechnet, das war bei mir die Grenze. Ich war froh, in
Bisbee zu wohnen, denn es war klein genug, um dieses Kriterium leicht zu
erfüllen.
Wir parkten ein paar Häuser weiter. Wir wollten nicht, dass jemand sofort
auf uns aufmerksam wurde, besonders dann nicht, wenn es sich bei demjenigen
um eine Person handelte, die sich gerade unberechtigter Weise im Haus
aufhielt. Dann beschlossen wir, zunächst das Haus allesamt zu betreten,
sollte sich tatsächlich noch jemand dort aufhalten. War die Luft rein,
wollten Faulkner und Simmings sich um die Häuser in der Nachbarschaft
kümmern. Vielleicht hatte der eine oder andere Nachbar ja doch eine
Beobachtung gemacht. Ich stattdessen wollte Eds Haus näher unter die Lupe
nehmen. Vielleicht konnte ich hier endlich auf die heiß ersehnten Hinweise
stoßen.
Faulkner begab sich sofort hinter das Haus. Viele Täter verließen
fluchtartig den Ort des Geschehens durch die Hintertür, um ungesehen
entkommen zu können. Simmings und ich blieben vorne an der Tür stehen und
gaben Faulkner genügend Zeit, sich zu positionieren.
Nach ca. 5 Minuten klopfte ich an die Tür. Wir warteten ein bisschen, aber
es tat sich nichts. Simmings ging zum Seitenfenster rechts neben der Tür und
spähte vorsichtig hindurch. Mit einem kurzen Kopfschütteln bedeutete er mir,
dass er keine Bewegungen wahrgenommen hatte. Dann nickte ich ihm zu, und wir
zogen beide unsere Waffen aus dem Holster. Simmings stellte sich so hinter
mir auf, dass er mir Deckung für den Fall, dass jemand hinter der Tür lauern
würde, geben konnte. Langsam ergriff ich den Türknauf und drehte ihn.
Alles um mich herum wurde auf einmal leise. In meinen Ohren konnte ich den
gleichmäßigen Rhythmus meines Herzschlages hören. Ich schloss alle anderen
Gedanken aus und konzentrierte mich voll auf die bevorstehende Aufgabe. Ich
spürte, wie mein Adrenalinspiegel langsam aber stetig anstieg. Vielleicht
war dieses auch einer der Gründe gewesen, warum ich den Polizeiberuf
ergriffen hatte. Der Kick, den man jedes Mal hatte, wenn man in eine
eventuell gefährliche Situation geriet, die Spannung, welche anstieg, wenn
man nicht genau wusste, was einen in den nächsten Sekunden erwarten würde.
Das immer währende Risiko bei Einsätzen wie diesem, würde man ohne größere
Blessuren aus der Sache wieder herauskommen? Ich hatte des öfteren Situation
vor mir gehabt, die teilweise aussichtslos geschienen hatten, ich hatte
manches Mal Wunden davon getragen, zuletzt hatte es sogar kritisch
ausgesehen. Trotzdem bereute ich es nicht, immer wieder in diesen Beruf
zurückzukehren und mich jedes Mal wieder dem Risiko auszusetzen.
Auch jetzt spürte ich wieder den Kick und wusste, dass es eine richtige
Entscheidung gewesen war, in diesem Job geblieben zu sein.
Weil ich mich so sehr auf die jetzige Situation konzentrierte und mir es
endlich gelang, auch den letzten unerwünschten Gedanken zu verbannen, hörte
ich schon nach kurzer Zeit das befreiende Klicken, welches mir sagte, dass
die Tür nicht verschlossen war und wir ungehindert eintreten konnten.
Wieder nickte ich nur kurz, um Simmings zu signalisieren, dass wir freien
Eintritt hatten. Ich hielt kurz inne, um nochmals meine volle Konzentration
zu erlangen, dann schob ich die Tür Millimeter für Millimeter auf. Die Waffe
vor mir auf den Boden gerichtet, aber jederzeit in der Lage sie auf jegliche
Bewegung zu richten, die ich wahrnahm, schob ich mich vorsichtig ins Haus
vor.
Von der Eingangstür aus betrat man sofort das Wohnzimmer. Als ich den
rechten Bereich des Wohnzimmers voll einsehen konnte und feststellte, dass
sich dort niemand befand, stieß ich die Tür nun vollends auf, so dass sie
ganz aufschlug und an die Wand links neben ihr knallte. Sie prallte davon ab
und kam ein Stück wieder in ihre alte Richtung zurückgeflogen. Auf halben
Wege blieb sie stehen. Ich hatte auf das Geräusch des Aufpralls gelauscht,
welches mir sagen konnte, ob die Tür nur gegen die bloße Wand geprallt war,
oder ob sich jemand dahinter verstecken würde. Vernommen hatte ich aber nur
das knallende Geräusch von Metall auf Stein, ich atmete auf.
Gleichzeitig hatten Simmings und ich den dem Blick freiwerdenden Bereich des
Wohnzimmers genauestens beobachtet. Auch hier hatten wir wieder Glück. Keine
Personen, keine Bewegungen gaben dazu Anhalt, dass sich noch jemand im Haus
befinden würde.
Simmings schob sich jetzt an mir vorbei und ging quer durchs Zimmer auf eine
Tür zu, welche sich im hinteren linken Bereich befand. Von dort aus konnte
er auch den mir noch verborgenen Bereich des Wohnzimmers einsehen. Zum
anderen war es die einzige Tür, die noch aus diesem Zimmer führte und uns
somit weiteren Zugang zum Haus verschaffte.
Da wir immer noch nicht wussten, ob wir alleine im Haus waren, verständigten
Simmings und ich uns weiterhin in der Zeichensprache. Nachdem Simmings die
Tür geöffnet und mir das „alles-klar“-Zeichen gegeben hatte, signalisierte
er mir, dass er sich in den rückwärtigen Teil des Hauses begeben würde. Ich
stieg vorsichtig die Treppe zum oberen Geschoss hinauf. Simmings würde
Faulkner in das Haus lassen und anschließend mir in die obere Etage folgen.
Unsere erste Suche nach Personen im Haus verlief letztendlich negativ.
Nachdem auch die letzte Versteckmöglichkeit gefunden und abgesucht worden
war, trafen wir uns alle in der Küche wieder.
„So weit, so gut“, sagte ich zu meinen Kollegen. „Wir hatten Glück. Nichts
deutet soweit darauf hin, dass jemand hier unbefugter Weise eingedrungen
ist. Trotzdem macht es mich stutzig, dass die Eingangstür nicht verschlossen
war.“
„Die Hintertür auch nicht“, warf Faulkner ein.
„Das lässt nur einen Schluss zu“, überlegte ich laut. Faulkner und Simmings
schauten mich gebannt an, schienen aber zu dem selben Schluss gekommen zu
sein. Denn als ich ihnen meine Theorie vom bekannten Täter, der von seinem
Opfer freiwillig ins Haus gelassen wurde, präsentierte, nickten sie mir nur
zustimmend zu.
„Es ist auch scheinbar nichts durchwühlt worden“, ergänzte Simmings.
„Vielleicht wollte der Täter zu diesem Zweck noch mal hierher zurückkehren,
weil er zu dem Zeitpunkt keine Gelegenheit hatte. Entweder ist Exley hier im
Haus ermordet worden und der Täter musste ihn erstmal wegschaffen. Oder aber
Ed begleitete seinen Mörder, der ihn irgendwo anders umbrachte. Dann würde
der Täter ebenfalls noch mal hierher zurückkehren müssen.“
Auch hier konnten mir meine Kollegen wieder nur zustimmen.
„Das Beste ist, wenn ich hier alles gründlich untersuche. Ihr beiden könnte
ja erstmal mit der Befragung der Nachbarschaft beginnen. Wenn ihr damit
fertig seid, könnt ihr mir ja noch hier helfen.“
Dann machten sich Faulkner und Simmings auf den Weg, und ich überlegte mir,
wie ich in meiner Suche strategisch am Besten vorgehen würde. Ich erinnerte
mich an den Schlüssel, den ich in Eds Schublade gefunden hatte. Da ich in
seinem Büro nichts gefunden hatte, zu dem dieser Schlüssel hätte passen
können, hoffte ich jetzt, dass ich in seinem Haus fündig würde. Der
Schlüssel war klein, so als ob er zu einem Schließfach oder Safe gehören
könnte. Mir war klar, dass ich nicht so ohne weiteres über einen solchen
Gegenstand stolpern würde. In den meisten Fällen waren Safes versteckt, so
dass sie für den gewöhnlichen Betrachter nicht offensichtlich waren.
So durchsuchte ich zunächst die untere Ebene des Hauses, ohne dass ich
irgend etwas feststellen konnte, dass für unsere Ermittlungen hätte dienlich
sein können. Es war nichts durchwühlt worden, aber auch andere Spuren, die
zum Täter gehören könnten, waren nicht zu finden.
Mein nächster Weg führte mich wieder in die obere Etage. Ich glaubte nicht,
dass das Badezimmer aufschlussreich sein könnte, so begab ich mich direkt
ins Schlafzimmer. Je länger ich mich in Eds Haus aufhielt, um so mehr musste
ich mich über seinen Lebensstil wundern. Alles war mit bedacht ausgesucht
und hervorragend aufeinander abgestimmt. Kosten hatten für ihn scheinbar
keine Rolle gespielt, das Mobiliar, welches er sich ausgesucht hatte, lag
eindeutig nicht in meiner Preisklasse. Obwohl sich mein Lebensstandard nach
dem Wechsel nach Arizona schon gewaltig geändert hatte, und was ich
eindeutig nur Lynn zu verdanken hatte, so wäre es mir selbst jetzt nie in
den Sinn gekommen, solche Möbel anzuschaffen. Sie waren einfach nicht mein
Stil und würden es nie sein. Ich war eben nur der einfache Cop aus einfachem
Hause, ich würde nie in die gehobene Gesellschaft hineinpassen, in welche zu
gehören Ed doch so bestrebt gewesen war. Lynn und ich fühlten uns wohl, wo
wir waren. Schließlich war sie es ja gewesen, die nach Bisbee zurückkehren
wollte, die das Leben in der Metropole zurücklassen wollte. Ich hatte nichts
dagegen. Ich konnte mich überall zurecht finden, na ja, fast überall, denn
L.A. war nicht gerade ein Traum gewesen.
Aber was nützte es jetzt noch, über Eds Lebensstil zu sinnieren? Ed war tot.
Ermordet, so wie es schien. Und ich war derjenige, der seinen Mord aufdecken
konnte, oder zumindest wollte. Ich war zur Zeit nicht sehr zuversichtlich,
denn bislang war ich nicht sehr erfolgreich gewesen. Aber auf der anderen
Seite, war ich noch nicht mal 24 Stunden hier, ich sollte meine Ansprüche
nicht so hoch schrauben. Immerhin hatte ich ja diesen Schlüssel gefunden.
Und darum sollte ich mich jetzt kümmern. Wozu gehörte dieser Schlüssel?
Und auf einmal schien alles wie am Schnürchen zu laufen. Als ob meine
letzten Gedankengänge mein Ermittlerglück angespornt hätten, fand ich
ziemlich schnell in Eds Kleiderschrank eine zweite Wand und dahinter, in die
Mauer eingelassen, einen Safe. Ich kramte den Schlüssel aus meiner
Jackentasche, und siehe da, er passte. Ich öffnete den Safe und fand einen
Stapel Akten.
Das passte so gar nicht zu Ed. Er war viel zu sehr Vollblutpolizist und
pflichtbewusst gewesen, als dass er einfach so irgendwelche Akten mit nach
Hause genommen hätte. Die Akten gehörten zu seinem Polizeidienst, und der
fand eindeutig hinter den Mauern der Hollywoodwache statt. Er war nicht der
Typ Ermittler, der seine Arbeit mit nach Hause nahm. Er würde lieber bis in
die späten Stunden auf dem Revier verbleiben.
Was war dann so besonders an diesen Akten? Warum hatte er sie mit in sein
Haus genommen und in einem versteckten Safe untergebracht? Aber hier wollte
ich mir die Akten nicht durchlesen. Irgendwie hatte ich ein schlechtes
Gefühl bei dem Gedanken, dass Faulkner vielleicht jeden Moment zurückkehren
und mir über die Schulter schauen könnte. Ich hatte nichts gegen ihn. Im
Gegenteil, ich hielt ihn für einen äußerst loyalen und nicht
korruptionsfähigen Kollegen. Er war damals in der Smith-Sache nicht
beteiligt gewesen und hatte sich auch sonst aus allen nicht ganz so sauberen
Angelegenheiten geflissentlich herausgehalten. Trotzdem hatte ich hier das
Gefühl, ich musste Eds Geheimnis erstmal für mich behalten. Ich konnte mich
später in meinem Zimmer in Ruhe um diese Akten kümmern. Vielleicht waren sie
auch für unsere Ermittlungen völlig wertlos, und es hatte einen anderen
Grund gegeben, warum Ed sie hier aufbewahrt hatte. Aber das konnte ich erst
herausfinden, wenn ich sie mir näher betrachtete.
Ich beendete die Durchsuchung, ohne dass ich weitere Hinweise finden konnte.
Anscheinend hatte Ed den oder die Täter freiwillig in sein Haus gelassen,
denn es gab keine Spuren, die auf ein gewaltsames Eindringen hindeuteten.
Auch musste Ed das Haus auf freiwilliger Basis wieder verlassen haben. Zwar
war die Eingangstür nicht verschlossen gewesen, aber nichts im Inneren des
Hauses deutete auf einen Kampf. Es gab keine zertrümmerten Gegenstände oder
Möbelstücke, alles schien so auf seinem Platz zu stehen, wie es sich
gehörte. Ich fand keine Blutspuren oder sonstigen Hinweise auf Verletzungen.
Alles blieb ein Mysterium.
Inzwischen waren auch Faulkner und Simmings zurückgekehrt. Sie konnten wenig
Neuigkeiten berichten. Eine der Nachbarinnen hatte beobachtet, dass Ed in
letzter Zeit ziemlich abgehetzt gewirkt hatte. Sie hatte das aber darauf
zurückgeführt, dass er arbeitsmäßig stark überlastet war. Keiner der
Nachbarn hatte Besucher gesehen, die ihnen verdächtig vorgekommen waren. Im
Gegenteil, Ed hatte eigentlich selten Besuch bekommen. Er war Junggeselle
und schien kaum Freunde gehabt zu haben. Das perfekte Opfer also, jemand,
der allein und zurückgezogen lebte, wo es nicht besonders auffiel, wenn er
verschwunden war. Die Nachbarn waren schockiert, als sie hörten, dass der
nette Polizist von nebenan einem Mord zum Opfer gefallen sein sollte.
Wir fuhren also zunächst wieder zurück zur Wache.
„Sag mal Kevin, wie weit bist du eigentlich mit der Analyse der
Tatortspuren“, fragte ich meinen jungen Kollegen im Auto. „Wie ist Ed jetzt
eigentlich ums Leben gekommen?“
„Ich habe noch nicht alle Spuren auswerten können, aber es sieht so aus, als
ob er stranguliert worden ist. Er wurde aufrecht sitzend in seinem Pkw
gefunden, und nichts deutete zunächst auf eine Gewalteinwirkung hin. Dann
aber konnte ich diese Spuren an seinem Hals feststellen. Es sieht so aus,
als ob er mit einem handelsüblichen Seil erdrosselt wurde. Da werden wir
also nicht sehr weit kommen.“
„Na, zumindest wissen wir die Todesursache. Hat das die Obduktion schon
bestätigt?“
„Ja“, warf Faulkner ein. „Und noch was.“
„Was“, fragte ich erstaunt.
„Ed war sturzbetrunken, als er starb.“
Ich musste einen Moment nachdenken. Das alles passte so überhaupt nicht zu
Ed. Für mich ergab sich ein völlig neues Bild von ihm, das mir immer mehr
Rätsel aufgab. Ich musste so schnell wie möglich diese Akten durchblättern.
Als wir wieder am Revier angekommen waren, entließ ich meine beiden
Kollegen. Es war inzwischen schon früher Abend, und die beiden hatten schon
genug Überstunden gemacht. Alles andere konnte morgen erledigt werden. Ich
verabschiedete mich von den beiden und machte mich auf den Weg zu der
Pension, die mir vorschwebte.
„Bud White!“, erklang
die mir so vertraute weiche und angenehme Stimme von Clarissa Burns. „Du
bist der Letzte, den ich auf meiner Türschwelle erwartet hätte! Gut siehst
du aus. Was treibt dich nach L.A? Ich dachte, du hättest hier alle Segel
gestrichen!“
Ich musste ein wenig lächeln. Clarissa war Ende 20 und bildhübsch. Ich war
damals ein wenig in sie verliebt gewesen, und hätten wir nicht beruflich
miteinander verkehrt, vielleicht hätte ich sie auch das eine oder andere Mal
ausgeführt, natürlich in der Hoffnung, dass sich mehr aus diesem Date
entwickeln würde. Aber jedes Mal, wenn ich mich dazu entschloss, hatte ich
gerade eine weitere Frau bei ihr in der Pension untergebracht und hielt er
für nicht angebracht, sie dann zu fragen. Letztendlich hatte sich keine
Gelegenheit mehr ergeben, ich traf Lynn, verliebte mich in sie und zog
schließlich nach Bisbee. Was Clarissa für mich empfand wusste ich nicht. Sie
war mir gegenüber immer sehr freundlich und zuvorkommend, manchmal
vielleicht etwas zu sehr zuvorkommend, was mich darauf schließen ließ, dass
da auf ihrer Seite eventuell auch Gefühle mit im Spiel waren, aber es wurde
nie offen zwischen uns ausgesprochen. Ich sah auch nie einen Mann an ihrer
Seite, so dass ich nicht wusste, ob sie vielleicht auf mich warten würde.
Aber ich machte nie irgendwelche Anstalten, und jetzt war das Thema sowieso
erledigt.
„Hallo Clarissa! Schön, dich zu sehen.“ Mir war nicht ganz wohl bei dem
Gedanken, ihr meinen Anwesenheitsgrund mitzuteilen. Zwar war sie vollkommen
vertrauenswürdig, dennoch wollte ich sie nicht unnötig in die Sache
hineinziehen. Aber letztendlich hatte sie gewissermaßen ein Recht darauf zu
erfahren, warum ich hier war.
„Ich benötige ein Zimmer. Ich habe hier in einer Ermittlungssache zu tun und
werde wohl ein paar Wochen bleiben müssen. Aber du hast recht, eigentlich
hatte ich L.A. endgültig verlassen.“
„Na, wenn das so ist, dann komm doch rein. Du weißt doch, Bud, Clarissa hat
immer ein Zimmer frei für dich.“
Dann gingen wir zusammen ins Haus, und Clarissa brachte mich zu einem ihrer
Zimmer in der oberen Etage ihres Wohnhauses.
„Du weißt ja wohl hoffentlich noch, wo alles ist. Wenn du möchtest, kann ich
dir auch noch schnell etwas zu essen machen. Du siehst ziemlich erschöpft
aus.“
Als Bestätigung konnte ich meinen Magen knurren hören. Wenn ich es mir so
recht überlegte, hatte ich heute außer einem Donut noch gar nichts gegessen.
Und das war heute morgen gewesen. Inzwischen hatten wir frühen Abend, kein
Wunder, dass sich mein Magen beschwerte. Ich wusste, dass Clarissa eine
exzellente Köchin war, also stimmte ich ihr zu, und sie verließ glücklich
das Zimmer.
Ich aber setzte mich an den Tisch und holte die Akten heraus, die ich bei Ed
im Safe gefunden hatte. Es war nicht gerade leicht gewesen, Faulkner und
Simmings davon zu überzeugen, dass ich mich lieber in Ruhe nach unserer
Rückkehr um diese Akten kümmern wollte. Sie hatten zunächst darauf
bestanden, dass wir gemeinsam einen Blick darauf werfen sollten. Da es aber
schon früher Abend war und die beiden auch gerne nach Hause wollten, waren
sie schnell davon überzeugt, und die Akten waren kein Thema mehr.
Jetzt legte ich sie vor mich auf den Tisch. Es waren insgesamt drei Akten,
welche allen Anschein nach schon älteren Datums waren, allerdings das Revier
nie verlassen hatten und auch nie bei der Staatsanwaltschaft gelandet waren.
Ich schlug die erste Akte auf und stolperte sofort über einen, mir mehr als
unbeliebt in Erinnerung gebliebenen Namen: Dudley Smith. Mir stockte der
Atem. In dieser Akte - und als ich die anderen beiden schnell
durchblätterte, sah ich, dass alle drei Akten zusammenhingen – ging es um
die Vorfälle, die mit dem Tod von Smith beim Victory Motel endeten. Es waren
die Ermittlungsakten, die eigentlich schon längst beim DA hätten sein
müssen. Ed hatte mir manchmal am Telefon davon berichtet. Er hatte einen
ausführlichen Ermittlungsbericht dazu geschrieben, und ich hatte den
Eindruck gehabt, als ob die ganze Sache inzwischen abgeschlossen war.
Sämtliche Schuldige waren sowieso tot, also brauchte auch nicht viel dazu
verhandelt werden. Ed hatte seine Beförderung erhalten, und die Sache schien
erledigt zu sein.
Warum hatte er dann die Akten behalten? Es handelte sich hier eindeutig um
die Originale und nicht irgendwelche Durchschriften, die er zur Vorsicht
behalten hatte. Und warum hatte er diese Akten in seinem Safe in seinem Haus
aufbewahrt? Das sah alles überhaupt nicht nach dem Ed aus, den ich kannte.
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
Ich wollte gerade etwas gründlicher durch die Akten schauen, als Clarissa
mir von unten zurief, dass das Essen fertig sei. Widerwillig ließ ich die
Akten liegen und stand auf, um nach unten zu gehen. Kurz vor der Tür drehte
ich mich aber noch mal um und griff mir die Akten, um sie mit nach unten zu
nehmen. Normalerweise war ich nicht so übervorsichtig, aber irgendein
Instinkt sagte mir, dass in diesem Fall überhaupt nichts stimmte und dass
hier alle Vorsicht geboten war. Außerdem, was sollte schon so schlimm daran
sein, die Akten mit nach unten zu nehmen? Clarissa wusste, welchen Beruf ich
ausübte, und ich wusste, dass sie nicht so neugierig war, um herausfinden zu
wollen, was in den Akten stand.
Clarissa hatte großzügig aufgetischt.
„Hast du geahnt, dass ich heute noch nicht viel in den Bauch bekommen
habe?“, lächelte ich sie an.
„Ich kenne dich gut, Bud. Ich weiß doch, dass du kein Kostverächter bist.“
Dabei klopfte sie mir leicht auf meinen Bauch. Der war allerdings seit
meiner Gesundung schon wieder beachtlich geschrumpft. In der ersten Zeit war
mir nichts anderes übrig geblieben, als mich kaum zu bewegen. Das gute
Essen, was ich tagtäglich von Lynn bekam, hatte dazu beigetragen, dass ich
stark zunahm. Als ich dann aber endlich wieder mit dem Dienst beginnen
durfte, wurde ich die überschüssigen Pfunde recht schnell wieder los, und
jetzt hatte ich auch wieder mein altes Gewicht. Aber Clarissa hatte schon
recht. Ich konnte gutem Essen nicht widerstehen. Und ich wusste, wie gut
ihre Küche war!
Ich setzte mich an den gedeckten Tisch und legte die Akten neben mich auf
einen Stuhl.
„Ist das der Grund, warum du zurückgekommen bist?“ Clarissas Frage wirkte
nicht allzu neugierig.
Deshalb antwortete ich auch nur mit einem kurzen „hmm“, denn ich hatte nicht
vor, ihr gegenüber zu sehr ins Detail zu gehen.
Clarissa musste wohl ahnen, dass ich ihr nichts darüber sagen wollte, denn
sie fragte nicht weiter. Wir unterhielten uns nicht viel während des Essens.
Ich erzählte ihr ein wenig über mein neues Leben in Bisbee. Sie dagegen
hatte nicht sehr viel neues zu berichten. Wallaby nutzte ebenfalls die
Möglichkeit, Gewaltopfer bei ihr unterzubringen. Viel hatte sich anscheinend
nach meinem Verschwinden nicht geändert.
Nach dem Essen verabschiedete ich mich von Clarissa und ging wieder zurück
auf mein Zimmer. Ich fühlte mich nach dem guten Essen auf einmal unheimlich
müde. Ich beschloss, eine Weile meine Augen zuzumachen, wollte mich aber
noch nicht für die Nacht hinlegen, denn ich wollte eigentlich noch gerne
kurz mit Lynn telefonieren. Also legte ich mich komplett angezogen auf mein
Bett, die Akten neben mir auf das Kopfkissen. Und kaum hatte mein Kopf die
Kissen berührt, fielen mir auch schon die Augen zu. Ich sank in einen
traumlosen Schlaf, solch eine Art von Schlaf, der einen überkommt, wenn man
erschöpft war.
Nach einer für mich kurzen Weile wachte ich wieder auf. Ich hatte das
Gefühl, als ob ich gerade erst eingeschlafen war und musste mich erstmal
orientieren. Es war inzwischen dunkel geworden, und ich konnte auf die
Schnelle nicht den Lichtschalter an meiner Nachttischlampe finden.
Dann hörte ich ein Klopfen an meiner Tür. Das musste der Grund gewesen sein,
warum ich wach geworden war. Das Klopfen wurde intensiver, und nun konnte
ich auch Clarissas Stimme hören, die meinen Namen rief.
„Bud! Bud, wach auf!“
Ich sprang auf und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Es war halb vier in
der Nacht, ich hatte länger geschlafen, als ich eigentlich vorgehabt hatte.
Dann strich ich mir noch schnell mit der Hand durch das zerwühlte Haar und
öffnete die Tür.
„Da ist ein Anruf für dich, Bud“, begrüßte Clarissa mich und zeigte mit
ihrer Hand nach unten in den Flur. Weiter sagte sie nichts, aber sie hatte
einen sehr ernsten Gesichtsausdruck, was mich instinktiv zur Eile ermahnte.
Ich konnte nicht in Worte fassen, wie ich mich jetzt in diesem Moment
fühlte, aber genau wie das ungute Gefühl, dass ich am Morgen gehabt hatte,
erfüllte mich auch jetzt wieder eine Ahnung, die nichts Gutes bedeuten
konnte.
Ich nahm den Hörer in die Hand und meldete mich. Es war Prowler. Was in
aller Welt hatte er mir zu sagen, dass nicht bis zum nächsten Morgen hätte
warten können?
„White, ich komme gleich zur Sache. In Ihr Haus ist eingebrochen worden. Es
sieht nicht danach aus, als ob etwas entwendet wurde, aber das ganze Haus
ist auf den Kopf gestellt worden!“
Die danach folgende kurze Pause nutzte ich, um meine plötzlich wild
gewordenen Gedanken zu ordnen.
Lynn! Ich hatte Angst um Lynn. Aber Lynn ist gar nicht im Haus gewesen. Sie
war sicher. Sicher im Haus von Trevor. Ich brauchte keine Angst zu haben!
Aber ich musste mehr Details hören. Wurden Spuren gefunden? Gibt es
Augenzeugen? Dann fuhr Prowler fort.
„Unsere Spurensicherung ist bereits draußen, wir haben bislang aber noch
kein Ergebnis. Aber wo ist eigentlich Ihre Frau? Wir haben uns nämlich
Sorgen gemacht, als wir das Haus leer vorgefunden haben.“
„Die ist während meiner Abwesenheit bei Trevor. Warum, erkläre ich Ihnen ein
anderes Mal, das ist eine lange Geschichte, hat aber mit diesem Fall hier zu
tun. Rufen Sie am besten Trevor an. Der kann sich dann um alles kümmern.“
Dann verabschiedete sich Prowler. Ich aber war jetzt hellwach. Die Bastarde
hatten jetzt ganz sicher Lynn und mich im Visier. War es erst nur eine vage
Vermutung gewesen, dass Eds Tod mit der alten Sache zu tun hatte, und war
Lynns Einquartierung zunächst nur eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen, so
hatte sich mein Verdacht nun wirklich erhärtet. Ich war versucht, bei Trevor
anzurufen, um mich zu erkundigen, ob bei ihm alles in Ordnung war. Aber
schließlich war es mitten in der Nacht. Ich konnte dort jetzt nicht anrufen,
und die Familie aus dem Bett holen. Ich fühlte mich zwar sehr unsicher, aber
der Anruf musste nun bis zum nächsten Morgen warten.
Stattdessen ging ich zurück auf mein Zimmer und schnappte mir die Akten, um
sie zu studieren. Ich wollte Hinweise auf irgendwelche Komplizen finden, die
zwar damals im Hintergrund gewesen waren, die aber jetzt eine Rolle spielen
könnten. Ich dachte an Randfiguren, die irgendwo im großen Spiel um Macht
und Drogen mitgewirkt hatten, weil sie ihre Aufgaben zu erfüllen hatten, die
aber jetzt, wo die Führungsriege tot war, auf eine Machtübernahme hofften,
oder diese sogar schon abgeschlossen hatten. Und natürlich hatten diese
Leute kein Interesse daran, dass der ganze Fall noch mal aufgekocht wurde,
wenn es immer noch Polizeibeamte gab, die wussten, worum es ging. Jetzt
wurde mir auf einmal auch bewusst, warum die Akten bei Ed im Safe gelegen
hatten. Sie waren brisant. Sie enthielten höchstwahrscheinlich die Namen
gerade dieses Personenkreises, welcher nun versuchte, seine Namen ein für
alle Mal aus dem Kenntnisbereich der Polizei zu löschen, um ungehindert sein
Unwesen treiben zu können.
Und wer den Fall kannte, wusste dass nicht nur Ed eine große Rolle gespielt
hatte, sondern dass ich auch nicht unwesentlich zur Aufklärung beigetragen
hatte. Vincennes war schon tot. Um den brauchten die sich nicht mehr zu
kümmern. Aber Lynn war noch eine Gefahr. Zwar war sie keine Polizistin, aber
dennoch hatte sie gewisse Einblicke in die Szene gehabt, indem sie für
Patchett gearbeitet hatte.
Am liebsten hätte ich mir Lynn in diesem Moment hier nach L.A. geholt. Aber
andererseits war es hier in der Höhle des Löwen viel zu gefährlich für sie.
Nein, sie sollte bei Trevor bleiben, und ich konnte nur hoffen, dass mein
Auftrag hier möglichst schnell beendet war.
Deshalb stürzte ich mich jetzt auch mit wildem Eifer auf die Akten. Aber
nachdem 3 Stunden vergangen waren, hatte ich schon einige Namen auf meinem
Notizblock stehen, die dringend überprüft werden mussten. Außerdem musste
ich mich um Smiths Familie kümmern. Er war verheiratet gewesen und hatte
vier Kinder gehabt. Seine Frau und die Kinder waren jedoch nach den
Vorfällen aus L.A. weggezogen. Dennoch wusste ich, dass es hier in L.A.
Familie gab. Ich wollte sehen, ob es dort vielleicht Verbindungen zur
Unterwelt gab, oder aber ob die Leute von irgendwelchen Bekanntschaften
wussten, die uns weiterhelfen könnten.
An diesem Morgen verzichtete ich wieder auf mein Frühstück. Clarissa war
zwar schon aufgestanden und bot mir an, schnell Frühstück zu machen, aber
dafür hatte ich keine Zeit. Es gab viel zu tun. Und um 9 war schon das
Treffen mit dem DA. Zwar hatte ich jetzt schon viel mehr zu präsentieren,
aber dennoch erschien es mir noch nicht genug. Ich hatte noch zweieinhalb
Stunden Zeit. Genug, um ein paar Kollegen aus dem Bett zu schmeißen und
meine Liste zu überprüfen.
Dabei überließ ich es den Kollegen, die Unterwelt aufzurühren. Ich wollte
mich lieber selber um Smiths Familie kümmern.
Ich fuhr zunächst zum Revier, um die alte Personalakte von Smith einzusehen.
Er war zwar tot, dennoch musste seine Personalakte noch aufgehoben werden.
Das gehörte so zu den Bestimmungen. Und diesen Bestimmungen war ich diesmal
sehr dankbar, obwohl sie mir im Großen und Ganzen eigentlich zu eng
gestrickt waren. Aber wer würde sich schon beschweren, wenn sie einmal
hilfreich sein könnten!
Hier erfuhr ich nun auch, dass Smith einen Bruder hatte, unverheiratet, ein
paar Jahre jünger. Auch erfuhr ich, dass dieser Bruder es nicht so gut mit
der Einhaltung der Gesetze hielt. Das war zwar noch kein Beweis, dass er
tatsächlich mitmischte, aber zumindest lag jetzt ein Verdacht nahe.
Ich notierte mir schnell die Adresse und setzte mich dann ins Auto, um seine
Anschrift zu überprüfen.
„Carl Smith?“, fragte ich ca. 20 Minuten später einen ungepflegten, bärtigen
Mann in den späten Dreißigern.
„Wer will das wissen?“, entgegnete mir dieser unfreundlich.
„Die Polizei, aber die scheinen Sie doch ganz gut zu kennen!“
„Ich habe nichts mit der Polizei zu tun. Und jetzt haun Sie schnell wieder
ab, bevor ich vielleicht doch noch was mit Euch zu tun haben könnte.“ Dabei
nahm er eine drohende Haltung ein.
Aber ich ließ mich dadurch nicht abschrecken. Ich hatte schon Begegnungen
mit viel gefährlicheren Männern gehabt. Dieser hier war einen Kopf kleiner
als ich und schien einem sehr unsoliden Lebenswandel nachzugehen, was man
alleine schon an seiner übermäßigen Alkoholfahne erkennen konnte. Der war
nun wirklich keine Bedrohung für mich.
Und so machte ich einen schnellen Satz nach vorne, stellte einen Fuß in die
Tür, ergriff den Mann an seinem Unterhemd, was schmutzig über seiner Hose
hing und schleuderte ihn erstmal in den Raum hinter der Tür zurück. Als
dieser taumelnd nach hinten fiel, trat ich mit meinem Fuß gegen die Tür, so
dass sie zurück ins Schloss fiel und ergriff mir den Mann erneut, um ihn
diesmal gegen die hinter ihm befindliche Wand zu drücken.
„Spiel hier keine Spiele mit mir“, zischte ich ihn an. „Ich weiß, wer du
bist, und was für eine Karriere du schon hinter dir hast, also komm mir
nicht mit dieser Harmlos-Tour! Ich will Antworten, und wehe, du lügst mich
hier an. Du würdest wünschen, niemals geboren zu sein!“
Ich wusste, dass ich hier vielleicht etwas zu heftig an die Sache ging, aber
zum einen steckten all meine Sorgen und Ängste in dem, was ich sagte und
tat, zum anderen hatte ich wirklich keine Lust auf irgendwelche Spielchen.
Und ich kannte diese Sorte von Typen, die mit allen Mitteln versuchten, sich
aus den Fängen der Polizei zu befreien, manchmal sogar koste es, was es
wolle.
Aber meine Methode schien auch bei diesem Typen zu fruchten.
„Ist ja schon gut“, lenkte er auf einmal ein. „Ich hab das ja gar nicht so
gemeint. Aber man weiß doch nie, was da für Leute vor der Tür stehen.“
Man, der konnte lügen wie gedruckt, dachte ich nur, ließ ihn dann aber doch
los. Ich hatte ihn, wo ich ihn haben wollte, ich brauchte jetzt wohl keine
Gewalt mehr anzuwenden.
„Also“, fing ich an. „Dudley war dein Bruder, nicht wahr?“
„Anscheinend wissen Sie das ja schon, warum also die Frage?“
„Hey, nicht schnippisch werden“, herrschte ich ihn an und baute mich wieder
drohend vor ihm auf.
„Ok, ok“, gab er jetzt wieder kleinlaut bei.
„Also, was ist jetzt?“
„Ja, ja, Dudley war mein Bruder. Aber wenn Sie jetzt wissen wollen, ob ich
ihm nachtrauere ... das tue ich nicht. Wir standen uns nicht sehr nahe.“
„Nein? Wie kommt's?“
„Wissen Sie, es gibt Familien, die halten zusammen, und es gibt Familien,
wie unsere.“
Damit schien für ihn das Thema beendet zu sein. Und ich wusste, dass er auch
nicht mehr darüber sagen würde.
„Weißt du, was Dudley so in seiner Freizeit getrieben hat? Welche Kontakte
er hatte?“
„Woher soll ich das wissen? Ich habe doch schon gesagt, dass wir nicht viel
miteinander zu tun hatten. Ich habe mich nicht darum gekümmert, was er in
seiner Freizeit tat, oder mit welchen Leuten er sich getroffen hat. Das hat
mich nicht interessiert. Schließlich wollte er das ja auch nicht von mir
wissen.“
Auch hier war das Thema für ihn beendet. Zeit also, meine Fragen in eine
etwas andere Richtung zu lenken.
„Was macht denn so die Unterwelt? Triffst du dich noch immer mit der alten
Gang, oder sind die Zeiten inzwischen passe?“ Ich hatte in seiner
Kriminalakte nachlesen können, dass er damals mit zwei anderen hochkarätigen
Verbrechern Überfälle auf Kioske und kleine Supermärkte verübt hatte. Zwar
standen diese Leute in keiner Beziehung zur Drogenmafia, aber man konnte nie
wissen, welche Verbindungen in der Unterwelt herrschten.
„Damit habe ich längst abgeschlossen. Ehrlich, ich mache keine krummen
Dinger mehr. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Ich will damit nichts mehr
zu tun haben.“
Ich musste lachen. „Erzähl mir hier keine Märchen. Ich habe dich gewarnt,
mich nicht anzulügen! Zufällig weiß ich da etwas von einer Sache vor ein
paar Monaten. Und du willst mir erzählen, dass du nicht mehr kriminell bist?
Das ich nicht lache...“
Ich blieb mit meiner Aussage etwas vage, denn die Sache, die ich ansprach,
stand nicht in seiner Kriminalakte. Es waren handschriftliche Aufzeichnungen
gewesen, die ich in den Akten gefunden hatte, und die von Ed aufgeschrieben
worden waren.
„Was für eine Sache?“, versuchte Carl jetzt unschuldig zu fragen, aber
gleichzeitig rieb er nervös seine Handflächen gegen einander. Also musste
doch etwas an der Sache dran sein.
Wieder war ich kurz vorm Explodieren. Es reichte mir, ständig von diesem
Kerl Ausreden und Lügen zu hören. Jetzt war Klartext angesagt, dafür musste
ich sorgen. Also ergriff ich mir Carl wieder an seinem speckigen Hemd und
drückte ihn mit etwas mehr Kraft als eigentlich nötig gegen die Wand.
„Ich habe dich gewarnt“, schrie ich ihn an. „Wenn ich irgendwelche
Lügengeschichten hören will, dann kann mir auch ein Märchenbuch nehmen. Du
kannst schneller im Kittchen landen, als dir lieb ist. Oder aber ich erspare
dir den Knast, und erledige die Sache gleich hier und jetzt.“
Und um meine Aussage noch zu unterstreichen griff ich mit meiner noch freien
Hand an meine Waffe, zog sie jedoch noch nicht raus. Schließlich wollte ich,
wenn es nötig war, noch mehr Druck ausüben können.
Aber Carl war ein kleiner Fisch, jemand, der schnell zu beeindrucken war.
„Hey, hey, ist ja schon gut. Lassen Sie bloß die Waffe stecken. Ich sag ja
schon was.“
Meine Hand wanderte wieder zurück zu seinem Hemd, ich hielt ihn aber
weiterhin gegen die Wand gedrückt.
„Also, was ist?“, herrschte ich ihn an. „Ich habe bald keine Geduld mehr mit
dir.“
„Ok, es stimmt, ich bin da in den Supermarkt eingestiegen. Aber es stimmt
auch, dass ich sauber war. Zumindest bis zu dem Tag. Und eigentlich wollte
ich das auch nicht tun. Aber da kamen zwei Typen zu mir. Sie sagten, sie
wären Freunde von meinem Bruder. Und sie wüssten ja, womit ich mein Brot
verdienen würde, und dass mein Bruder nicht gerade darüber erbaut sei. Ich
antwortete ihnen, dass mein Bruder tot sei, und dass es sie nichts anginge,
was ich mit meiner Zeit mache. Dann meinten die, dass es sie wohl etwas
anginge, und dass ich schon erfahren würde, was mit mir passiert, wenn ich
nicht genau das tue, was sie mir sagen. Dann erklärten sie mir, welchen
Supermarkt ich überfallen sollte. Officer, ich bin kein ängstlicher Typ,
aber bei den beiden hatte ich schon meinen Respekt. Deshalb habe ich den
Überfall gemacht. Da war auch gleich die Polizei bei mir. Zwei Männer in
zivil. Die wollten aber gar keine Beute haben. Die haben sich zwar allerhand
aufgeschrieben, aber richtige Fragen haben die nicht gestellt. Kam mir schon
sehr merkwürdig vor. Aber wissen Sie, ich war ganz froh, als die wieder
verschwunden waren und danach nichts mehr passierte.“
„Was ist mit Namen? Die beiden Männer, die angeblich deinen Bruder kennen.
Oder die beiden Polizisten? Weißt du irgendwelche Namen?“
„Die Polizisten haben sich nicht vorgestellt. Aber da wollte ich auch nicht
unbedingt nach Namen fragen. Aber die beiden anderen Männer, der eine sagte,
sein Name sei Stompanato, oder so ähnlich. Der andere, hat nichts gesagt,
aber ich habe gehört, wie Stompanato ihn Bruno genannt hat.“
„Kennst du die Typen?“
Carl überlegte eine Weile. „Nein, die kenne ich nicht. Auch nicht die
Polizisten, und ich habe schon einige von Ihren Kollegen kennen gelernt.“
„Naja, das soll erstmal reichen“, lenkte ich jetzt ein. Mehr war wirklich
nicht aus ihm herauszubekommen. Aber Stompanato kannte ich, dem hatte ich
schon mal sein bestes Stück zusammen gequetscht, um Informationen zu
bekommen. Ich kannte keinen Bruno, aber das war im Moment auch nicht so
wichtig. Viel interessanter war die Tatsache, dass hier Männer gewesen
waren, die sich als Kollegen ausgegeben hatten. Von dem, was Carl mir
geschildert hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es wirklich
Polizisten gewesen waren. Für mich lag vielmehr der Verdacht nahe, dass es
Komplizen von Stompanato waren, die Carl noch etwas einschüchtern wollten.
Aber wieso wusste Ed davon? Wieso konnte ich über den Überfall nichts im
Archiv lesen, aber auf einem von Ed handgeschriebenen Zettel?
Ich musste Stompanato finden. Ich ließ Carl los und ging zur Tür.
„Bleib jetzt sauber“, drehte ich mich noch mal zu ihm um. „Und wenn die
wieder bei dir auftauchen, dann melde dich beim Revier in Hollywood. Mein
Name ist White. Ich werde dafür sorgen, dass hier ein Streifenwagen vermehrt
vorbeifährt, wenn was passiert, sind die immer in der Nähe.“
Carl antwortete nicht. Er war nicht der Typ, der einem Polizisten für etwas
danken würde, aber zumindest nickte er mir zu.
Dann war ich auch schon wieder in meinem Pkw und fuhr zurück zur Wache. Ich
hatte keine Zeit, mich noch um Stompanato zu kümmern, gleich war das Treffen
mit dem DA. Vielmehr wollte ich die anderen Kollegen fragen , was sie so in
Erfahrung bringen konnten. Vielleicht passten ihre Feststellungen ja zu dem,
was Carl mir berichtet hatte.
Zumindest aber fügten sich jetzt einige Puzzle-Teilchen zusammen. Stompanato
war damals nur eine kleine Nummer gewesen, aber jetzt, wo nach oben hin
alles frei war, hatte er natürlich gute Chancen aufzusteigen. Vielleicht
hatte er sogar schon die Fäden in der Hand. Man konnte in der Unterwelt nie
so genau wissen. Dort lösten sich die Bosse so schnell ab, dass man das
meistens gar nicht richtig mitbekam. Es wurde viel geschossen, und
derjenige, der am besten in Deckung bleiben konnte, blieb am längsten am
Leben.
Das Treffen mit dem DA verlief genauso, wie ich er erwartet hatte. Die
Spurenuntersuchung war inzwischen abgeschlossen. Simmings hatte die halbe
Nacht und den ganzen Morgen bis zum Treffen beim DA daran gearbeitet. Leider
war das Ergebnis überhaupt nicht zufriedenstellend. Es gab keine
auswertbaren Spuren. Es schien, als ob der oder die Täter Handschuhe
getragen hatten. Dort waren wir also in einer Sackgasse angekommen.
Ich berichtete über die eventuellen Zusammenhänge mit Smith, seinem Bruder
und Stompanato. Ich hatte es vor der Besprechung nicht mehr geschafft, noch
mit den Kollegen zu sprechen, aber jetzt meldete sich Brian Herberg,
ebenfalls ein mir nicht bekannter Kollege, aber jemand, den mir Faulkner
wärmstens empfohlen hatte.
„Ich habe mit einer zuverlässigen Quelle gesprochen“, berichtete er. „Es
sieht so aus, als ob es in der Unterwelt ganz schön rumort. Die ganze
Struktur ist seit Smiths Tod ins Wanken gekommen. Alle versuchen, die Macht
an sich zu reißen, aber keiner hat lange die Nase vorn. Komischer weise hat
aber auch noch keiner das Zeitliche gesegnet. Normalerweise werden in den
Kreisen ja so Personalprobleme gelöst. Aber der Name Stompanato fällt recht
häufig. Da scheint wirklich etwas dran zu sein.“
Herberg setzte sich wieder. Ich warf Wallaby und dem DA kurz einen Blick zu,
dann fing ich an, meine weitere Vorgehensweise zu erläutern.
„Ich denke, wir werden unsere Ermittlungen jetzt in Richtung Stompanato und
sein Umfeld lenken. Da wir keine verwertbaren Spuren haben, brauchen wir uns
darum nicht mehr zu kümmern. Auch wird uns Exleys Umfeld nicht sehr weit
bringen. Ich war mit Faulkner und Simmings in seinem Haus. Keine Spuren,
nichts das auf sein Verschwinden hinweisen könnte.“
Ich holte kurz Luft. Ich hatte beschlossen, jetzt doch von den Akten zu
berichten, die ich bei Exley gefunden hatte.
„Etwas ist mir jedoch dort aufgefallen“, fuhr ich fort. „Ich habe bei Exley
in einem versteckten Safe die alten Akten über Smith gefunden. Ich hatte
angenommen, dass sie schon längst bei der Staatsanwaltschaft seien, und dass
der Fall lange abgeschlossen wäre. Aber es handelt sich um die
Originalakten, und sie sind nicht bei der Staatsanwaltschaft gewesen.“
Jetzt sah ich wieder zum DA hinüber. Ich hatte das Gefühl, dass er bei der
Erwähnung der Akten leicht zusammengezuckt war. Da ich das aber nur aus den
Augenwinkeln beobachtet hatte, war ich mir nicht ganz sicher.
„Nun“, begann er, „die Akten hätten eigentlich auch schon längst im Archiv
liegen müssen, wenn Exley nicht kurz nach der Sache auf einmal bei mir
erschienen wäre. Er berichtete mir von Ermittlungen, die in diese Richtung
getätigt werden müssten. Er war dabei sehr vage, wollte nicht so recht mit
der Sprache herausrücken. Das kam mir natürlich sehr komisch vor, denn Exley
war eigentlich nicht jemand, der mit seiner Meinung zurückhielt. Aber ich
dachte, ich könnte ihm vertrauen, also ließ ich ihn gewähren. Er sollte mir
eigentlich auch zwischendurch Bericht erstatten, aber die einzige Antwort,
die ich von ihm bekam, war dass die Ermittlungen noch andauern würden, und
dass ich bei Abschluss einen ausführlichen Bericht erhalten würde. Erst als
man mir von seinem plötzlichen Tod berichtete, fing ich an, mir Sorgen zu
machen.“
„Ich denke, dass diese Sorgen berechtigt sind“, unterstrich ich die Aussage
des DA. „Sollten nämlich tatsächlich Zusammenhänge zwischen der alten
Geschichte, Stompanato und Exleys Tod bestehen, wird es hier für einige
Personen, mich eingeschlossen, unangenehm werden. Vielleicht sollte ich dazu
anmerken, dass ich gestern Nacht einen Anruf von meinem Chef aus Bisbee
bekommen habe. Bei mir wurde ins Haus eingebrochen. Es gibt also
Zusammenhänge.“
Nach einer kurzen Pause fuhr ich fort. „Ich werde jetzt gleich mal mit
Bisbee telefonieren. Vielleicht gibt es ja schon erste Erkenntnisse.
Anschließend werden wir zusehen, dass wir uns Stompanato schnappen. Er muss
etwas wissen, und wir werden das schon aus ihm rauskitzeln. Das wäre es fürs
erste. Ich halte Sie auf dem Laufenden.“
Damit schlug ich meine Aufzeichnungen zu. Ich hatte alles gesagt, was ich
wusste und was wichtig war. Ich wartete bis Wallaby mit dem DA den
Besprechungsraum verlassen hatte, dann fing ich an, die Kollegen in ihre
einzelnen Aufgaben einzuweisen. Ich selber wollte mit Herberg noch mal
seinen Informanten aufsuchen. Der Informant sollte wissen, wo wir Stompanato
finden konnten.
Als die Kollegen entlassen waren, ging ich sofort in Exleys Büro, welches
Wallaby mir für die Dauer der Ermittlungen zugewiesen hatte, um mit Prowler
zu telefonieren.
Es war schon ein komisches Gefühl, jetzt in Eds Büro sitzen und hier zu
arbeiten. Vor allem weil es ja um die Ermittlungen zu seinem Todesfall ging.
Ich war jetzt in einer Position, die ich mir immer gewünscht hatte, die mir
aber während meiner damaligen Dienstzeit hier in L.A. immer verwehrt gewesen
war. Es musste erst zum Tod eines Freundes kommen – na ja, wenn ich Ed denn
als Freund bezeichnen konnte -, um diesen Posten zu bekommen.
Aber was nutzten mir diese Sentimentalitäten? Ich musste hier etwas tun, und
dazu gehörte zunächst, mich bei Trevor zu melden. Schließlich wollte ich ja
wissen, wie es Lynn ging.
Ich ließ das Telefon lange durchklingeln, aber es nahm niemand ab. Das war
zunächst nicht ungewöhnlich. Trevor könnte im Büro sein, und Mandy könnte
mit Lynn unterwegs sein und das tun, was Frauen gerne taten, nämlich
einkaufen. Aber in dieser Gesamtsituation war eben alles ungewöhnlich. Ich
versuchte, den Knoten, der in meinem Hals aufstieg, wieder
herunterzudrücken, aber die Sorgen, die den Knoten entstehen ließen, wuchsen
und wuchsen.
Ich wählte als nächstes Prowlers Nummer, aber dort war besetzt.
Wahrscheinlich liefen die Ermittlungen zum Einbruch in meinem Haus auf
Hochtouren. Ich musste es nur immer wieder versuchen, dann würde ich ihn
schon bald ans Telefon bekommen.
Und endlich kam ich durch. „Mann, Prowler, Sie sind aber schwer zu
erreichen!“, begrüßte ich ihn. „Erzählen Sie mal, was gibt's Neues zum
Einbruch?“
Prowler antwortete nicht sofort, was mich natürlich gleich stutzig machte.
„Ja, ehm ...“ Dann räusperte er sich noch mal. „Also ... ja ... der
Einbruch. Noch nichts Neues. Die Spurensicherung hat noch nichts
Verwertbares gefunden. Ist ein ziemliches Chaos dort. Alles auf den Kopf
gestellt, alles durchwühlt und ausgeleert. Wie laufen Ihre Ermittlungen so?“
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Prowler mir Details verheimlichte.
Alles klang so vage und so nichtssagend. So kannte ich ihn eigentlich nicht.
Er war sehr direkt und rückte auch immer gleich mit der Sprache raus, auch
wenn er etwas Unangenehmes mitzuteilen hatte.
„Ich glaube, wir sind auf der richtigen Spur. Wir sind zwar noch ziemlich am
Anfang, aber es sieht vielversprechend aus. Aber jetzt sagen Sie mir doch
mal was Genaueres! Haben Sie schon mit Trevor gesprochen? Ich hatte Ihnen
doch gesagt, dass Lynn dort untergekommen ist. Ich kann da niemanden
erreichen. Wissen Sie, wo Trevor ist? Ich möchte mit ihm sprechen.“
„Ja, also, ehm ...“ Wieder schien Prowler verlegen nach einer Antwort zu
suchen. Meine Alarmglocken schrillten laut in meinem Kopf. Nein! Dort durfte
nichts passiert sein! Nicht Lynn! Bitte nicht Lynn!
„Nun sagen Sie schon, spannen Sie mich nicht auf die Folter!“
„Ja gut, wie Sie wollen. Also, wir wissen nicht, wo Trevor ist. Wir konnten
ihn auch nicht erreichen. Er sollte mit an dem Einbruch arbeiten, weil er
doch auch ein bisschen von der Sache mit L.A. weiß. Und dann hatten Sie mir
ja auch noch gesagt, dass Lynn dort ist. Aber es geht keiner ans Telefon, es
öffnet auch keiner die Tür.“
„Sind Sie schon drinnen gewesen?“, unterbrach ich Prowler aufgeregt. „Wissen
Sie, wo Trevor ist? Wo Lynn ist ...“
Meine Stimme verebbte. Ich stellte mir vor, wie einer der Kollegen die Tür
zu Trevors Haus öffnete, wie die Kollegen das Haus absuchten und schließlich
...
Nein, das durfte ich mir nicht vorstellen! Diesen Gedanken durfte ich nicht
weiterführen, oder ich würde mich verrückt machen. Nein, es war nichts
passiert. Alle waren wohlauf.
„Wir sind schon drinnen gewesen“, fuhr Prowler jetzt fort. „Es war niemand
im Hause.“
„Ich nehme das in die Hand“, sagte ich spontan. „Ich weiß, wer dahinter
steckt, oder zumindest weiß ich, wen ich hier dazu ausquetschen kann. Ich
melde mich.“
Dann legte ich auf und atmete erstmal tief durch. Ich hatte das Gefühl, als
ob mir jemand mit der Faust in den Magen geschlagen hatte. Mit Mühe und Not
konnte ich das aufsteigende Übelkeitsgefühl wieder herunterkämpfen.
Gleichzeitig bildete sich in mir eine unbändige Wut, die ich schnell
ablassen musste. Und ich wusste auch schon wie und an wem.
„Herberg“, rief ich zu meinem Kollegen. „Aufsatteln! Wir schnappen uns
Stompanato.“
Herberg sah mich etwas verwirrt an, dass ich so plötzlich das Revier
verlassen wollte, aber für großartige Erklärungen war jetzt keine Zeit. Es
musste gehandelt werden, und zwar schnell.
„Wo geht's denn hin?“, fragte mich Herberg, als wir ins Auto stiegen.
„Zu deinem Informanten. Er muss uns sagen, wo wir Stompanato finden können.“
„Darf ich fragen, wo auf einmal diese Eile herkommt?“
Ich atmete tief durch. Ich war nicht in der Stimmung, unzählige Fragen zu
beantworten, aber auf der anderen Seite hatte Herberg auch ein Recht darauf
zu erfahren, was ich vorhatte. Sollte es gefährlich werden, musste er
vorbereitet sein.
„Also ganz kurz. Ich habe eben mit Bisbee telefoniert. Gestern Nacht wurde
in mein Haus eingebrochen. Außerdem sind ein Kollege, seine Frau und meine
Frau, die dort zur Zeit wohnt, verschwunden. Alles hat mit unseren
Ermittlungen zu tun. Irgend jemand will, dass sein Name nicht in
irgendwelchen Akten auftaucht. Und diesem jemand sind alle Mittel recht. Und
jetzt rate mal, wer dieser jemand sein könnte!“
„Stompanato?“, fragte Herberg vorsichtig.
„Kluges Köpfchen!“ Und damit war für mich das Thema erledigt. Ich ließ
Herberg ans Steuer, denn ich wusste ja nicht, wer sein Informant war und
wo wir ihn finden konnten.
„Wie heißt eigentlich dein Informant? Vielleicht kenne ich den noch.“
„Ich kenne ihn nur unter dem Namen Eddy. Er gehört auch eigentlich nicht
richtig ins Milieu. Er macht kleine Erledigungen, fährt hier und da, ist
halt so ein kleiner Handlanger. Hat aber noch nie ernsthaft etwas mit dem
Gesetz zu tun gehabt. Ich bin mal zufällig über ihn gestolpert. Aber er gibt
zuverlässige Informationen, besonders wenn ich ihm die richtige Summe
zustecke.“
Ach so lief das! Also hatte sich am korrupten Polizeisystem in L.A. nichts
geändert. Aber das sollte mich jetzt nicht interessieren. Dieser Eddy war
die einzige Möglichkeit, an Stompanato zu kommen. Ich sollte mir keine
Gedanken darüber machen, wie das Geld zwischen Polizei und Unterwelt hin und
her floss.
Wir fuhren in einen Randbezirk, wo einige Firmen ansässig waren. Viele der
Gebäude standen leer, denn es gab lukrativere Standorte als hier. Aber die
alteingesessenen Unternehmen behielten ihren Standort, wahrscheinlich fehlte
ihnen das Geld, woanders hinzuziehen, und sie fürchteten den damit
zusammenhängenden Bankrott.
Dann hielten wir vor einem der leer stehenden Gebäude und stiegen aus.
„Wir müssen jetzt noch ein wenig zu Fuß gehen. Man soll uns schließlich ja
nicht sofort als Polizei erkennen“, sagte Herberg erklärend.
Ich nickte nur. Mir war es egal, wie wir Eddy trafen, Hauptsache war, es
ging schnell genug.
Wir gingen auf das Gelände bis in den hinteren Bereich. Dort befand sich
eine Art Schuppen, aber bei näherem Hinsehen entpuppte sich dieser als
Wohnunterkunft. Herberg klopfte drei Mal an die Tür, und nach einer Weile
öffnete sich diese einen kleinen Spalt, dunkle Haare kamen kurz zum
Vorschein, dann verschwand diese Person auch schon wieder im Inneren.
„Wir können rein“, sagte Herberg und ging in den Schuppen. Ich schaute mich
noch einmal um, ob wir alleine und ungesehen waren. Schließlich wollte ich
keine unangenehmen Überraschungen erleben. Alles schien jedoch in Ordnung zu
sein, also trat ich ebenfalls ein.
Eddy war ein kleiner untersetzter Italiener in den Mittvierzigern. Er schien
sehr nervös zu sein, aber vielleicht lag das auch nur an meiner Anwesenheit.
Informanten waren immer sehr vorsichtig, wenn fremde Personen bei ihnen
auftauchten. Aber ich überließ es meinem Kollegen, mich vorzustellen,
schließlich kannten sich die beiden, mir würde er unter Umständen nicht
wirklich glauben.
„Keine Sorge Eddy“, begann Herberg dann auch sofort. „Das ist ein Kollege
von mir, Officer White. Ich war doch heute morgen schon bei dir, erinnerst
du dich?“
Eddy nickte, sah aber immer nervös und verunsichert aus.
„Ich habe jetzt was Konkretes für dich.“
„Ich nix mehr wissen. Ich dir schon sagen gehabt. Bin nur kleiner Mann, nix
großes Geschäft. Ein bisschen fahren hier und da. Du verstehen?“
„Ich denke schon, dass du uns noch helfen kannst. Du hast mir doch heute
morgen auch schon ganz gut geholfen.“ Dabei steckte Herberg seine linke Hand
in die Hosentasche und zog ein Bündel Geldscheine heraus und wedelte damit
vor Eddys Nase herum.
„Kommt drauf an, was du wissen wollen.“
Dann legte Herberg die ersten zwei Scheine auf den Tisch der gleich neben
der Tür stand. Das war das alte Spiel, ein wenig Geld, ein wenig
Information, Zug um Zug, bis man die gewünschten Informationen zusammen
hatte. Eigentlich ging mir das Ganze viel zu langsam, aber ich konnte es
nicht ändern. Wut und Gewalt waren hier fehl am Platze, dann würde Eddy
nicht mitmachen. Und wir wären kein Stückchen weiter.
„Vielleicht ich mehr wissen ...“
Zwei weitere Scheine.
„Wen du suchen?“
„Stompanato.“
„Oh, oh, großer Boss. Ich nicht für ihn arbeiten. Ich nur kleiner Mann. Aber
vielleicht du suchen jemand anderes.“
Fünf weitere Scheine. „Stompanato.“
„Mein Boss kennen großen Boss. Aber mehr ich nicht wissen.“
Noch fünf weitere Scheine.
„Mein Boss arbeiten für großen Boss. Große Sache, viel Geld. Gefährlich für
kleine Mann wie mich. Aber du mir geben Rest von die große Bündel mit Geld,
dann ich vielleicht wissen, wo große Boss ist.“ Jetzt lächelte mich Eddy
schief von der Seite an. Wahrscheinlich hatte dieses Spielchen schon
unzählige Male stattgefunden.
Letztendlich wanderte tatsächlich das gesamte Bündel an Geldscheinen auf
Eddys Tisch.
„Du kennen die große Halle am Ende der Straße? Da immer treffen mein Boss
die große Boss. Jeden Abend um 8. Mehr ich nicht wissen. Wirklich.“
Wieder ein schiefes Grinsen, diesmal aber in Herbergs Richtung. Aber wir
hatten, was wir wollten. Mehr konnten wir nicht erwarten.
„Bleib sauber“, rief Herberg Eddy zu, als wir seine Hütte verließen. Wir
schlossen die Tür und gingen zu unserem Auto zurück.
„Billigen tue ich diese ganze Aktion nicht“, sagte ich zu meinem Kollegen,
als wir wieder eingestiegen waren und zu der Halle fuhren, die Eddy uns
beschrieben hatte. „Das war auch übrigens einer der Gründe, warum ich L.A.
verlassen habe. Ich hatte diese ganze Korruption satt. Ich habe da selber
lange genug dringesteckt. Aber in Bisbee ticken die Uhren anders, und ich
bin froh, wenn ich diese Drecksstadt endlich wieder verlassen kann.“
Herberg erwiderte nichts. Wahrscheinlich kannte er es nicht anders. Er war
noch jung. Er konnte noch nicht viele Jahre mit seiner Ausbildung fertig
sein. Schade, dass solch ein guter Kollege derart ausgenutzt wurde.
Dann waren wir auch schon bei der beschriebenen Halle angekommen. Wir fuhren
noch ein Stückchen weiter und parkten etwas abseits. Ich hatte geahnt, dass
dieses Viertel ideal als Wirkungsstätte für den Untergrund war, meine
Vermutungen waren nur noch nie dermaßen bestätigt worden.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Herberg.
„Wir gehen rein“, antwortete ich ihm etwas verdutzt, und stieg dann aus.
Worauf wollte er noch warten? Wir mussten diese Halle etwas näher unter die
Lupe nehmen. Zwar hatte Eddy gesagt, dass sich Stompanato erst um 8 Uhr dort
immer traf, aber das musste nicht unbedingt bedeuten, dass jetzt niemand
dort anwesend war. Das Gelände, auf dem sich diese Halle befand, war zudem
noch sehr gut dazu geeignet, um Leute dort zu verstecken. Leute wie Lynn und
Trevor ....
Herberg rief noch schnell Verstärkung über Funk, folgte mir dann aber mit
gezogener Waffe. Geduckt liefen wir am Gebäude entlang und sicherten nach
allen Seiten ab. Ich hatte schon wieder ein mulmiges Gefühl, in der Art, wie
ich es gestern Morgen gehabt hatte. Auch da hatte es nichts Gutes bedeutet.
Wer weiß, was jetzt auf uns zukam?
Inzwischen hatten Herberg und ich eine Tür erreicht. Wir hatten zuvor einige
Fenster passiert, da es sich aber um ein seit langem stillgelegtes Werk
hielt, und niemand bis auf die Mafia diese Gebäude nutzte, waren die
Scheiben blind mit Dreck und Staub. Es war schwierig gewesen, im Inneren
etwas zu entdecken. Bewegungen konnte ich nicht wahrnehmen, außerdem war es
mucksmäuschenstill. Trotzdem waren meine Sinne bis aufs Äußerste geschärft.
Nur keine Fehler machen! Mich nicht unnötig in Gefahr bringen! Lynn nicht
unnötig in Gefahr bringen!
Ich hatte früher nicht viel mit Mickey Cohen und Konsorten zu tun gehabt.
Das war ja immer in die Drogenabteilung gefallen. Jack Vincennes hätte hier
jetzt gut unterstützen können, er kannte sich in dem Teil der Unterwelt
bestens aus. Aber leider war er ja ein Opfer von Smith und seinen
Machenschaften geworden. Smith hatte gemerkt, dass Vincennes anfing, mehr zu
wissen, als es für ihn gut war. Er wurde gefährlich. Vincennes jedoch hatte
nur eine Ahnung, wollte es vielleicht gar nicht wahrhaben, dass Smith krumme
Dinger drehte. Und so war er in die Falle getappt. Armer Vincennes! Trotz
Bestechlichkeit war er ein guter Cop gewesen.
Aber was nützten mir jetzt diese Sentimentalitäten? Vincennes war tot, wie
viele andere, Herberg und ich waren hier auf uns selbst gestellt. Bis
Verstärkung eintraf, konnte noch eine Weile dauern.
Wir beschlossen, dass Herberg mir Deckung geben würde, und dass ich die Tür
zur Lagerhalle öffnete. Ich ging in die Hocke und fasste vorsichtig an die
Klinke. Es war abgeschlossen.
„Shit“, rief ich aus und sah Herberg an. Der zuckte nur mit seinen
Schultern.
Dann sah ich auf einmal einen Schatten, der sich hinter Herberg an der
gegenüberliegenden Hallenwand bewegte.
„Runter“, schrie ich Herberg an. Es gab hier nichts, wohinter man Deckung
suchen konnte, also mussten wir uns so klein wie möglich machen, um es
unserem Gegenüber möglichst schwer zu machen, uns zu treffen.
Aber der Schatten an der Wand hatte gar nicht vor, auf uns zu schießen.
Wohlmöglich hatte er uns gar nicht bemerkt. Obwohl ich mir das gar nicht
vorstellen konnte, denn ich hatte zwei Mal nicht gerade leise meinen
Kollegen angesprochen.
Der Schatten war inzwischen weiter vorangekommen und schließlich hinter der
Halle verschwunden. Ich bedeutete Herberg, mir zu folgen, gleichzeitig
signalisierte ich ihm aber, kein Wort mehr zu sagen. Wir waren hier nicht
alleine. Ob der Schatten die einzige anwesende Person war, wussten wir
nicht. Aber wir wussten, dass wir es hier mit der Mafia zu tun hatten, und
mit denen war nicht zu spaßen.
Stompanato war damals nur ein unbeschriebenes Blatt gewesen, ähnlich wie
Eddy, aber im Gegensatz zu Eddy hatte Stompanato nicht nur was in den Armen,
sondern auch im Gehirn. Er hatte genau gewusst, wie lange er den braven
Diener von Cohen spielen musste, um irgendwann aus dem Dunkel
herauszutreten. Zwar konnte er nicht die direkte Nachfolge antreten, denn da
hatte Smith ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber er hatte eine
gewisse Zeit gewartet, gesehen, wie sich alles beruhigte und dann
zugeschlagen.
Ich konnte mir vorstellen, dass er sofort an Ed gedacht hatte. Es hatte ja
schließlich überall in den Zeitungen gestanden, was für ein Held Ed Exley
war. Und da Stompanato nicht dumm war, konnte er sich denken, dass Ed,
sobald sich die Unterwelt wieder regte, auf ihn kommen würde. Also musste Ed
beiseite geschafft werden. Und wenn er schon so schlau war, an Ed zu denken,
dann war es für ihn auch eine Kleinigkeit, Lynn und mich ausfindig zu
machen.
Und das brachte mich in unsere derzeitige Situation zurück. Wir hatten
inzwischen die andere Halle erreicht, hinter welcher der Schatten
verschwunden war. Vorsichtig spähte ich um die Ecke, aber es war recht
dunkel in diesem Bereich, da es ein Durchgang von nur einem Meter Breite
war, welcher an einer weiteren Halle endete. Dort kam nicht viel Licht
hindurch.
Ich fluchte. Das lief überhaupt nicht gut für uns. Aber wir waren jetzt
schon so weit gekommen, wir mussten weiter machen.
Und dann hört ich auf einmal unterdrückte Schreie aus der Halle, an deren
Wand wir uns gerade lehnten. „Hast du das auch gehört?“, flüsterte ich
Herberg leise zu. Dieser nickte und zeigte auf eben diese Halle.
Da mir der Durchgang nicht sehr vertrauenswürdig erschien, schlichen wir uns
langsam an der Hallenwand zurück, um am anderen Ende nach einem Zugang zu
suchen. Doch wir kamen nicht sehr weit. Wir hatten gerade eine Tür erreicht,
als diese plötzlich aufgestoßen wurde und ein Mann heraustrat. Es war
Stompanato! Und er hielt eine Waffe auf uns gerichtet.
„Hey White!“, rief er uns zu. „Willst dich wohl zu deiner Nutte gesellen.
Dann haben wir ja alle beisammen. Die Party kann beginnen.“
„Pass auf, was du sagst“, schleuderte ich ihm entgegen. Ich hasste es, von
ihm so unerwartet erwischt worden zu sein. Zwar zielte der Lauf seiner Waffe
direkt auf mich und Herberg, aber das konnte mich nicht daran hindern, ihn
mit Worten zu traktieren. Vielleicht konnte ich ihn ein bisschen aus der
Reserve locken, ihn nervös machen, ihn zu einer ungewollten Handlung
verleiten, uns einen Vorteil verschaffen.
Ich wusste, dass Stompanato nicht so leicht aus der Fassung zu bringen war,
es war aber die einzige Möglichkeit, die mir in unserer derzeitigen Lage
einfiel.
„Du hast es also geschafft, Johnny. Alle Achtung. Hätte ich nicht gedacht,
dass so ein gehirnloser Typ wie du es schaffen könnte, die Fäden in die Hand
zu nehmen. Wie lange denkst du, dass es dauern wird, bis dich jemand wieder
ablöst? Ein Tag, eine Woche, ein Monat? Was meinst du?“
„Halt die Klappe, White und komm mit. Und dein zitternder Kollege sollte
auch zusehen, dass er schnell in die Hufe kommt, bevor ich ihn noch hier
draußen abknalle. Ich habe noch nie etwas von euch Bullenpack gehalten. Und
dass Smith sich Cohens Drogen geschnappt hat, war mir ein gewaltiger Dorn im
Auge. Aber er hat das richtige Ende gefunden. Genauso wie dein Kumpel Ed.“
„Also, ich fand das schon ein starkes Stück, dass Smith sich da eingemischt
hat. Wer hätte es gedacht, dass ein Cop, dazu noch in solch einer Position,
so korrupt sein konnte und sich in euer Geschäft einmischte! Und dazu noch
mit solch einem Erfolg.“
Stompanato schnaubte verächtlich. Noch war er ruhig. „Das heißt gar nichts.
Heutzutage scheint jeder in der Lage zu sein, etwas zu erreichen.“
„So, wie du“, warf ich ein.
„Was soll das jetzt heißen. Ey White, reiz mich nicht, sonst werde ich dich
an deinen Klötzen aufhängen und über das gesamt Gelände schleifen!“
Ein Anfang! „Hey Johnny, wer wird denn gleich so unfreundlich werden, nur
weil ich die Wahrheit gesagt habe. Stimmt doch! Du bist jahrelang nur
Handlanger für Cohen gewesen. Musstest zusehen, wie der sich die dicken
Millionen einheimste, und du immer leer ausgingst. Was war das für ein
Gefühl Johnny? Den Arsch für nichts aufzureißen?“
Ich merkte, wie der Geduldsfaden bei Stompanato immer dünner wurde. Ich
hatte den richtigen Nerv getroffen. Zwar stand er immer noch mit gezogener
Waffe vor uns, aber wir hatten uns noch keinen Zentimeter weit bewegt. Sein
Blick wanderte nervös zwischen mir und Herberg hin und her, genauso wie der
Lauf seiner Waffe. Noch ein paar Worte mehr, vielleicht konnte ich ihn dann
in einem günstigen Moment überwältigen. Ich hoffte nur, dass Herberg meine
Taktik erkannte, und im entscheidenden Moment richtig handelte.
„Ich habe dich gewarnt, White“, schrie Stompanato jetzt mit hochrotem Kopf.
Ich hatte schon fast gewonnen. „Los jetzt! Rein mit euch!“ Dabei fuchtelte
er wild mit seiner Waffe vor unseren Nasen umher. Gleichzeitig machte er ein
paar Schritte vorwärts, und es sah fast so aus, als ob er uns an den Ärmeln
ins Gebäude ziehen wollte. Aber darauf hatte ich ja nur gewartet.
Als seine Waffe mal nicht auf Herberg oder mich zielte, schnappte ich
schnell seine freie Hand, drehte den Arm so weit, dass es ihm wehtat, und er
sich nach vorne krümmte. Dann machte ich einen Schritt zu Seite, stand nun
neben ihm und hämmerte ihm mein Knie mit aller Wucht in die Genetalien.
Stompanato war viel zu sehr erstaunt, um überhaupt reagieren zu können. Dazu
kamen noch die Schmerzen, die mein Tritt ihm verursachten, langsam ging er
in die Knie. Herberg hatte alles schnell kapiert und hatte Stompanato noch,
während dieser in die Knie ging, die Waffe aus der Hand gerissen und in
seinen eigenen Hosenbund gesteckt.
Als Stompanato jetzt so gekrümmt vor mir kniete, überlegte ich nicht lange.
Er würde sich schnell wieder gesammelt haben und dann ein Heidentheater
veranstalten. Das jedoch konnte ich nicht riskieren, denn ich wusste nicht,
wieviele von seinen Komplizen noch auf dem Gelände waren.
Also zog ich erneut mein Knie hoch und traf diesmal sein Gesicht.
Alles, was Stompanato noch von sich geben konnte, war ein gedämpftes „Hmpf“.
Dann kippte er zur Seite. Jetzt zog Herberg ihm noch einen mit der Waffe
über den Schädel, und Stompanato war für eine Weile außer Gefecht.
Wir schoben ihn ein wenig von der Tür weg und lehnten ihn an die Wand. Dann
pirschten wir uns wieder an die Tür heran. Vorsichtig lugte ich um die Ecke,
konnte von meinem Blickwinkel aus jedoch nichts erkennen. Langsam schob ich
dir Tür auf. Herberg gesellte sich neben mich und sicherte nach allein
Seiten ab. Aber als wir die Tür ganz aufgeschoben und somit einen freien
Blick über die gesamte Halle hatten, mussten wir feststellen, dass diese
leer war. Kein Gangster, aber auch keine Spur von Trevor oder Lynn.
Dann entdeckte Herberg eine Treppe rechts von uns an der gegenüberliegenden
Wand. Sie führte zu einem Glaskasten, hinter dem sich wahrscheinlich eine
Art Büro befand. Die Fenster waren mit Jalousien versehen, welche zugezogen
waren und uns deshalb leider die Sicht darauf verbargen, was sich dahinter
befand. Trotzdem konnten wir deutlich einen Schatten wahrnehmen, der sich
dahinter bewegte.
Wir schlichen uns geduckt zur Treppe hinüber und gingen diese vorsichtig
hinauf. Als wir oben angelangten, standen wir vor einer Metalltür, welche
nur angelehnt war. Von innen her konnten wir eine männliche Stimme
vernehmen.
„Ihr seid schuld, wenn Johnny nicht zurückkehrt. Scheiß Bullen, sollten alle
abgeknallt werden.“
Außerdem konnte man hören, wie diese Person energisch hin und her lief.
Wir hatten keine Zeit mehr zu verlieren. Dieser Typ war nervös, viel zu
nervös für meine Verhältnisse. Er konnte schnell gefährlich werden, je
länger Stompanato nicht zurückkehrte. Herberg und ich verständigten uns mit
Blicken, dass wir das Büro stürmen würden. Einer würde sich einzig und
allein um den Mann kümmern, der andere würde dafür sorgen, dass Lynn und
Trevor, sollten sie denn im Büro sein, außer Schussweite gelangten.
Innerlich zählte ich nochmal bis fünf, atmete tief durch, dann stieß ich die
Tür auf. Vor mir erstreckte sich ein leerer Raum, in welchem nur ein Tisch
und drei Stühle in der Mitte standen. Der Raum war nicht sehr groß, so dass
er mit den dort anwesenden Personen schon fast überfüllt wirkte. Auf den
Stühlen, welche alle nebeneinander mit Gesicht zum Fenster standen, saßen
Trevor, seine Frau und Lynn, allesamt geknebelt und an die Stühle gefesselt.
Wie zuvor beobachtet, lief vor dem Fenster der Mann, welchen wir gerade
fluchen gehört hatten.
Bei meinem plötzlichen Eintreten war dieser Mann stehen geblieben und
schaute uns etwas entgeistert an. Dann blickte er auf seine Gefangenen und
wieder zu uns zurück und schien auf einmal die Situation zu verstehen. In
seiner linken Hand hielt er eine Pistole, welche er nun auf mich richtete.
Ich konnte förmlich spüren, wie er den Abzug drückte und auf mich feuerte.
Aber ich war vorbereitet. Ich war mit gezogener Waffe in den Raum gestürmt,
hatte instinktiv auf den Mann gezielt und brauchte jetzt nur innerhalb
weniger Sekunden abzudrücken. Gleichzeitig warf ich mich auf den Boden und
rollte mich zur Seite, um den Kugeln, die für mich gedacht waren,
auszuweichen.
Als ich mich wieder zu dem Mann umdrehte, feuerte ich erneut so lange, bis
mein Magazin leer war. Und endlich ging der Mann zu Boden. Im Fallen
gleitete ihm seine Waffe aus der Hand und fiel mit einem lauten Poltern zu
Boden. Schnell sprang Herberg an den Mann heran, kickte die Waffe mit seinem
Fuß außer Reichweite und ging in die Hocke, um zu sehen, ob der Mann noch
lebte. Ich stand schnell auf, wechselte das Magazin und sicherte Herberg für
den Fall ab, dass der Mann sich nur leblos stellte.
Aber ein fachmännischer Griff an den Hals sagte uns, dass der Mann
tatsächlich nicht mehr am Leben war. Beruhigt konnte ich meine Waffe wieder
einstecken und ging zu den Gefangenen hinüber.
„Lynn“, war das Erste, was ich herausbrachte. Auf ihrer linken
Gesichtshälfte bildete sich ein riesiger Bluterguss. Die Mistkerle hatten
sie geschlagen! Wenn der Mann in diesem Raum nicht schon tot gewesen wäre,
hätte ich jetzt am liebsten so lange auf ihn eingeschlagen, dass er noch
nicht mal mehr das Amen in der Kirche sagen konnte.
Vorsichtig durchtrennte ich ihre Fesseln mit meinem Messer und zog sie an
mich.
„Mein Liebling, mein armer, armer Liebling“, stammelte ich in ihr blondes
weiches Haar, überglücklich, sie wieder in meinen Armen halten zu können.
„Jetzt wird alles wieder gut.“
Ich konnte hören, wie sie zu schluchzen anfing, und so hielt ich sie einfach
nur fest und gab ihr Halt, bis sie sich wieder etwas beruhigt hatte.
Aus den Augenwinkeln konnte ich beobachten, wie Herberg sich um Trevor und
dessen Frau kümmerte. Von dem, was ich jetzt an Gesprächsfetzen mitbekommen
konnte, verstand ich, dass es beiden den Umständen entsprechen gut ging.
Als Lynn sich wieder beruhigt hatte, lösten wir uns von einander. „Ich
glaube, ich bin auch ok“, sagte sie mit ihrer weichen Stimme, die mir
beinahe das Herz bersten ließ. Was hatte sie nicht alles wegen mir ertragen
müssen! Dennoch strahlten ihre Augen so viel Liebe aus, dass ich es gar
nicht begreifen konnte, warum sie immer noch zu mir hielt.
Der Rest ging reibungslos von statten. Inzwischen war die Verstärkung
eingetroffen. Sie hatten Stompanato gefunden und ihn gleich in einen
Streifenwagen verfrachtet und zum Revier gebracht. Für den anderen Mann, bei
dem es sich herausstellte, dass es Bruno Cavallio war, brauchte nur noch der
Leichenwagen bestellt zu werden.
Wir brachten Lynn, Trevor und Mandy zu Clarissa, die erstmal dafür sorgte,
dass die drei wieder aufgepäppelt wurden. Ich traf mich mit Wallaby und dem
DA, um den beiden einen vorläufigen mündlichen Bericht abzuliefern. Der DA
war sichtlich beeindruckt, in welch kurzer Zeit sich der Fall gelöst zu
haben schien.
Stompanato hielt dem Druck nicht lange statt und gestand den Mord an Ed. Als
Motiv gab er an, dass Ed ihn aufgespürt und einfach zuviel gewusst hatte. Er
hatte Ed unter Druck gesetzt, wovon dieser sich allerdings nicht hatte
beeindrucken lassen. Schließlich blieb nur noch sein Tod als einzige Lösung
für Stompanato. Und deshalb sollten auch Lynn und ich ermordet werden. Dazu
hatte er Lynn gekidnappt, was für mich als Köder hätte dienen sollen. So
weit war es aber Gott sei Dank nicht gekommen.
Stompanato wurde zu mehrfach lebenslänglich verurteilt und schmorte jetzt in
Quentin. Ich aber brauchte nach den Vernehmungen nur noch meinen
Schlussbericht abzuliefern, dann konnte ich endlich mit Lynn wieder nach
Bisbee zurückkehren. Sie hatte auf mich gewartet, Trevor war mit Mandy schon
nach einem Tag wieder zurückgekehrt.
Es dauerte lange, bis wir das Ganze vergessen konnten. Bei Lynn ging es
etwas schneller, bei mir war es eher ein Verdrängen, als ein Vergessen. Aber
damit konnte ich leben.
Das Leben in Bisbee ging wieder seinen gewohnten Lauf und die Schatten der
Vergangenheit verblassten nach und nach. Ich war glücklich. Wir waren
glücklich, und ich hoffte, dass es bis ans Ende unseres Lebens andauern
würde.
Brianna
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