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Schatten der Vergangenheit

Es war einer dieser Tage, an denen ich sofort wusste, dass etwas in der Luft lag. Ich hatte dieses schlechte Gefühl schon, als ich aufstand und mich anzog. Lynn war die ganze Woche weg zu einer Modenschau in Phoenix, so dass ich mich um mich selbst kümmern musste. Und das war garantiert nicht eines meiner Talente. Also fiel das Frühstück wie immer aus, wenn ich alleine war, eine Tasse Kaffee und eine Zigarette. Später, auf dem Weg zur Arbeit, würde ich Donuts holen. Zwar müsste ich die dann noch mit meinem Partner teilen, und der schien wirklich davon zu leben, aber egal.
Mein Partner war ok. Stens war jahrelang mein Partner in L.A. gewesen, und irgendwie konnte man ihn schon mit Trevor vergleichen, obwohl Trevor längst nicht so viel trank wie Stens, und das war besser so.
Arizona war ganz schön ruhig gegenüber L.A. Die ersten paar Monate dachte ich, es wäre zu ruhig, aber bald schon gewöhnte ich mich daran, und heute habe ich es schon fast vergessen. Ich hielt immer noch lockeren Kontakt zu Ed, vielleicht könnten wir sogar irgendwann mal Freunde werden, aber L.A. bleibt immer noch L.A., und deswegen ist es gut, dass da so viel Distanz zwischen L.A. und Bisbee liegt. Denn ich brauche Abstand. Ich führe hier ein komplett neues Leben, ein besseres Leben, und ich kann sogar wieder ein paar Morde aufklären, so als richtiger Polizist und bin nicht einfach nur der Prügelcop vom Dienst. Alles in allem muss ich doch wohl clever genug sein, wie Lynn es mir irgendwann mal gesagt hatte.
Aber ich musste nicht nur Morde aufklären, dafür war Bisbee nicht groß genug. Hier taten wir alles, von Verkehrsdelikten bis zum Banküberfall. Natürlich musste ich viel lernen, als ich endlich wieder fit war, um in den Beruf zurückzukehren. Die Uhren tickten hier ein wenig anders, aber nach einer Weile fand ich heraus, dass es hier noch richtige Polizeiarbeit gab, die Art von Arbeit, die ich schon immer machen wollte, seit ich bei der Polizei angefangen war, und wo ich dachte, ich hätte sie über die Jahre beim Revier in Hollywood verloren. Ich kam zu meinen Wurzeln zurück, und mit Lynns Hilfe war ich nicht mehr der aggressive Polizist, der ich einmal war.
Und da war ich nun, betrat die Wache mit einer Tüte Donuts in der Hand, und irgend etwas sagte mir, ich hätte besser zu Hause bleiben sollen. Aber es war zu spät, mein Chef hatte mich schon entdeckt.
„In mein Büro, White!“
Ich traute mich nicht zu widersprechen. Prowler war ganz ok. Er bellte oft, aber er biss nicht. Ich war an solch eine Art Chef gewöhnt, und es störte mich nicht. Ich konnte damit ganz gut umgehen, trotzdem wusste ich, wann man besser auf seinen Chef hören sollte.
„Guten Morgen, Chef“, begrüßte ich ihn, als ich das Büro betrat. Prowler lebte buchstäblich in seinem Büro, oder zumindest sah es so aus, weil sich so viele persönliche Gegenstände hier befanden. Man konnte wirklich glauben, dass nichts mehr bei ihm zu Hause übrig war. Aber auf der anderen Seite hatte Prowler auch gar kein richtiges Zuhause mehr. Ihm gehörte nur das Haus mit wenig Mobiliar. Als seine Frau ihn vor ein paar Jahren verließ, hatte sie fast alles mitgenommen. Gerüchten zufolge besaß Prowler seitdem nur ein Bett, einen Tisch und Stuhl, bzw. das, was sich in seinem Büro befand.
Aber ich scherte mich nicht um sein Privatleben. Er war ein guter Chef, und ich kam ganz gut mit ihm aus. Er hatte keine Vorurteile bezüglich meiner Vergangenheit in L.A. Er gab mir die Möglichkeit, komplett von vorne anfangen zu können. Und deshalb wollte ich mich auch nicht in sein Privatleben einmischen.
„Wendell, setzen Sie sich“, bat er mich nun. Er hatte Sorgenfalten auf seiner Stirn, deshalb setzte ich mich auch unverzüglich hin. Nicht nur, dass etwas Unangenehmes in der Luft lag, sondern auch noch, dass es etwas war, das wohl mit mir zu tun hatte. Ich sah ihn fragend an und versuchte ihn so dazu zu bringen, sich zu beeilen, endlich zu sagen, was er mir mitteilen wollte.
„Ok“, fuhr er endlich fort. „Das ist jetzt nicht gerade leicht für mich. Ich weiß, dass Sie die Akte L.A. abgeschlossen haben. Und Sie leben hier jetzt recht gut, aber ich weiß auch, dass sie noch nicht alle Seile gekappt haben, dass Sie noch Kontakt zu Lt. Comm. Exley halten.“
„Ja, das stimmt.“ Mir war immer noch nicht klar, was Prowler zu sagen hatte, aber als er Eds Namen erwähnte, war es, als ob mich meine Vergangenheit einholte, und dass sie mich wahrlich aus den Schuhen hauen würde.
Meine Gesundung hatte länger als erhofft gedauert. Andauernd musste ich ins Krankenhaus zurück, um noch eine Operation über mich ergehen zu lassen. Ich wollte mit meinem Leben weiterkommen, aber das war nicht gerade leicht, wenn man noch nicht wieder voll auf den Beinen war. Weil ich nicht viel alleine machen durfte, saß ich die meiste Zeit im Sessel im Wohnzimmer oder draußen auf der Veranda. Ich hatte alle Zeit der Welt, um nachzudenken, und das tat ich dann auch. Nachdenken über mein vergangenes Leben, was ich falsch, was richtig gemacht hatte, meistens jedoch über das Falsche. Die jüngsten Ereignisse, welche mich in diesen Zustand versetzt hatten, aber vor allem die Vor- und Nachteile, die sich daraus ergaben. Letztendlich beschloss ich, dass alles, was mir in meinem Leben bislang passiert war, vom Schicksal so vorbestimmt war und irgendeinen Sinn haben musste. Nicht, dass ich in der Lage war, dies zu erklären, aber es war eben so passiert. Jetzt war ich hier in Arizona, noch nicht wieder ganz gesund, aber wissend, wenn ich wieder vollkommen ok war, dass mich hier ein Job erwartete. Ein Job und ein neues Leben, eine zweite Chance, um endlich in der Lage zu sein, das Leben zu führen, welches ich die vergangenen Jahre über verzweifelt hatte leben wollen.
Prowler hatte recht, ich hatte die Akte abgeschlossen. Ich musste es tun, um mein neues Leben hier in Bisbee führen zu können. Und er hatte recht, dass ich immer noch den Kontakt zu Ed aufrecht erhielt. Ich hatte ihn früher nicht besonders gemocht, einen Streber und Emporkömmling, damals, bevor alles außer Kontrolle geraten war. Aber letztendlich hatten die Ereignisse uns zusammengeschweißt, das Band war noch recht dünn, aber wir beide arbeiteten daran, es zu kräftigen.
„Wendell?“, hörte ich auf einmal meinen Chef rufen.
„Ja?“, antwortete ich ihm leicht verwirrt. Ich hatte nicht bemerkt, dass mich meine Gedanken so weit weg getragen hatten.
„Sorry“, entschuldigte ich mich.
„Macht nichts“, entgegnete Prowler aufmunternd. „Wie ich schon sagte, das hier ist für mich nicht einfach, aber ich habe gerade einen Anruf aus L.A. erhalten. Letzte Nacht hat man Exleys Leiche vor dem Revier in Hollywood gefunden. Der Erkennungsdienst meint, dass er dort nicht starb, und dass es kein natürlicher Tod war ...“
Jemand zog die Vorhänge vor mir zu. Alles schien zu verschwimmen und schließlich in einem glänzenden weißen Nichts zu verschwinden. Ed war tot, er war tot ... das ergab überhaupt keinen Sinn.
Dann lichteten sich die Schatten wieder und ich befand mich wieder in Prowlers Büro.
„Sie sagen mir, dass Ed tot ist?“, fragte ich etwas dümmlich, aber ich hatte mich recht schnell wieder unter Kontrolle und konnte dann wieder intelligentere Fragen stellen. Prowler konnte nicht viel über Eds Tod sagen, außer dass es wohl kein natürlicher war. Er war sich nicht sicher, ob die Kollegen aus Hollywood einfach nicht mehr wussten, oder ob sie nicht mehr sagen wollten. Aber trotzdem war ich fest entschlossen, dass ich mehr über seinen Tod herausfinden musste. Das ungute Gefühl vom Morgen kehrte schlagartig wieder und diesmal traf es mich äußerst hart. Sein Tod war definitiv unnatürlich gewesen, und wenn ich nicht persönlich gesehen hätte, wie Smith draußen vor dem Victory Motel gestorben war, ich hätte schwören können, dass er hinter der ganzen Sache steckte.
„Ich muss dahin, Chef“, fing ich an. Ich erwartete fast, dass Prowler irgendwelche Gründe erfinden würde, warum ich nicht nach L.A. zurück gehen sollte, aber was als nächstes kam, hatte ich überhaupt nicht erwartet.
„Das habe ich bereits arrangiert, wenn es Ihnen nichts ausmacht“, erwiederte er. „Ich kenne die Details über den Vorfall, der Sie letztendlich auf mein Revier gebracht hat, und Exleys Tod stinkt zum Himmel. Aber ich habe so das Gefühl, als ob die Kollegen aus Hollywood nicht so gründlich ermitteln würden wie Sie. Also habe ich es mit Captain Wallaby so abgesprochen, Sie für die Dauer der Ermittlungen dorthin abzuordnen. Ich weiß, dass sie von einigen Kollegen dort wieder herzlich aufgenommen werden, und Wallaby und ich sind uns ziemlich sicher, dass sie alle mit Ihnen perfekt zusammenarbeiten werden, wenn Sie die Ermittlungen leiten.“
„Ich?“
Ich konnte nicht glauben, was Prowler mir da gerade angeboten hatte. Nicht nur, dass er bereits für meine Abordnung gesorgt hatte, aber er hatte es auch erreicht, dass ich mich mehr oder weniger frei bewegen konnte, um das Rätsel von Eds Tod zu lösen. Wenn ich erfolgreich war, würde garantiert eine Beförderung für mich drinsitzen. Dennoch fühlte ich mich bei dem Gedanken zurückzukehren, nicht gerade wohl in meiner Haut, denn ich hatte ja gerade erst meine Dämonen besiegt. Aber Prowler hatte recht, ich war derjenige mit dem besten Hintergrundwissen.
Mein Chef sah mich aufmunternd an.
„Ja! Warum fragen Sie? Irgend etwas damit nicht in Ordnung ?“
„Nein, nein. Ist schon ok. Ich war nur erstaunt, dass Sie das alles schon arrangiert haben. Wann kann ich gehen?“
„Wallaby erwartet Sie morgen früh zum Termin mit dem Staatsanwalt.“
Das gab mir nicht gerade viel Zeit, besonders weil ich Lynn nicht mehr sehen würde, bevor sie aus Phoenix zurückkehrte. Aber das konnte ich jetzt nicht ändern. Sie würde es verstehen. Ich würde ihr alles heute Abend am Telefon erklären. Ich hatte sie bislang jeden Abend seit sie gefahren war angerufen. Sie würde es bestimmt verstehen, ansonsten würde ich es ihr so lange erklären, dass sie es einfach verstehen musste, worum es ging.
Nachdem ich bei Prowler entlassen war, ging ich zu meinem Schreibtisch. Da lagen noch einige unbearbeitete Vorgänge. Es war so vereinbart, dass Trevor sie weiterbearbeiten sollte. Natürlich war er nicht sehr glücklich darüber, aber nachdem er den Beutel mit Donuts näher unter die Lupe genommen und die Hälfte des Inhalts in weniger als fünf Minuten aufgegessen hatte, schien er schon etwas zufriedener gestimmt.
„Hab von dem toten Kollegen gehört“, sagte er mit vollem Mund. „Kanntest du ihn?“
„Hm“, murmelte ich, während ich meine Akten sortierte. Ich gab vor, dass ich seiner Frage keine Beachtung schenken würde, aber in Wahrheit wollte ich ihm keine Antwort geben. Mein Verstand arbeitete wie wild, als ich versuchte, mir all die Namen ins Gedächtnis zurückzurufen, die damals beteiligt gewesen waren. Ich arbeitete an einem Plan, wie ich die Ermittlungen am besten leiten würde. Abgesehen davon hatte ich Trevor bislang nicht sehr viel über die Vorfälle in L.A. gesagt. Niemand in Bisbee wusste davon, nur Lynn und ich, und so war es besser.
„Prowler muss eine hohe Meinung von dir haben, dass er dich dort hin schickt, nach all dem, was passiert ist.“
„Hm“, antwortete ich wieder, und um Trevor abzulenken, ging ich zu seinem Schreibtisch und legte dort meine Akten ab. Ich wollte gerade anfangen, ihm einiges dazu zu erklären, als Trevor aufstand und mich ansah.
„Du musst mir sagen, wenn ich aufhören soll, Bud, aber ich bin dein Partner, weißt du. Partner vertrauen sich eigentlich. Ich weiß nicht viel über deine Vergangenheit in L.A., aber ich weiß, dass ziemlich viel dort passiert ist. Und es muss ziemlich wichtig sein, dass du dorthin zurückgehst, aber vor allem dass Prowler dich dorthin schickt, denn normalerweise ist er nicht so. Er versucht, Bisbee sauber zu halten. Aber das geht mich nichts an. Er wird besser bezahlt als ich, also kann er sich auch den Kopf darüber zerbrechen. Aber du bist mein Partner, und ich kann nur mit einem Partner zusammenarbeiten, der fit für die Arbeit ist. Wenn es da also irgend etwas gibt, was du mir zu sagen hast, du weißt, wo du mich finden kannst.“
Mit diesen Worten stand Trevor auf und verließ das Revier. Ich hatte solch einen Ausbruch von ihm nicht erwartet. Ich hatte ihn immer eher für den ruhigen Typ gehalten, aber irgendwie hatte er schon recht. Partner mussten sich vertrauen können oder sie waren keine richtigen Partner. Ich hatte diesen Teil des Polizeialltags vergessen, weil Stens letztendlich nicht zuverlässig gewesen war. Nur dass ich all das erst herausgefunden hatte, nachdem alles schon zu spät gewesen war, und Stens erschossen in der Night Owl Bar gelegen hatte. Natürlich war es danach für mich schwierig gewesen, wieder jemandem aus der Truppe so zu vertrauen wie damals Stens, aber vielleicht, wenn dies wirklich ein neuer Abschnitt in meinem Leben war, vielleicht konnte ich jetzt wieder jemandem vertrauen.
Ich lief Trevor hinterher. Er stand draußen vor dem Revier, lehnte sich an einen Baum in der Nähe des Parkplatzes für Dienstfahrzeuge und war am Rauchen. Ich ging zu ihm herüber und nahm ebenfalls meine Zigaretten heraus. So standen wir für eine Weile, jeder sah in eine andere Richtung. Ich konnte nicht sagen, was in seinem Kopf vorging, aber die Tatsache, dass er stehen blieb und nicht von mir wegging, sagte mir, dass er von mir erwartete zu erzählen.
Es war nicht leicht für mich, weil ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Aber nachdem ich meine Zigarette fast zu Ende geraucht hatte, entschied ich mich, einfach ganz von vorne zu beginnen.
Trevor unterließ es, mich während meines Vortrags anzusehen, aber seine Gesichtszüge verrieten mir, dass er sich auf meine Worte konzentrierte, sie in sich aufnahm und darauf wartete, dass ich zu Ende erzählt hatte, um seinen Kommentar abzugeben.
Als ich dann letztendlich fertig war, trat er vom Baum weg und drehte sich zu mir um.
„Also denkst du, dass der Tod von diesem Kollegen ... wie war noch mal  sein Name?“
„Exley, Ed Exley“, antwortete ich ihm hastig.
„Also denkst du, dass Exleys Tod irgendwie mit der ganzen Sache zusammenhängt?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Ich dachte, alle Beteiligten wären tot. Aber ich habe dieses komische Gefühl schon, seit ich heute aufgestanden bin, und es hat seinen Höhepunkt erreicht, als Prowler mir vom Tod Exleys berichtete. Dass es kein natürlicher Tod sei, dass sie nicht an einen bloßen Unfall glaubten. Ich habe absolut keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Aber wenn sein Tod wirklich mit Dudley Smith zusammenhängt, dann sind Lynn und ich auch in Gefahr. Ich meine, ich kann mehr oder weniger gut auf mich selber aufpassen, besonders jetzt, wo ich von Exleys Tod weiß. Aber ich kann nicht nach L.A. gehen und gleichzeitig Lynn hier beschützen.“
„Ich kümmere mich darum“, antwortete Trevor spontan. „Du hast doch gesagt, dass sie derzeit in Phoenix ist.“
„Ja, sie ist dort bei einer Modenschau. Sie wollte am Samstag zurückkommen.“
„Hör zu Bud, du siehst zu, dass du alles in L.A. geregelt bekommst. Ich rufe gleich die Kollegen in Phoenix an. Ich mache die Sache unheimlich dringend, dass die sich gleich darum kümmern und Lynn ausfindig machen. Sie sollen so lange bei ihr bleiben, bis ich selber da bin. Sie kann dann bei Mandy und mir wohnen, und ich werde Thompson und Matthews mit einspannen.“
Ich musste seufzen. Letztendlich war es doch gut gewesen, mich Trevor anzuvertrauen. Alles schien auf einmal etwas einfacher zu sein.
„Danke“, sagte ich zu Trevor und streckte ihm meine Hand entgegen. Er nahm sie und schüttelte sie heftig.
„Keine Sorge“, entgegnete er. „Dafür sind wir ja schließlich Partner.“
Dann gingen wir wieder zurück ins Revier. Ich tätigte ein paar Anrufe und bekam endlich Lynn ans Telefon.
„Hallo Schatz, vermisst du mich jetzt schon so sehr, dass du mich bis hierher auf die Modenschau verfolgst?“, erklang ihre sanfte Stimme am anderen Ende.
„Klar vermisse ich dich total. Aber das ist nicht der Grund, warum ich dich anrufe. Warte mal 'ne Sekunde.“ Dann legte ich meine Hand über die Sprechmuschel und berichtete Trevor über ihren jetzigen Aufenthaltsort. Er gab mir das OK-Zeichen und setzte sich sofort ans Telefon, um bei den Kollegen in Phoenix anzurufen.
„So, da bin ich wieder. Lynn, du musst mir jetzt gut zuhören, und bitte tu, was ich sage. Hast du mich verstanden?“
Da war eine kurze Pause, bevor sie antwortete.
„Ja, ich verstehe. Bud, was ist los?“
Ich konnte hören, dass ich jetzt ihre komplette Aufmerksamkeit hatte. Das war gut so. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit, so dass ich zu ihr fahren konnte, um es ihr persönlich zu sagen und nicht über das Telefon. Aber der Wunsch war unerfüllbar.
„Ed ist tot“, kam ich gleich zum Thema und ließ den Satz eine Weile in der Luft hängen. Ich hörte, wie Lynn die Luft anhielt, so wie ich es vermutet hatte, dann fuhr ich fort.
„Aus Hollywood wissen wir, dass er vor dem Revier gefunden wurde und dass es wie ein Unfall aussah. Aber keiner glaubt das so richtig, und ich sowieso nicht. Der neue Captain dort, Wallaby, hat mich gebeten, die Ermittlungen zu führen, und ich habe zugesagt. Aber ich befürchte, da ist noch mehr.“
Wieder hielt sie die Luft an. Offensichtlich konnte sie meinen Gedanken folgen. Wenn ich ihr das doch alles ersparen könnte! Wir hatten geglaubt, dass alles hinter uns wäre, dass wir in Bisbee sicher wären. Wie sehr konnte man sich doch irren!
„Ich glaube, dass es da eine Verbindung zu Smith gibt. Ich habe absolut keine Ahnung, wer hinter Eds Tod stecken könnte, aber solange ich das nicht herausgefunden habe, sind wir beide in Gefahr Es sieht so aus, als ob jemand versucht, lose Enden abzutrennen, Rache zu nehmen. Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen, aber ich mache mir Sorgen um dich, Süße. Trevor wird dich abholen. Er spricht gerade mit den Kollegen in Phoenix. Bleib, wo du bist, sie werden dich zum nächsten Polizeirevier bringen, und Trevor wird von dort übernehmen. Bitte, es ist unheimlich wichtig, dass du tust, was ich sage. Ich will dich nicht verlieren!“
Ich flehte sie buchstäblich an, aber ich hatte wirklich Angst um sie. Alles war in weiter Ferne, fast vergessen gewesen. Jetzt war alles schlagartig wieder vor meine Nase gerückt und drohte, mich aus der Bahn zu werfen. Und wenn ich es schon nicht schaffte, mein Gleichgewicht zu halten, so sollte doch wenigstens Lynn unbeschadet bleiben.
„Du machst mir Angst“, sagte sie mit einem hörbaren Zittern in der Stimme.
„Ich weiß Süße, und ich wünschte, es wäre nicht so. Aber ich tue alles, was in meiner Macht steht, um dieses Arschloch zu fassen und ihn der Gerechtigkeit auszuliefern.“
„Ok, Schatz, aber bitte sei vorsichtig“, bat sie. Ich antwortete nicht. Ich wusste, dass ich so vorsichtig wie möglich sein wurde, aber manchmal konnte sich das Schicksal auch gegen einen wenden. Ich sagte ihr, dass ich sie liebte, dann beendete ich das Gespräch. Es gab hunderte von Dingen, die ich noch zu erledigen hatte, bevor ich mich auf den Weg machen konnte. Ich wollte nicht erst spät am Abend fahren. Irgendwie wollte ich die Dunkelheit der einsamen Straßen vermeiden, wo Attentäter die Chance hätten, mich in einem günstigen Moment zu erwischen.
Am frühen Nachmittag konnte es dann losgehen. Trevor war schon kurz nach seinem Telefongespräch losgefahren und war wahrscheinlich schon wieder mit Lynn auf dem Rückweg. Ich war versucht, auf die beiden zu warten, Lynn in meine Arme zu nehmen und sie zu küssen, aber das wäre vergeudete Zeit, Zeit die ich besser mit meinen Ermittlungen verbringen sollte. Ich wusste, dass sie mit Trevor sicher war. Mein Plan war, mich mit einigen meiner früheren Kollegen zu treffen, die mir jetzt unterstellt waren und mit ihnen die alten Akten durchzuwälzen, Namen zu notieren und Fakten zu überprüfen, die wir beim letzten Mal vielleicht übersehen hatten. Mein Kopf explodierte auf einmal geradezu mit Ideen, wo nachzusehen und wo nachzuforschen, aber die wichtigste Frage blieb unbeantwortet: Wer hatte Exley getötet?
Zu Hause packte ich schnell ein paar Sachen zusammen. Ich wollte mit leichtem Gepäck reisen, denn ich hatte vor, diese Sache so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Der Gedanke, lange in der korrupten Unterwelt von L.A. zu verweilen, behagte mir überhaupt nicht. Die Gefahr, von ihr aufgesogen und wieder rückfällig zu werden, war groß, hatte ich doch schon viel zu viel Zeit in diesem Sumpf verbracht.
Ein Anfall von Sentimentalität ließ meine Augen durch unser Haus wandern. Das Haus hatte deutlich Lynns Touch. Sie hatte es eingerichtet, sie hatte alles mit ihrer einmaligen Gabe für Stil dekoriert. Ich hatte mich damals nicht viel darum gekümmert. Erstens war ich nicht gerade der Typ, der Sinn für Stil hatte. Dachte ich an meine Behausung damals in L.A. zurück, so genügte mir das Nötigste. Und zweitens ging es mir zu dem Zeitpunkt auch noch gar nicht so gut, dass ich mich wirklich darum hätte kümmern können. Ich war froh zu leben! Natürlich half ich Lynn, wo es nur ging, aber letztendlich war sie diejenige, die alles aussuchte, ich war nur der Esel, der alles schleppen musste.
Das klingt jetzt ziemlich sarkastisch, ist es aber nicht. Ich bin froh, dass ich Lynn habe, und ich bin auch mit dem, was sie hier für uns geschaffen hat, mehr als nur zufrieden. Ich wünsche mir halt nur manchmal, dass ich mehr zu unserem Heim beitragen könnte. Lynn sieht das natürlich anders, aber sie liebt mich auch einfach so wie ich bin, und sie will gar nicht, dass ich mich verändere.
Schluss mit diesen Gedanken, ich musste mich jetzt wirklich auf den Weg machen.
Natürlich ließen mich meine Gedanken während der Fahrt nicht in Ruhe. Ich rekapitulierte die Namen derer, die damals an der Sache beteiligt gewesen waren. Smith, Meeks, sie waren alle tot. Selbst die Mafiaangehörigen aus der Unterwelt waren zum größten Teil auf die eine oder andere Weise ums Leben gekommen. Der Einzige, der mir jetzt noch einfiel, war der damalige DA Loew, obwohl der natürlich vorsichtshalber den Hut gezogen hatte. Es hatte einfach viel zu viel Rummel gegeben, das hatte auf Dauer gesehen seinem Amt und seinen Karrierevorstellungen geschadet, also hatte er gekündigt. Ich hatte damals eigentlich nie an eine Beteiligung seinerseits an der ganzen Geschichte geglaubt. Er hatte sicherlich keine weiße Weste, welcher Politiker war schon clean? Aber gemeinsame Sache mit Smith, das schien mir zu weit hergeholt.
Aber trotzdem war dies eine Idee, der ich nachgehen musste, ein Ermittlungsansatz, auch wenn er wahrscheinlich ins Leere verlaufen würde. Ich fühlte mich auf einmal ein wenig besser, ich war mir plötzlich ziemlich sicher, dass ich diesen Fall lösen würde.
Dann wanderten meine Gedanken wieder unwillkürlich zu Lynn. Sie fehlte mir so sehr. Vor ihr hatte ich mich nie emotional so stark an eine Person gebunden. Ich hatte immer gedacht, dass ich erst meine Vergangenheit bewältigen musste, um überhaupt so empfinden zu können. Während meiner Arbeitszeit und manchmal auch danach suchte ich immer wieder Situationen, in denen ich den Frauen helfen konnte, sozusagen um mein Gewissen zu beruhigen. Aber wenn ich jetzt dahin zurückblicke, muss ich feststellen, dass ich mir immer nur etwas vorgemacht hatte. Natürlich tat es meiner Seele gut, wenn ich mal wieder eine Frau gerettet hatte. Dieser dankbare Blick, der mir jedes Mal zugeworfen wurde, war wie ein Balsam auf meine Wunden. Doch sie wurden nie wirklich geheilt.
Erst jetzt mit Lynn merke ich auf einmal, dass es mir innerlich wieder besser geht. Ich kann meine Vergangenheit loslassen, die Dämonen habe ich so gut wie besiegt. Ja, Lynn war schon eine wahnsinnig tolle Frau. Dass es so jemanden wie sie geben konnte, hatte ich früher nie geglaubt. Ich musste ihr erst über den Weg laufen, um zu sehen, dass das Schicksal es auch mal gut mit mir meinen konnte.
Als ich schließlich die Außenbezirke von L.A. erreichte, beschlich mich wieder mein ungutes Gefühl. Es machte sich unangenehm in meiner Magengegend breit und ließ mich auch nicht mehr los, als ich endlich mit meinem Wagen in Hollywood vor dem Revier vorfuhr.
Ich stieg nicht sofort aus. Ich wollte erst den Anblick meiner früheren Wirkungsstätte auf mich einwirken lassen. Zusammen mit meinem unguten Gefühl, war es nicht gerade ein schönes Erlebnis, aber ich schob diesen Gedanken recht schnell wieder beiseite, denn er würde mich nur unnütz an meinen Ermittlungen hindern, und das konnte ich mir nicht leisten. Ich musste sauber arbeiten und durfte keine Fehler machen.
Letztendlich stieg ich mit einem Seufzen aus und ging ins Dienstgebäude. Innen hatte sich nichts verändert. Irgendwie fühlte ich mich, als ob ich nach Hause zurückkehren würde, nur dass es kein schönes Zuhause gewesen war. Ich ging auf den Wachhabenden zu, dessen Gesicht mir nicht bekannt war. Aber es war auch sehr viel Zeit inzwischen vergangen, und natürlich musste es in der Zeit auch einige Neuzugänge gegeben haben. Ich stellte mich kurz vor und verlangte dann, Captain Wallaby zu sprechen. Der Wachhabende musterte mich kurz unschlüssig, als ich ihm aber dann noch meine Dienstmarke vorzeigte, schien er überzeugt zu sein und telefonierte sofort.
„Sie sollen hochkommen“, sagte er zu mir schließlich mit einem leicht ungläubigen Gesichtsausdruck. „Anscheinend würden Sie den Weg kennen.“
„Danke“, antwortete ich ihm ebenso unpersönlich und drehte mich zum Gehen um. „Ich kenne den Laden hier viel zu gut.“ Dann ließ ich den erstaunten Kollegen stehen und machte mich auf den Weg zu Wallabys Büro.
Die Gänge und Büros waren mir tatsächlich immer noch zu gut bekannt. Aber ich hatte kein gutes Gefühl, als ich hier entlang ging. Es gibt Orte, an denen man verweilen möchte, wenn man schon lange nicht mehr dort gewesen war. Dieses Revier gehörte definitiv nicht dazu.
Es dauerte nicht lange, bis ich endlich vor Wallabys Büro stand. Die Tür war nur angelehnt, und ich konnte hören, dass er sich angeregt mit jemandem unterhielt. Da ich aber nur Wallabys Stimme hören konnte, nahm ich an, dass er am Telefonieren war. Ich wollte nicht stören, wer weiß, was er gerade zu besprechen hatte. Auf der anderen Seite wollte ich aber auch nicht völlig teilnahmslos auf dem Gang stehen bleiben. Es war ruhig an diesem Nachmittag, aber das musste nicht gleichzeitig bedeuten, dass mir niemand auf dem Flur begegnen würde, wenn ich hier wartete. Ich wusste, dass eine Konfrontation mit meinen alten Kollegen unvermeidlich war, wenn ich doch mit ihnen zusammenarbeiten sollte, aber ich wollte diese Konfrontation so lange wie möglich heraus zögern. Sozusagen erstmal das Feld sondieren, die Lage und die Stimmung einschätzen, bevor ich mich der Herausforderung, denn solch eine war dieser Auftrag für mich, stellte.
Ich klopfte also kurz an die Tür und drückte sie weiter auf. Wallaby sah mich sofort und bedeutete mir, Platz zu nehmen. Währenddessen führte er sein Gespräch weiter, ohne inne zu halten. Ich setzte mich auf einen der beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen und schaute mich um.
Es hatte sich viel verändert, seitdem Smith einst in diesem Büro tätig gewesen war. Wallaby hatte scheinbar sämtliche Möbel entfernen lassen und sich komplett neu eingerichtet. Das gefiel mir. So war die Erinnerung an Smith und seine Machenschaften nicht so intensiv. Mein Kopf musste sich nicht damit auseinandersetzen und war frei für die wirkliche Arbeit.
Ich wusste nicht viel über Wallaby. Zu meiner Zeit gehörte er nicht zu Hollywood, ich wusste aber, dass er aus L.A. kam. Er war ein Mann in den späten 40ern, kräftig und untersetzt, vielleicht einen oder zwei Köpfe kleiner als ich. Trotzdem strahlte er eine immense Autorität aus, aber im positiven Sinne. Er kam mir vor wie ein Mann, der wusste, was er wollte, und der seinen Leuten es so klarmachen konnte, dass sie es verstehen würde und ihm gerne folgten. Er hatte Kreuz, er konnte seine eigenen Entscheidungen vertreten und auch durchsetzen, aber nicht ohne Rücksicht auf Verluste. So jedenfalls schätzte ich ihn durch mein bloßes Beobachten ein. Ob sich meine Meinung über ihn auch bestätigen würde, war abzuwarten.
Inzwischen hatte Wallaby sein Gespräch beendet und sich mir zugewandt. So wie ich ihn und sein Büro gerade gemustert hatte, schaute er mich nun unverhohlen an. Aber auch hier hatte ich wieder ein sehr positives Gefühl, also machte es mir nichts aus. Wallaby kannte offensichtlich meine Vergangenheit hier in Hollywood, denn wie jeder Chef hatte er sich garantiert meine Personalakte kommen lassen. Aber er hatte auch mit Prowler gesprochen, und wie ich den inzwischen kannte, hatte er ihm bestimmt erzählt, wie ich mich seit meinem Dienstbeginn nach meiner Krankheit gemacht hatte.
„Bud White“, begrüßte er mich nun. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Herzlich Willkommen zurück in Hollywood.“ Mit diesen Worten stand er auf und kam mit ausgestreckter Hand um seinen Schreibtisch herum auf mich zu.
Ich stand ebenfalls auf und schüttelte seine Hand.
„Ich hoffe, nur Gutes, Captain.“
Wallaby sah mir direkt in die Augen. Man konnte sie schon fast charismatisch nennen, auf jeden Fall konnte ich erkennen, dass er jemand war, der meinte, was er sagte.
„Sagen wir es so, in Ihrer Vergangenheit hatten sie nicht immer mit den richtigen Leuten zu tun. Und dabei belassen wir es. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Wir leben in der Gegenwart, und die benötigt unsere gesamte Aufmerksamkeit, warum sich also mit Vergangenem auseinandersetzen, was eigentlich niemanden mehr so richtig interessiert? Setzten wir uns.“
Ich war erstaunt über seinen Ausspruch, ich hatte immer das Gefühl gehabt, dass einen seine schlechte Vergangenheit auf immer und ewig verfolgen würde, gerade in meinem Beruf. Aber um so besser, wenn Wallaby für sich beschlossen hatte, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ich würde hier also einen ebenso guten Start haben wie bei Prowler.
Wallaby setzte sich wieder in seinen Bürosessel, und auch ich nahm wieder auf meinem Stuhl Platz.
„Gut“, fuhr er jetzt fort. „Oder auch nicht gut. Reden wir über Exley. Wie gut war ihr Kontakt zu ihm gewesen, seit sie L.A. verlassen haben?“
Ich überlegte eine Weile. Anfangs hatte ich es vermieden, zu oft mit Ed zu reden. Irgendwie passte er nicht in mein Schema. Aber er war hartnäckig, er meldete sich regelmäßig, und nach einer Weile erkannte ich, dass er es ehrlich meinte. Vielleicht war er der einzige richtige Freund in meinem Leben gewesen.
„Wir haben telefoniert. Vielleicht einmal pro Woche. Warum fragen Sie?“
„Das kann ich Ihnen sagen, White. Ich möchte nämlich wissen, ob Ihnen in der letzten Zeit irgend etwas an ihm aufgefallen ist, was auf Umstände deuten könnte, die zu seinem Tod führten.“
Und da war es wieder. Klar war mir etwas aufgefallen. Sonst konnte man schon fast seine Uhr danach stellen, wann Ed anrief. Er hatte sich immer Sonntag nachmittags bei mir gemeldet, wenn er wusste, dass Lynn und ich zu Hause waren. Doch in den letzten vier Wochen kamen die Anrufe unregelmäßig. Ich konnte mich daran erinnern, dass er ein Wochenende gar nicht anrief. Ich maß dem nicht allzu viel Bedeutung zu, schließlich war er ein Polizist, und Polizisten mussten auch mal an einem Wochenende arbeiten. Das war vorher auch schon das eine oder andere Mal vorgekommen. Aber die Woche darauf meldete er sich wieder nicht, und da dachte ich mir schon, dass etwas nicht stimmen könnte. Ich rief in seinem Haus an, aber auch dort konnte ich ihn nicht erreichen. Auf dem Revier wollte ich mich nicht melden. Ich kannte die Nummer von seinem Büro nicht, und mich verbinden zu lassen, war nicht gerade das, was ich gerne tat.
Dann auf einmal meldete er sich fast jeden Tag, erzählte mir von einer Sache, an der er dran war. Er hielt sich ziemlich mit Informationen zurück, was ich sehr ungewöhnlich fand, denn Ed war doch der sorgfältige und korrekte Typ. Aber sicherlich hatte er nicht genügend Zeit, um mit mir am Telefon ins Detail gehen zu können. Sicherlich würde er hinterher, wenn sein Fall abgeschlossen war, Zeit haben, mir alles zu erklären.
Das ging eine gute Woche so, dann war wieder Funkstille. Auch hier dachte ich mir wieder nichts, denn ich kannte große Ermittlungen, irgendwann gab es immer wieder eine so genannte „heiße Phase“, in der man praktisch gar nicht mehr von seinem Job weg kam, alles Private wurde in den Hintergrund gestellt. Deswegen hatte Ed wohlmöglich keine Zeit, um sich bei mir zu melden.
Und dann kam der heutige Tag. Und irgendwie fügten sich die Puzzleteile zusammen. Ob Ed tatsächlich an einem Fall gearbeitet hatte, stand jetzt in Frage. Definitiv wusste ich aber, dass sein Tod in direktem Zusammenhang mit seinem Verhalten der letzten vier Wochen stand. Jetzt hieß es nur noch herauszufinden, an was er dran gewesen war. Das würde mich bestimmt zu seinem Mörder führen.
Ich teilte meine Gedanken nun mit Wallaby, der am Ende meiner Ausführungen zu dem selben Ergebnis kam.
„Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein Team zusammen zu stellen. Da ich Ihre Vergangenheit kenne, habe ich nur zwei Kollegen in das Team gestellt, mit denen Sie früher hier zusammen gearbeitet und mit denen Sie sich auch ganz gut verstanden haben. Der Rest sind alles neue Kollegen. Sie müssen verstehen, Ihre Sache damals hat viel Wind aufgewirbelt. Ich musste hier einige Säuberungen vornehmen, damit die Arbeit in unserem Revier wieder glaubwürdig wurde. Es hat einige personelle Veränderungen gegeben. Und davon können Sie jetzt profitieren. Ich bin nämlich der Meinung, dass Sie sozusagen „frisches Blut“ brauchen, unvoreingenommene Kollegen, die vielleicht nur von den damaligen Vorfällen am Rande gehört haben. Aber letztendlich überlasse ich es Ihnen, wie Sie Ihre Ermittlungen führen. Ich vertraue Ihnen, klären Sie den Tod auf. Bringen Sie den Mörder zur Gerechtigkeit!“„Ich werde mein Bestes geben. Wo kann ich arbeiten?“
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dachte ich daran, Ihnen Exleys Büro zu überlassen. Immerhin könnten Sie da ja nach etwaigen Hinweisen suchen.“
Ich musste schlucken. Zwar hatte Wallaby recht, ich musste Eds Büro näher unter die Lupe nehmen, aber der Gedanke verursachte auch ein gewisses Unbehagen. Ich würde im Büro eines Toten arbeiten, aber nicht irgendein Toter, sondern jemand, den ich recht gut kannte. Ich glaube, dass jeder, der halbwegs seine Sinne beisammen hatte, dabei kein gutes Gefühl haben konnte. Aber auf der anderen Seite wollte ich auch nicht unbedingt mit den anderen im Großraumbüro zusammenarbeiten. Das hätte nur die alten Gefühle wieder herauf beschworen und darauf konnte ich gut und gerne verzichten. Ich würde zwar mit den Kollegen eng zusammenarbeiten, aber mit einem eigenen Büro konnte ich dennoch einen gewissen Abstand halten.
„Einverstanden“, antwortete ich schließlich. Wallaby stand auf und führte mich zu Eds Büro. Zu meiner Zeit hatte er noch einen Schreibtisch im Großraumbüro gehabt. Von seinem neuen Posten und seinem eigenen Büro hatte er nicht viel gehabt.
„Ich lasse Sie jetzt alleine“, sagte Wallaby als wir den Raum erreichten. „Morgen früh haben wir um 9 einen Termin beim Staatsanwalt. Es wäre schön, wenn Sie dann schon etwas präsentieren könnten.“
Ich musste etwas erschrocken drein geschaut haben, denn Wallaby fügte noch etwas hinzu.
„Keine Angst, der Staatsanwalt kann ja noch nicht von Ihnen erwarten, den Mörder von Ihnen präsentiert zu bekommen. Aber Sie haben gewiss schon die eine oder andere Theorie. Ich konnte vorhin buchstäblich die Rauchschwaden aus Ihrem Kopf aufsteigen sehen. Packen Sie das in Worte, schreiben einen Bericht, dann ist der Staatsanwalt zufrieden.“
Ich nickte ihm nur zu, dann verließ Wallaby den Raum. Natürlich hatte ich meine Theorien, aber ich hatte keinerlei Beweise, die das untermauern konnten. Alles stand auf wackeligen Beinen. Auf mich würde also eine Unmenge an Arbeit warten.
Doch bevor ich anfangen konnte, wollte ich sehen, ob Lynn inzwischen gut in Bisbee angekommen war. Trevor konnte ich nicht im Revier erreichen, also versuchte ich es bei ihm zu Hause. Ich erreichte Mandy, die mir mitteilte, dass die beiden gerade zur Tür hereinkommen würden. Sie gab mir Lynn.
„Hi Honey, alles in Ordnung?“
„Sagen wir mal, den Umständen entsprechend. Einer deiner Kollegen fährt gerade zu unserem Haus, um meine Sachen zu holen. Ich wollte mitfahren, aber das durfte ich nicht. Es behagt mir überhaupt nicht, dass jemand in meinen Sachen herum wühlt. Muss das wirklich sein?“
Ich konnte sie verstehen, aber leider konnte ich ihr das alles nicht ersparen.
„Tut mir leid, Schatz. Aber es geht nicht anders. Ich möchte dich nicht unnötig irgendwelcher Gefahr aussetzen. Ich habe hier gerade erst angefangen, also müssen wir zur Zeit mit allem rechnen. Aber ich versichere dir, wenn wir den Kerl schnappen, bist du die Erste, die davon erfährt, damit du schnell wieder nach Hause kannst.“
„Sei vorsichtig“, flüsterte sie fast in den Hörer. Ich antwortete darauf nicht. Natürlich würde ich versuchen, so vorsichtig wie möglich zu sein, aber garantieren konnte ich ihr nichts. Das brachte der Beruf nun mal so mit sich.
Wir sprachen noch eine Weile weiter, aber ich hatte das Gefühl, je länger das Gespräch dauerte, um so trauriger wurde sie. Also beendete ich unser Telefonat unter dem Vorwand, dringend mit meinen Ermittlungen beginnen zu müssen. Natürlich wartete viel Arbeit auf mich, aber der wahre Grund war, dass ich es nicht länger ertragen konnte, mit ihr zu sprechen. Ich war hin und her gerissen. Einerseits sehnte ich mich stark nach ihr, aber andererseits konnte ich es überhaupt nicht haben, sie so zu hören. Ich spürte einen Hauch von Verzweiflung in mir aufsteigen, den ich nur bekämpfen konnte, indem ich das Gespräch beendete. Lynn klang enttäuscht, dass ich so abrupt aufhören wollte, aber es war notwendig.
Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, konnte ich nicht ruhig sitzen bleiben. Die Verzweiflung und die Wut, die sich in diesem kurzen Zeitraum in mir aufgestaut hatte, musste ich wieder raus lassen. Leider fehlten mir hier die Möglichkeiten. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so gefühlt, genauer gesagt, seit ich L.A. verlassen hatte. Ich schlug mit der geballten Faust auf den Schreibtisch, so dass einige der Akten, die am Rande gelegen hatten, herunter fielen. Ich fluchte, aber bevor jemand davon etwas mitbekommen konnte, sammelte ich sie schnell wieder ein. Mir ging es dadurch zwar immer noch nicht besser, aber ich sah ein, dass mein Wutausbruch keine Lösung war. Stattdessen setzte ich mich wieder an den Schreibtisch und begann systematisch alles auf irgendwelche Hinweise zu untersuchen.
Eds Schreibtisch war sehr ordentlich, nicht wie bei mir in Bisbee, wo sich die Akten stapelten und nur ich in der Lage war, mich zurechtzufinden. Es machte mir nichts aus, da ich ja wusste, wo alles war. Aber jetzt war ich Eds Sinn für Ordnung und Sauberkeit dankbar, denn es war so um einiges leichter, mich zurecht zu finden.
Bei dem Aktenstapel, welcher auf dem Schreibtisch lag, und den ich versehentlich umgeworfen hatte, handelte es sich um aktuelle Fälle, die Ed gerade bearbeitete. Ich durchflog jede einzelne Akte kurz, konnte aber nichts finden, das in Verbindung mit dem Mord stehen konnte. Nachdem ich damit fertig war, fing ich mit den Schreibtischschubladen an. Aber auch hier schien ich nichts außergewöhnliches zu finden, außer Schreibmaterial, leeren Notizblöcken und anderem Büromaterial. Aber dann öffnete ich die unterste Schublade. Erst dachte ich, sie wäre leer, aber irgendwie passte es nicht ins Bild. Ich erinnerte mich, dass einige Kollegen die Angewohnheit hatten, in der untersten Schublade einen doppelten Boden einzuziehen, um Dinge zu verstecken, die nicht sofort erkannt werden sollten. Also zog ich jetzt die Schublade so weit es ging heraus, und versuchte mit einem Brieföffner, den ich auf dem Schreibtisch fand, irgendwo unter den Boden der Schublade zu kommen, um ihn anheben zu kommen. Immer wieder rutschte ich mit dem Brieföffner ab und fluchte, aber dann schien sich doch etwas zu bewegen. Langsam hob ich den Boden an und konnte ihn schließlich ganz aus der Schublade herausziehen. Darunter kam ein einzelner Schlüssel zum Vorschein, sonst nichts.
Als ob es sich hier um ein großes Geheimnis halten würde, steckte ich den Schlüssel schnell in meine Jackentasche, nicht ohne mich vorher einmal umgesehen zu haben. Zwar hatte ich die Tür zum Büro geschlossen, nachdem Wallaby gegangen war, aber es war eine Tür mit einem Glaseinsatz, und jeder, der daran vorbeiging, konnte hinein sehen.
Eigentlich hatte ich nichts zu verbergen, schließlich war ich der Ermittlungsführer in diesem Fall. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Schlüssel mich genau dahin führen würde, wo ich hin wollte. Und diesen Schritt wollte ich gerne zunächst alleine machen. Erst wenn ich das Feld gründlich sondiert hatte und feststellen konnte, dass an der Spur tatsächlich etwas dran war, dann wollte ich erst die anderen Kollegen und auch Wallaby verständigen.
Mir war vollkommen klar, dass ich mich mit solch einer Aktion in Gefahr bringen würde, aber ich war bereit, dieses Risiko einzugehen. Schließlich wollte ich hier glänzen und keinem den Anlass geben, dass man sich über mich lustig machen konnte, weil ich Spuren nachging, die nirgendwo hinführten.
Nachdem ich also den Schlüssel eingesteckt hatte, legte ich den doppelten Boden in die Schublade zurück. Dann sah ich mich weiter im Büro um. Eds Büro war spärlich eingerichtet. Es stand im krassen Gegensatz zu Prowlers Büro, welches überladen wirkte. Aber Eds Lebensmittelpunkt lag ja auch nicht hier, er hatte sicherlich ein geregeltes Privatleben. Wir hatte nie richtig über sein Leben nach dem Dienst gesprochen. Ich wusste nicht, ob es da eine feste Beziehung gab. Frauen war nie ein Thema zwischen uns gewesen, bis auf das eine Mal, wo Ed auf Patchetts Machenschaften hereingefallen und in Lynns Armen gelandet war. Ich hätte ihn damals beinahe umgebracht, so wütend war ich auf ihn gewesen, und auch Lynn hatte ein blaues Auge davon getragen. Es war das erste Mal gewesen, dass ich die Hand gegenüber einer Frau erhoben hatte, und ich hasse mich immer noch dafür. Aber wir haben uns alle ausgesprochen, die Sache war erledigt.
Im Raum konnte ich sonst nichts weiter finden, dass mich auf die richtige Fährte hätte bringen können. An der Wand standen zwar zwei Kleiderschränke, und sie waren auch nicht abgeschlossen, aber sie waren nur mit seinen Uniformen gefüllt und enthielten keine abschließbaren Fächer und auch sonst keine weiteren Hinweise. Bis auf den Schlüssel aus dem Geheimfach hatte ich also bisher nicht viel herausgefunden.
Ich beschloss, hier für heute aufzuhören und stattdessen mir ein Zimmer zu suchen. Morgen früh würden wir mit dem DA zusammentreffen, danach war eine Besprechung mit den Kollegen anberaumt, die mir unterstellt waren. Ich hatte eigentlich gehofft, ihnen etwas präsentieren zu können, womit wir beginnen konnten. Aber der Gedanken war wahrscheinlich zu weit hergeholt. Ich hatte immer noch kein gutes Gefühl, wieder auf diesem Revier zu sein, und das rührte nicht nur daher, dass die letzten Ereignisse nicht sehr erfreulich gewesen waren. Vielmehr hatte ich ein ungutes Gefühl, meinen ehemaligen Kollegen gegenüber zu treten. Ich wusste, dass es da einige gab, die mir nicht sehr gut gesonnen waren, und ich hoffte inständig, dass Wallaby nicht gerade sie ausgesucht hatte. Aber ich musste dadurch. Schließlich war ich der Ermittlungsführer, ich konnte hier keine Schwächen zeigen, durfte keine Schwächen zeigen.
Ich erinnerte mich aus meinen früheren Zeiten an eine kleine Pension, die in der Nähe des Reviers lag. Wir hatten Opfer von innerfamiliärer Gewalt des öfteren dort untergebracht, wenn sie keine Familie oder Freunde hatten, wo sie hätten unterkommen könnten. Ich hatte mich damals mit der Inhaberin recht gut verstanden, also hoffte ich jetzt, dass sie mir ein Zimmer für die Dauer der Ermittlungen zur Verfügung stellen würde. Wenn ich das erledigt und mich ein wenig frisch gemacht hatte, wollte ich herausfinden, wozu dieser Schlüssel gehörte. Der Schlüssel steckte immer noch in meiner Tasche und ich würde ihn garantiert erst dann wieder herausholen, wenn ich das Revier verlassen hatte.
Ich verließ Eds Büro und begab mich in Richtung Treppe, als ich auf einmal eine vertraute Stimme hinter mir hörte.
„Ich glaub, ich seh nicht richtig, Bud! Bud White!“
Die Stimme gehörte zu Rowland Faulkner, einem Kollegen, mit dem ich damals recht gut zurecht gekommen war. Als Ed und ich gerade dabei waren, die ganze Geschichte aufzudecken, war er jedoch nicht im Revier gewesen. Er war bei einem Verkehrsunfall recht schwer verletzt worden und lag zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus. Er hatte mich ein paar Mal in Bisbee angerufen, aber der Kontakt war mit der Zeit eingeschlafen.
„Ich hatte schon gehört, du würdest wieder hier auftauchen, aber ich konnte es wirklich erst glauben, als ich dich eben hier auf dem Flur gesehen habe. Wie geht’s dir, Mann?“
Ich ging herüber zu Rowland und schüttelte die dargebotene Hand. Doch Rowland musste sich wirklich darüber freuen, mich hier zu sehen, denn er schüttelte mir nicht nur die Hand, sondern er zog mich zu sich, drückte mich und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. Und diese Begrüßung schien es mir auf einmal viel leichter zu machen, hier in Hollywood wieder zu arbeiten. Eine Person, die sich freute, mich zu sehen, und die mir ein herzliches Willkommen bereitete. Wenn es noch zwei oder drei weitere Kollegen dieser Art geben würde, wäre mein Aufenthalt hier fast ein Kinderspiel.
„Alles bestens“, antwortete ich ihm schließlich. „Schön, dass es hier wenigstens einen gibt, der sich freut, mich zu sehen“, fuhr ich mit einem sarkastischen Unterton fort.
„Hey, das ist jetzt unfair. Ich freue mich wirklich, dass du hier bist. Es gibt hier tatsächlich noch ein paar Jungs, die dich mögen!“
„Tut mir leid, das sollte nicht so hart klingen. Aber ehrlich gesagt, bin ich hier mit äußerst gemischten Gefühlen hingekommen. Es ist gut zu wissen, dass ich hier nicht gänzlich unwillkommen bin.“
„Ach, Schwamm drüber. Sag, was hast du vor? Habe gehört, du sollst die Ermittlungen in Eds Fall leiten. Ganz schön schwammige Geschichte, findest du nicht?“
„Ja, kommt mir äußerst merkwürdig vor. Hör zu, ich will mir erstmal `ne Bleibe suchen, dann wollte ich mir die Akte holen. Ich muss erstmal genau wissen, was bislang bekannt ist. Ich habe noch keinen konkreten Plan. Aber ich kann dir versichern, ich werde alles daran setzen, diesen Mord aufzuklären. Das bin ich Ed schuldig.“
„Hey, da kann ich dir helfen. Die Akte liegt gerade bei uns auf dem Tisch, weil ein Kollege, ein neuer, den du nicht kennst, gerade damit beschäftigt ist, das Spurenmaterial auszuwerten. Komm mit, ich stell euch einander vor. Er wird übrigens zu deinem Team gehören. Mich haben die leider nicht gefragt, aber ich hab da auch `ne etwas größere Geschichte auf dem Tisch. Da konnten die mich schlecht abziehen.“
Rowland führte mich ein Stück weiter den Gang hinunter zu seinem Büro. Es lag direkt neben dem Großraumbüro.
„So, da sind wir“, sagte Rowland nun und bedeutete mir, einzutreten. An einem der beiden Schreibtische saß ein junger Mann, vielleicht Mitte 20, wahrscheinlich frisch von der Akademie. Bei unserem Eintreten hob er nur kurz den Kopf, begrüßte mich und studierte dann weiter das Material, welches vor ihm lag. Ich konnte erkennen, dass es sich um Spurenkarten handelte. Ich mutmaßte, dass rundum den Tatort auf Fingerspuren untersucht worden war, und dass es sich bei diesen Spurenkarten um Material vom Tatort handelte. Dabei kam mir eine Idee.
„War eigentlich einer von euch schon in Eds Haus und hat sich da mal gründlich umgesehen?“
Der junge Kollege sah jetzt wieder von seiner Arbeit auf und schaute mich mit einem fragenden Blick an. Um seiner ihm buchstäblich ins Gesicht geschriebenen Frage zuvor zu kommen, ging ich zu ihm hinüber und streckte ihm meine Hand entgegen.
„Bud White. Ich werde hier die Ermittlungen leiten.“
Der junge Kollege schaute immer noch etwas verwirrt aus. Aber dann stand er hastig aus, wischte sich seine Hände an seinen Hosenbeinen ab, und schüttelte mir die Hand.
„Simmings. Kevin Simmings, Sir. Ich bin bei der Spurensicherung. Ich werde wohl Ihrem Team angehören.“
Sein nervöser Ausdruck, das Abwischen der feuchten Hände an der Hose kamen mir nur allzu gut bekannt vor. Als ich seinerzeit mit dem Polizeidienst begonnen hatte, war es mir ähnlich ergangen, sobald ein Vorgesetzter mich ansprach. Meine Nervosität hatte sich mit der Zeit schnell gelegt und war manchmal sogar auch ins Gegenteil umgeschlagen, denn ich war derjenige von Polizist, der seine Meinung äußerte, besonders wenn er sich benachteiligt oder sogar ungerecht behandelt fühlte. Das hatte mir natürlich auch des öfteren Ärger bereitet, und vielleicht war es auch der Grund gewesen, warum man mich nie richtig ernst genommen hatte und ich stattdessen zum Prügler vom Dienst geworden war. Denn so war man sich sicher, dass ich keine Fehler machen konnte und es auch garantiert nichts für mich zum meckern gab.
„Ich habe mich noch nicht um die Liste gekümmert, aber wenn sie es sagen, kann ich ja wohl annehmen, dass es so ist. Sind das Spurenträger vom Tatort?“
Kevin setzte sich ebenso hastig wieder hin, wie er aufgestanden war. Dann rückte er einige der Karten zurecht, so dass ich einen Blick darauf werfen konnte. Es handelte sich um insgesamt vier Karten, auf denen Fragmente von Fingerspuren zu erkennen waren. Ich drehte die Karten um und las, woher die Fingerspuren stammten. Sie waren allesamt vom Tatort.
„Verwertbar?“, fragte ich Simmings.
„Das wollte ich gerade überprüfen, sehen zumindest recht vielversprechend aus. Übrigens, auf Ihre Frage von vorhin zurückzukommen. Es war angedacht, sein Haus zu durchsuchen, aber Wallaby meinte, wir sollten erst auf Ihr Eintreffen warten, da Sie das wahrscheinlich selbst in die Hand nehmen wollten.“
Das konnte ich nicht verstehen. Eds Haus war ein wichtiger Anhaltspunkt. Ich konnte mir vorstellen, dass Kollegen schon in seinem Büro nachgeschaut hatten. Und ich glaubte nicht, dass sie mehr als ich gefunden hatten. Daher war sein Haus das Naheliegendste. Auch wenn ich gleich am selben Tag noch nach L.A. gefahren war, konnte man immer noch vermuten, dass der oder die Täter vielleicht Spuren oder Hinweise aus dem Haus entfernen wollten, denn in das Polizeigebäude konnten sie schließlich schlecht gelangen. Man hatte somit wertvolle Zeit verstreichen lassen.
„Kevin, Rowland, wir fahren zu seinem Haus. Wer weiß, ob nicht noch jemand diese Idee hat, oder vielleicht sogar schon gehabt hatte.“
Damit drehte ich mich um und verließ das Büro. Kevin ließ alles stehen und liegen, sprang auf und schnappte sich seine Jacke. Rowland wollte protestieren, dass er ja gar nicht zu meinem Team gehörte, aber als ich ihm dann schnell klar machte, dass dies eine Angelegenheit war, die nicht länger aufgeschoben werden durfte, lenkte er schnell ein und kam mit uns mit.
Wir ließen meinen Wagen vor dem Revier stehen und nahmen einen Zivilwagen. Ed lebte etwas außerhalb von L.A., nicht weit vom Meer entfernt. Wir brauchten eine gute Dreiviertelstunde, um dorthin zu gelangen. Für mich wäre das nicht der ideale Wohnort gewesen. Nicht dass die Lage nicht ansprechend gewesen wäre, im Gegenteil, die Häuser hier waren ausgesprochen schön, eine ruhige Wohngegend, kein Abschaum, der nachts hier herumlungerte. Aber die Entfernung zum Revier war einfach zu groß. Eine halbe Stunde, und dabei den Berufsverkehr eingerechnet, das war bei mir die Grenze. Ich war froh, in Bisbee zu wohnen, denn es war klein genug, um dieses Kriterium leicht zu erfüllen.
Wir parkten ein paar Häuser weiter. Wir wollten nicht, dass jemand sofort auf uns aufmerksam wurde, besonders dann nicht, wenn es sich bei demjenigen um eine Person handelte, die sich gerade unberechtigter Weise im Haus aufhielt. Dann beschlossen wir, zunächst das Haus allesamt zu betreten, sollte sich tatsächlich noch jemand dort aufhalten. War die Luft rein, wollten Faulkner und Simmings sich um die Häuser in der Nachbarschaft kümmern. Vielleicht hatte der eine oder andere Nachbar ja doch eine Beobachtung gemacht. Ich stattdessen wollte Eds Haus näher unter die Lupe nehmen. Vielleicht konnte ich hier endlich auf die heiß ersehnten Hinweise stoßen.
Faulkner begab sich sofort hinter das Haus. Viele Täter verließen fluchtartig den Ort des Geschehens durch die Hintertür, um ungesehen entkommen zu können. Simmings und ich blieben vorne an der Tür stehen und gaben Faulkner genügend Zeit, sich zu positionieren.
Nach ca. 5 Minuten klopfte ich an die Tür. Wir warteten ein bisschen, aber es tat sich nichts. Simmings ging zum Seitenfenster rechts neben der Tür und spähte vorsichtig hindurch. Mit einem kurzen Kopfschütteln bedeutete er mir, dass er keine Bewegungen wahrgenommen hatte. Dann nickte ich ihm zu, und wir zogen beide unsere Waffen aus dem Holster. Simmings stellte sich so hinter mir auf, dass er mir Deckung für den Fall, dass jemand hinter der Tür lauern würde, geben konnte. Langsam ergriff ich den Türknauf und drehte ihn.
Alles um mich herum wurde auf einmal leise. In meinen Ohren konnte ich den gleichmäßigen Rhythmus meines Herzschlages hören. Ich schloss alle anderen Gedanken aus und konzentrierte mich voll auf die bevorstehende Aufgabe. Ich spürte, wie mein Adrenalinspiegel langsam aber stetig anstieg. Vielleicht war dieses auch einer der Gründe gewesen, warum ich den Polizeiberuf ergriffen hatte. Der Kick, den man jedes Mal hatte, wenn man in eine eventuell gefährliche Situation geriet, die Spannung, welche anstieg, wenn man nicht genau wusste, was einen in den nächsten Sekunden erwarten würde. Das immer währende Risiko bei Einsätzen wie diesem, würde man ohne größere Blessuren aus der Sache wieder herauskommen? Ich hatte des öfteren Situation vor mir gehabt, die teilweise aussichtslos geschienen hatten, ich hatte manches Mal Wunden davon getragen, zuletzt hatte es sogar kritisch ausgesehen. Trotzdem bereute ich es nicht, immer wieder in diesen Beruf zurückzukehren und mich jedes Mal wieder dem Risiko auszusetzen.
Auch jetzt spürte ich wieder den Kick und wusste, dass es eine richtige Entscheidung gewesen war, in diesem Job geblieben zu sein.
Weil ich mich so sehr auf die jetzige Situation konzentrierte und mir es endlich gelang, auch den letzten unerwünschten Gedanken zu verbannen, hörte ich schon nach kurzer Zeit das befreiende Klicken, welches mir sagte, dass die Tür nicht verschlossen war und wir ungehindert eintreten konnten.
Wieder nickte ich nur kurz, um Simmings zu signalisieren, dass wir freien Eintritt hatten. Ich hielt kurz inne, um nochmals meine volle Konzentration zu erlangen, dann schob ich die Tür Millimeter für Millimeter auf. Die Waffe vor mir auf den Boden gerichtet, aber jederzeit in der Lage sie auf jegliche Bewegung zu richten, die ich wahrnahm, schob ich mich vorsichtig ins Haus vor.
Von der Eingangstür aus betrat man sofort das Wohnzimmer. Als ich den rechten Bereich des Wohnzimmers voll einsehen konnte und feststellte, dass sich dort niemand befand, stieß ich die Tür nun vollends auf, so dass sie ganz aufschlug und an die Wand links neben ihr knallte. Sie prallte davon ab und kam ein Stück wieder in ihre alte Richtung zurückgeflogen. Auf halben Wege blieb sie stehen. Ich hatte auf das Geräusch des Aufpralls gelauscht, welches mir sagen konnte, ob die Tür nur gegen die bloße Wand geprallt war, oder ob sich jemand dahinter verstecken würde. Vernommen hatte ich aber nur das knallende Geräusch von Metall auf Stein, ich atmete auf.
Gleichzeitig hatten Simmings und ich den dem Blick freiwerdenden Bereich des Wohnzimmers genauestens beobachtet. Auch hier hatten wir wieder Glück. Keine Personen, keine Bewegungen gaben dazu Anhalt, dass sich noch jemand im Haus befinden würde.
Simmings schob sich jetzt an mir vorbei und ging quer durchs Zimmer auf eine Tür zu, welche sich im hinteren linken Bereich befand. Von dort aus konnte er auch den mir noch verborgenen Bereich des Wohnzimmers einsehen. Zum anderen war es die einzige Tür, die noch aus diesem Zimmer führte und uns somit weiteren Zugang zum Haus verschaffte.
Da wir immer noch nicht wussten, ob wir alleine im Haus waren, verständigten Simmings und ich uns weiterhin in der Zeichensprache. Nachdem Simmings die Tür geöffnet und mir das „alles-klar“-Zeichen gegeben hatte, signalisierte er mir, dass er sich in den rückwärtigen Teil des Hauses begeben würde. Ich stieg vorsichtig die Treppe zum oberen Geschoss hinauf. Simmings würde Faulkner in das Haus lassen und anschließend mir in die obere Etage folgen.
Unsere erste Suche nach Personen im Haus verlief letztendlich negativ. Nachdem auch die letzte Versteckmöglichkeit gefunden und abgesucht worden war, trafen wir uns alle in der Küche wieder.
„So weit, so gut“, sagte ich zu meinen Kollegen. „Wir hatten Glück. Nichts deutet soweit darauf hin, dass jemand hier unbefugter Weise eingedrungen ist. Trotzdem macht es mich stutzig, dass die Eingangstür nicht verschlossen war.“
„Die Hintertür auch nicht“, warf Faulkner ein.
„Das lässt nur einen Schluss zu“, überlegte ich laut. Faulkner und Simmings schauten mich gebannt an, schienen aber zu dem selben Schluss gekommen zu sein. Denn als ich ihnen meine Theorie vom bekannten Täter, der von seinem Opfer freiwillig ins Haus gelassen wurde, präsentierte, nickten sie mir nur zustimmend zu.
„Es ist auch scheinbar nichts durchwühlt worden“, ergänzte Simmings.
„Vielleicht wollte der Täter zu diesem Zweck noch mal hierher zurückkehren, weil er zu dem Zeitpunkt keine Gelegenheit hatte. Entweder ist Exley hier im Haus ermordet worden und der Täter musste ihn erstmal wegschaffen. Oder aber Ed begleitete seinen Mörder, der ihn irgendwo anders umbrachte. Dann würde der Täter ebenfalls noch mal hierher zurückkehren müssen.“
Auch hier konnten mir meine Kollegen wieder nur zustimmen.
„Das Beste ist, wenn ich hier alles gründlich untersuche. Ihr beiden könnte ja erstmal mit der Befragung der Nachbarschaft beginnen. Wenn ihr damit fertig seid, könnt ihr mir ja noch hier helfen.“
Dann machten sich Faulkner und Simmings auf den Weg, und ich überlegte mir, wie ich in meiner Suche strategisch am Besten vorgehen würde. Ich erinnerte mich an den Schlüssel, den ich in Eds Schublade gefunden hatte. Da ich in seinem Büro nichts gefunden hatte, zu dem dieser Schlüssel hätte passen können, hoffte ich jetzt, dass ich in seinem Haus fündig würde. Der Schlüssel war klein, so als ob er zu einem Schließfach oder Safe gehören könnte. Mir war klar, dass ich nicht so ohne weiteres über einen solchen Gegenstand stolpern würde. In den meisten Fällen waren Safes versteckt, so dass sie für den gewöhnlichen Betrachter nicht offensichtlich waren.
So durchsuchte ich zunächst die untere Ebene des Hauses, ohne dass ich irgend etwas feststellen konnte, dass für unsere Ermittlungen hätte dienlich sein können. Es war nichts durchwühlt worden, aber auch andere Spuren, die zum Täter gehören könnten, waren nicht zu finden.
Mein nächster Weg führte mich wieder in die obere Etage. Ich glaubte nicht, dass das Badezimmer aufschlussreich sein könnte, so begab ich mich direkt ins Schlafzimmer. Je länger ich mich in Eds Haus aufhielt, um so mehr musste ich mich über seinen Lebensstil wundern. Alles war mit bedacht ausgesucht und hervorragend aufeinander abgestimmt. Kosten hatten für ihn scheinbar keine Rolle gespielt, das Mobiliar, welches er sich ausgesucht hatte, lag eindeutig nicht in meiner Preisklasse. Obwohl sich mein Lebensstandard nach dem Wechsel nach Arizona schon gewaltig geändert hatte, und was ich eindeutig nur Lynn zu verdanken hatte, so wäre es mir selbst jetzt nie in den Sinn gekommen, solche Möbel anzuschaffen. Sie waren einfach nicht mein Stil und würden es nie sein. Ich war eben nur der einfache Cop aus einfachem Hause, ich würde nie in die gehobene Gesellschaft hineinpassen, in welche zu gehören Ed doch so bestrebt gewesen war. Lynn und ich fühlten uns wohl, wo wir waren. Schließlich war sie es ja gewesen, die nach Bisbee zurückkehren wollte, die das Leben in der Metropole zurücklassen wollte. Ich hatte nichts dagegen. Ich konnte mich überall zurecht finden, na ja, fast überall, denn L.A. war nicht gerade ein Traum gewesen.
Aber was nützte es jetzt noch, über Eds Lebensstil zu sinnieren? Ed war tot. Ermordet, so wie es schien. Und ich war derjenige, der seinen Mord aufdecken konnte, oder zumindest wollte. Ich war zur Zeit nicht sehr zuversichtlich, denn bislang war ich nicht sehr erfolgreich gewesen. Aber auf der anderen Seite, war ich noch nicht mal 24 Stunden hier, ich sollte meine Ansprüche nicht so hoch schrauben. Immerhin hatte ich ja diesen Schlüssel gefunden. Und darum sollte ich mich jetzt kümmern. Wozu gehörte dieser Schlüssel?
Und auf einmal schien alles wie am Schnürchen zu laufen. Als ob meine letzten Gedankengänge mein Ermittlerglück angespornt hätten, fand ich ziemlich schnell in Eds Kleiderschrank eine zweite Wand und dahinter, in die Mauer eingelassen, einen Safe. Ich kramte den Schlüssel aus meiner Jackentasche, und siehe da, er passte. Ich öffnete den Safe und fand einen Stapel Akten.
Das passte so gar nicht zu Ed. Er war viel zu sehr Vollblutpolizist und pflichtbewusst gewesen, als dass er einfach so irgendwelche Akten mit nach Hause genommen hätte. Die Akten gehörten zu seinem Polizeidienst, und der fand eindeutig hinter den Mauern der Hollywoodwache statt. Er war nicht der Typ Ermittler, der seine Arbeit mit nach Hause nahm. Er würde lieber bis in die späten Stunden auf dem Revier verbleiben.
Was war dann so besonders an diesen Akten? Warum hatte er sie mit in sein Haus genommen und in einem versteckten Safe untergebracht? Aber hier wollte ich mir die Akten nicht durchlesen. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gefühl bei dem Gedanken, dass Faulkner vielleicht jeden Moment zurückkehren und mir über die Schulter schauen könnte. Ich hatte nichts gegen ihn. Im Gegenteil, ich hielt ihn für einen äußerst loyalen und nicht korruptionsfähigen Kollegen. Er war damals in der Smith-Sache nicht beteiligt gewesen und hatte sich auch sonst aus allen nicht ganz so sauberen Angelegenheiten geflissentlich herausgehalten. Trotzdem hatte ich hier das Gefühl, ich musste Eds Geheimnis erstmal für mich behalten. Ich konnte mich später in meinem Zimmer in Ruhe um diese Akten kümmern. Vielleicht waren sie auch für unsere Ermittlungen völlig wertlos, und es hatte einen anderen Grund gegeben, warum Ed sie hier aufbewahrt hatte. Aber das konnte ich erst herausfinden, wenn ich sie mir näher betrachtete.
Ich beendete die Durchsuchung, ohne dass ich weitere Hinweise finden konnte. Anscheinend hatte Ed den oder die Täter freiwillig in sein Haus gelassen, denn es gab keine Spuren, die auf ein gewaltsames Eindringen hindeuteten. Auch musste Ed das Haus auf freiwilliger Basis wieder verlassen haben. Zwar war die Eingangstür nicht verschlossen gewesen, aber nichts im Inneren des Hauses deutete auf einen Kampf. Es gab keine zertrümmerten Gegenstände oder Möbelstücke, alles schien so auf seinem Platz zu stehen, wie es sich gehörte. Ich fand keine Blutspuren oder sonstigen Hinweise auf Verletzungen. Alles blieb ein Mysterium.
Inzwischen waren auch Faulkner und Simmings zurückgekehrt. Sie konnten wenig Neuigkeiten berichten. Eine der Nachbarinnen hatte beobachtet, dass Ed in letzter Zeit ziemlich abgehetzt gewirkt hatte. Sie hatte das aber darauf zurückgeführt, dass er arbeitsmäßig stark überlastet war. Keiner der Nachbarn hatte Besucher gesehen, die ihnen verdächtig vorgekommen waren. Im Gegenteil, Ed hatte eigentlich selten Besuch bekommen. Er war Junggeselle und schien kaum Freunde gehabt zu haben. Das perfekte Opfer also, jemand, der allein und zurückgezogen lebte, wo es nicht besonders auffiel, wenn er verschwunden war. Die Nachbarn waren schockiert, als sie hörten, dass der nette Polizist von nebenan einem Mord zum Opfer gefallen sein sollte.
Wir fuhren also zunächst wieder zurück zur Wache.
„Sag mal Kevin, wie weit bist du eigentlich mit der Analyse der Tatortspuren“, fragte ich meinen jungen Kollegen im Auto. „Wie ist Ed jetzt eigentlich ums Leben gekommen?“
„Ich habe noch nicht alle Spuren auswerten können, aber es sieht so aus, als ob er stranguliert worden ist. Er wurde aufrecht sitzend in seinem Pkw gefunden, und nichts deutete zunächst auf eine Gewalteinwirkung hin. Dann aber konnte ich diese Spuren an seinem Hals feststellen. Es sieht so aus, als ob er mit einem handelsüblichen Seil erdrosselt wurde. Da werden wir also nicht sehr weit kommen.“
„Na, zumindest wissen wir die Todesursache. Hat das die Obduktion schon bestätigt?“
„Ja“, warf Faulkner ein. „Und noch was.“
„Was“, fragte ich erstaunt.
„Ed war sturzbetrunken, als er starb.“
Ich musste einen Moment nachdenken. Das alles passte so überhaupt nicht zu Ed. Für mich ergab sich ein völlig neues Bild von ihm, das mir immer mehr Rätsel aufgab. Ich musste so schnell wie möglich diese Akten durchblättern.
Als wir wieder am Revier angekommen waren, entließ ich meine beiden Kollegen. Es war inzwischen schon früher Abend, und die beiden hatten schon genug Überstunden gemacht. Alles andere konnte morgen erledigt werden. Ich verabschiedete mich von den beiden und machte mich auf den Weg zu der Pension, die mir vorschwebte.

„Bud White!“, erklang die mir so vertraute weiche und angenehme Stimme von Clarissa Burns. „Du bist der Letzte, den ich auf meiner Türschwelle erwartet hätte! Gut siehst du aus. Was treibt dich nach L.A? Ich dachte, du hättest hier alle Segel gestrichen!“
Ich musste ein wenig lächeln. Clarissa war Ende 20 und bildhübsch. Ich war damals ein wenig in sie verliebt gewesen, und hätten wir nicht beruflich miteinander verkehrt, vielleicht hätte ich sie auch das eine oder andere Mal ausgeführt, natürlich in der Hoffnung, dass sich mehr aus diesem Date entwickeln würde. Aber jedes Mal, wenn ich mich dazu entschloss, hatte ich gerade eine weitere Frau bei ihr in der Pension untergebracht und hielt er für nicht angebracht, sie dann zu fragen. Letztendlich hatte sich keine Gelegenheit mehr ergeben, ich traf Lynn, verliebte mich in sie und zog schließlich nach Bisbee. Was Clarissa für mich empfand wusste ich nicht. Sie war mir gegenüber immer sehr freundlich und zuvorkommend, manchmal vielleicht etwas zu sehr zuvorkommend, was mich darauf schließen ließ, dass da auf ihrer Seite eventuell auch Gefühle mit im Spiel waren, aber es wurde nie offen zwischen uns ausgesprochen. Ich sah auch nie einen Mann an ihrer Seite, so dass ich nicht wusste, ob sie vielleicht auf mich warten würde. Aber ich machte nie irgendwelche Anstalten, und jetzt war das Thema sowieso erledigt.
„Hallo Clarissa! Schön, dich zu sehen.“ Mir war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, ihr meinen Anwesenheitsgrund mitzuteilen. Zwar war sie vollkommen vertrauenswürdig, dennoch wollte ich sie nicht unnötig in die Sache hineinziehen. Aber letztendlich hatte sie gewissermaßen ein Recht darauf zu erfahren, warum ich hier war.
„Ich benötige ein Zimmer. Ich habe hier in einer Ermittlungssache zu tun und werde wohl ein paar Wochen bleiben müssen. Aber du hast recht, eigentlich hatte ich L.A. endgültig verlassen.“
„Na, wenn das so ist, dann komm doch rein. Du weißt doch, Bud, Clarissa hat immer ein Zimmer frei für dich.“
Dann gingen wir zusammen ins Haus, und Clarissa brachte mich zu einem ihrer Zimmer in der oberen Etage ihres Wohnhauses.
„Du weißt ja wohl hoffentlich noch, wo alles ist. Wenn du möchtest, kann ich dir auch noch schnell etwas zu essen machen. Du siehst ziemlich erschöpft aus.“
Als Bestätigung konnte ich meinen Magen knurren hören. Wenn ich es mir so recht überlegte, hatte ich heute außer einem Donut noch gar nichts gegessen. Und das war heute morgen gewesen. Inzwischen hatten wir frühen Abend, kein Wunder, dass sich mein Magen beschwerte. Ich wusste, dass Clarissa eine exzellente Köchin war, also stimmte ich ihr zu, und sie verließ glücklich das Zimmer.
Ich aber setzte mich an den Tisch und holte die Akten heraus, die ich bei Ed im Safe gefunden hatte. Es war nicht gerade leicht gewesen, Faulkner und Simmings davon zu überzeugen, dass ich mich lieber in Ruhe nach unserer Rückkehr um diese Akten kümmern wollte. Sie hatten zunächst darauf bestanden, dass wir gemeinsam einen Blick darauf werfen sollten. Da es aber schon früher Abend war und die beiden auch gerne nach Hause wollten, waren sie schnell davon überzeugt, und die Akten waren kein Thema mehr.
Jetzt legte ich sie vor mich auf den Tisch. Es waren insgesamt drei Akten, welche allen Anschein nach schon älteren Datums waren, allerdings das Revier nie verlassen hatten und auch nie bei der Staatsanwaltschaft gelandet waren.
Ich schlug die erste Akte auf und stolperte sofort über einen, mir mehr als unbeliebt in Erinnerung gebliebenen Namen: Dudley Smith. Mir stockte der Atem. In dieser Akte - und als ich die anderen beiden schnell durchblätterte, sah ich, dass alle drei Akten zusammenhingen – ging es um die Vorfälle, die mit dem Tod von Smith beim Victory Motel endeten. Es waren die Ermittlungsakten, die eigentlich schon längst beim DA hätten sein müssen. Ed hatte mir manchmal am Telefon davon berichtet. Er hatte einen ausführlichen Ermittlungsbericht dazu geschrieben, und ich hatte den Eindruck gehabt, als ob die ganze Sache inzwischen abgeschlossen war. Sämtliche Schuldige waren sowieso tot, also brauchte auch nicht viel dazu verhandelt werden. Ed hatte seine Beförderung erhalten, und die Sache schien erledigt zu sein.
Warum hatte er dann die Akten behalten? Es handelte sich hier eindeutig um die Originale und nicht irgendwelche Durchschriften, die er zur Vorsicht behalten hatte. Und warum hatte er diese Akten in seinem Safe in seinem Haus aufbewahrt? Das sah alles überhaupt nicht nach dem Ed aus, den ich kannte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
Ich wollte gerade etwas gründlicher durch die Akten schauen, als Clarissa mir von unten zurief, dass das Essen fertig sei. Widerwillig ließ ich die Akten liegen und stand auf, um nach unten zu gehen. Kurz vor der Tür drehte ich mich aber noch mal um und griff mir die Akten, um sie mit nach unten zu nehmen. Normalerweise war ich nicht so übervorsichtig, aber irgendein Instinkt sagte mir, dass in diesem Fall überhaupt nichts stimmte und dass hier alle Vorsicht geboten war. Außerdem, was sollte schon so schlimm daran sein, die Akten mit nach unten zu nehmen? Clarissa wusste, welchen Beruf ich ausübte, und ich wusste, dass sie nicht so neugierig war, um herausfinden zu wollen, was in den Akten stand.
Clarissa hatte großzügig aufgetischt.
„Hast du geahnt, dass ich heute noch nicht viel in den Bauch bekommen habe?“, lächelte ich sie an.
„Ich kenne dich gut, Bud. Ich weiß doch, dass du kein Kostverächter bist.“ Dabei klopfte sie mir leicht auf meinen Bauch. Der war allerdings seit meiner Gesundung schon wieder beachtlich geschrumpft. In der ersten Zeit war mir nichts anderes übrig geblieben, als mich kaum zu bewegen. Das gute Essen, was ich tagtäglich von Lynn bekam, hatte dazu beigetragen, dass ich stark zunahm. Als ich dann aber endlich wieder mit dem Dienst beginnen durfte, wurde ich die überschüssigen Pfunde recht schnell wieder los, und jetzt hatte ich auch wieder mein altes Gewicht. Aber Clarissa hatte schon recht. Ich konnte gutem Essen nicht widerstehen. Und ich wusste, wie gut ihre Küche war!
Ich setzte mich an den gedeckten Tisch und legte die Akten neben mich auf einen Stuhl.
„Ist das der Grund, warum du zurückgekommen bist?“ Clarissas Frage wirkte nicht allzu neugierig.
Deshalb antwortete ich auch nur mit einem kurzen „hmm“, denn ich hatte nicht vor, ihr gegenüber zu sehr ins Detail zu gehen.
Clarissa musste wohl ahnen, dass ich ihr nichts darüber sagen wollte, denn sie fragte nicht weiter. Wir unterhielten uns nicht viel während des Essens. Ich erzählte ihr ein wenig über mein neues Leben in Bisbee. Sie dagegen hatte nicht sehr viel neues zu berichten. Wallaby nutzte ebenfalls die Möglichkeit, Gewaltopfer bei ihr unterzubringen. Viel hatte sich anscheinend nach meinem Verschwinden nicht geändert.
Nach dem Essen verabschiedete ich mich von Clarissa und ging wieder zurück auf mein Zimmer. Ich fühlte mich nach dem guten Essen auf einmal unheimlich müde. Ich beschloss, eine Weile meine Augen zuzumachen, wollte mich aber noch nicht für die Nacht hinlegen, denn ich wollte eigentlich noch gerne kurz mit Lynn telefonieren. Also legte ich mich komplett angezogen auf mein Bett, die Akten neben mir auf das Kopfkissen. Und kaum hatte mein Kopf die Kissen berührt, fielen mir auch schon die Augen zu. Ich sank in einen traumlosen Schlaf, solch eine Art von Schlaf, der einen überkommt, wenn man erschöpft war.
Nach einer für mich kurzen Weile wachte ich wieder auf. Ich hatte das Gefühl, als ob ich gerade erst eingeschlafen war und musste mich erstmal orientieren. Es war inzwischen dunkel geworden, und ich konnte auf die Schnelle nicht den Lichtschalter an meiner Nachttischlampe finden.
Dann hörte ich ein Klopfen an meiner Tür. Das musste der Grund gewesen sein, warum ich wach geworden war. Das Klopfen wurde intensiver, und nun konnte ich auch Clarissas Stimme hören, die meinen Namen rief.
„Bud! Bud, wach auf!“
Ich sprang auf und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Es war halb vier in der Nacht, ich hatte länger geschlafen, als ich eigentlich vorgehabt hatte. Dann strich ich mir noch schnell mit der Hand durch das zerwühlte Haar und öffnete die Tür.
„Da ist ein Anruf für dich, Bud“, begrüßte Clarissa mich und zeigte mit ihrer Hand nach unten in den Flur. Weiter sagte sie nichts, aber sie hatte einen sehr ernsten Gesichtsausdruck, was mich instinktiv zur Eile ermahnte. Ich konnte nicht in Worte fassen, wie ich mich jetzt in diesem Moment fühlte, aber genau wie das ungute Gefühl, dass ich am Morgen gehabt hatte, erfüllte mich auch jetzt wieder eine Ahnung, die nichts Gutes bedeuten konnte.
Ich nahm den Hörer in die Hand und meldete mich. Es war Prowler. Was in aller Welt hatte er mir zu sagen, dass nicht bis zum nächsten Morgen hätte warten können?
„White, ich komme gleich zur Sache. In Ihr Haus ist eingebrochen worden. Es sieht nicht danach aus, als ob etwas entwendet wurde, aber das ganze Haus ist auf den Kopf gestellt worden!“
Die danach folgende kurze Pause nutzte ich, um meine plötzlich wild gewordenen Gedanken zu ordnen.
Lynn! Ich hatte Angst um Lynn. Aber Lynn ist gar nicht im Haus gewesen. Sie war sicher. Sicher im Haus von Trevor. Ich brauchte keine Angst zu haben! Aber ich musste mehr Details hören. Wurden Spuren gefunden? Gibt es Augenzeugen? Dann fuhr Prowler fort.
„Unsere Spurensicherung ist bereits draußen, wir haben bislang aber noch kein Ergebnis. Aber wo ist eigentlich Ihre Frau? Wir haben uns nämlich Sorgen gemacht, als wir das Haus leer vorgefunden haben.“
„Die ist während meiner Abwesenheit bei Trevor. Warum, erkläre ich Ihnen ein anderes Mal, das ist eine lange Geschichte, hat aber mit diesem Fall hier zu tun. Rufen Sie am besten Trevor an. Der kann sich dann um alles kümmern.“
Dann verabschiedete sich Prowler. Ich aber war jetzt hellwach. Die Bastarde hatten jetzt ganz sicher Lynn und mich im Visier. War es erst nur eine vage Vermutung gewesen, dass Eds Tod mit der alten Sache zu tun hatte, und war Lynns Einquartierung zunächst nur eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen, so hatte sich mein Verdacht nun wirklich erhärtet. Ich war versucht, bei Trevor anzurufen, um mich zu erkundigen, ob bei ihm alles in Ordnung war. Aber schließlich war es mitten in der Nacht. Ich konnte dort jetzt nicht anrufen, und die Familie aus dem Bett holen. Ich fühlte mich zwar sehr unsicher, aber der Anruf musste nun bis zum nächsten Morgen warten.
Stattdessen ging ich zurück auf mein Zimmer und schnappte mir die Akten, um sie zu studieren. Ich wollte Hinweise auf irgendwelche Komplizen finden, die zwar damals im Hintergrund gewesen waren, die aber jetzt eine Rolle spielen könnten. Ich dachte an Randfiguren, die irgendwo im großen Spiel um Macht und Drogen mitgewirkt hatten, weil sie ihre Aufgaben zu erfüllen hatten, die aber jetzt, wo die Führungsriege tot war, auf eine Machtübernahme hofften, oder diese sogar schon abgeschlossen hatten. Und natürlich hatten diese Leute kein Interesse daran, dass der ganze Fall noch mal aufgekocht wurde, wenn es immer noch Polizeibeamte gab, die wussten, worum es ging. Jetzt wurde mir auf einmal auch bewusst, warum die Akten bei Ed im Safe gelegen hatten. Sie waren brisant. Sie enthielten höchstwahrscheinlich die Namen gerade dieses Personenkreises, welcher nun versuchte, seine Namen ein für alle Mal aus dem Kenntnisbereich der Polizei zu löschen, um ungehindert sein Unwesen treiben zu können.
Und wer den Fall kannte, wusste dass nicht nur Ed eine große Rolle gespielt hatte, sondern dass ich auch nicht unwesentlich zur Aufklärung beigetragen hatte. Vincennes war schon tot. Um den brauchten die sich nicht mehr zu kümmern. Aber Lynn war noch eine Gefahr. Zwar war sie keine Polizistin, aber dennoch hatte sie gewisse Einblicke in die Szene gehabt, indem sie für Patchett gearbeitet hatte.
Am liebsten hätte ich mir Lynn in diesem Moment hier nach L.A. geholt. Aber andererseits war es hier in der Höhle des Löwen viel zu gefährlich für sie. Nein, sie sollte bei Trevor bleiben, und ich konnte nur hoffen, dass mein Auftrag hier möglichst schnell beendet war.
Deshalb stürzte ich mich jetzt auch mit wildem Eifer auf die Akten. Aber nachdem 3 Stunden vergangen waren, hatte ich schon einige Namen auf meinem Notizblock stehen, die dringend überprüft werden mussten. Außerdem musste ich mich um Smiths Familie kümmern. Er war  verheiratet gewesen und hatte vier Kinder gehabt. Seine Frau und die Kinder waren jedoch nach den Vorfällen aus L.A. weggezogen. Dennoch wusste ich, dass es hier in L.A. Familie gab. Ich wollte sehen, ob es dort vielleicht Verbindungen zur Unterwelt gab, oder aber ob die Leute von irgendwelchen Bekanntschaften wussten, die uns weiterhelfen könnten.
An diesem Morgen verzichtete ich wieder auf mein Frühstück. Clarissa war zwar schon aufgestanden und bot mir an, schnell Frühstück zu machen, aber dafür hatte ich keine Zeit. Es gab viel zu tun. Und um 9 war schon das Treffen mit dem DA. Zwar hatte ich jetzt schon viel mehr zu präsentieren, aber dennoch erschien es mir noch nicht genug. Ich hatte noch zweieinhalb Stunden Zeit. Genug, um ein paar Kollegen aus dem Bett zu schmeißen und meine Liste zu überprüfen.
Dabei überließ ich es den Kollegen, die Unterwelt aufzurühren. Ich wollte mich lieber selber um Smiths Familie kümmern.
Ich fuhr zunächst zum Revier, um die alte Personalakte von Smith einzusehen. Er war zwar tot, dennoch musste seine Personalakte noch aufgehoben werden. Das gehörte so zu den Bestimmungen. Und diesen Bestimmungen war ich diesmal sehr dankbar, obwohl sie mir im Großen und Ganzen eigentlich zu eng gestrickt waren. Aber wer würde sich schon beschweren, wenn sie einmal hilfreich sein könnten!
Hier erfuhr ich nun auch, dass Smith einen Bruder hatte, unverheiratet, ein paar Jahre jünger. Auch erfuhr ich, dass dieser Bruder es nicht so gut mit der Einhaltung der Gesetze hielt. Das war zwar noch kein Beweis, dass er tatsächlich mitmischte, aber zumindest lag jetzt ein Verdacht nahe.
Ich notierte mir schnell die Adresse und setzte mich dann ins Auto, um seine Anschrift zu überprüfen.
„Carl Smith?“, fragte ich ca. 20 Minuten später einen ungepflegten, bärtigen Mann in den späten Dreißigern.
„Wer will das wissen?“, entgegnete mir dieser unfreundlich.
„Die Polizei, aber die scheinen Sie doch ganz gut zu kennen!“
„Ich habe nichts mit der Polizei zu tun. Und jetzt haun Sie schnell wieder ab, bevor ich vielleicht doch noch was mit Euch zu tun haben könnte.“ Dabei nahm er eine drohende Haltung ein.
Aber ich ließ mich dadurch nicht abschrecken. Ich hatte schon Begegnungen mit viel gefährlicheren Männern gehabt. Dieser hier war einen Kopf kleiner als ich und schien einem sehr unsoliden Lebenswandel nachzugehen, was man alleine schon an seiner übermäßigen Alkoholfahne erkennen konnte. Der war nun wirklich keine Bedrohung für mich.
Und so machte ich einen schnellen Satz nach vorne, stellte einen Fuß in die Tür, ergriff den Mann an seinem Unterhemd, was schmutzig über seiner Hose hing und schleuderte ihn erstmal in den Raum hinter der Tür zurück. Als dieser taumelnd nach hinten fiel, trat ich mit meinem Fuß gegen die Tür, so dass sie zurück ins Schloss fiel und ergriff mir den Mann erneut, um ihn diesmal gegen die hinter ihm befindliche Wand zu drücken.
„Spiel hier keine Spiele mit mir“, zischte ich ihn an. „Ich weiß, wer du bist, und was für eine Karriere du schon hinter dir hast, also komm mir nicht mit dieser Harmlos-Tour! Ich will Antworten, und wehe, du lügst mich hier an. Du würdest wünschen, niemals geboren zu sein!“
Ich wusste, dass ich hier vielleicht etwas zu heftig an die Sache ging, aber zum einen steckten all meine Sorgen und Ängste in dem, was ich sagte und tat, zum anderen hatte ich wirklich keine Lust auf irgendwelche Spielchen. Und ich kannte diese Sorte von Typen, die mit allen Mitteln versuchten, sich aus den Fängen der Polizei zu befreien, manchmal sogar koste es, was es wolle.
Aber meine Methode schien auch bei diesem Typen zu fruchten.
„Ist ja schon gut“, lenkte er auf einmal ein. „Ich hab das ja gar nicht so gemeint. Aber man weiß doch nie, was da für Leute vor der Tür stehen.“
Man, der konnte lügen wie gedruckt, dachte ich nur, ließ ihn dann aber doch los. Ich hatte ihn, wo ich ihn haben wollte, ich brauchte jetzt wohl keine Gewalt mehr anzuwenden.
„Also“, fing ich an. „Dudley war dein Bruder, nicht wahr?“
„Anscheinend wissen Sie das ja schon, warum also die Frage?“
„Hey, nicht schnippisch werden“, herrschte ich ihn an und baute mich wieder drohend vor ihm auf.
„Ok, ok“, gab er jetzt wieder kleinlaut bei.
„Also, was ist jetzt?“
„Ja, ja, Dudley war mein Bruder. Aber wenn Sie jetzt wissen wollen, ob ich ihm nachtrauere ... das tue ich nicht. Wir standen uns nicht sehr nahe.“
„Nein? Wie kommt's?“
„Wissen Sie, es gibt Familien, die halten zusammen, und es gibt Familien, wie unsere.“
Damit schien für ihn das Thema beendet zu sein. Und ich wusste, dass er auch nicht mehr darüber sagen würde.
„Weißt du, was Dudley so in seiner Freizeit getrieben hat? Welche Kontakte er hatte?“
„Woher soll ich das wissen? Ich habe doch schon gesagt, dass wir nicht viel miteinander zu tun hatten. Ich habe mich nicht darum gekümmert, was er in seiner Freizeit tat, oder mit welchen Leuten er sich getroffen hat. Das hat mich nicht interessiert. Schließlich wollte er das ja auch nicht von mir wissen.“
Auch hier war das Thema für ihn beendet. Zeit also, meine Fragen in eine etwas andere Richtung zu lenken.
„Was macht denn so die Unterwelt? Triffst du dich noch immer mit der alten Gang, oder sind die Zeiten inzwischen passe?“ Ich hatte in seiner Kriminalakte nachlesen können, dass er damals mit zwei anderen hochkarätigen Verbrechern Überfälle auf Kioske und kleine Supermärkte verübt hatte. Zwar standen diese Leute in keiner Beziehung zur Drogenmafia, aber man konnte nie wissen, welche Verbindungen in der Unterwelt herrschten.
„Damit habe ich längst abgeschlossen. Ehrlich, ich mache keine krummen Dinger mehr. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Ich will damit nichts mehr zu tun haben.“
Ich musste lachen. „Erzähl mir hier keine Märchen. Ich habe dich gewarnt, mich nicht anzulügen! Zufällig weiß ich da etwas von einer Sache vor ein paar Monaten. Und du willst mir erzählen, dass du nicht mehr kriminell bist? Das ich nicht lache...“
Ich blieb mit meiner Aussage etwas vage, denn die Sache, die ich ansprach, stand nicht in seiner Kriminalakte. Es waren handschriftliche Aufzeichnungen gewesen, die ich in den Akten gefunden hatte, und die von Ed aufgeschrieben worden waren.
„Was für eine Sache?“, versuchte Carl jetzt unschuldig zu fragen, aber gleichzeitig rieb er nervös seine Handflächen gegen einander. Also musste doch etwas an der Sache dran sein.
Wieder war ich kurz vorm Explodieren. Es reichte mir, ständig von diesem Kerl Ausreden und Lügen zu hören. Jetzt war Klartext angesagt, dafür musste ich sorgen. Also ergriff ich mir Carl wieder an seinem speckigen Hemd und drückte ihn mit etwas mehr Kraft als eigentlich nötig gegen die Wand.
„Ich habe dich gewarnt“, schrie ich ihn an. „Wenn ich irgendwelche Lügengeschichten hören will, dann kann mir auch ein Märchenbuch nehmen. Du kannst schneller im Kittchen landen, als dir lieb ist. Oder aber ich erspare dir den Knast, und erledige die Sache gleich hier und jetzt.“
Und um meine Aussage noch zu unterstreichen griff ich mit meiner noch freien Hand an meine Waffe, zog sie jedoch noch nicht raus. Schließlich wollte ich, wenn es nötig war, noch mehr Druck ausüben können.
Aber Carl war ein kleiner Fisch, jemand, der schnell zu beeindrucken war.
„Hey, hey, ist ja schon gut. Lassen Sie bloß die Waffe stecken. Ich sag ja schon was.“
Meine Hand wanderte wieder zurück zu seinem Hemd, ich hielt ihn aber weiterhin gegen die Wand gedrückt.
„Also, was ist?“, herrschte ich ihn an. „Ich habe bald keine Geduld mehr mit dir.“
„Ok, es stimmt, ich bin da in den Supermarkt eingestiegen. Aber es stimmt auch, dass ich sauber war. Zumindest bis zu dem Tag. Und eigentlich wollte ich das auch nicht tun. Aber da kamen zwei Typen zu mir. Sie sagten, sie wären Freunde von meinem Bruder. Und sie wüssten ja, womit ich mein Brot verdienen würde, und dass mein Bruder nicht gerade darüber erbaut sei. Ich antwortete ihnen, dass mein Bruder tot sei, und dass es sie nichts anginge, was ich mit meiner Zeit mache. Dann meinten die, dass es sie wohl etwas anginge, und dass ich schon erfahren würde, was mit mir passiert, wenn ich nicht genau das tue, was sie mir sagen. Dann erklärten sie mir, welchen Supermarkt ich überfallen sollte. Officer, ich bin kein ängstlicher Typ, aber bei den beiden hatte ich schon meinen Respekt. Deshalb habe ich den Überfall gemacht. Da war auch gleich die Polizei bei mir. Zwei Männer in zivil. Die wollten aber gar keine Beute haben. Die haben sich zwar allerhand aufgeschrieben, aber richtige Fragen haben die nicht gestellt. Kam mir schon sehr merkwürdig vor. Aber wissen Sie, ich war ganz froh, als die wieder verschwunden waren und danach nichts mehr passierte.“
„Was ist mit Namen? Die beiden Männer, die angeblich deinen Bruder kennen. Oder die beiden Polizisten? Weißt du irgendwelche Namen?“
„Die Polizisten haben sich nicht vorgestellt. Aber da wollte ich auch nicht unbedingt nach Namen fragen. Aber die beiden anderen Männer, der eine sagte, sein Name sei Stompanato, oder so ähnlich. Der andere, hat nichts gesagt, aber ich habe gehört, wie Stompanato ihn Bruno genannt hat.“
„Kennst du die Typen?“
Carl überlegte eine Weile. „Nein, die kenne ich nicht. Auch nicht die Polizisten, und ich habe schon einige von Ihren Kollegen kennen gelernt.“
„Naja, das soll erstmal reichen“, lenkte ich jetzt ein. Mehr war wirklich nicht aus ihm herauszubekommen. Aber Stompanato kannte ich, dem hatte ich schon mal sein bestes Stück zusammen gequetscht, um Informationen zu bekommen. Ich kannte keinen Bruno, aber das war im Moment auch nicht so wichtig. Viel interessanter war die Tatsache, dass hier Männer gewesen waren, die sich als Kollegen ausgegeben hatten. Von dem, was Carl mir geschildert hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es wirklich Polizisten gewesen waren. Für mich lag vielmehr der Verdacht nahe, dass es Komplizen von Stompanato waren, die Carl noch etwas einschüchtern wollten.
Aber wieso wusste Ed davon? Wieso konnte ich über den Überfall nichts im Archiv lesen, aber auf einem von Ed handgeschriebenen Zettel?
Ich musste Stompanato finden. Ich ließ Carl los und ging zur Tür.
„Bleib jetzt sauber“, drehte ich mich noch mal zu ihm um. „Und wenn die wieder bei dir auftauchen, dann melde dich beim Revier in Hollywood. Mein Name ist White. Ich werde dafür sorgen, dass hier ein Streifenwagen vermehrt vorbeifährt, wenn was passiert, sind die immer in der Nähe.“
Carl antwortete nicht. Er war nicht der Typ, der einem Polizisten für etwas danken würde, aber zumindest nickte er mir zu.
Dann war ich auch schon wieder in meinem Pkw und fuhr zurück zur Wache. Ich hatte keine Zeit, mich noch um Stompanato zu kümmern, gleich war das Treffen mit dem DA. Vielmehr wollte ich die anderen Kollegen fragen , was sie so in Erfahrung bringen konnten. Vielleicht passten ihre Feststellungen ja zu dem, was Carl mir berichtet hatte.
Zumindest aber fügten sich jetzt einige Puzzle-Teilchen zusammen. Stompanato war damals nur eine kleine Nummer gewesen, aber jetzt, wo nach oben hin alles frei war, hatte er natürlich gute Chancen aufzusteigen. Vielleicht hatte er sogar schon die Fäden in der Hand. Man konnte in der Unterwelt nie so genau wissen. Dort lösten sich die Bosse so schnell ab, dass man das meistens gar nicht richtig mitbekam. Es wurde viel geschossen, und derjenige, der am besten in Deckung bleiben konnte, blieb am längsten am Leben.
Das Treffen mit dem DA verlief genauso, wie ich er erwartet hatte. Die Spurenuntersuchung war inzwischen abgeschlossen. Simmings hatte die halbe Nacht und den ganzen Morgen bis zum Treffen beim DA daran gearbeitet. Leider war das Ergebnis überhaupt nicht zufriedenstellend. Es gab keine auswertbaren Spuren. Es schien, als ob der oder die Täter Handschuhe getragen hatten. Dort waren wir also in einer Sackgasse angekommen.
Ich berichtete über die eventuellen Zusammenhänge mit Smith, seinem Bruder und Stompanato. Ich hatte es vor der Besprechung nicht mehr geschafft, noch mit den Kollegen zu sprechen, aber jetzt meldete sich Brian Herberg, ebenfalls ein mir nicht bekannter Kollege, aber jemand, den mir Faulkner wärmstens empfohlen hatte.
„Ich habe mit einer zuverlässigen Quelle gesprochen“, berichtete er. „Es sieht so aus, als ob es in der Unterwelt ganz schön rumort. Die ganze Struktur ist seit Smiths Tod ins Wanken gekommen. Alle versuchen, die Macht an sich zu reißen, aber keiner hat lange die Nase vorn. Komischer weise hat aber auch noch keiner das Zeitliche gesegnet. Normalerweise werden in den Kreisen ja so Personalprobleme gelöst. Aber der Name Stompanato fällt recht häufig. Da scheint wirklich etwas dran zu sein.“
Herberg setzte sich wieder. Ich warf Wallaby und dem DA kurz einen Blick zu, dann fing ich an, meine weitere Vorgehensweise zu erläutern.
„Ich denke, wir werden unsere Ermittlungen jetzt in Richtung Stompanato und sein Umfeld lenken. Da wir keine verwertbaren Spuren haben, brauchen wir uns darum nicht mehr zu kümmern. Auch wird uns Exleys Umfeld nicht sehr weit bringen. Ich war mit Faulkner und Simmings in seinem Haus. Keine Spuren, nichts das auf sein Verschwinden hinweisen könnte.“
Ich holte kurz Luft. Ich hatte beschlossen, jetzt doch von den Akten zu berichten, die ich bei Exley gefunden hatte.
„Etwas ist mir jedoch dort aufgefallen“, fuhr ich fort. „Ich habe bei Exley in einem versteckten Safe die alten Akten über Smith gefunden. Ich hatte angenommen, dass sie schon längst bei der Staatsanwaltschaft seien, und dass der Fall lange abgeschlossen wäre. Aber es handelt sich um die Originalakten, und sie sind nicht bei der Staatsanwaltschaft gewesen.“
Jetzt sah ich wieder zum DA hinüber. Ich hatte das Gefühl, dass er bei der Erwähnung der Akten leicht zusammengezuckt war. Da ich das aber nur aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, war ich mir nicht ganz sicher.
„Nun“, begann er, „die Akten hätten eigentlich auch schon längst im Archiv liegen müssen, wenn Exley nicht kurz nach der Sache auf einmal bei mir erschienen wäre. Er berichtete mir von Ermittlungen, die in diese Richtung getätigt werden müssten. Er war dabei sehr vage, wollte nicht so recht mit der Sprache herausrücken. Das kam mir natürlich sehr komisch vor, denn Exley war eigentlich nicht jemand, der mit seiner Meinung zurückhielt. Aber ich dachte, ich könnte ihm vertrauen, also ließ ich ihn gewähren. Er sollte mir eigentlich auch zwischendurch Bericht erstatten, aber die einzige Antwort, die ich von ihm bekam, war dass die Ermittlungen noch andauern würden, und dass ich bei Abschluss einen ausführlichen Bericht erhalten würde. Erst als man mir von seinem plötzlichen Tod berichtete, fing ich an, mir Sorgen zu machen.“
„Ich denke, dass diese Sorgen berechtigt sind“, unterstrich ich die Aussage des DA. „Sollten nämlich tatsächlich Zusammenhänge zwischen der alten Geschichte, Stompanato und Exleys Tod bestehen, wird es hier für einige Personen, mich eingeschlossen, unangenehm werden. Vielleicht sollte ich dazu anmerken, dass ich gestern Nacht einen Anruf von meinem Chef aus Bisbee bekommen habe. Bei mir wurde ins Haus eingebrochen. Es gibt also Zusammenhänge.“
Nach einer kurzen Pause fuhr ich fort. „Ich werde jetzt gleich mal mit Bisbee telefonieren. Vielleicht gibt es ja schon erste Erkenntnisse. Anschließend werden wir zusehen, dass wir uns Stompanato schnappen. Er muss etwas wissen, und wir werden das schon aus ihm rauskitzeln. Das wäre es fürs erste. Ich halte Sie auf dem Laufenden.“
Damit schlug ich meine Aufzeichnungen zu. Ich hatte alles gesagt, was ich wusste und was wichtig war. Ich wartete bis Wallaby mit dem DA den Besprechungsraum verlassen hatte, dann fing ich an, die Kollegen in ihre einzelnen Aufgaben einzuweisen. Ich selber wollte mit Herberg noch mal seinen Informanten aufsuchen. Der Informant sollte wissen, wo wir Stompanato finden konnten.
Als die Kollegen entlassen waren, ging ich sofort in Exleys Büro, welches Wallaby mir für die Dauer der Ermittlungen zugewiesen hatte, um mit Prowler zu telefonieren.
Es war schon ein komisches Gefühl, jetzt in Eds Büro sitzen und hier zu arbeiten. Vor allem weil es ja um die Ermittlungen zu seinem Todesfall ging. Ich war jetzt in einer Position, die ich mir immer gewünscht hatte, die mir aber während meiner damaligen Dienstzeit hier in L.A. immer verwehrt gewesen war. Es musste erst zum Tod eines Freundes kommen – na ja, wenn ich Ed denn als Freund bezeichnen konnte -, um diesen Posten zu bekommen.
Aber was nutzten mir diese Sentimentalitäten? Ich musste hier etwas tun, und dazu gehörte zunächst, mich bei Trevor zu melden. Schließlich wollte ich ja wissen, wie es Lynn ging.
Ich ließ das Telefon lange durchklingeln, aber es nahm niemand ab. Das war zunächst nicht ungewöhnlich. Trevor könnte im Büro sein, und Mandy könnte mit Lynn unterwegs sein und das tun, was Frauen gerne taten, nämlich einkaufen. Aber in dieser Gesamtsituation war eben alles ungewöhnlich. Ich versuchte, den Knoten, der in meinem Hals aufstieg, wieder herunterzudrücken, aber die Sorgen, die den Knoten entstehen ließen, wuchsen und wuchsen.
Ich wählte als nächstes Prowlers Nummer, aber dort war besetzt. Wahrscheinlich liefen die Ermittlungen zum Einbruch in meinem Haus auf Hochtouren. Ich musste es nur immer wieder versuchen, dann würde ich ihn schon bald ans Telefon bekommen.
Und endlich kam ich durch. „Mann, Prowler, Sie sind aber schwer zu erreichen!“, begrüßte ich ihn. „Erzählen Sie mal, was gibt's Neues zum Einbruch?“
Prowler antwortete nicht sofort, was mich natürlich gleich stutzig machte. „Ja, ehm ...“ Dann räusperte er sich noch mal. „Also ... ja ... der Einbruch. Noch nichts Neues. Die Spurensicherung hat noch nichts Verwertbares gefunden. Ist ein ziemliches Chaos dort. Alles auf den Kopf gestellt, alles durchwühlt und ausgeleert. Wie laufen Ihre Ermittlungen so?“
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Prowler mir Details verheimlichte. Alles klang so vage und so nichtssagend. So kannte ich ihn eigentlich nicht. Er war sehr direkt und rückte auch immer gleich mit der Sprache raus, auch wenn er etwas Unangenehmes mitzuteilen hatte.
„Ich glaube, wir sind auf der richtigen Spur. Wir sind zwar noch ziemlich am Anfang, aber es sieht vielversprechend aus. Aber jetzt sagen Sie mir doch mal was Genaueres! Haben Sie schon mit Trevor gesprochen? Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass Lynn dort untergekommen ist. Ich kann da niemanden erreichen. Wissen Sie, wo Trevor ist? Ich möchte mit ihm sprechen.“
„Ja, also, ehm ...“ Wieder schien Prowler verlegen nach einer Antwort zu suchen. Meine Alarmglocken schrillten laut in meinem Kopf. Nein! Dort durfte nichts passiert sein! Nicht Lynn! Bitte nicht Lynn!
„Nun sagen Sie schon, spannen Sie mich nicht auf die Folter!“
„Ja gut, wie Sie wollen. Also, wir wissen nicht, wo Trevor ist. Wir konnten ihn auch nicht erreichen. Er sollte mit an dem Einbruch arbeiten, weil er doch auch ein bisschen von der Sache mit L.A. weiß. Und dann hatten Sie mir ja auch noch gesagt, dass Lynn dort ist. Aber es geht keiner ans Telefon, es öffnet auch keiner die Tür.“
„Sind Sie schon drinnen gewesen?“, unterbrach ich Prowler aufgeregt. „Wissen Sie, wo Trevor ist? Wo Lynn ist ...“
Meine Stimme verebbte. Ich stellte mir vor, wie einer der Kollegen die Tür zu Trevors Haus öffnete, wie die Kollegen das Haus absuchten und schließlich ...
Nein, das durfte ich mir nicht vorstellen! Diesen Gedanken durfte ich nicht weiterführen, oder ich würde mich verrückt machen. Nein, es war nichts passiert. Alle waren wohlauf.
„Wir sind schon drinnen gewesen“, fuhr Prowler jetzt fort. „Es war niemand im Hause.“
„Ich nehme das in die Hand“, sagte ich spontan. „Ich weiß, wer dahinter steckt, oder zumindest weiß ich, wen ich hier dazu ausquetschen kann. Ich melde mich.“
Dann legte ich auf und atmete erstmal tief durch. Ich hatte das Gefühl, als ob mir jemand mit der Faust in den Magen geschlagen hatte. Mit Mühe und Not konnte ich das aufsteigende Übelkeitsgefühl wieder herunterkämpfen. Gleichzeitig bildete sich in mir eine unbändige Wut, die ich schnell ablassen musste. Und ich wusste auch schon wie und an wem.
„Herberg“, rief ich zu meinem Kollegen. „Aufsatteln! Wir schnappen uns Stompanato.“
Herberg sah mich etwas verwirrt an, dass ich so plötzlich das Revier verlassen wollte, aber für großartige Erklärungen war jetzt keine Zeit. Es musste gehandelt werden, und zwar schnell.
„Wo geht's denn hin?“, fragte mich Herberg, als wir ins Auto stiegen.
„Zu deinem Informanten. Er muss uns sagen, wo wir Stompanato finden können.“
„Darf ich fragen, wo auf einmal diese Eile herkommt?“
Ich atmete tief durch. Ich war nicht in der Stimmung, unzählige Fragen zu beantworten, aber auf der anderen Seite hatte Herberg auch ein Recht darauf zu erfahren, was ich vorhatte. Sollte es gefährlich werden, musste er vorbereitet sein.
„Also ganz kurz. Ich habe eben mit Bisbee telefoniert. Gestern Nacht wurde in mein Haus eingebrochen. Außerdem sind ein Kollege, seine Frau und meine Frau, die dort zur Zeit wohnt, verschwunden. Alles hat mit unseren Ermittlungen zu tun. Irgend jemand will, dass sein Name nicht in irgendwelchen Akten auftaucht. Und diesem jemand sind alle Mittel recht. Und jetzt rate mal, wer dieser jemand sein könnte!“
„Stompanato?“, fragte Herberg vorsichtig.
„Kluges Köpfchen!“ Und damit war für mich das Thema erledigt. Ich ließ Herberg ans Steuer, denn   ich wusste ja nicht, wer sein Informant war und wo wir ihn finden konnten.
„Wie heißt eigentlich dein Informant? Vielleicht kenne ich den noch.“
„Ich kenne ihn nur unter dem Namen Eddy. Er gehört auch eigentlich nicht richtig ins Milieu. Er macht kleine Erledigungen, fährt hier und da, ist halt so ein kleiner Handlanger. Hat aber noch nie ernsthaft etwas mit dem Gesetz zu tun gehabt. Ich bin mal zufällig über ihn gestolpert. Aber er gibt zuverlässige Informationen, besonders wenn ich ihm die richtige Summe zustecke.“
Ach so lief das! Also hatte sich am korrupten Polizeisystem in L.A. nichts geändert. Aber das sollte mich jetzt nicht interessieren. Dieser Eddy war die einzige Möglichkeit, an Stompanato zu kommen. Ich sollte mir keine Gedanken darüber machen, wie das Geld zwischen Polizei und Unterwelt hin und her floss.
Wir fuhren in einen Randbezirk, wo einige Firmen ansässig waren. Viele der Gebäude standen leer, denn es gab lukrativere Standorte als hier. Aber die alteingesessenen Unternehmen behielten ihren Standort, wahrscheinlich fehlte ihnen das Geld, woanders hinzuziehen, und sie fürchteten den damit zusammenhängenden Bankrott.
Dann hielten wir vor einem der leer stehenden Gebäude und stiegen aus.
„Wir müssen jetzt noch ein wenig zu Fuß gehen. Man soll uns schließlich ja nicht sofort als Polizei erkennen“, sagte Herberg erklärend.
Ich nickte nur. Mir war es egal, wie wir Eddy trafen, Hauptsache war, es ging schnell genug.
Wir gingen auf das Gelände bis in den hinteren Bereich. Dort befand sich eine Art Schuppen, aber bei näherem Hinsehen entpuppte sich dieser als Wohnunterkunft. Herberg klopfte drei Mal an die Tür, und nach einer Weile öffnete sich diese einen kleinen Spalt, dunkle Haare kamen kurz zum Vorschein, dann verschwand diese Person auch schon wieder im Inneren.
„Wir können rein“, sagte Herberg und ging in den Schuppen. Ich schaute mich noch einmal um, ob wir alleine und ungesehen waren. Schließlich wollte ich keine unangenehmen Überraschungen erleben. Alles schien jedoch in Ordnung zu sein, also trat ich ebenfalls ein.
Eddy war ein kleiner untersetzter Italiener in den Mittvierzigern. Er schien sehr nervös zu sein, aber vielleicht lag das auch nur an meiner Anwesenheit. Informanten waren immer sehr vorsichtig, wenn fremde Personen bei ihnen auftauchten. Aber ich überließ es meinem Kollegen, mich vorzustellen, schließlich kannten sich die beiden, mir würde er unter Umständen nicht wirklich glauben.
„Keine Sorge Eddy“, begann Herberg dann auch sofort. „Das ist ein Kollege von mir, Officer White. Ich war doch heute morgen schon bei dir, erinnerst du dich?“
Eddy nickte, sah aber immer nervös und verunsichert aus.
„Ich habe jetzt was Konkretes für dich.“
„Ich nix mehr wissen. Ich dir schon sagen gehabt. Bin nur kleiner Mann, nix großes Geschäft. Ein bisschen fahren hier und da. Du verstehen?“
„Ich denke schon, dass du uns noch helfen kannst. Du hast mir doch heute morgen auch schon ganz gut geholfen.“ Dabei steckte Herberg seine linke Hand in die Hosentasche und zog ein Bündel Geldscheine heraus und wedelte damit vor Eddys Nase herum.
„Kommt drauf an, was du wissen wollen.“
Dann legte Herberg die ersten zwei Scheine auf den Tisch der gleich neben der Tür stand. Das war das alte Spiel, ein wenig Geld, ein wenig Information, Zug um Zug, bis man die gewünschten Informationen zusammen hatte. Eigentlich ging mir das Ganze viel zu langsam, aber ich konnte es nicht ändern. Wut und Gewalt waren hier fehl am Platze, dann würde Eddy nicht mitmachen. Und wir wären kein Stückchen weiter.
„Vielleicht ich mehr wissen ...“
Zwei weitere Scheine.
„Wen du suchen?“
„Stompanato.“
„Oh, oh, großer Boss. Ich nicht für ihn arbeiten. Ich nur kleiner Mann. Aber vielleicht du suchen jemand anderes.“
Fünf weitere Scheine. „Stompanato.“
„Mein Boss kennen großen Boss. Aber mehr ich nicht wissen.“
Noch fünf weitere Scheine.
„Mein Boss arbeiten für großen Boss. Große Sache, viel Geld. Gefährlich für kleine Mann wie mich. Aber du mir geben Rest von die große Bündel mit Geld, dann ich vielleicht wissen, wo große Boss ist.“ Jetzt lächelte mich Eddy schief von der Seite an. Wahrscheinlich hatte dieses Spielchen schon unzählige Male stattgefunden.
Letztendlich wanderte tatsächlich das gesamte Bündel an Geldscheinen auf Eddys Tisch.
„Du kennen die große Halle am Ende der Straße? Da immer treffen mein Boss die große Boss. Jeden Abend um 8. Mehr ich nicht wissen. Wirklich.“
Wieder ein schiefes Grinsen, diesmal aber in Herbergs Richtung. Aber wir hatten, was wir wollten. Mehr konnten wir nicht erwarten.
„Bleib sauber“, rief Herberg Eddy zu, als wir seine Hütte verließen. Wir schlossen die Tür und gingen zu unserem Auto zurück.
„Billigen tue ich diese ganze Aktion nicht“, sagte ich zu meinem Kollegen, als wir wieder eingestiegen waren und zu der Halle fuhren, die Eddy uns beschrieben hatte. „Das war auch übrigens einer der Gründe, warum ich L.A. verlassen habe. Ich hatte diese ganze Korruption satt. Ich habe da selber lange genug dringesteckt. Aber in Bisbee ticken die Uhren anders, und ich bin froh, wenn ich diese Drecksstadt endlich wieder verlassen kann.“
Herberg erwiderte nichts. Wahrscheinlich kannte er es nicht anders. Er war noch jung. Er konnte noch nicht viele Jahre mit seiner Ausbildung fertig sein. Schade, dass solch ein guter Kollege derart ausgenutzt wurde.
Dann waren wir auch schon bei der beschriebenen Halle angekommen. Wir fuhren noch ein Stückchen weiter und parkten etwas abseits. Ich hatte geahnt, dass dieses Viertel ideal als Wirkungsstätte für den Untergrund war, meine Vermutungen waren nur noch nie dermaßen bestätigt worden.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Herberg.
„Wir gehen rein“, antwortete ich ihm etwas verdutzt, und stieg dann aus. Worauf wollte er noch warten? Wir mussten diese Halle etwas näher unter die Lupe nehmen. Zwar hatte Eddy gesagt, dass sich Stompanato erst um 8 Uhr dort immer traf, aber das musste nicht unbedingt bedeuten, dass jetzt niemand dort anwesend war. Das Gelände, auf dem sich diese Halle befand, war zudem noch sehr gut dazu geeignet, um Leute dort zu verstecken. Leute wie Lynn und Trevor ....
Herberg rief noch schnell Verstärkung über Funk, folgte mir dann aber mit gezogener Waffe. Geduckt liefen wir am Gebäude entlang und sicherten nach allen Seiten ab. Ich hatte schon wieder ein mulmiges Gefühl, in der Art, wie ich es gestern Morgen gehabt hatte. Auch da hatte es nichts Gutes bedeutet. Wer weiß, was jetzt auf uns zukam?
Inzwischen hatten Herberg und ich eine Tür erreicht. Wir hatten zuvor einige Fenster passiert, da es sich aber um ein seit langem stillgelegtes Werk hielt, und niemand bis auf die Mafia diese Gebäude nutzte, waren die Scheiben blind mit Dreck und Staub. Es war schwierig gewesen, im Inneren etwas zu entdecken. Bewegungen konnte ich nicht wahrnehmen, außerdem war es mucksmäuschenstill. Trotzdem waren meine Sinne bis aufs Äußerste geschärft. Nur keine Fehler machen! Mich nicht unnötig in Gefahr bringen! Lynn nicht unnötig in Gefahr bringen!
Ich hatte früher nicht viel mit Mickey Cohen und Konsorten zu tun gehabt. Das war ja immer in die Drogenabteilung gefallen. Jack Vincennes hätte hier jetzt gut unterstützen können, er kannte sich in dem Teil der Unterwelt bestens aus. Aber leider war er ja ein Opfer von Smith und seinen Machenschaften geworden. Smith hatte gemerkt, dass Vincennes anfing, mehr zu wissen, als es für ihn gut war. Er wurde gefährlich. Vincennes jedoch hatte nur eine Ahnung, wollte es vielleicht gar nicht wahrhaben, dass Smith krumme Dinger drehte. Und so war er in die Falle getappt. Armer Vincennes! Trotz Bestechlichkeit war er ein guter Cop gewesen.
Aber was nützten mir jetzt diese Sentimentalitäten? Vincennes war tot, wie viele andere, Herberg und ich waren hier auf uns selbst gestellt. Bis Verstärkung eintraf, konnte noch eine Weile dauern.
Wir beschlossen, dass Herberg mir Deckung geben würde, und dass ich die Tür zur Lagerhalle öffnete. Ich ging in die Hocke und fasste vorsichtig an die Klinke. Es war abgeschlossen.
„Shit“, rief ich aus und sah Herberg an. Der zuckte nur mit seinen Schultern.
Dann sah ich auf einmal einen Schatten, der sich hinter Herberg an der gegenüberliegenden Hallenwand bewegte.
„Runter“, schrie ich Herberg an. Es gab hier nichts, wohinter man Deckung suchen konnte, also mussten wir uns so klein wie möglich machen, um es unserem Gegenüber möglichst schwer zu machen, uns zu treffen.
Aber der Schatten an der Wand hatte gar nicht vor, auf uns zu schießen. Wohlmöglich hatte er uns gar nicht bemerkt. Obwohl ich mir das gar nicht vorstellen konnte, denn ich hatte zwei Mal nicht gerade leise meinen Kollegen angesprochen.
Der Schatten war inzwischen weiter vorangekommen und schließlich hinter der Halle verschwunden. Ich bedeutete Herberg, mir zu folgen, gleichzeitig signalisierte ich ihm aber, kein Wort mehr zu sagen. Wir waren hier nicht alleine. Ob der Schatten die einzige anwesende Person war, wussten wir nicht. Aber wir wussten, dass wir es hier mit der Mafia zu tun hatten, und mit denen war nicht zu spaßen.
Stompanato war damals nur ein unbeschriebenes Blatt gewesen, ähnlich wie Eddy, aber im Gegensatz zu Eddy hatte Stompanato nicht nur was in den Armen, sondern auch im Gehirn. Er hatte genau gewusst, wie lange er den braven Diener von Cohen spielen musste, um irgendwann aus dem Dunkel herauszutreten. Zwar konnte er nicht die direkte Nachfolge antreten, denn da hatte Smith ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber er hatte eine gewisse Zeit gewartet, gesehen, wie sich alles beruhigte und dann zugeschlagen.
Ich konnte mir vorstellen, dass er sofort an Ed gedacht hatte. Es hatte ja schließlich überall in den Zeitungen gestanden, was für ein Held Ed Exley war. Und da Stompanato nicht dumm war, konnte er sich denken, dass Ed, sobald sich die Unterwelt wieder regte, auf ihn kommen würde. Also musste Ed beiseite geschafft werden. Und wenn er schon so schlau war, an Ed zu denken, dann war es für ihn auch eine Kleinigkeit, Lynn und mich ausfindig zu machen.
Und das brachte mich in unsere derzeitige Situation zurück. Wir hatten inzwischen die andere Halle erreicht, hinter welcher der Schatten verschwunden war. Vorsichtig spähte ich um die Ecke, aber es war recht dunkel in diesem Bereich, da es ein Durchgang von nur einem Meter Breite war, welcher an einer weiteren Halle endete. Dort kam nicht viel Licht hindurch.
Ich fluchte. Das lief überhaupt nicht gut für uns. Aber wir waren jetzt schon so weit gekommen, wir mussten weiter machen.
Und dann hört ich auf einmal unterdrückte Schreie aus der Halle, an deren Wand wir uns gerade lehnten. „Hast du das auch gehört?“, flüsterte ich Herberg leise zu. Dieser nickte und zeigte auf eben diese Halle.
Da mir der Durchgang nicht sehr vertrauenswürdig erschien, schlichen wir uns langsam an der Hallenwand zurück, um am anderen Ende nach einem Zugang zu suchen. Doch wir kamen nicht sehr weit. Wir hatten gerade eine Tür erreicht, als diese plötzlich aufgestoßen wurde und ein Mann heraustrat. Es war Stompanato! Und er hielt eine Waffe auf uns gerichtet.
„Hey White!“, rief er uns zu. „Willst dich wohl zu deiner Nutte gesellen. Dann haben wir ja alle beisammen. Die Party kann beginnen.“
„Pass auf, was du sagst“, schleuderte ich ihm entgegen. Ich hasste es, von ihm so unerwartet erwischt worden zu sein. Zwar zielte der Lauf seiner Waffe direkt auf mich und Herberg, aber das konnte mich nicht daran hindern, ihn mit Worten zu traktieren. Vielleicht konnte ich ihn ein bisschen aus der Reserve locken, ihn nervös machen, ihn zu einer ungewollten Handlung verleiten, uns einen Vorteil verschaffen.
Ich wusste, dass Stompanato nicht so leicht aus der Fassung zu bringen war, es war aber die einzige Möglichkeit, die mir in unserer derzeitigen Lage einfiel.
„Du hast es also geschafft, Johnny. Alle Achtung. Hätte ich nicht gedacht, dass so ein gehirnloser Typ wie du es schaffen könnte, die Fäden in die Hand zu nehmen. Wie lange denkst du, dass es dauern wird, bis dich jemand wieder ablöst? Ein Tag, eine Woche, ein Monat? Was meinst du?“
„Halt die Klappe, White und komm mit. Und dein zitternder Kollege sollte auch zusehen, dass er schnell in die Hufe kommt, bevor ich ihn noch hier draußen abknalle. Ich habe noch nie etwas von euch Bullenpack gehalten. Und dass Smith sich Cohens Drogen geschnappt hat, war mir ein gewaltiger Dorn im Auge. Aber er hat das richtige Ende gefunden. Genauso wie dein Kumpel Ed.“
„Also, ich fand das schon ein starkes Stück, dass Smith sich da eingemischt hat. Wer hätte es gedacht, dass ein Cop, dazu noch in solch einer Position, so korrupt sein konnte und sich in euer Geschäft einmischte! Und dazu noch mit solch einem Erfolg.“
Stompanato schnaubte verächtlich. Noch war er ruhig. „Das heißt gar nichts. Heutzutage scheint jeder in der Lage zu sein, etwas zu erreichen.“
„So, wie du“, warf ich ein.
„Was soll das jetzt heißen. Ey White, reiz mich nicht, sonst werde ich dich an deinen Klötzen aufhängen und über das gesamt Gelände schleifen!“
Ein Anfang! „Hey Johnny, wer wird denn gleich so unfreundlich werden, nur weil ich die Wahrheit gesagt habe. Stimmt doch! Du bist jahrelang nur Handlanger für Cohen gewesen. Musstest zusehen, wie der sich die dicken Millionen einheimste, und du immer leer ausgingst. Was war das für ein Gefühl Johnny? Den Arsch für nichts aufzureißen?“
Ich merkte, wie der Geduldsfaden bei Stompanato immer dünner wurde. Ich hatte den richtigen Nerv getroffen. Zwar stand er immer noch mit gezogener Waffe vor uns, aber wir hatten uns noch keinen Zentimeter weit bewegt. Sein Blick wanderte nervös zwischen mir und Herberg hin und her, genauso wie der Lauf seiner Waffe. Noch ein paar Worte mehr, vielleicht konnte ich ihn dann in einem günstigen Moment überwältigen. Ich hoffte nur, dass Herberg meine Taktik erkannte, und im entscheidenden Moment richtig handelte.
„Ich habe dich gewarnt, White“, schrie Stompanato jetzt mit hochrotem Kopf. Ich hatte schon fast gewonnen. „Los jetzt! Rein mit euch!“ Dabei fuchtelte er wild mit seiner Waffe vor unseren Nasen umher. Gleichzeitig machte er ein paar Schritte vorwärts, und es sah fast so aus, als ob er uns an den Ärmeln ins Gebäude ziehen wollte. Aber darauf hatte ich ja nur gewartet.
Als seine Waffe mal nicht auf Herberg oder mich zielte, schnappte ich schnell seine freie Hand, drehte den Arm so weit, dass es ihm wehtat, und er sich nach vorne krümmte. Dann machte ich einen Schritt zu Seite, stand nun neben ihm und hämmerte ihm mein Knie mit aller Wucht in die Genetalien.
Stompanato war viel zu sehr erstaunt, um überhaupt reagieren zu können. Dazu kamen noch die Schmerzen, die mein Tritt ihm verursachten, langsam ging er in die Knie. Herberg hatte alles schnell kapiert und hatte Stompanato noch, während dieser in die Knie ging, die Waffe aus der Hand gerissen und in seinen eigenen Hosenbund gesteckt.
Als Stompanato jetzt so gekrümmt vor mir kniete, überlegte ich nicht lange. Er würde sich schnell wieder gesammelt haben und dann ein Heidentheater veranstalten. Das jedoch konnte ich nicht riskieren, denn ich wusste nicht, wieviele von seinen Komplizen noch auf dem Gelände waren.
Also zog ich erneut mein Knie hoch und traf diesmal sein Gesicht.
Alles, was Stompanato noch von sich geben konnte, war ein gedämpftes „Hmpf“. Dann kippte er zur Seite. Jetzt zog Herberg ihm noch einen mit der Waffe über den Schädel, und Stompanato war für eine Weile außer Gefecht.
Wir schoben ihn ein wenig von der Tür weg und lehnten ihn an die Wand. Dann pirschten wir uns wieder an die Tür heran. Vorsichtig lugte ich um die Ecke, konnte von meinem Blickwinkel aus jedoch nichts erkennen. Langsam schob ich dir Tür auf. Herberg gesellte sich neben mich und sicherte nach allein Seiten ab. Aber als wir die Tür ganz aufgeschoben und somit einen freien Blick über die gesamte Halle hatten, mussten wir feststellen, dass diese leer war. Kein Gangster, aber auch keine Spur von Trevor oder Lynn.
Dann entdeckte Herberg eine Treppe rechts von uns an der gegenüberliegenden Wand. Sie führte zu einem Glaskasten, hinter dem sich wahrscheinlich eine Art Büro befand. Die Fenster waren mit Jalousien versehen, welche zugezogen waren und uns deshalb leider die Sicht darauf verbargen, was sich dahinter befand. Trotzdem konnten wir deutlich einen Schatten wahrnehmen, der sich dahinter bewegte.
Wir schlichen uns geduckt zur Treppe hinüber und gingen diese vorsichtig hinauf. Als wir oben angelangten, standen wir vor einer Metalltür, welche nur angelehnt war. Von innen her konnten wir eine männliche Stimme vernehmen.
„Ihr seid schuld, wenn Johnny nicht zurückkehrt. Scheiß Bullen, sollten alle abgeknallt werden.“
Außerdem konnte man hören, wie diese Person energisch hin und her lief.
Wir hatten keine Zeit mehr zu verlieren. Dieser Typ war nervös, viel zu nervös für meine Verhältnisse. Er konnte schnell gefährlich werden, je länger Stompanato nicht zurückkehrte. Herberg und ich verständigten uns mit Blicken, dass wir das Büro stürmen würden. Einer würde sich einzig und allein um den Mann kümmern, der andere würde dafür sorgen, dass Lynn und Trevor, sollten sie denn im Büro sein, außer Schussweite gelangten.
Innerlich zählte ich nochmal bis fünf, atmete tief durch, dann stieß ich die Tür auf. Vor mir erstreckte sich ein leerer Raum, in welchem nur ein Tisch und drei Stühle in der Mitte standen. Der Raum war nicht sehr groß, so dass er mit den dort anwesenden Personen schon fast überfüllt wirkte. Auf den Stühlen, welche alle nebeneinander mit Gesicht zum Fenster standen, saßen Trevor, seine Frau und Lynn, allesamt geknebelt und an die Stühle gefesselt. Wie zuvor beobachtet, lief vor dem Fenster der Mann, welchen wir gerade fluchen gehört hatten.
Bei meinem plötzlichen Eintreten war dieser Mann stehen geblieben und schaute uns etwas entgeistert an. Dann blickte er auf seine Gefangenen und wieder zu uns zurück und schien auf einmal die Situation zu verstehen. In seiner linken Hand hielt er eine Pistole, welche er nun auf mich richtete. Ich konnte förmlich spüren, wie er den Abzug drückte und auf mich feuerte. Aber ich war vorbereitet. Ich war mit gezogener Waffe in den Raum gestürmt, hatte instinktiv auf den Mann gezielt und brauchte jetzt nur innerhalb weniger Sekunden abzudrücken. Gleichzeitig warf ich mich auf den Boden und rollte mich zur Seite, um den Kugeln, die für mich gedacht waren, auszuweichen.
Als ich mich wieder zu dem Mann umdrehte, feuerte ich erneut so lange, bis mein Magazin leer war. Und endlich ging der Mann zu Boden. Im Fallen gleitete ihm seine Waffe aus der Hand und fiel mit einem lauten Poltern zu Boden. Schnell sprang Herberg an den Mann heran, kickte die Waffe mit seinem Fuß außer Reichweite und ging in die Hocke, um zu sehen, ob der Mann noch lebte. Ich stand schnell auf, wechselte das Magazin und sicherte Herberg für den Fall ab, dass der Mann sich nur leblos stellte.
Aber ein fachmännischer Griff an den Hals sagte uns, dass der Mann tatsächlich nicht mehr am Leben war. Beruhigt konnte ich meine Waffe wieder einstecken und ging zu den Gefangenen hinüber.
„Lynn“, war das Erste, was ich herausbrachte. Auf ihrer linken Gesichtshälfte bildete sich ein riesiger Bluterguss. Die Mistkerle hatten sie geschlagen! Wenn der Mann in diesem Raum nicht schon tot gewesen wäre, hätte ich jetzt am liebsten so lange auf ihn eingeschlagen, dass er noch nicht mal mehr das Amen in der Kirche sagen konnte.
Vorsichtig durchtrennte ich ihre Fesseln mit meinem Messer und zog sie an mich.
„Mein Liebling, mein armer, armer Liebling“, stammelte ich in ihr blondes weiches Haar, überglücklich, sie wieder in meinen Armen halten zu können. „Jetzt wird alles wieder gut.“
Ich konnte hören, wie sie zu schluchzen anfing, und so hielt ich sie einfach nur fest und gab ihr Halt, bis sie sich wieder etwas beruhigt hatte.
Aus den Augenwinkeln konnte ich beobachten, wie Herberg sich um Trevor und dessen Frau kümmerte. Von dem, was ich jetzt an Gesprächsfetzen mitbekommen konnte, verstand ich, dass es beiden den Umständen entsprechen gut ging.
Als Lynn sich wieder beruhigt hatte, lösten wir uns von einander. „Ich glaube, ich bin auch ok“, sagte sie mit ihrer weichen Stimme, die mir beinahe das Herz bersten ließ. Was hatte sie nicht alles wegen mir ertragen müssen! Dennoch strahlten ihre Augen so viel Liebe aus, dass ich es gar nicht begreifen konnte, warum sie immer noch zu mir hielt.
Der Rest ging reibungslos von statten. Inzwischen war die Verstärkung eingetroffen. Sie hatten Stompanato gefunden und ihn gleich in einen Streifenwagen verfrachtet und zum Revier gebracht. Für den anderen Mann, bei dem es sich herausstellte, dass es Bruno Cavallio war, brauchte nur noch der Leichenwagen bestellt zu werden.
Wir brachten Lynn, Trevor und Mandy zu Clarissa, die erstmal dafür sorgte, dass die drei wieder aufgepäppelt wurden. Ich traf mich mit Wallaby und dem DA, um den beiden einen vorläufigen mündlichen Bericht abzuliefern. Der DA war sichtlich beeindruckt, in welch kurzer Zeit sich der Fall gelöst zu haben schien.
Stompanato hielt dem Druck nicht lange statt und gestand den Mord an Ed. Als Motiv gab er an, dass Ed ihn aufgespürt und einfach zuviel gewusst hatte. Er hatte Ed unter Druck gesetzt, wovon dieser sich allerdings nicht hatte beeindrucken lassen. Schließlich blieb nur noch sein Tod als einzige Lösung für Stompanato. Und deshalb sollten auch Lynn und ich ermordet werden. Dazu hatte er Lynn gekidnappt, was für mich als Köder hätte dienen sollen. So weit war es aber Gott sei Dank nicht gekommen.
Stompanato wurde zu mehrfach lebenslänglich verurteilt und schmorte jetzt in Quentin. Ich aber brauchte nach den Vernehmungen nur noch meinen Schlussbericht abzuliefern, dann konnte ich endlich mit Lynn wieder nach Bisbee zurückkehren. Sie hatte auf mich gewartet, Trevor war mit Mandy schon nach einem Tag wieder zurückgekehrt.
Es dauerte lange, bis wir das Ganze vergessen konnten. Bei Lynn ging es etwas schneller, bei mir war es eher ein Verdrängen, als ein Vergessen. Aber damit konnte ich leben.
Das Leben in Bisbee ging wieder seinen gewohnten Lauf und die Schatten der Vergangenheit verblassten nach und nach. Ich war glücklich. Wir waren glücklich, und ich hoffte, dass es bis ans Ende unseres Lebens andauern würde.

                                           Brianna